Crowdfunding: ein neuer Finanzierungsweg – auch im sozialen Bereich?

(Zweitveröffentlichung meines Crowdfunding-Kapitels im Arbeitshandbuch Finanzen im sozialen Bereich, das 2011 im Verlag Dashöfer erschienen ist. Stand: Juni 2011)

Ende 2010 erklärte die Nachrichtenagentur Reuters Crowdfunding – bis dahin fast nur in der Kulturszene bekannt – zu einem der fünf großen Finanztrends des Jahres 2011, die insbesondere Startups und jungen, wachsenden Unternehmen aller Art aus der Kreditklemme helfen könnten. Tatsächlich hat diese Finanzierungsmethode 2010 nicht nur quantitativ an Bedeutung gewonnen, sondern neben der Musik-, Film- und Modebranche auch neue Märkte erfasst, nicht zuletzt Unternehmen, Institutionen und Projekte aus dem Bereich der Sozialwirtschaft.

Was genau hat man sich unter Crowdfunding vorzustellen? Bei einem so jungen Trend, der zudem vielfältigen branchen- und landesspezifischen Rahmenbedingungen gerecht werden muss, darf es nicht wundern, dass sich noch keine allgemein anerkannte Definition durchgesetzt hat.  

Crowdfunding geht zurück auf den 2006 von Jeff Howe und Mark Robinson im Wired Magazine geprägten Begriff des Crowdsourcings. Dieser Ausdruck bezeichnet das Outsourcing von zuvor unternehmensinternen Prozessen wie der Produktentwicklung – und zwar nicht an einen Dienstleister, sondern an die interessierte Öffentlichkeit (Crowd), beispielsweise die Fans eines Produkts, die Know-how oder andere Ressourcen zu dessen Verbesserung beisteuern. Beim Crowdfunding ist ihr Beitrag primär finanzieller Natur.

Der wissenschaftlichen Begleitliteratur zufolge ist Crowdfunding ein meist über das Internet an die allgemeine Öffentlichkeit oder zumindest weite Kreise gerichteter Aufruf, eine unternehmerische, soziale oder kulturelle Initiative finanziell zu unterstützen, und zwar entweder

  • durch eine Zuwendung ohne materielle Gegenleistung oder
  • im Austausch gegen eine Belohnung oder Beteiligung. (Fn 1)

Diese Methode, anstelle weniger großer Beträge eine Vielzahl kleiner Beträge einzusammeln, ist vor allem für Startups, junge Unternehmen in der Wachstumsphase und allgemein Kleinunternehmen attraktiv, die wegen ihres geringen Finanzbedarfs, geringer Eigenkapitalausstattung, fehlender Sicherheiten oder schwer einzuschätzender Erfolgsaussichten bei Banken, Venture-Capital-Gebern oder Business Angels schlechte Karten haben.

In der Regel wird Crowdfunding durch den Aufbau von Online-Gemeinschaften betrieben. Auf diese Weise können potenziellen Unterstützern, die räumlich weit gestreut und den Projektbetreibern nicht unbedingt persönlich verbunden sind, Informationen über deren Zuverlässigkeit und Leistungsfähigkeit zugänglich gemacht werden. Transparente Kommunikation, beispielsweise in einem Projektblog, und die Präsentation der bereits zugesagten Unterstützung anderer Mitglieder der Gemeinschaft erhöhen die Investitionsbereitschaft. Neben ökonomischen Erwägungen spielen auch emotionale Faktoren eine Rolle, und zwar nicht nur bei reinen Wohltätigkeitsprojekten: In lebendigen Online-Gemeinschaften baut sich ein Identifikationsgefühl auf, das die Bereitschaft zur finanziellen Unterstützung und zur Bekanntmachung des Projekts stärkt.

