Crowdfunding: ein neuer Finanzierungsweg – auch im sozialen Bereich?

(Zweit­ver­öf­fent­li­chung mei­nes Crowdfunding-Kapitels im Arbeits­hand­buch Finan­zen im sozia­len Bereich, das 2011 im Ver­lag Dashö­fer erschie­nen ist. Stand: Juni 2011)

Ende 2010 erklärte die Nach­rich­ten­agen­tur Reu­ters Crowd­fun­ding – bis dahin fast nur in der Kul­tur­szene bekannt – zu einem der fünf gro­ßen Finanz­trends des Jah­res 2011, die ins­be­son­dere Star­tups und jun­gen, wach­sen­den Unter­neh­men aller Art aus der Kre­dit­klemme hel­fen könn­ten. Tat­säch­lich hat diese Finan­zie­rungs­me­thode 2010 nicht nur quan­ti­ta­tiv an Bedeu­tung gewon­nen, son­dern neben der Musik-, Film– und Mode­bran­che auch neue Märkte erfasst, nicht zuletzt Unter­neh­men, Insti­tu­tio­nen und Pro­jekte aus dem Bereich der Sozialwirtschaft.

Was genau hat man sich unter Crowd­fun­ding vor­zu­stel­len? Bei einem so jun­gen Trend, der zudem viel­fäl­ti­gen bran­chen– und lan­des­spe­zi­fi­schen Rah­men­be­din­gun­gen gerecht wer­den muss, darf es nicht wun­dern, dass sich noch keine all­ge­mein aner­kannte Defi­ni­tion durch­ge­setzt hat.  

Crowd­fun­ding geht zurück auf den 2006 von Jeff Howe und Mark Robin­son im Wired Maga­zine gepräg­ten Begriff des Crowd­sour­cings. Die­ser Aus­druck bezeich­net das Out­sour­cing von zuvor unter­neh­mens­in­ter­nen Pro­zes­sen wie der Pro­dukt­ent­wick­lung – und zwar nicht an einen Dienst­leis­ter, son­dern an die inter­es­sierte Öffent­lich­keit (Crowd), bei­spiels­weise die Fans eines Pro­dukts, die Know-how oder andere Res­sour­cen zu des­sen Ver­bes­se­rung bei­steu­ern. Beim Crowd­fun­ding ist ihr Bei­trag pri­mär finan­zi­el­ler Natur.

Der wis­sen­schaft­li­chen Begleit­li­te­ra­tur zufolge ist Crowd­fun­ding ein meist über das Inter­net an die all­ge­meine Öffent­lich­keit oder zumin­dest weite Kreise gerich­te­ter Auf­ruf, eine unter­neh­me­ri­sche, soziale oder kul­tu­relle Initia­tive finan­zi­ell zu unter­stüt­zen, und zwar entweder

  • durch eine Zuwen­dung ohne mate­ri­elle Gegen­leis­tung oder
  • im Aus­tausch gegen eine Beloh­nung oder Betei­li­gung. (Fn 1)

Diese Methode, anstelle weni­ger gro­ßer Beträge eine Viel­zahl klei­ner Beträge ein­zu­sam­meln, ist vor allem für Star­tups, junge Unter­neh­men in der Wachs­tums­phase und all­ge­mein Klein­un­ter­neh­men attrak­tiv, die wegen ihres gerin­gen Finanz­be­darfs, gerin­ger Eigen­ka­pi­tal­aus­stat­tung, feh­len­der Sicher­hei­ten oder schwer ein­zu­schät­zen­der Erfolgs­aus­sich­ten bei Ban­ken, Venture-Capital-Gebern oder Busi­ness Angels schlechte Kar­ten haben.

In der Regel wird Crowd­fun­ding durch den Auf­bau von Online-Gemeinschaften betrie­ben. Auf diese Weise kön­nen poten­zi­el­len Unter­stüt­zern, die räum­lich weit gestreut und den Pro­jekt­be­trei­bern nicht unbe­dingt per­sön­lich ver­bun­den sind, Infor­ma­tio­nen über deren Zuver­läs­sig­keit und Leis­tungs­fä­hig­keit zugäng­lich gemacht wer­den. Trans­pa­rente Kom­mu­ni­ka­tion, bei­spiels­weise in einem Pro­jekt­blog, und die Prä­sen­ta­tion der bereits zuge­sag­ten Unter­stüt­zung ande­rer Mit­glie­der der Gemein­schaft erhö­hen die Inves­ti­ti­ons­be­reit­schaft. Neben ökono­mi­schen Erwä­gun­gen spie­len auch emo­tio­nale Fak­to­ren eine Rolle, und zwar nicht nur bei rei­nen Wohl­tä­tig­keits­pro­jek­ten: In leben­di­gen Online-Gemeinschaften baut sich ein Iden­ti­fi­ka­ti­ons­ge­fühl auf, das die Bereit­schaft zur finan­zi­el­len Unter­stüt­zung und zur Bekannt­ma­chung des Pro­jekts stärkt.

