„Freiheit aushalten!“ – ein Beitrag zum #aufschrei

Ich habe einige Tage mit mir gerungen: Soll ich mich auf drei Tweets zum Sexismus-Mem #aufschrei beschränken oder noch etwas Längeres dazu schreiben? Wenn ja: wo? Dabei liegt die Antwort auf der Hand: in meinem Blog natürlich. Das ist zwar eigentlich einem ganz anderen Thema gewidmet, aber hey, es ist mein Blog. Das Thema hängt vielen sicher zum Halse heraus, aber hey, genau das ist der Punkt: uns auch! Ich kann nichts beitragen, was nicht Hunderte von Frauen und Dutzende von Männern schon vor mir geschildert haben, aber hey: genau darum heißt das Alltagssexismus.

In den Medien wird #aufschrei als Aktion junger Frauen bezeichnet, und tatsächlich liegen die Erlebnisse, die mir dazu einfallen, überwiegend zwei bis zweieinhalb Jahrzehnte zurück. Sind sie mittlerweile untypisch? Dann wäre ich ebenso „aus der Zeit gefallen“ wie jener Politiker, dessen Verhalten Auslöser, keineswegs aber Thema dieser Debatte, Erregungswelle, Bewegung, whatever war. Die vielen Wortmeldungen bei Twitter und auf der Seite alltagssexismus.de sprechen leider dagegen.

Und auch wenn unangenehme Anmache und sexuelle Übergriffe umso seltener wurden, je älter ich wurde, waren es doch die Jahre zwischen dem 15. und dem 22. Lebensjahr, die meine Verhältnis zu („den“) Männern und meine Einstellung zu Sexualität, Sexismus, sexualisierter Gewalt usw. grundlegend geprägt haben.  

In meinen #aufschrei-Tweets ging es um zwei Professoren an der Universität zu Köln, die sich in asymmetrischen Situationen unangemessen verhalten haben, ohne dabei im justiziablen Sinne übergriffig zu werden, und um einen mir unbekannten Schlipsträger, der mich am hellichten Tag mitten in einem Geschäftsviertel im Vorübergehen raunend darauf aufmerksam machen zu müssen meinte, dass ich Brüste habe. (So etwas kam häufiger vor; ich habe all die Typen zu einem gesichtslosen Wesen zusammengezogen – künstlerische Verdichtung.)

Etliche Tweets, Blogbeiträge und Zeitungskommentare der letzten Tage drehten sich um die Frage, warum Frauen sich nicht einfach wehren – je nach Lage verbal oder durch einen beherzten Tritt. Einige Antworten liegen für mich auf der Hand: Unverschämtheiten und Übergriffe tragen sich nicht in einem gesellschaftlichen Vakuum zu, sondern gehen oft von Männern aus, die (als Dozenten zum Beispiel) am längeren Hebel sitzen. In anderen Fällen sind die Männer erbärmliche Witzfiguren, und auf einen, der schon zu Boden geht, tritt man nicht ein. Wieder andere starten ihre Verbalattacken derart anlasslos und unerwartet, dass selbst der Schlagfertigsten erst einmal der Mund offen steht, und verschwinden unterdessen in der Menge.

Andere Erfahrungen aus jener prägenden Zeit konnte ich bei Twitter nicht schildern. Die übelste Szene meines Lebens spielte sich in der Wohnung ab, die ich freiwillig betreten hatte. Ein einvernehmlicher One-Night-Stand schlug in blanken Horror um. Währenddessen konnte ich auf ein Plakat des Kabarettisten Richard Rogler blicken, das in dieser Wohnung hing und wie ein Ausfahrt-freihalten-Schild gestaltet war: „Freiheit aushalten“. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob diese Ironie des Schicksals, diese überdeutliche Botschaft auf der Metaebene, mich gerettet oder erst recht beschädigt hat.

Ich habe damals angesichts der komplexen Situation und der schwierigen Beweislage auf eine Anzeige verzichtet, einen HIV-Test gemacht, auf der Suche nach Trost vier mir nahestehenden Menschen das Erlebte geschildert, vier enttäuschende (wenn auch im Rückblick nachvollziehbare) Totalausfälle erlebt – und beschlossen, weiterhin genau das zu tun: Freiheit auszuhalten. Weiterhin nachts allein auf den Straßen unterwegs zu sein, die mir ebenso gehören wie allen anderen. Weiter tanzen zu gehen. Sexuelle Begegnungen weiterhin zu genießen. Dabei aber immer auf der Hut zu sein. Die Haare sehr kurz zu tragen, um mich so weit zu entniedlichen, dass mir bestimmte Typen und ihre absurd falschen Erwartungen angesichts meines „lieben“ Gesichts erspart blieben.