Mittlerweile haben sich verschiedene Crowdfunding-Plattformen etabliert, auf denen sich zahlreiche Projekte vorstellen. Während sich einige Plattformen auf Kulturprojekte und Startups konzentrieren und Fundraising für soziale Projekte bewusst ausschließen, um eine unter Umständen heikle Vermischung der unterschiedlichen Emotionswelten zu vermeiden, haben sich andere für Kombinationen entschieden. Deutliche Anzeichen für die Ausbreitung von Crowdfunding sind plattformunabhängige Crowdfunding-Blogs, -Newsletter und -Bücher und der Start einer Suchmaschine speziell für Crowdfunding-Projekte.

Die meisten Crowdfunding-Plattformen und -Projekte funktionieren nach dem Alles-oder-nicht-Prinzip: Die Gelder fließen nur an die Projektbetreiber, wenn innerhalb eines vorab festgelegten Zeitraums die gesamte Zielsumme zusammenkommt. So wird gewährleistet, dass das Projekt wirklich wie geplant realisiert werden kann und dass die Betreiber engagiert für ihre Sache werben.

Schnittmengen mit Fundraising, Vorbestellung und Seed-Finanzierung

Im Unterschied zum klassischen Spendensammeln bieten die meisten Crowdfunding-Plattformen und -Projekte ihren Unterstützern eine Gegenleistung, die über eine Spendenquittung oder einen Dankesbrief hinausgeht – und sei es nur ein Erinnerungsstück wie ein T-Shirt, das zugleich der weiteren Bekanntmachung des Projektes dient. In einer Stichprobe internationaler Crowdfunding-Projekte lag der Anteil der reinen Spendenaktionen ohne materielle Gegengabe bei etwa 20 %.

Bei der Mehrheit der untersuchten Initiativen (60 %) erhielten Unterstützer hingegen eine Kompensation in Form des fertigen Produkts oder anderer Prämien oder sogar Gewinnbeteiligungen, allerdings ohne Mitspracherechte bei Unternehmensentscheidungen. (Fn 2) Sie stellten also sog. „dumb money“ zur Verfügung. Diese Form des Crowdfundings hat fließende Übergänge zur Subskription (Vorbestellung), aber auch zu Peer-to-Peer-Krediten (kurz: P2P).

Bei den restlichen etwa 30 % der Projekte erhielten die Unterstützer Unternehmensanteile und damit Mitspracherechte („smart money“). Hier verschwimmen die Grenzen zur Seed- oder Venture-Capital-Finanzierung. (Fn 3) Dieses Modell könnte den Mangel an Kapital für innovative Startups und junge Unternehmen in der Wachstumsphase mildern, stößt jedoch in vielen Ländern auf rechtliche Schwierigkeiten wie Glücksspielgesetze oder gesetzliche Beschränkungen der Zahl der Miteigner von Gesellschaften. Innerhalb der EU muss die Richtlinie 2003/71/EG (Prospektrichtlinie) beachtet werden, der zufolge vor jedem öffentlichen Angebot von Wertpapieren oder Unternehmensanteilen in einem geregelten Markt ein Prospekt veröffentlicht werden muss. In Deutschland ist die Prospektrichtlinie durch das Wertpapierprospektgesetz (WpPG) umgesetzt. Dies dürfte aufgrund des damit verbundenen Aufwandes eine Hürde für viele junge Unternehmen darstellen.

Wenn die Eigentümerzahl begrenzt wird, sei es durch gesetzliche Vorgaben oder zur Vermeidung bürokratischer und praktischer Schwierigkeiten, dann werden die einzelnen Anteile teurer. Teure Anteile werden aber vorrangig von Personen erworben, die weniger aus Begeisterung für das jeweilige Projekt handeln als um der erwarteten Rendite willen. Selbst wenn die Projektbetreiber darauf achten, dass sie die Mehrheit und damit die Kontrolle über die Initiative behalten, birgt die Ausgabe von Anteilen das Risiko, dass die neuen Miteigentümer sich kritisch über das Projekt äußern, sobald sie den Eindruck gewinnen, dass ihre aktive Mitwirkung nicht gewünscht ist. Diesen Weg sollten die Betreiber daher nur einschlagen, wenn sie wollen und davon ausgehen können, dass die neuen Miteigentümer neben ihrem Geld auch nützliches Know-how oder Kontaktnetzwerke in das Projekt einbringen. Dann tritt ein Crowdsourcing-Aspekt neben das Crowdfunding. (Fn 4)