Mitt­ler­weile haben sich ver­schie­dene Crowdfunding-Plattformen eta­bliert, auf denen sich zahl­rei­che Pro­jekte vor­stel­len. Wäh­rend sich einige Platt­for­men auf Kul­tur­pro­jekte und Star­tups kon­zen­trie­ren und Fund­rai­sing für soziale Pro­jekte bewusst aus­schlie­ßen, um eine unter Umstän­den heikle Ver­mi­schung der unter­schied­li­chen Emo­ti­ons­wel­ten zu ver­mei­den, haben sich andere für Kom­bi­na­tio­nen ent­schie­den. Deut­li­che Anzei­chen für die Aus­brei­tung von Crowd­fun­ding sind platt­for­mu­n­ab­hän­gige Crowdfunding-Blogs, –News­let­ter und –Bücher und der Start einer Such­ma­schine spe­zi­ell für Crowdfunding-Projekte.

Die meis­ten Crowdfunding-Plattformen und –Pro­jekte funk­tio­nie­ren nach dem Alles-oder-nicht-Prinzip: Die Gel­der flie­ßen nur an die Pro­jekt­be­trei­ber, wenn inner­halb eines vorab fest­ge­leg­ten Zeit­raums die gesamte Ziel­summe zusam­men­kommt. So wird gewähr­leis­tet, dass das Pro­jekt wirk­lich wie geplant rea­li­siert wer­den kann und dass die Betrei­ber enga­giert für ihre Sache werben.

Schnitt­men­gen mit Fund­rai­sing, Vor­be­stel­lung und Seed-Finanzierung

Im Unter­schied zum klas­si­schen Spen­den­sam­meln bie­ten die meis­ten Crowdfunding-Plattformen und –Pro­jekte ihren Unter­stüt­zern eine Gegen­leis­tung, die über eine Spen­den­quit­tung oder einen Dan­kes­brief hin­aus­geht – und sei es nur ein Erin­ne­rungs­stück wie ein T-Shirt, das zugleich der wei­te­ren Bekannt­ma­chung des Pro­jek­tes dient. In einer Stich­probe inter­na­tio­na­ler Crowdfunding-Projekte lag der Anteil der rei­nen Spen­den­ak­tio­nen ohne mate­ri­elle Gegen­gabe bei etwa 20 %.

Bei der Mehr­heit der unter­such­ten Initia­ti­ven (60 %) erhiel­ten Unter­stüt­zer hin­ge­gen eine Kom­pen­sa­tion in Form des fer­ti­gen Pro­dukts oder ande­rer Prä­mien oder sogar Gewinn­be­tei­li­gun­gen, aller­dings ohne Mit­spra­che­rechte bei Unter­neh­mens­ent­schei­dun­gen. (Fn 2) Sie stell­ten also sog. „dumb money“ zur Ver­fü­gung. Diese Form des Crowd­fun­dings hat flie­ßende Über­gänge zur Sub­skrip­tion (Vor­be­stel­lung), aber auch zu Peer-to-Peer-Krediten (kurz: P2P).

Bei den rest­li­chen etwa 30 % der Pro­jekte erhiel­ten die Unter­stüt­zer Unter­neh­mens­an­teile und damit Mit­spra­che­rechte („smart money“). Hier ver­schwim­men die Gren­zen zur Seed– oder Venture-Capital-Finanzierung. (Fn 3) Die­ses Modell könnte den Man­gel an Kapi­tal für inno­va­tive Star­tups und junge Unter­neh­men in der Wachs­tums­phase mil­dern, stößt jedoch in vie­len Län­dern auf recht­li­che Schwie­rig­kei­ten wie Glücks­spiel­ge­setze oder gesetz­li­che Beschrän­kun­gen der Zahl der Mit­eig­ner von Gesell­schaf­ten. Inner­halb der EU muss die Richt­li­nie 2003/71/EG (Pro­spek­tricht­li­nie) beach­tet wer­den, der zufolge vor jedem öffent­li­chen Ange­bot von Wert­pa­pie­ren oder Unter­neh­mens­an­tei­len in einem gere­gel­ten Markt ein Pro­spekt ver­öf­fent­licht wer­den muss. In Deutsch­land ist die Pro­spek­tricht­li­nie durch das Wert­pa­pier­pro­spekt­ge­setz (WpPG) umge­setzt. Dies dürfte auf­grund des damit ver­bun­de­nen Auf­wan­des eine Hürde für viele junge Unter­neh­men darstellen.

