Das Marshall-Protokoll: Antibiotika gegen Autoimmunerkrankungen? Lieber nicht.

Schon lange will ich etwas über das sogenannte Marshall Protocol schreiben, eine Therapie weit abseits der evidenzbasierten Medizin, bei der Autoimmunerkrankungen nicht etwa durch Immunsuppression, sondern durch Immunstimulation behandelt werden. Leider konnte ich keine einzige Studie finden, in der diese Therapie kritisch überprüft worden wäre – was kein Wunder ist, da es auch von dem australischen Elektroingenieur Dr. Trevor Marshall und seinen Mitarbeitern selbst keine qualitätsgeprüften Veröffentlichungen gibt, in denen das Therapieprotokoll anhand von Tierversuchen oder wenigstens In-vitro-Zellkulturen untersucht worden wäre – von randomisierten kontrollierten Studien ganz zu schweigen. Die Therapie fußt einzig auf Anekdoten und einem Computermodell.

Marshall, selbst an Sarkoidose erkrankt, geht davon aus, dass diese und zahlreiche weitere Autoimmunerkrankungen, chronische Entzündungen und andere Krankheiten allesamt auf Infektionen mit zellwandlosen, intrazellulär lebenden und daher mit herkömmlichen Mitteln nicht nachweisbaren Bakterien zurückzuführen seien: den sogenannten L-Formen. Dass Bakterien in Zellen eindringen, sich so der Immunabwehr entziehen und zugleich eine chronische Entzündung auslösen können, ist zunächst kein abwegiger Gedanke. Doch dass alle möglichen Krankheiten (von ALS über Asperger, Morbus Crohn, Multiple Sklerose, Rückenschmerzen, Demenz, Depressionen, Epilepsie, Migräne, Nierensteine, Panikattacken, Rheuma und Makuladegeneration bis zu Schizophrenie) auf einen Befall unserer Phagozyten mit noch nicht näher charakterisierten Bakterien und eine dadurch ausgelöste chronische Th1-Immunantwort zurückzuführen seien, ist zunächst nicht mehr als eine gewagte Behauptung. 

Die von Marshall eingeführte Sammelbezeichnung „Th1-Krankheiten“, die betonen soll, dass bei all diesen Krankheiten der zelluläre Zweig des Immunsystems im Vordergrund steht und nicht der humorale Zweig mit seinen B-Zellen und Antikörpern, wird in der Wissenschaft sonst nicht verwendet. Unter den Autoimmunerkrankungen sind nach heutigem Kenntnisstand sowohl Th1- als auch Th2-dominierte Störungen, und an vielen Immunreaktionen sind beide Zweige beteiligt.

Laut Marshall manipulieren die intrazellulär lebenden Bakterien die Vitamin-D-Rezeptoren der befallenen Zellen, um die Produktion antibakterieller Peptide und damit die angeborene Immunabwehr zu schwächen, sodass sie sich ungestört vermehren können. Die Bakterien sollen Substanzen produzieren, die an die Vitamin-D-Rezeptoren binden und sie so inaktivieren. Diese Manipulation führe zu weiteren Infektionen und zu dem falschen Eindruck, die Betroffenen litten unter einem Vitamin-D-Mangel. Statt sich mehr Vitamin D zuzuführen, sollten sie das Vitamin sowie Sonnenlicht strikt meiden und über lange Zeit hinweg in niedriger Dosis ein Antibiotikum wie Minocyclin zu sich nehmen, um die Bakterieninfektion loszuwerden. Außerdem sollen sie mit dem Angiotensinrezeptor-Antagonisten Olmesartan behandelt werden, um ihre Vitamin-D-Rezeptoren zu aktivieren und die Vitamin-D-Effekte zu blockieren. (Olmesartan wird normalerweise zur Blutdrucksenkung eingesetzt und scheint die Blutgefäße vor „Verkalkung“ zu schützen.)

Ob es sich bei den blasenförmigen Objekten auf Marshalls Elektronenmikroskop-Aufnahmen von vermeintlich befallenen Zellen tatsächlich um zellwandlose Bakterien handelt, ist unklar. Isolieren und kultivieren konnte er die Bakterien nicht, aber das trifft auch auf eine Vielzahl anderer Bakterienarten zu, die den sogenannten Henle-Koch-Postulaten nicht genügen und vermutlich dennoch auf den menschlichen Körper als Lebensraum spezialisiert sind – erst durch die Metagenomanalysen der letzten Jahre kann man ihre Existenz, ja ihre Allgegenwärtigkeit nachweisen. Es gibt durchaus Berührungspunkte zwischen Marshalls Außenseiterideen und der modernen Mikrobiom-Forschung. Zum Beispiel lobt die Biologin Amy Proal, die das humane Mikrobiom erforscht, Marshalls Ansatz und arbeitet eng mit ihm zusammen. Gerade erschien ihr gemeinsamer Review „The human microbiome and autoimmunity„.