Andere Erfahrungen waren weniger drastisch, aber ebenfalls verstörend.  Eines Nachts, als ich auf dem Fahrrad nach Hause fuhr, versperrten mir zwei junge Männer den Weg, die ebenfalls auf Fahrrädern in Gegenrichtung unterwegs waren und von einem großen Hund begleitet wurden. Der Hund war verwirrt, weil es nicht weiterging. Einer der Männer weidete sich feixend an meiner Verunsicherung. Wenn ich mich richtig erinnere, ist kein einziges Wort gefallen, bis der zweite, dem dieses Machtspiel, diese bloße Androhung von Gewalt offenbar peinlich wurde, den ersten zum Weiterfahren aufforderte. Ein paar Stunden darauf hatte ich einen widerlichen, sehr anschaulichen Traum, in dem ich den Hund für das Verhalten seines Herrchens büßen ließ. Ich erwachte mit der Gewissheit, dass ich unter bestimmten Umständen imstande wäre zu töten: keine schöne, aber eine wichtige Erkenntis.

Und dann all die harmlosen kleinen Bemerkungen, die Grabschereien und Drängeleien, die breitbeinigen Sitznachbarn in der U-Bahn. Der Typ mit dem Milchbubigesicht, größer und schwerer als ich, der sich nachts auf dem leeren Bahnsteig unmittelbar neben mich setzt, seine Hose öffnet und onaniert. Und ich – stur am Lebensmotto „Freiheit aushalten“ festhaltend – bleibe einfach sitzen, richte den Blick auf mein Buch, hoffe, dass die S-Bahn pünktlich kommt. Hätte ich aufstehen und gehen sollen? Um Hilfe rufen? Ihn anschreien? Ihn freundlich darauf aufmerksam machen, dass sich das nicht gehört? Darauf vertrauen, dass am anderen Ende der Überwachungskamera ein wacher Mensch sitzt, der notfalls einschreitet? In welche Kategorie gehörte der Mann: harmloser Irrer oder gefährlicher Irrer?

Wie alle jungen Menschen, die Erfahrungen sammeln, habe ich in diesen Jahren versucht, Heuristiken zu entwickeln. Die Männer irgendwie einzuteilen in Gute (die allermeisten), Böse (sehr wenige) und Gestörte (erschreckend viele), und letztere dann eben weiter in harmlose und gefährliche Irre. Das wirklich Verstörende, über einzelne Gewalterfahrungen hinaus, war mein Unvermögen, diese Kategorien zuverlässig gegeneinander abzugrenzen. Je mehr ich über die Welt erfuhr, desto mehr erschien mir männliches Fehlverhalten gegenüber Frauen als Kontinuum. Wo anfangs noch Lücken waren, fand sich früher oder später ein Idiot, der sie füllte – und mir damit die Entscheidung erschwerte, ob ich mich in der nächsten ähnlichen Situation verbal, körperlich oder doch besser überhaupt nicht zur Wehr setzen sollte.

Es stellte sich das paranoide Gefühl ein, eine organisierte Maßnahme zu erleben. Mir war in jedem Augenblick bewusst, dass das nicht stimmte: „Die“ Männer hatten sich keineswegs verabredet, mich zu disziplinieren. Doch es wirkte so – und zwar so gründlich, dass ich kurzfristig versuchte, mir den erotischen und sexuellen Umgang mit Männern abzugewöhnen und mich auf Frauen umzuorientieren – was zwar meinen Blick erweitert, aber letztlich nicht geklappt hat. Und es hat zu meiner Politisierung beigetragen: Ein solches Kontinuum der Übergriffigkeit konnte kein individuelles Problem sein, weder das meinige noch ausschließlich das dieser einzelnen Männer.

Nein, das Leben war auch damals kein einziges Jammertal; ich habe gelacht und geliebt und Dinge ausprobiert und viele großartige Menschen kennen gelernt, Männer wie Frauen. Und seither ist viel Wasser den Rhein herabgeflossen: Der paranoide Eindruck einer systematischen Disziplinierung durch ein Kontinuum, das von blöden Sprüchen bis zu Vergewaltigungen reicht, verschwand allmählich im Sediment neu abgelagerter Erfahrungsschichten. Der #aufschrei wirkt wie ein tektonisches Ereignis, er hat die alten Schichten wieder sichtbar gemacht, und das hat mich – wie so viele – am letzten Wochenende ganz schön umgetrieben.

Bloggerinnen, Twitterer, Journalistinnen, Politiker, Männer, Frauen: Wir müssen uns nicht einig sein, was die beste Form des Widerstands gegen Sexismus in all seinen Erscheinungsformen angeht. Aber was ich von intelligenten, reflektierten und einigermaßen lebensklugen Menschen durchaus erwarte, ist die Einsicht, dass all dies nicht im gesellschaftlichen Vakuum abläuft. Es ist mithin kein Privatproblem jeweils zweier Menschen, die sich auf gleicher Augenhöhe gegenüberstehen.

2 Gedanken zu „„Freiheit aushalten!“ – ein Beitrag zum #aufschrei

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