Wenn die Eigen­tü­mer­zahl begrenzt wird, sei es durch gesetz­li­che Vor­ga­ben oder zur Ver­mei­dung büro­kra­ti­scher und prak­ti­scher Schwie­rig­kei­ten, dann wer­den die ein­zel­nen Anteile teu­rer. Teure Anteile wer­den aber vor­ran­gig von Per­so­nen erwor­ben, die weni­ger aus Begeis­te­rung für das jewei­lige Pro­jekt han­deln als um der erwar­te­ten Ren­dite wil­len. Selbst wenn die Pro­jekt­be­trei­ber dar­auf ach­ten, dass sie die Mehr­heit und damit die Kon­trolle über die Initia­tive behal­ten, birgt die Aus­gabe von Antei­len das Risiko, dass die neuen Mit­ei­gen­tü­mer sich kri­tisch über das Pro­jekt äußern, sobald sie den Ein­druck gewin­nen, dass ihre aktive Mit­wir­kung nicht gewünscht ist. Die­sen Weg soll­ten die Betrei­ber daher nur ein­schla­gen, wenn sie wol­len und davon aus­ge­hen kön­nen, dass die neuen Mit­ei­gen­tü­mer neben ihrem Geld auch nütz­li­ches Know-how oder Kon­takt­netz­werke in das Pro­jekt ein­brin­gen. Dann tritt ein Crowdsourcing-Aspekt neben das Crowd­fun­ding. (Fn 4)

Die Pio­niere

Bereits im Jahr 2000 grün­dete der ame­ri­ka­ni­sche Musi­ker und Musik­pro­du­zent Brian Came­lio Artist­Share. Mit die­sem neuen Geschäfts­mo­dell für Musi­ker wollte er der gras­sie­ren­den Pira­te­rie auf dem Musik­markt begeg­nen. Die Idee: Da digi­tale Werke nach ihrer Ver­öf­fent­li­chung fast zwangs­läu­fig unkon­trol­liert wei­ter­ver­brei­tet wer­den, sollte an die Stelle der ein­bre­chen­den Absatz­be­tei­li­gun­gen eine Vor­ab­ver­gü­tung durch die Fans tre­ten. Das geis­tige Eigen­tum ver­bleibt dabei unein­ge­schränkt bei den Künstlern.

Im Som­mer 2006 ging in Ams­ter­dam Sella­Band an den Start, eine Platt­form, auf der Musi­ker ₤ 50.000 für die Auf­nahme eines Albums ein­wer­ben konn­ten, indem sie ihren Unter­stüt­zern 5000 Anteile zu je ₤ 10 ver­kauf­ten. Die Ein­nah­men aus dem Album­ver­kauf wur­den spä­ter zwi­schen den Künst­lern, den Inves­to­ren und Sella­Band geteilt; außer­dem erhiel­ten alle Unter­stüt­zer die CD. 2009 wurde das Modell fle­xi­bler gestal­tet. Anfang 2010 wurde das Unter­neh­men nach einer Insol­venz an deut­sche Inves­to­ren verkauft.

Die größte Crowdfunding-Plattform der Welt, Kick­star­ter in den USA, ist seit 2009 online und wurde im Juni 2010 auch inter­na­tio­nal bekannt, als das Leucht­turm­pro­jekt „Dia­spora“ – ein Star­tup von vier Stu­den­ten, die eine Alter­na­tive zu Face­book pro­gram­mie­ren woll­ten – statt der ange­streb­ten $ 10.000 über $ 200.000 ein­warb. Sogar Facebook-CEO Mark Zucker­berg zählte zu den fast 6500 Unter­stüt­zern. Bis zum zwei­ten Jah­res­tag der Kickstarter-Gründung, Ende April 2011, wur­den über 20.000 Pro­jekte ein­ge­reicht, von denen unge­fähr 7500 ihr Finan­zie­rungs­ziel erreich­ten. Inzwi­schen bewegt Kick­star­ter gut $ 7.000.000 pro Monat. Jeden Monat wer­den über 2000 neue Vor­ha­ben ein­ge­reicht, die um die Gunst von fast 600.000 regis­trier­ten Unter­stüt­zer wer­ben. Die Unter­stüt­zer erhal­ten Prä­mien, aber grund­sätz­lich keine Gewinn– oder Unternehmensbeteiligung.

