Stop Watching Us: Ich habe viel zu verbergen

Es wird mal wieder Zeit für einen Beitrag, der auf den ersten Blick nicht ins Autoimmunbuch-Blog passen mag. Obwohl ich gerade mit Schreiben ganz gut vorankomme und gerne „im Fluss“ geblieben wäre, habe ich mich am Samstag trotz der Hitze an der Kölner #StopWatchingUs-Demonstration beteiligt. Mein kleines Plakat hat es dank @boydroid sogar in den Artikel des Kölner Stadt-Anzeigers geschafft: StopWatchingUsMit etwa 700 Teilnehmerinnen und Teilnehmern war die Protestveranstaltung recht überschaubar – was wohl nicht nur an der Hitze lag, sondern auch an einer gewissen Resignation eines Teils der Bevölkerung und Gleichgültigkeit oder gar Zustimmung zur verdachtsunabhängigen Massenüberwachung bei einem anderen Teil. Immer wieder begegnen einem Schulterzucken, vermeintliche Abgeklärtheit („Hab ich schon lange gewusst!“), unangemessene Vergleiche zwischen freiwilliger Datenpreisgabe in den Social Media auf der einen und geheimdienstlicher Datenschnüffelei auf der anderen Seite, vage Verweise auf durch Geheimdienstaktivitäten verhinderte Attentate und allerlei Spielarten des Spruchs „Wir haben doch nichts zu verbergen“. So wird der Protest gegen die flächendeckende Kommunikationsüberwachung mit dem Hinweis ins Lächerliche gezogen, für den langweiligen Kram, den die Überwachungsgegner in ihren E-Mails und SMS schrieben, interessiere sich sowieso kein Dienst. 

Doch: Ich habe einiges zu verbergen. Um den Bogen zum Thema dieses Blogs zu schlagen: Ich habe mich 2011 entschieden, mit meiner Hashimoto-Thyreoiditis und weiteren Erkrankungen offen umzugehen, und habe das noch nicht bereut. Aber die Entscheidung, ob und wem gegenüber man eine chronische Erkrankung offenlegt, muss jedem Betroffenen überlassen sein, genau wie der Umgang mit der eigenen sexuellen Orientierung, politischen Überzeugungen, dem Glauben usw.

Im Rahmen meiner Crowdfunding-Kampagne und auch danach haben sich etliche Menschen per E-Mail mit mir ausgetauscht und in diesen Mails auch ihre Erkrankungen, ihre Sorgen bezüglich ihrer Kinder, die Autoimmunkrankheiten ihrer Partner oder Eltern usw. thematisiert. Manche Autoimmunerkrankungen verlaufen tödlich. Viele gehen mit Einschränkungen der Leistungsfähigkeit einher. Manche entstellen Körperbereiche, die für das Selbstbewusstsein wichtig sind, was zu psychischen Belastungen führen kann. Viele Menschen haben neben Autoimmunstörungen auch Depressionen oder Suchtprobleme. Die breite Öffentlichkeit, der Arbeitgeber, die Kolleginnen, die Krankenversicherung, die Nachbarn sollen davon nicht unbedingt erfahren. Und auch der amerikanische, der britische oder der deutsche Geheimdienst nicht.

Für sich genommen mag eine Information über eine Erkrankung für diese Dienste uninteressant sein. Aber im Kombination mit weiteren (entweder öffentlich zugängliche oder ebenfalls „abgezapften“) Informationen kann sie den Betroffenen über kurz oder lang schaden. Viele Menschen aus meinem Online- und Real-Life-Bekanntenkreis können sich offenbar kein solches Schadensszenario vorstellen. Kennen sie wirklich niemanden, der in den letzten Jahren bei der Einreise in die USA Schwierigkeiten bekommen hat, weil er sich zuvor im „falschen Land“ aufgehalten oder sich für die „falschen Themen“ interessiert hat?

Und sind sie wirklich sicher, dass es in ihren Familien oder Freundeskreisen niemanden gibt, der sich schon einmal in einer prekären Angelegenheit an eine Anwältin, einen Journalisten, eine Therapeutin oder eine Beratungsstelle gewandt hat? Selbst wenn in vielen Fällen keine Mailinhalte, sondern „nur“ Metadaten wie Absender, Empfänger, Zeitpunkt der Mail usw. abgefangen werden sollten: Hilft das zum Beispiel einem Mann, der eine Mail an eine Betreuungsstelle für Pädophile schreibt, weil er Hilfe braucht, um nicht zum Täter zu werden? Was bedeutet es für solche Beratungsangebote, dass sie ihrer Klientel keine absolute Vertraulichkeit mehr zusichern können?

Je länger ich nachdenke, desto mehr E-Mails fallen mir ein, die ich lieber nicht auf NSA- oder GCHQ-Servern gespeichert sehen möchte. Korrespondenz über Urheberrechtsverstöße, unvorsichtige Fotos, ein muslimischer Freund in einer als „Terrorbrutstätte“ berüchtigten Weltgegend … da ist im Lauf der Jahrzehnte einiges zusammengekommen. Und in den letzten Jahren suche ich im Internet verdächtig oft nach Literatur zu schlimmen Dingen wie Viren, Epidemien oder Pathogenen, was sicher so manchen Datenfilter aufhorchen lässt.

Daher werde ich mich weiterhin – wie schon bei den Protesten gegen die Vorratsdatenspeicherung 2009 und ACTA 2012 – dafür einsetzen, dass das im Grundgesetz festgeschriebene Post- und Fernmeldegeheimnis und das Grundrecht auf Gewährleistung der Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme nicht noch weiter ausgehebelt werden. Jede verdachtsunabhängige staatliche oder staatlich veranlasste Datenspeicherei, jede Pauschalverdächtigung der Bürgerinnen und Bürger schadet unserer Gesellschaft.

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