Die Pioniere

Bereits im Jahr 2000 gründete der amerikanische Musiker und Musikproduzent Brian Camelio ArtistShare. Mit diesem neuen Geschäftsmodell für Musiker wollte er der grassierenden Piraterie auf dem Musikmarkt begegnen. Die Idee: Da digitale Werke nach ihrer Veröffentlichung fast zwangsläufig unkontrolliert weiterverbreitet werden, sollte an die Stelle der einbrechenden Absatzbeteiligungen eine Vorabvergütung durch die Fans treten. Das geistige Eigentum verbleibt dabei uneingeschränkt bei den Künstlern.

Im Sommer 2006 ging in Amsterdam SellaBand an den Start, eine Plattform, auf der Musiker ₤ 50.000 für die Aufnahme eines Albums einwerben konnten, indem sie ihren Unterstützern 5000 Anteile zu je ₤ 10 verkauften. Die Einnahmen aus dem Albumverkauf wurden später zwischen den Künstlern, den Investoren und SellaBand geteilt; außerdem erhielten alle Unterstützer die CD. 2009 wurde das Modell flexibler gestaltet. Anfang 2010 wurde das Unternehmen nach einer Insolvenz an deutsche Investoren verkauft.

Die größte Crowdfunding-Plattform der Welt, Kickstarter in den USA, ist seit 2009 online und wurde im Juni 2010 auch international bekannt, als das Leuchtturmprojekt „Diaspora“ – ein Startup von vier Studenten, die eine Alternative zu Facebook programmieren wollten – statt der angestrebten $ 10.000 über $ 200.000 einwarb. Sogar Facebook-CEO Mark Zuckerberg zählte zu den fast 6500 Unterstützern. Bis zum zweiten Jahrestag der Kickstarter-Gründung, Ende April 2011, wurden über 20.000 Projekte eingereicht, von denen ungefähr 7500 ihr Finanzierungsziel erreichten. Inzwischen bewegt Kickstarter gut $ 7.000.000 pro Monat. Jeden Monat werden über 2000 neue Vorhaben eingereicht, die um die Gunst von fast 600.000 registrierten Unterstützer werben. Die Unterstützer erhalten Prämien, aber grundsätzlich keine Gewinn- oder Unternehmensbeteiligung.

Crowdfunding im sozialen Bereich: Charity, Social Business und Social Enterprise

Auch im sozialen Bereich scheint das Konzept Crowdfunding immer stärker Fuß zu fassen. Ein Grund sind die hohen Verwaltungskosten und komplizierten Strukturen vieler großer sozialer Organisationen: Viele Förderer erwarten heute, dass ihr Geld nahezu vollständig bei den Personen ankommt, die sie unterstützen möchten. Sie suchen daher nach transparenten neuen Modellen mit möglichst geringem Overhead. Etliche soziale Projekte und Unternehmen erfüllen weitere wichtige Voraussetzungen für erfolgreiches Crowdfunding wie die Bereitschaft zum Dialog, und sie haben ein Interesse an einer breiten Verankerung in der Zivilgesellschaft. Neben die klassische Spende sind mittlerweile Unterstützungsformen getreten, bei denen die Geber ihre Investition zurück erhalten und ggf. auch Rendite machen können.

Die Plattform Kiva etwa bringt private Kleinkreditgeber in aller Welt und Kleinunternehmen in Entwicklungsländern zusammen (Peer-to-Peer-Kredite). Die Darlehen über jeweils mindestens $ 25 sind zinslos; die Geber handeln also nicht gewinnorientiert. Die Rückzahlungsquote liegt bei gut 98,6 %, sodass die Geber andererseits kaum etwas verlieren können. Rückgezahlte Kredite werden entweder in das nächste Kleinunternehmen reinvestiert oder an Kiva gespendet oder aus dem System herausgezogen. Insgesamt sind bis Anfang 2011 von gut 550.000 Kreditgebern über $ 200.000.000 an gut 500.000 Kleinunternehmen verliehen worden. Über 80 % der Kredite werden an Frauen vergeben.