Crowd­fun­ding im sozia­len Bereich: Cha­rity, Social Busi­ness und Social Enterprise

Auch im sozia­len Bereich scheint das Kon­zept Crowd­fun­ding immer stär­ker Fuß zu fas­sen. Ein Grund sind die hohen Ver­wal­tungs­kos­ten und kom­pli­zier­ten Struk­tu­ren vie­ler gro­ßer sozia­ler Orga­ni­sa­tio­nen: Viele För­de­rer erwar­ten heute, dass ihr Geld nahezu voll­stän­dig bei den Per­so­nen ankommt, die sie unter­stüt­zen möch­ten. Sie suchen daher nach trans­pa­ren­ten neuen Model­len mit mög­lichst gerin­gem Over­head. Etli­che soziale Pro­jekte und Unter­neh­men erfül­len wei­tere wich­tige Vor­aus­set­zun­gen für erfolg­rei­ches Crowd­fun­ding wie die Bereit­schaft zum Dia­log, und sie haben ein Inter­esse an einer brei­ten Ver­an­ke­rung in der Zivil­ge­sell­schaft. Neben die klas­si­sche Spende sind mitt­ler­weile Unter­stüt­zungs­for­men getre­ten, bei denen die Geber ihre Inves­ti­tion zurück erhal­ten und ggf. auch Ren­dite machen können.

Die Platt­form Kiva etwa bringt pri­vate Klein­kre­dit­ge­ber in aller Welt und Klein­un­ter­neh­men in Ent­wick­lungs­län­dern zusam­men (Peer-to-Peer-Kredite). Die Dar­le­hen über jeweils min­des­tens $ 25 sind zins­los; die Geber han­deln also nicht gewinn­ori­en­tiert. Die Rück­zah­lungs­quote liegt bei gut 98,6 %, sodass die Geber ande­rer­seits kaum etwas ver­lie­ren kön­nen. Rück­ge­zahlte Kre­dite wer­den ent­we­der in das nächste Klein­un­ter­neh­men reinves­tiert oder an Kiva gespen­det oder aus dem Sys­tem her­aus­ge­zo­gen. Ins­ge­samt sind bis Anfang 2011 von gut 550.000 Kre­dit­ge­bern über $ 200.000.000 an gut 500.000 Klein­un­ter­neh­men ver­lie­hen wor­den. Über 80 % der Kre­dite wer­den an Frauen vergeben.

Die Platt­form Cle­ar­lySo ver­mit­telt neben Inves­ti­tio­nen in soziale Unter­neh­men auch Jobs in die­sem Bereich. Die Betrei­ber unter­schei­den zwi­schen Social Busi­ness, Social Enter­prise und rein kari­ta­ti­ven Ein­rich­tun­gen. Ein Social Busi­ness ver­folgt neben einer Gewinn­erzie­lungs­ab­sicht auch soziale, ethi­sche oder ökolo­gi­sche Ziele, bei­spiels­weise die Unter­stüt­zung alter oder behin­der­ter Men­schen, die För­de­rung des Umwelt­be­wusst­seins oder den Schutz der Meere. Inves­to­ren erwar­ten neben einer Betei­li­gung an den Unter­neh­mens­ge­win­nen auch eine soziale und/oder ökolo­gi­sche Ren­dite – bei­spiels­weise Infor­ma­tio­nen über CO2–Emis­sio­nen oder Behand­lungs­kos­ten, die durch ihre Inves­ti­tio­nen ver­mie­den wurden.

Ein Social Enter­prise ver­folgt eben­falls wirt­schaft­li­che Inter­es­sen, legt den Schwer­punkt aber auf stär­ker auf das soziale, ethi­sche oder ökolo­gi­sche Ziel. Gewinne wer­den im Gegen­satz zum Social Busi­ness grund­sätz­lich in das Unter­neh­men oder die Gemein­schaft reinves­tiert und nicht aus­ge­schüt­tet. Inves­to­ren kön­nen daher aus­schließ­lich mit einer sozia­len und/oder ökolo­gi­schen Ren­dite rechnen.

Eine Wohl­fahrts­or­ga­ni­sa­tion oder kari­ta­ti­ven Ein­rich­tung schließ­lich nimmt gar keine Inves­ti­tio­nen, son­dern nur Spen­den ent­ge­gen. Auch hier gibt es „nur“ eine soziale und/oder ökolo­gi­sche Rendite.

Die deut­sche Crowdfunding-Szene

In Deutsch­land gibt es seit Herbst 2010 Crowdfunding-Plattformen, die sich ent­we­der auf Krea­tiv– und Tech­nik­pro­jekte beschrän­ken oder sozia­len Pro­jekte vor­be­hal­ten sind oder aber Misch­for­men erpro­ben. Die Szene ist zu dyna­misch, um einen voll­stän­di­gen Über­blick zu geben.

