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Kanadagänse am blauen Himmel, von schräg unten und vorne aufgenommen

Lichtgruppe

Gestern Abend traf sich die Initiative „Willkommen im Agnesviertel“, die ich im Herbst gegründet habe, zum dritten Mal im hiesigen Bürgerzentrum. Ich hatte einen langen, ermüdenden Arbeitstag hinter mir und wäre lieber zu Hause geblieben, aber da wir es bisher immer geschafft haben, nach einer Stunde fertig zu werden, war es zu meistern. Trotz vieler Absagen saßen schließlich 13 Leute um den Tisch. Kurz nach Beginn steckte eine Frau den Kopf zur Tür herein: „Ist das die Lichtgruppe?“ Wir verneinten lachend, sie ging weiter nach nebenan.

Letzte Nacht fand ich dann doch, dass die Willkommensinitiative vielleicht nicht die, aber doch eine Lichtgruppe ist: In all dem entmutigenden politischen Elend unserer Zeit finden sich auf einen kleinen Aufruf hin, nach ein paar E-Mails und auch durch Vermittlung einer Ehrenamtskoordinatorin aus dem Bürgerzentrum in kurzer Zeit über 30 Menschen zusammen, denen die Unkenrufe, der Populismus und die Xenophobie einiger Lokalpolitiker (Gendern nicht nötig) und einer eng mit diesen verbundenen Nachbarschaftsvereinigung ebenso aufgestoßen sind wie mir.

Seither lerne ich mein Stadtviertel und meine Stadt noch einmal neu kennen, nach 20 respektive fast 40 Jahren. Ich besuche die Stadtteilkonferenz, von der ich vorher nichts wusste. Den Arbeitskreis Willkommenskultur im Bürgeramt, der mir ebenfalls neu war. Werde Mitglied im Verein des Bürgerzentrums. Treffe Nachbarinnen und Nachbarn, die sich seit Jahren und Jahrzehnten unverdrossen für Geflüchtete einsetzen. Städtische Angestellte, die trotz prekärer Stellen erkennbar mit ganzem Herzen dabei sind und wie selbstverständlich zu abendlichen Treffen kommen, während ihre Kolleg*innen längst Feierabend haben. Erfahre Unterstützung durch Menschen, die ehrenamtlich eine solide Infrastruktur für Willkommensinitiativen aufgebaut haben und am Laufen halten.

Nach und nach offenbart sich mir das Gewebe dieser Stadtgesellschaft, dieses zarte und zugleich doch ziemlich reißfeste Netz aus Menschen, Gruppen und Institutionen, das dafür sorgt, dass Köln stabil bleibt. Auf dem Heimweg stellte ich mir gestern nach dem Treffen lauter miteinander verknüpfte, silbrige Spinnenfäden vor, die sich von Haus zu Haus, quer über die Straßen, von Mensch zu Mensch ziehen, plötzlich sichtbar geworden durch Tautropfen und Scheinwerferlicht. Ein einerseits fragiles Netz, das schon heute gefährliche Lücken aufweist und in den kommenden Jahren weiter belastet und ausgedünnt werden dürfte. Andererseits etwas, in das ich mich einflechten kann, das mich hält und an dem ich mitweben kann – auch wenn die vielen neuen Gesichter und Strukturen für einen introvertierten Menschen wie mich eine Herausforderung bleiben.

Übrigens, so esoterisch „Lichtgruppe“ klingt: Nach kurzer Recherche bin ich zu dem Schluss gekommen, dass gestern im Nebenraum keine Spiritistinnen getagt haben, sondern ein Arbeitskreis des B.U.N.D., der sich mit Lichtverschmutzung in Köln befasst. Eine Lichtgruppe für mehr Dunkelheit – aber die richtige Art von Dunkelheit.