Die Plattform ClearlySo vermittelt neben Investitionen in soziale Unternehmen auch Jobs in diesem Bereich. Die Betreiber unterscheiden zwischen Social Business, Social Enterprise und rein karitativen Einrichtungen. Ein Social Business verfolgt neben einer Gewinnerzielungsabsicht auch soziale, ethische oder ökologische Ziele, beispielsweise die Unterstützung alter oder behinderter Menschen, die Förderung des Umweltbewusstseins oder den Schutz der Meere. Investoren erwarten neben einer Beteiligung an den Unternehmensgewinnen auch eine soziale und/oder ökologische Rendite – beispielsweise Informationen über CO2-Emissionen oder Behandlungskosten, die durch ihre Investitionen vermieden wurden.

Ein Social Enterprise verfolgt ebenfalls wirtschaftliche Interessen, legt den Schwerpunkt aber auf stärker auf das soziale, ethische oder ökologische Ziel. Gewinne werden im Gegensatz zum Social Business grundsätzlich in das Unternehmen oder die Gemeinschaft reinvestiert und nicht ausgeschüttet. Investoren können daher ausschließlich mit einer sozialen und/oder ökologischen Rendite rechnen.

Eine Wohlfahrtsorganisation oder karitativen Einrichtung schließlich nimmt gar keine Investitionen, sondern nur Spenden entgegen. Auch hier gibt es „nur“ eine soziale und/oder ökologische Rendite.

Die deutsche Crowdfunding-Szene

In Deutschland gibt es seit Herbst 2010 Crowdfunding-Plattformen, die sich entweder auf Kreativ- und Technikprojekte beschränken oder sozialen Projekte vorbehalten sind oder aber Mischformen erproben. Die Szene ist zu dynamisch, um einen vollständigen Überblick zu geben.

Unter den deutschen Plattformen für Crowdfunding im sozialen Bereich ist Betterplace am bekanntesten. Sie wird von der gemeinnützigen gut.org gAG betrieben und leitet Spenden zu 100 % an die Projektbetreiber weiter. Der Betrieb der Plattform wird zum einen durch Zahlungen von Organisationen finanziert, die sich hier präsentieren wollen, und zum anderen durch Spenden von Förderern an eine Stiftung.

Gerade im sozialen Bereich ist es für potenzielle Unterstützer nicht leicht, integre und gut organisierte Initiativen von unseriösen oder undurchdachten Kampagnen zu unterscheiden. Daher setzt Betterplace auf Informationen, die die Unterstützergemeinschaft selbst beiträgt: Sogenannte Projektbesucher und -fürsprecher, die sich das Projekt vor Ort angesehen haben oder die Träger persönlich kennen, bürgen gewissermaßen für die Seriosität des Vorhabens. Die Unterstützer in diesem „Web of trust“ tauschen sich untereinander aus; je mehr Kommentare zu einem Projekt abgegeben wurden, desto leichter fällt neuen Unterstützern dessen Beurteilung. Diese Form von „wisdom of the crowd“, die in der einen oder anderen Form auf allen gut gemachten Crowdfunding-Plattformen zutage tritt, kann auch für Stiftungen und andere Geldgeber im sozialen Bereich ein gutes Indiz für die Förderwürdigkeit eines Vorhabens sein.

Die Online-Community MySherpas versucht den Spagat: Crowdfunding wird mit Fundraising verbunden; die Betreiber sprechen von „Crowdsponsoring“. Für Projekte aus dem Kultur- und Technikbereich gilt das übliche Alles-oder-Nichts-Prinzip: Die Gelder fließen nur dann, wenn die gesamte zur Realisierung erforderliche Summe zusammenkommt. Für die Vorhaben gemeinnütziger Organisationen ist dieses Prinzip jedoch außer Kraft gesetzt: Hier werden einfach innerhalb eines festen Zeitraums Spenden gesammelt, für die die Unterstützer Spendenquittungen erhalten können. Ob die unter Umständen recht unterschiedlichen Emotionswelten solcher Kampagnen kompatibel sind, wird die Zeit zeigen. Aber da viele soziale und ökologische Kampagnen mit kulturellen Werken wie Videofilmen beworben werden, lohnt es sich für Organisationen im sozialen Bereich, auch die eher auf Kulturprojekte ausgerichteten Plattformen im Auge zu behalten.