Unter den deut­schen Platt­for­men für Crowd­fun­ding im sozia­len Bereich ist Bet­ter­place am bekann­tes­ten. Sie wird von der gemein­nüt­zi­gen gut.org gAG betrie­ben und lei­tet Spen­den zu 100 % an die Pro­jekt­be­trei­ber wei­ter. Der Betrieb der Platt­form wird zum einen durch Zah­lun­gen von Orga­ni­sa­tio­nen finan­ziert, die sich hier prä­sen­tie­ren wol­len, und zum ande­ren durch Spen­den von För­de­rern an eine Stiftung.

Gerade im sozia­len Bereich ist es für poten­zi­elle Unter­stüt­zer nicht leicht, inte­gre und gut orga­ni­sierte Initia­ti­ven von unse­riö­sen oder undurch­dach­ten Kam­pa­gnen zu unter­schei­den. Daher setzt Bet­ter­place auf Infor­ma­tio­nen, die die Unter­stüt­zer­ge­mein­schaft selbst bei­trägt: Soge­nannte Pro­jekt­be­su­cher und –für­spre­cher, die sich das Pro­jekt vor Ort ange­se­hen haben oder die Trä­ger per­sön­lich ken­nen, bür­gen gewis­ser­ma­ßen für die Serio­si­tät des Vor­ha­bens. Die Unter­stüt­zer in die­sem „Web of trust“ tau­schen sich unter­ein­an­der aus; je mehr Kom­men­tare zu einem Pro­jekt abge­ge­ben wur­den, desto leich­ter fällt neuen Unter­stüt­zern des­sen Beur­tei­lung. Diese Form von „wis­dom of the crowd“, die in der einen oder ande­ren Form auf allen gut gemach­ten Crowdfunding-Plattformen zutage tritt, kann auch für Stif­tun­gen und andere Geld­ge­ber im sozia­len Bereich ein gutes Indiz für die För­der­wür­dig­keit eines Vor­ha­bens sein.

Die Online-Community MyS­her­pas ver­sucht den Spa­gat: Crowd­fun­ding wird mit Fund­rai­sing ver­bun­den; die Betrei­ber spre­chen von „Crowd­spon­so­ring“. Für Pro­jekte aus dem Kul­tur– und Tech­nik­be­reich gilt das übli­che Alles-oder-Nichts-Prinzip: Die Gel­der flie­ßen nur dann, wenn die gesamte zur Rea­li­sie­rung erfor­der­li­che Summe zusam­men­kommt. Für die Vor­ha­ben gemein­nüt­zi­ger Orga­ni­sa­tio­nen ist die­ses Prin­zip jedoch außer Kraft gesetzt: Hier wer­den ein­fach inner­halb eines fes­ten Zeit­raums Spen­den gesam­melt, für die die Unter­stüt­zer Spen­den­quit­tun­gen erhal­ten kön­nen. Ob die unter Umstän­den recht unter­schied­li­chen Emo­ti­ons­wel­ten sol­cher Kam­pa­gnen kom­pa­ti­bel sind, wird die Zeit zei­gen. Aber da viele soziale und ökolo­gi­sche Kam­pa­gnen mit kul­tu­rel­len Wer­ken wie Video­fil­men bewor­ben wer­den, lohnt es sich für Orga­ni­sa­tio­nen im sozia­len Bereich, auch die eher auf Kul­tur­pro­jekte aus­ge­rich­te­ten Platt­for­men im Auge zu behalten.

Fall­stu­dien

Die weni­gen erfolg­reich abge­schlos­se­nen sozia­len Crowdfunding-Projekte in Deutsch­land sind bei wei­tem nicht so spek­ta­ku­lär wie die ame­ri­ka­ni­schen Leuchtturm-Projekte im Krea­tiv– und Tech­nik­sek­tor. Den­noch las­sen sich aus ihnen einige Erfolgs­kri­te­rien ablei­ten. So konnte der gemein­nüt­zige Ver­ein „Bulungi – Hilfe für Kin­der in Uganda“ über die Platt­form Bet­ter­place bereits 16 Pro­jekte abschlie­ßen, dar­un­ter die Anschaf­fung von Klei­dung oder Bet­ten für Schul­kin­der und die Schul– und Aus­bil­dungs­ge­büh­ren für ein­zelne Kin­der und Jugendliche.

Dies gelang, weil der Ver­ein trans­pa­rent auf­tritt, seine Unter­stüt­zer umfas­send infor­miert und ein­bin­det und seine Vor­ha­ben geschickt zuschnei­det: Es geht stets um eine kon­krete Ver­bes­se­rung der Lebens­um­stände indi­vi­du­ell erkenn­ba­rer Men­schen, und das große Ziel wird in Module auf­ge­glie­dert, die auch ein­zeln rea­li­sier­bar sind. Lau­fende Aus­ga­ben wie der Unter­halt eines Alten­heims wären für Crowd­fun­ding hin­ge­gen nicht geeig­net, da ihnen der Kampagnen-Charakter fehlt.

