Schließen Autoimmunerkrankungen und Allergien einander aus? Teil 2

Gestern habe ich von einer großen Studie aus dem Jahr 2006 berichtet, der zufolge Asthma bzw. die dahinter stehende Th2-Dominanz der Immunabwehr die Wahrscheinlichkeit des späteren Auftretens etlicher Autoimmunerkrankungen senkt. Einer ähnlichen Fragestellung gingen drei Jahre später italienische Forscher mit einer anderen Methodik nach:

Roberto Bergamaschi et al: Inverse relationship between multiple sclerosis and allergic respiratory diseases. Neurol Sci 2009, 30/2: 115-118, DOI: 10.1007/s10072-009-0036-8

Abstract: Die Entdeckung der Th17-Zellen, die sowohl Autoimmunerkrankungen als auch Allergien zu fördern scheinen, hat das alte Th1-/Th2-Paradigma in Frage gestellt. Die Autoren haben 200 Patienten mit der Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose (MS) und eine gleichgroße Kontrollgruppe auf die Prävalenz allergischer Atemwegserkrankungen  untersucht. Die MS-Patienten litten erheblich seltener unter allergischen Atemwegserkrankungen (odds ratio 0,30) und unter allergischer Rhinitis (Heuschnupfen, odds ratio 0,25) als die Kontrollgruppe. Außerdem war die MS bei Patienten, die zusätzlich Allergien hatten, im Durchschnitt schwächer als bei den Patienten ohne Allergien.  

Material und Methoden: Fall-Kontroll-Studie in der nordwestitalienischen Provinz Pavia; die 200 MS-Patienten wurden im MS-Zentrum eines neurologischen Instituts betreut; die Personen in der Kontrollgruppe stammten aus derselben Gegend.

Die Teilnehmer füllten unter ärztlicher Anleitung einen Fragebogen aus, in dem nach Asthma und asthmaähnlichen Symptomen, Heuschnupfen, Verhaltensweisen wie Rauchen, Umweltbelastungen im Beruf und im Haushalt (Haustiere, Kochen mit Gas usw.) sowie einer eventuellen Asthmatherapie gefragt wurde. Anschließend beurteilte ein Epidemiologe, der nicht wusste, ob die jeweilige Person MS hatte oder nicht, anhand der Fragebögen, ob allergische Atemwegserkrankungen vorlagen.

Bei den MS-Patienten wurden das Alter beim Ausbruch, die Dauer der Erkrankung, ihr klinischer Verlauf, neurologische Befunde (Skala: EDSS), die Schwere der Erkrankung (Skala: MSSS) und die frühere oder derzeitige Anwendung von Immuntherapien ermittelt.

Da allergische Atemwegserkrankungen in Norditalien bei 24 Prozent der Bevölkerung auftreten, mussten Fall- und Kontrollgruppe bei einem Signifikanzniveau von 0,05 und einer Teststärke von 80 Prozent je mindestens 194 Personen umfassen -> aufgerundet auf 200.

Bei der Abschätzung der Assoziationen zwischen den Atemwegsallergien und MS wurden folgende potenziellen Confounder berücksichtigt: Geschlecht, Alter, Raucher/Nichtraucher, Haustierhaltung, gemeinsames Schlafzimmer mit anderen Kindern in den ersten fünf Lebensjahren, Klinikaufenthalte wegen Atemwegserkrankungen in den ersten beiden Lebensjahren. Zudem wurde ermittelt, ob sich die MS-Merkmale (Alter beim Ausbruch usw.) zwischen MS-Patienten mit und ohne allergische Atemwegserkrankungen unterschieden.