Zahlreiche zuvor verzweifelte Patienten haben sich dem Marshall-Protokoll unterworfen und berichten von Erfolgen – von einer Verlangsamung des Krankheitsfortschritts bis hin zu vollständiger Gesundung. Aber außerhalb kontrollierter Studien sind solche Aussagen, und seien es noch so viele, zur Beurteilung der Wirksamkeit bzw. der Nützlichkeit oder Schädlichkeit einer Therapie völlig wertlos. Zudem steht die Vermeidung von Vitamin D im Widerspruch zu zahlreichen Studien, denen zufolge ein Vitamin-D-Mangel die Anfälligkeit für verschiedene virale und bakterielle Infektionen und für Autoimmunstörungen steigert. (Allerdings ist nicht auszuschließen, dass einige vermeintliche Vitamin-D-Mangel-Erscheinungen tatsächlich die Ursachen und nicht die Folgen des beobachteten Mangels sind.)

Und auf einen bloßen Verdacht hin jahrelang Antibiotika zu sich zu nehmen, kann starke Kollateralschäden im Mikrobiom mit sich bringen, von der Antibiotikaresistenzproblematik ganz abgesehen. Insgesamt sagt mir mein Bauchgefühl (mehr habe ich angesichts der miesen Beleglage nicht zu bieten), dass eine langjährige willentliche Störung unseres ohnehin schon gebeutelten Mikrobioms durch Antibiotikagaben keine geeignete Therapie für die meisten Autoimmunerkrankungen ist. Unbefriedigend finde ich auch, dass Marshalls Hypothese die deutliche Zunahme vieler Autoimmunerkrankungen in den letzten Jahrzehnten nicht erklären kann.

Links:

  • deutsche Übersetzung der Seite der Autoimmunity Research Foundation, die hinter dem Marshall-Protokoll steht (bitte kritisch lesen und nicht vergessen, dass dort nirgends auf randomisierte kontrollierte Studien verwiesen wird!)
  • kritischer Blogbeitrag über das Marshall-Protokoll, allerdings fehlerhaft (der Th1-Zweig ist gerade nicht die humorale Abwehr) und veraltet, da es 2007 noch kaum Metagenomanalysen gab

 

8 Gedanken zu „Das Marshall-Protokoll: Antibiotika gegen Autoimmunerkrankungen? Lieber nicht.

  1. Wolf

    Warum kommt mir da der Milchbauer und Impfgegner T**zin (will den Namen hier nicht ausschreiben, da sonst die ganzen Impfgegner aufschlagen) in den Sinn?

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  2. Karl-heinz Sackenheim

    Hallo Andreas
    Info zum Lesen.
    Ob der Marshall Elektiker ist oder nicht, auch gut, kann auf jeden fall eine Sicherung wieder rein drehen.
    Marshall geht von weniger und efetctiver eingesetztem Ab aus.
    MP senkt den Ueberschuss 1,25 D Hormon-Spiegel .

    Thomas McPerson Brown, forscht nicht nur sonder behandelt schon 40ig Jahre.
    Das Buch
    http://www.roadback.org/

    Die Entdeckung der L-Form Bakterien war der Verdienst der Deutschen Forscherin Emmy Klieneberger-Nobel, die in den vierziger Jahren im Lister Institute in England arbeitete und auf diesen Gebiet forschte. Die “L-” in Name kommt gerade aus der Anfangsbuchstabe des Lister Instituts.

    Sie bemerkte, dass bestimmte Bakterien, wie z.B. Streptobacillus monliforme keine Zellwände hatten. Ein anderer Forscher von der Harvard Medical School, Louis Dienes bemerkte, dass nach Behandlung mit Penicilin, Bakterien in die L-Form wandern können. In dieser Form konnten die Bakterien jedoch nicht mit dem Antibiotika behandelt werden, denn dieses Antibiotikum funktioniert indem die Zellwände der Bakterien zerstört werden. Hat die Bakterie jedoch keine Zellwand, wirkte das Antibiotikum nicht. In Englischen sind sie auch bekannt unter dem Begriff CWD (Cell Wand Deficient) Bakterien.

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  3. Andrea Kamphuis Beitragsautor

    Ja … und? Bevor mal eine Therapie auf die Leute loslässt, sollte man trotzdem aussagekräftige Tierversuche und randomisierte kontrollierte Studien durchführen.

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  5. Andrea Kamphuis Beitragsautor

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  6. Heidrun Schaller

    Ich habe vor kurzem mehrfach gelesen, dass natürliche Killerzellen, um von ihrem schlafenden in den aktivierten Zustand zu kommen, Vitamin D brauchen. Wenn man davon ausgeht, dass das angeborene Immunsystem bei Autoimmunerkrankungen besonders überaktiv ist – und die natürlichen Killerzellen sind ja eigentlich immer erhöht in Zahl und Aktivität (bei mir wurde das gerade erst durch eine Immunologin bestätigt) – dann wäre das vielleicht ein einziger Punkt, bei dem ein niedriger Vitamin-D-Spiegel auch einen Vorteil böte. Allerdings glaube ich nicht, dass dieser Vorteil universell ist und auch ganz bestimmt nicht, dass eine Antibiotikatherapie über Jahre das Richtige für Autoimmunerkrankungen ist.

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  7. aewolnik

    Alle gut Herr Autor, aber falls Sie was an dem Marshall Protocol was auszusetzen haben oder kitisieren dann bitte geben Sie mir eine Lösung außer Kortison der bekantlich nicht heilt sondern nur Immunsystem dämpft.

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