Die Syn­these von Crowd­fun­ding und Stif­tungs­gel­dern wurde bereits erfolg­reich erprobt: Auf der Platt­form Start­next sam­mel­ten die Betrei­ber des Pro­jekts „PODIUM 360 grad“ über 4440 Euro, um anspruchs­volle klas­si­sche Musik aus den Kon­zert­sä­len in Clubs zu brin­gen und so die Auf­füh­rungs­kul­tur zu ver­jün­gen und zu erwei­tern. Der von der Crowd zur Ver­fü­gung gestellte Betrag wurde dabei von der Zukunfts­stif­tung Heinz Wei­ler verdoppelt.

Auch die Leon­hard gGMBH bemüht sich um eine Ver­bin­dung von Crowd­fun­ding und klas­si­scher Anschluss­fi­nan­zie­rung. Für ihr Pilot­pro­jekt „Leon­hard – Unter­neh­mer­tum für Gefan­gene“ warb sie zunächst durch Crowd­fun­ding auf der Platt­form MyS­her­pas gut 26.000 Euro ein, um nach die­sem Proof of Con­cept an Stif­tun­gen, staat­li­che Fonds, Unter­neh­men und wohl­ha­bende Pri­vat­per­so­nen her­an­zu­tre­ten, die den Fort­be­stand und Aus­bau die­ser unter­neh­me­ri­schen Qua­li­fi­zie­rung von Straf­ge­fan­ge­nen ermög­li­chen sollen.

Crowd­fun­ding im Spie­gel der Sta­tis­tik und der Wissenschaft

Zum Jah­res­wech­sel 2010/2011 wur­den die ers­ten belast­ba­ren Sta­tis­ti­ken über Crowd­fun­ding vor­ge­legt. So kam Gijs­bert Koren, Mit­au­tor eines nie­der­län­di­schen Buches über Crowd­fun­ding als neue Form des Inves­tie­rens, in sei­nem Blog „Smar­ter money“ nach Ana­lyse der Zah­len zu dem Schluss, dass Crowd­fun­ding sich tat­säch­lich als „robus­tes und fle­xi­bles Finan­zie­rungs­mo­dell“ erweist, wie es der Crowdsourcing-Experte Jeff Howe 2008 vor­aus­ge­sagt hat.

Im Jahr 2010 haben ein­zelne Leuchtturm-Projekte in den USA ihren Betrei­bern sechs­stel­lige Beträge ein­ge­bracht, in einem Falls sogar $ 1.000.000. Damit sto­ßen sie in eine Domäne vor, die bis­lang der Seed– und Venture-Capital-Finanzierung von Star­tups vor­be­hal­ten war. Beson­ders Kick­star­ter und die P2P-Kredit-Plattform Len­ding Club sind rasant gewach­sen. Koren nimmt an, dass bis Ende 2010 welt­weit bereits eine Mil­li­arde US-Dollar durch Crowd­fun­ding auf­ge­bracht wurde – nicht ein­mal fünf Jahre nach der Geburt des Kon­zepts. Ihm zufolge könn­ten es Ende 2011 bereits zwei Mil­li­ar­den und Ende 2012 fünf Mil­li­ar­den US-Dollar sein.

Die Ökono­men Armin Schwien­ba­cher und Ben­ja­min Lar­ralde, die sich mit der Finan­zie­rung klei­ner Unter­neh­men befas­sen, füh­ren das Bei­spiel einer bri­ti­schen Soft­ware­firma an, die der­zeit per Crowd­fun­ding in vier Finan­zie­rungs­run­den Anteile über ins­ge­samt eine Mil­lion Pfund aus­gibt. (Fn 5) Um nicht mit bri­ti­schem Recht in Kon­flikt zu gera­ten, arbei­tet sie eng mit der Finanz­auf­sicht zusam­men und ver­kauft Anteile aus­schließ­lich an hand­ver­le­sene Inter­es­sen­ten, die genug Kapi­tal und Erfah­rung mitbringen.

