Veränderungen peripherer mononukleärer Blutzellen: Indizien für Autoimmunstörung bei idiopathischer peripherer Fazialislähmung

Stefan S. Kassner et al.: Changes in Peripheral Blood Mononuclear Cells – Novel Evidence for an Immunomodulatory Aspect in Bell’s Palsy? Journal of Neurology Research, Vol. 2, No. 3, Jun 2012; doi:10.4021/jnr108w

Abstract: Früheren Studien zufolge ist bei Patienten mit Bell’s palsy (BP) die Zahl der T- und B-Lymphozyten signifikant verringert. Als mögliche Ursachen der Erkrankung gelten Vireninfektionen und Autoimmunprozesse. In dieser Studie wurden die peripheren mononukleären Blutzellen (PBMCs) von 15 BP-Patienten anhand ihrer Oberflächenmarker (CD) genauer charakterisiert: Bei den Monozyten (= Makrophagenvorläuferzellen, CD14+), Makrophagen (CD68+), T-Lymphozyten (CD3+) und B-Lymphozyten (CD19+) wurde der Anteil der Zellen sowie die Expression entzündungsfördernder (CD40+, TNF-α und COX-2), apoptosefördernder (Caspase-3, PARP), adhäsionsfördernder (CD38+) und mit oxidativem Stress verbundener (MnSOD) Proteine gemessen. Die Ergebnisse deuten auf eine Beteiligung des Immunsystems an Bell’s palsy hin.

Einleitung: Der Mangel an antikörperproduzierenden CD19+-B-Zellen bei BP-Patienten wird in der Literatur als mögliche Unrsache für den Krankheitsausbruch oder -fortgang diskutiert, weil dadurch womöglich neurotrope Viren (ihre DNA und/oder ihre Hüllen) nicht mehr effizient aus den infizierten Nerven entfernt werden können. HSV-1-DNA (Herpes simplex) wurde in der Nervenflüssigkeit und im Speichel von BP-Patienten nachgewiesen. Im Tiermodell ließ sich BP durch HSV-1-Reaktivierung im Verbund mit Immunsuppression auslösen.  

Die Autoren haben kürzlich gezeigt, dass bei Patienten mit akutem Schlaganfall, Alzheimer-Demenz, Hörsturz und vestibulärer Neuritis die Expression entzündungs-, adhäsions- und apoptosefördernder Gene bzw. Proteine gesteigert ist.  Das Expressionsprofil unterschied sich deutlich zwischen den Patientengruppen, was auf eine spezifische Mitwirkung bestimmter PBMC-Subpopulationen (Monozyten, Makrophagen, T- und B-Zellen) an der Auslösung oder am Fortschreiten der Erkrankungen hinweist. Ziel hier: Immunphänotypisierung von BP-PBMCs.

Material und Methoden: 15 BP-Patienten und 15 altersgematchte Kontrollpersonen; Personen mit chronischen entzündlichen Erkrankungen wie Diabetes und Raucher wurden ausgeschlossen. Zwischen Einsetzen der Lähmung und Blutabnahme lagen 6-24 Stunden. Alle Patienten erhielten danach Corticosteroide. Die Seren wurden auf Antikörper gegen Varicella zoster, Herpes simplex und Borreliose getestet. Patienten mit entsprechenden akuten oder reaktivierten Infektionen (IgM- oder IgG-Konzentratonen über den jeweiligen Grenzwerten) wurden aus der Studie ausgeschlossen.

Ergebnisse: Bei BP-Patienten gegenüber Kontrollgruppe signifikant verändert: C-reaktives Protein (CRP) 2,5-fach erhöht, Leukozytenzahl 1,3-fach erhöht. Subpopulationen: Neutrophile 1,2-fach erhöht, Eosinophile 1,8-fach verringert, Lymphozyten 1,3-fach verringert.

PBMC-Subpopulationen und Expressionsanalyse: Anteil T-Zellen (CD3+) und B-Zellen (CD19+) bei BP-Patienten signifikant um das 1,3- bzw. 1,4-Fache verringert. Unter den Monozyten (CD14+) signifikante Erhöhung der CD38- und der MnSOD-positiven Zellen auf das 1,6- bzw. 1,7-Fache, aber keine signifikanten Unterschiede bei CD40+, TNF-α, COX-2+, PARP+ oder Caspase-3. Unter den Makrophagen dagegen signifikant höherer Anteil an CD40- (2,2-fach), CD38- (1,6-fach) und TNF-α-positiven Zellen (2,2-fach). In der T-Lymphozyten-Population (CD3+) der BP-Patienten signifikant (1,8-fach) mehr CD38+-Zellen und signifikant (3,5-fach) weniger Caspase-3-positive Zellen. Übrige Proteine: keine signifikante Expressionsveränderung. Unter den CD19-positiven B-Zellen der Patienten waren signifikant (2,3-fach) mehr CD38-positive Zellen als bei Gesunden. Übrige Proteine: keine signifikanten Veränderungen.

Diskussion: Die deutlich erhöhten CRP- und Leukozyten-Level bei BP erreichen nicht dasselbe pathologische Niveau wie z. B. bei einer Bakterieninfektion, aber sie sind Anzeichen für einen Entzündungprozess.  Die signifikante Absenkung der B- und T-Zellzahl lässt sich unterschiedlich deuten: Ein (wodurch auch immer bedingter) Mangel an regulatorischen B- und T-Zellen kann bei Autoimmunerkrankungen zu übertriebenen Entzündungsreaktionen führen, ein Mangel an anderen B- und T-Zellen könnte auf eine zu schwache Immunabwehr hindeuten. Aber da in beiden Subpopulationen der Anteil der adhäsionsfördernden Zellen (CD38+) erhöht ist, kann ihr Titer im Blut auch einfach abgesenkt sein, weil bereits sehr viele von ihnen die Blutbahn verlassen haben und in das Nervengewebe eingedrungen sind. CD38 ist ein wichtiger Rezeptor für die Initialisierung der Adhäsion und der Transmigration von Leukozyten zu Beginn einer Nerven-Entzündung.

Die signifikante Erhöhung der TNF-α-exprimierenden und CD40-positiven Subpopulationen unter den Makrophagen dürften die B-Zell-Differenzierung und Antikörperproduktion (TNF-α) sowie die Zelladhäsion und -transmigration (CD40) fördern.

Die Theorie einer Vireninfektion bei BP wird durch neue Metaanalysen, die keine Evidenz für die Wirkung einer antiviralen Therapie erbrachten, nicht gestärkt.

Während die CD38-Expression und damit die Fähigkeit zur Transmigration bei allen PBMC-Subpopulationen erhöht war, war der Anteil der CD40+-Zellen nur bei den Makrophagen erhöht. Die Makrophagen scheinen also die Hauptarbeit im Entzündungsprozess zu leisten (zelluläre Abwehr, weniger humorale Anwehr durch B-Zellen und ihre Antikörper). Neue Therapieansätze könnten sich auf die CD40-Kaskade konzentrieren, um die Entzündung zu hemmen, und auf CD38, weil dieses die Adhäsion und damit die Anhäufung der entzündungsfördernden Zellen im Nerv fördert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.