Fallstudien

Die wenigen erfolgreich abgeschlossenen sozialen Crowdfunding-Projekte in Deutschland sind bei weitem nicht so spektakulär wie die amerikanischen Leuchtturm-Projekte im Kreativ- und Techniksektor. Dennoch lassen sich aus ihnen einige Erfolgskriterien ableiten. So konnte der gemeinnützige Verein „Bulungi – Hilfe für Kinder in Uganda“ über die Plattform Betterplace bereits 16 Projekte abschließen, darunter die Anschaffung von Kleidung oder Betten für Schulkinder und die Schul- und Ausbildungsgebühren für einzelne Kinder und Jugendliche.

Dies gelang, weil der Verein transparent auftritt, seine Unterstützer umfassend informiert und einbindet und seine Vorhaben geschickt zuschneidet: Es geht stets um eine konkrete Verbesserung der Lebensumstände individuell erkennbarer Menschen, und das große Ziel wird in Module aufgegliedert, die auch einzeln realisierbar sind. Laufende Ausgaben wie der Unterhalt eines Altenheims wären für Crowdfunding hingegen nicht geeignet, da ihnen der Kampagnen-Charakter fehlt.

Die Synthese von Crowdfunding und Stiftungsgeldern wurde bereits erfolgreich erprobt: Auf der Plattform Startnext sammelten die Betreiber des Projekts „PODIUM 360 grad“ über 4440 Euro, um anspruchsvolle klassische Musik aus den Konzertsälen in Clubs zu bringen und so die Aufführungskultur zu verjüngen und zu erweitern. Der von der Crowd zur Verfügung gestellte Betrag wurde dabei von der Zukunftsstiftung Heinz Weiler verdoppelt.

Auch die Leonhard gGMBH bemüht sich um eine Verbindung von Crowdfunding und klassischer Anschlussfinanzierung. Für ihr Pilotprojekt „Leonhard – Unternehmertum für Gefangene“ warb sie zunächst durch Crowdfunding auf der Plattform MySherpas gut 26.000 Euro ein, um nach diesem Proof of Concept an Stiftungen, staatliche Fonds, Unternehmen und wohlhabende Privatpersonen heranzutreten, die den Fortbestand und Ausbau dieser unternehmerischen Qualifizierung von Strafgefangenen ermöglichen sollen.

Crowdfunding im Spiegel der Statistik und der Wissenschaft

Zum Jahreswechsel 2010/2011 wurden die ersten belastbaren Statistiken über Crowdfunding vorgelegt. So kam Gijsbert Koren, Mitautor eines niederländischen Buches über Crowdfunding als neue Form des Investierens, in seinem Blog „Smarter money“ nach Analyse der Zahlen zu dem Schluss, dass Crowdfunding sich tatsächlich als „robustes und flexibles Finanzierungsmodell“ erweist, wie es der Crowdsourcing-Experte Jeff Howe 2008 vorausgesagt hat.

Im Jahr 2010 haben einzelne Leuchtturm-Projekte in den USA ihren Betreibern sechsstellige Beträge eingebracht, in einem Falls sogar $ 1.000.000. Damit stoßen sie in eine Domäne vor, die bislang der Seed- und Venture-Capital-Finanzierung von Startups vorbehalten war. Besonders Kickstarter und die P2P-Kredit-Plattform Lending Club sind rasant gewachsen. Koren nimmt an, dass bis Ende 2010 weltweit bereits eine Milliarde US-Dollar durch Crowdfunding aufgebracht wurde – nicht einmal fünf Jahre nach der Geburt des Konzepts. Ihm zufolge könnten es Ende 2011 bereits zwei Milliarden und Ende 2012 fünf Milliarden US-Dollar sein.