Ergebnisse: 70 Prozent der MS-Patienten waren weiblich. Unter den MS-Patienten waren kaum weniger Raucher als in der Kontrollgruppe (25,8% vs. 29,5%). Die MS-Patienten hatten seltener allergische Atemwegserkrankungen (11,5% vs. 23,5%), allergische Rhinitis (9,5% vs. 23,5%) oder Asthma (2% vs. 3,5%) als die Kontrollgruppe. Außer beim Asthma waren die Unterschiede signifikant. Beim Asthma wurde der Trend deutlicher, als die Analyse um die Faktoren Haustiere, gemeinsames Schlafzimmer mit anderen Kindern vor dem 5. Lebensjahr und frühe Klinikaufenthalte wegen Atemwegserkrankungen korrigiert wurde.

Bei MS-Patienten brach das Asthma signifikant später auf als bei den Kontrollen (Mittelwerte: 34,5 vs. 18,3 Jahre). Bei keinem der MS-Patienten, aber bei 29,6% der Betroffenen aus der Kontrollgruppe war das Asthma vor dem 12. Lebensjahr ausgebrochen.

Hunde und Katzen wurden in den Haushalten der MS-Patienten ebenso häufig gehalten wie in den Haushalten der Kontrollgruppe, aber spätere MS-Patienten hatten als kleine Kinder seltener mit anderen Kindern im selben Zimmer geschlafen.

MS-Patienten, die außerdem allergische Atemwegserkrankungen hatten, unterschieden sich von Nur-MS-Patienten nicht signifikant, was das Alter des MS-Ausbruchs, die Erkrankungsdauer, den klinischen Verlauf der MS oder den Einatz von Immuntherapien anging. Die neurologischen Schäden (EDSS) und die Schwere des MS (MSSS) waren bei den MS-Patienten mit Atemwegsallergien schwächer als bei reinen MS-Patienten, aber die Unterschiede waren nicht signifikant.

Diskussion: Die Vorstellung, Th2-vermittelte Krankheiten wie Asthma und Heuschnupfen könnten vor Autoimmunerkrankungen schützen, beruht einer wohl allzu starken vereinfachten Modellvorstellung. Tatsächlich gehören die meisten Cytokin-Muster beim Menschen nicht eindeutig und ausschließlich zum Th1- oder zum Th2-Arm der erworbenen Immunabwehr. Die Th1- und die Th2-Reaktion sind vom genetischen Hintergrund und von Umweltfaktoren geprägt, die beide die Aktivität der regulatorischen T-Zellen beeinträchtigen und damit sowohl Autoimmunerkrankungen als auch Allergien fördern können.

Th17-Zellen zeichnen sich durch die Produktion von Interleukin 17 (IL-17) aus und haben sich evolutionsbiologisch vermutlich als Schutz vor Mikroben entwickelt. Aber IL-17 bekämpft nicht nur Mikroben, sondern wirkt sich auch auf Stroma-Zellen (Bindegewebe, Epithel usw.) aus, was zu einer Anlockung von Neutrophilen (weiße Blutkörperchen, die als „Fresszellen“ dienen) führt. Sie stellen also ein Bindeglied zwischen der erworbenen und der angeborenen Immunabwehr dar. Th17-Zellen scheinen maßgeblich an der Entwicklung von Autoimmunerkrankungen wie MS, aber auch von allergischen Erkrankungen wie Asthma und Heuschnupfen beteiligt zu sein. Demnach könnten Personen mit Autoimmunerkrankungen durchaus auch zu Allergien neigen.

Frühere Studien gelangten zu wiedersprüchlichen Ergebnissen. Die Autoren führen das unter anderem darauf zurück, dass dies keine Fall-Kontroll-Studien waren, dass Fragebögen nicht in Gegenwart entsprechend qualifizerter Ärzte ausgefüllt wurden und dass mögliche Confounder unberücksichtigt blieben.

Die vorliegende Studie weist darauf hin, dass zumindest einige Allergien einen gewissen Schutz vor Autoimmunerkrankungen bieten können und dass eine MS bei begleitender Allergie schwächer ausfällt. Man hat beobachtet, dass Th2-Zellen bei MS im Nervensystem zu einer Remyelinierung führen können, indem sie die antikörperproduzierenden B-Zellen stimulieren, die an der Reparatur von Myelinscheiden beteiligt sind. Das passt auch zu der Beobachtung eines stark verminderten MS-Schubrisikos in der Schwangerschaft, in der es einen Th1-Th2-Shift gibt, und zur Wirkung bestimmter MS-Medikamente, die dasselbe bewirken.

