Warum „Friendly Fire“?

First things first: Der Titel dieses Blogs, „Friendly Fire“, ist zugleich der Arbeitstitel meines Buches. Wie das Buch letzten Endes heißen wird, steht noch nicht fest – wahrscheinlich anders. Denn erstens gibt es unter diesem Titel bereits ein englischsprachiges Buch über Autoimmunkrankheiten (allerdings aus dem Jahr 1995, also hoffnungslos veraltet). Zweitens reizt mich zwar die Spannung zwischen dem harmlos klingenden Ausdruck und der Brutalität des Sachverhalts, den er bezeichnet (versehentlicher Beschuss durch eigene oder verbündete Truppen im Krieg), aber ich muss noch einmal in Ruhe darüber nachdenken, ob so martialische Metaphern in meinem Buch überhaupt etwas zu suchen haben.  

Einerseits liegen aus der Militärsprache entlehnte Bilder nahe, wenn man über das Immunsystem spricht oder schreibt. Wir wehren Erreger ab, bekämpfen Krankheiten, betrachten das Wettrüsten zwischen Bakterien und Antibiotika mit Sorge usw. Andererseits kann man statt Wettrüsten ebenso gut Wettlauf schreiben, ohne Anschaulichkeit einzubüßen.

Eine anderer Lebensbereich, der mir vertrauter ist als das Militär, drängt sich als Quelle für Bilder, Vergleiche und dergleichen geradezu auf: Sprache. In unseren Zellen, zwischen den Zellen, Geweben und Organen eines Körpers, zwischen Individuen einer Art und auch zwischen ganz unterschiedlichen Lebensformen werden ständig Botschaften ausgetauscht, Signalwege beschritten, verstärkt oder blockiert usw. Als Publizistin und Biologin bin ich mir sowohl der Unterschiede als auch der Parallelen  zwischen solchen Vorgängen und der menschlichen Kommunikation bewusst.

Autoimmunkrankheiten als schwere, überwiegend irreversible Missverständnisse, die aus der entwicklungsgeschichtlich immer weiter angewachsenen Komplexität biologischer Signalnetzwerke resultieren – darauf läuft es wohl hinaus.

2 Gedanken zu „Warum „Friendly Fire“?

  1. Heidrun Uta Ehrhardt

    Liebe Andrea,
    Militärsprache – das erinnert mich an die Visualisierungen, wie sie bei Krebs empfohlen werden: Eine Armee gegen die Krebszellen aufmarschieren lassen. Was mir geholfen hat, war das Bewusstsein, dass mein Körper den Krebs selbst gemacht hat. Krebs war Teil meines Körpers. Ich führe keinen Krieg mit meinem Körper. Da ist etwas aus dem Gleichgewicht geraten. Ich versetze meinem Körper (Immunsystem) mit Chemotherapie etc. einen starken Stoß, in der Hoffnung, dass es sich wieder einpendelt.
    Herzlich
    Heidrun

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  2. Andrea Kamphuis Beitragsautor

    Liebe Heidrun,
    in Texten über Krebs geht das ja so weit, dass er als eigenständige Lebensform dargestellt wird. Neulich las ich: „Forscher entschlüsseln das Genom von Prostatakrebs“.
    Interessant wird es bei den sog. Humanen Endogenen Retroviren, die einst als Parasiten in unsere Zellkerne eingedrungen sind, aber heutzutage normale Bestandteile unseres symbiotischen Genoms sind. Das ist für viele Leute bestimmt erst mal unheimlich – aber auch faszinierend: Wir sind ziemlich bunte „Ökosysteme“, bis hinunter zur DNA.

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