Die Ökonomen Armin Schwienbacher und Benjamin Larralde, die sich mit der Finanzierung kleiner Unternehmen befassen, führen das Beispiel einer britischen Softwarefirma an, die derzeit per Crowdfunding in vier Finanzierungsrunden Anteile über insgesamt eine Million Pfund ausgibt. (Fn 5) Um nicht mit britischem Recht in Konflikt zu geraten, arbeitet sie eng mit der Finanzaufsicht zusammen und verkauft Anteile ausschließlich an handverlesene Interessenten, die genug Kapital und Erfahrung mitbringen.

Die Autoren betonen die Bedeutung des Web 2.0, das zum einen durch Reduzierung der Kosten für die Schaffung und Verbreitung von Inhalten einen Informationsüberfluss herbeigeführt hat, in dem Aufmerksamkeit zum neuen knappen Gut geworden ist, und zum anderen die Vernetzung von Menschen mit gemeinsamen Interessen erleichtert, deren Interaktion helfen kann, diese Flut zu filtern. Crowdfunding führt zahlreiche Unterstützer mit einer hohen intrinsischen Motivation zusammen, die zwar einzeln weniger ökonomisches oder technisches Fachwissen haben mögen als beispielsweise Business Angels, aber gemeinsam Allokationsprobleme oder Informationsasymmetrien oft effizienter beheben als kleine Expertenteams („wisdom of the crowd“).

Die Wirtschaftswissenschaftler Ajay Agrawal, Christian Catalini und Avi Goldfarb haben Anfang 2011 die „Geografie des Crowdfundings“ analysiert. Bei herkömmlichen Finanzierungen sind Unternehmer und Investoren oft in derselben Region angesiedelt, weil die Kosten, die beispielsweise mit der Beschaffung von Informationen über den potenziellen Partner verbunden sind, mit der Entfernung steigen. Beim Crowdfunding beträgt die mittlere Distanz zwischen Unterstützer und Unterstütztem hingegen 3000 Meilen, da das Web 2.0 einen großen Teil der entfernungsabhängigen Kosten eliminiert.

Dennoch gibt es geografische Effekte: Die ersten Investitionen werden meist von lokalen Unterstützern („family & friends“) getätigt, die ihren Informationsvorsprung bezüglich Geschäftsidee und Unternehmerpersönlichkeiten nutzen und so helfen, das „Kaltstart-Problem“ des Unternehmens zu überwinden. Später kommen nichtlokale Investoren hinzu, denen die bereits erfolgten oder zugesagten Investitionen anderer Mitglieder der Crowd als Indizien für die Förderungswürdigkeit des Projekts dienen. Dieses örtlich-zeitliche Schema ist häufig zu beobachten, ob die Gegenleistung für die Unterstützung nun immaterieller oder materieller Natur ist.

Paul Belleflamme, Thomas Lambert und Armin Schwienbacher (Fn 6) leiten aus ihrer empirischen Untersuchung und mathematischen Modellierung ab, dass Non-profit-Organisationen beim Crowdfunding besonders erfolgreich sind – wohl da sie keine hohen Gewinne ausschütten müssen und daher besonders hochwertige Leistungen und Produkte oder wertvolle „soziale Rendite“ anbieten können. Bei allen Projekten kommt es wesentlich darauf an, eine Gemeinschaft zu identifizieren oder zu schaffen, in der emotionaler und informationeller Mehrwert generiert wird. Die Unterstützer eines Projekts müssen stets abwägen, ob sie mit ihrem Engagement ein vertretbares Risiko eingehen. Dies ist der Fall, wenn Betrug („Take the money and run“) dem Projektbetreiber alles in allem, also unter Einberechnung von Reputationseffekten, weniger einbringt als die korrekte Realisierung des Vorhabens.

An deutschen Hochschulen läuft die Crowdfundung-Forschung gerade erst an. Zwei Gruppen an den TUs Chemnitz und Ilmenau informieren in Forschungsblogs über erste Studien.