Es scheint aber Subtypen von allergischen Atemwegserkrankungen und Asthma zu geben, die nicht durch eine Th2-Dominanz geprägt sind, sondern durch Th17-Zellen („non-atopic non-Th2 type“). Diese Subtypen schützen vermutlich nicht vor MS.

5 Gedanken zu „Schließen Autoimmunerkrankungen und Allergien einander aus? Teil 2

  1. Alexander Otto

    Hallo Frau Kamphuis,

    heute Morgen haben die Google-Allerts ihren Blog in mein Postfach geschwemmt. Autoimmune BloggerInnen sind ja recht selten, also wurde ihr Feed abonniert.

    Anekdotisches zum Verhältnis Autoimmunität vs. Allegorie: Im Jahr meiner MS-Diagnose fiel mein Heuschnupfen einer Spontanheilung zum Opfer. Zunächst eine echte Erleichterung – im Nachgang kein wirklich gutes Geschäft.

    Beste Grüße aus Köln

    myelounge
    chefarztfraulicher:beobachter

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  2. Andrea Kamphuis Artikelautor

    Vielen Dank für diese Anekdote, Alexander Otto. Ja, ein schlechter Tausch, aber wir können es uns nicht aussuchen.

    Alles Gute und viele Grüße, ebenfalls aus Köln :-)
    Andrea Kamphuis

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  3. Laura Schüssler

    Hallo Frau Kamphuis,

    die Erfahrung von Alexander Otto scheint kein Einzelfall zu sein:
    Während meiner ersten Schwangerschaft stellten sich bei mir die ersten Heuschnupfensymptome und Allergien ein. Nach der darauf folgenden war es einfacher danach zu fragen, wogegen ich nicht allergisch war. Nach der dritten Schwangerschaft „erwarb“ ich ein allergisches Athma. 13 Jahre später stellte sich auch bei mir eine „Spontanheilung“ ein, woraufhin kurz danach die MS-Diagnose folgte, die mir nach 5 Jahren den Rollstuhl bescherte. Ebenfalls ein schlechter Tausch. Heute meine ich dass es so kommen musste, weil ich erst danach etwas an meinem Leben änderte – und habe seitdem einen Stillstand. Übrigens kann man mit einem Rolli sogar tanzen 😉 …

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  4. Angela J.

    Hallo Frau Kamphuis,

    auf der Suche nach einem Allergiemedikament, das mir keine Magenschmerzen und kein Herzrasen verursacht, bin ich auf diese Seite gestossen.
    Immer wenn der Frühling kommt und meine Allergie schlimmer wird, bekomme ich
    MS schübe. Da ich meinen guten Magen jedoch für das Azathioprin brauche, kann ich nur lokal die Allergie behandeln.
    Bei mir fingen die Allergie und die MS so gut wie gleichzeitig an und begleiten mich seit 34 Jahren. Durch das Azathioprin wurde meine Allergie in Hessen besser und ich hatte auch weniger Schübe, doch nach dem Umzug nach Schleswig Holstein wurde die Allergie und damit auch die MS schlimmer.
    Vielleicht haben Sie einen Tipp.
    Viele liebe Grüße

    Angela

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  5. Andrea Kamphuis Artikelautor

    Liebe Angela J.,
    mit dieser Problematik kenne ich mich überhaupt nicht aus. Mein Fokus liegt auf den biologischen Zusammenhängen, nicht auf Therapiemöglichkeiten. Tut mir leid, dass ich Ihnen da nichts empfehlen kann!
    Viele Grüße aus Köln und alles Gute
    Andrea Kamphuis

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