Die Auto­ren beto­nen die Bedeu­tung des Web 2.0, das zum einen durch Redu­zie­rung der Kos­ten für die Schaf­fung und Ver­brei­tung von Inhal­ten einen Infor­ma­ti­ons­über­fluss her­bei­ge­führt hat, in dem Auf­merk­sam­keit zum neuen knap­pen Gut gewor­den ist, und zum ande­ren die Ver­net­zung von Men­schen mit gemein­sa­men Inter­es­sen erleich­tert, deren Inter­ak­tion hel­fen kann, diese Flut zu fil­tern. Crowd­fun­ding führt zahl­rei­che Unter­stüt­zer mit einer hohen intrin­si­schen Moti­va­tion zusam­men, die zwar ein­zeln weni­ger ökono­mi­sches oder tech­ni­sches Fach­wis­sen haben mögen als bei­spiels­weise Busi­ness Angels, aber gemein­sam Allo­ka­ti­ons­pro­bleme oder Infor­ma­ti­ons­asym­me­trien oft effi­zi­en­ter behe­ben als kleine Exper­ten­teams („wis­dom of the crowd“).

Die Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler Ajay Agra­wal, Chris­tian Cata­lini und Avi Gold­farb haben Anfang 2011 die „Geo­gra­fie des Crowd­fun­dings“ ana­ly­siert. Bei her­kömm­li­chen Finan­zie­run­gen sind Unter­neh­mer und Inves­to­ren oft in der­sel­ben Region ange­sie­delt, weil die Kos­ten, die bei­spiels­weise mit der Beschaf­fung von Infor­ma­tio­nen über den poten­zi­el­len Part­ner ver­bun­den sind, mit der Ent­fer­nung stei­gen. Beim Crowd­fun­ding beträgt die mitt­lere Dis­tanz zwi­schen Unter­stüt­zer und Unter­stütz­tem hin­ge­gen 3000 Mei­len, da das Web 2.0 einen gro­ßen Teil der ent­fer­nungs­ab­hän­gi­gen Kos­ten eliminiert.

Den­noch gibt es geo­gra­fi­sche Effekte: Die ers­ten Inves­ti­tio­nen wer­den meist von loka­len Unter­stüt­zern („family & fri­ends“) getä­tigt, die ihren Infor­ma­ti­ons­vor­sprung bezüg­lich Geschäfts­idee und Unter­neh­mer­per­sön­lich­kei­ten nut­zen und so hel­fen, das „Kaltstart-Problem“ des Unter­neh­mens zu über­win­den. Spä­ter kom­men nicht­lo­kale Inves­to­ren hinzu, denen die bereits erfolg­ten oder zuge­sag­ten Inves­ti­tio­nen ande­rer Mit­glie­der der Crowd als Indi­zien für die För­de­rungs­wür­dig­keit des Pro­jekts die­nen. Die­ses örtlich-zeitliche Schema ist häu­fig zu beob­ach­ten, ob die Gegen­leis­tung für die Unter­stüt­zung nun imma­te­ri­el­ler oder mate­ri­el­ler Natur ist.

Paul Belle­flamme, Tho­mas Lam­bert und Armin Schwien­ba­cher (Fn 6) lei­ten aus ihrer empi­ri­schen Unter­su­chung und mathe­ma­ti­schen Model­lie­rung ab, dass Non-profit-Organisationen beim Crowd­fun­ding beson­ders erfolg­reich sind – wohl da sie keine hohen Gewinne aus­schüt­ten müs­sen und daher beson­ders hoch­wer­tige Leis­tun­gen und Pro­dukte oder wert­volle „soziale Ren­dite“ anbie­ten kön­nen. Bei allen Pro­jek­ten kommt es wesent­lich dar­auf an, eine Gemein­schaft zu iden­ti­fi­zie­ren oder zu schaf­fen, in der emo­tio­na­ler und infor­ma­tio­nel­ler Mehr­wert gene­riert wird. Die Unter­stüt­zer eines Pro­jekts müs­sen stets abwä­gen, ob sie mit ihrem Enga­ge­ment ein ver­tret­ba­res Risiko ein­ge­hen. Dies ist der Fall, wenn Betrug („Take the money and run“) dem Pro­jekt­be­trei­ber alles in allem, also unter Ein­be­rech­nung von Repu­ta­ti­ons­ef­fek­ten, weni­ger ein­bringt als die kor­rekte Rea­li­sie­rung des Vorhabens.

An deut­schen Hoch­schu­len läuft die Crowdfundung-Forschung gerade erst an. Zwei Grup­pen an den TUs Chem­nitz und Ilmenau infor­mie­ren in For­schungs­blogs über erste Studien.

Noch ist es zu früh, um das Poten­zial von Crowdfunding-Modellen für die Finan­zie­rung im sozia­len Bereich seriös abzu­schät­zen. Sowohl soziale Ein­rich­tun­gen als auch ihre Finan­zie­rungs­part­ner sind jedoch gut bera­ten, diese hoch dyna­mi­sche Erschei­nung im Blick zu behal­ten und mit ihr zu experimentieren.