Noch ist es zu früh, um das Potenzial von Crowdfunding-Modellen für die Finanzierung im sozialen Bereich seriös abzuschätzen. Sowohl soziale Einrichtungen als auch ihre Finanzierungspartner sind jedoch gut beraten, diese hoch dynamische Erscheinung im Blick zu behalten und mit ihr zu experimentieren.

Interview mit Götz Feeser, Relationship Manager der Triodos Bank

Communityfunding statt Crowdfunding

F: Herr Feeser, Crowdfunding ist in Deutschland noch ganz neu. Haben Nachhaltigkeits- und Sozialbanken bereits Erfahrungen mit verwandten Finanzierungsformen?

A: Ja. Bei der Finanzierung von Alternativschulen wird zum Beispiel gerne mit Kombinationen aus Bankkrediten und Solidargemeinschaften von Eltern und Lehrkräften gearbeitet, die sich zu Spenden-, Bürgen- oder Kreditgemeinschaften zusammenschließen. Im Unterschied zum Crowdfunding ist der Kreis der Unterstützer dabei jedoch nicht offen.

F: Inwiefern lassen sich solche Spenden- und Kreditgemeinschaften dennoch als Crowdfunding-Vorformen oder -Spielarten auffassen?

A: In beiden Modellen ermöglicht das finanzielle Engagement einer Vielzahl von Privatpersonen die Realisierung eines Projektes. Im Fall der Solidargemeinschaften stellt das verbindliche Engagement des persönlichen und beruflichen Umfeldes eines Projektes für die Bank eine zusätzliche Sicherheit dar, die Grundlage für eine Finanzierung sein kann.

F: Lassen sich solche Solidargemeinschaften mit Crowdfunding kombinieren? Erscheint Ihnen das sinnvoll?

A: Der Trend ist noch jung; eine Kombination kann ich mir jedoch durchaus vorstellen. Eine Solidargemeinschaft könnte zum Beispiel den Grundstein einer Finanzierung bilden. Vorrangig sind dabei die Einbringung von Kapital und gegebenenfalls die Haftungsübernahme, aber eine Solidargemeinschaft stellt zugleich eine vertrauensbildende Maßnahme dar. Aufbauend hierauf oder gleichzeitig kann das Projekt über Crowdfunding einen weiteren, offenen Kreis von privaten Anlegern ansprechen. Beide Finanzierungsformen – insbesondere, wenn sie vorrangig und eigenkapitalähnlich sind – könnten dann von einem Bankkredit ergänzt werden oder auch das Kriterium für die Förderung durch eine Stiftung sein.


1. Kappel, Tim, „Ex ante crowdfunding and the recording industry: a model for the U.S.?“, Loyola of Los Angeles Entertainment Law Review 29:375, 2009; Belleflamme, Paul, et al., „Crowdfunding: Tapping the Right Crowd“, Manuskript, 2011.

2. Belleflamme et al., 2011

3. So zum Beispiel bei den neuen Plattformen Symbid oder Crowdcube.

4. Schwienbacher, Armin, und Benjamin Larralde, „Crowdfunding of small entrepreneurial ventures“, Manuskript zu einem Kapitel im Handbook of Entrepreneurial Finance, Oxford, 2011.

5. Schwienbacher/Larralde, 2011.

6. Agrawal, Ajay, et al., „Geography of Crowdfunding“ (2011).

6. Belleflamme et al., 2011.

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3 Antworten auf Crowdfunding: ein neuer Finanzierungsweg – auch im sozialen Bereich?

  1. Jörg Mann sagt:

    Vielen Dank für diese wirkliche umfangreiche Information, die ich mir erlaube, via Link in mein Netzwerk weiter zu geben.

    Viele Grüße

    Jörg Mann
    http://www.coach-fuer-unternehmer.com

  2. Andrea Kamphuis sagt:

    Gern geschehen, und danke fürs Weitergeben. Ich habe mir erlaubt, den Zeichendreher im Link (http//: statt http://) zu korrigieren, damit Sie auch gefunden werden. :-)

  3. Pingback: stARTconference und stARTtogether – Social Media trifft auf Kunst und Kultur [Event] | gumpelMEDIA

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