Inter­view mit Götz Fee­ser, Rela­ti­onship Mana­ger der Trio­dos Bank

Com­mu­ni­ty­fun­ding statt Crowdfunding

F: Herr Fee­ser, Crowd­fun­ding ist in Deutsch­land noch ganz neu. Haben Nach­hal­tig­keits– und Sozi­al­ban­ken bereits Erfah­run­gen mit ver­wand­ten Finanzierungsformen?

A: Ja. Bei der Finan­zie­rung von Alter­na­tiv­schu­len wird zum Bei­spiel gerne mit Kom­bi­na­tio­nen aus Bank­kre­di­ten und Soli­dar­ge­mein­schaf­ten von Eltern und Lehr­kräf­ten gear­bei­tet, die sich zu Spenden-, Bür­gen– oder Kre­dit­ge­mein­schaf­ten zusam­men­schlie­ßen. Im Unter­schied zum Crowd­fun­ding ist der Kreis der Unter­stüt­zer dabei jedoch nicht offen.

F: Inwie­fern las­sen sich sol­che Spen­den– und Kre­dit­ge­mein­schaf­ten den­noch als Crowdfunding-Vorformen oder –Spiel­ar­ten auffassen?

A: In bei­den Model­len ermög­licht das finan­zi­elle Enga­ge­ment einer Viel­zahl von Pri­vat­per­so­nen die Rea­li­sie­rung eines Pro­jek­tes. Im Fall der Soli­dar­ge­mein­schaf­ten stellt das ver­bind­li­che Enga­ge­ment des per­sön­li­chen und beruf­li­chen Umfel­des eines Pro­jek­tes für die Bank eine zusätz­li­che Sicher­heit dar, die Grund­lage für eine Finan­zie­rung sein kann.

F: Las­sen sich sol­che Soli­dar­ge­mein­schaf­ten mit Crowd­fun­ding kom­bi­nie­ren? Erscheint Ihnen das sinnvoll?

A: Der Trend ist noch jung; eine Kom­bi­na­tion kann ich mir jedoch durch­aus vor­stel­len. Eine Soli­dar­ge­mein­schaft könnte zum Bei­spiel den Grund­stein einer Finan­zie­rung bil­den. Vor­ran­gig sind dabei die Ein­brin­gung von Kapi­tal und gege­be­nen­falls die Haf­tungs­über­nahme, aber eine Soli­dar­ge­mein­schaft stellt zugleich eine ver­trau­ens­bil­dende Maß­nahme dar. Auf­bau­end hier­auf oder gleich­zei­tig kann das Pro­jekt über Crowd­fun­ding einen wei­te­ren, offe­nen Kreis von pri­va­ten Anle­gern anspre­chen. Beide Finan­zie­rungs­for­men – ins­be­son­dere, wenn sie vor­ran­gig und eigen­ka­pi­tal­ähn­lich sind – könn­ten dann von einem Bank­kre­dit ergänzt wer­den oder auch das Kri­te­rium für die För­de­rung durch eine Stif­tung sein.


1. Kap­pel, Tim, „Ex ante crowd­fun­ding and the recor­ding indus­try: a model for the U.S.?“, Loyola of Los Ange­les Enter­tain­ment Law Review 29:375, 2009; Belle­flamme, Paul, et al., „Crowd­fun­ding: Tap­ping the Right Crowd“, Manu­skript, 2011.

2. Belle­flamme et al., 2011

3. So zum Bei­spiel bei den neuen Platt­for­men Sym­bid oder Crowd­cube.

4. Schwien­ba­cher, Armin, und Ben­ja­min Lar­ralde, „Crowd­fun­ding of small entre­pre­neu­rial ven­tures“, Manu­skript zu einem Kapi­tel im Hand­book of Entre­pre­neu­rial Finance, Oxford, 2011.

5. Schwienbacher/Larralde, 2011.

6. Agra­wal, Ajay, et al., „Geo­gra­phy of Crowd­fun­ding“ (2011).

6. Belle­flamme et al., 2011.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten auf Crowdfunding: ein neuer Finanzierungsweg – auch im sozialen Bereich?

  1. Jörg Mann sagt:

    Vie­len Dank für diese wirk­li­che umfang­rei­che Infor­ma­tion, die ich mir erlaube, via Link in mein Netz­werk wei­ter zu geben.

    Viele Grüße

    Jörg Mann
    http://www.coach-fuer-unternehmer.com

  2. Andrea Kamphuis sagt:

    Gern gesche­hen, und danke fürs Wei­ter­ge­ben. Ich habe mir erlaubt, den Zei­chen­dre­her im Link (http//: statt http://) zu kor­ri­gie­ren, damit Sie auch gefun­den wer­den. :-)

  3. Pingback: stARTconference und stARTtogether – Social Media trifft auf Kunst und Kultur [Event] | gumpelMEDIA

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>