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Die Crux mit dem Storytelling, Teil 1: Helden aus der Mottenkiste

Im November habe ich das 11. Forum Wissenschaftskommunikation in Bonn besucht. Um es vorwegzunehmen: Mir war da zu wenig Kommunikationswissenschaft im Spiel; mir fehlte die evidenzbasierte kritische Selbstreflexion. Stattdessen gingen viele Teilnehmer gleich bei der ersten Keynote in einen seltsam aufgeregten Verteidigungsmodus: Die Rednerin, so schien es, wollte ihnen ihr Spielzeug wegnehmen!

Relax! Niemand will euch eure Eimerchen wegnehmen.

Das wollte Julika Griem, Erzählforscherin und Vizepräsidentin der DFG, natürlich keineswegs. Weder war ihre Rede (PDF) argumentfrei, wie im Nachgang behauptet wurde, noch hat sie sich pauschal gegen Storytelling und Events als Formen der Wissenschaftskommunikation ausgsprochen oder für eine Rückkehr in den Elfenbeinturm plädiert. Um Argumente wahrzunehmen, muss man allerdings zuhören – möglichst unvoreingenommen und mit der wohlwollenden Absicht, auch aus den nicht ganz so gelungenen Formulierungen den eigentlich gemeinten Gedanken herauszuschälen. Schließlich war Griem sehr kurzfristig für einen anderen Keynote Speaker eingesprungen, der verhindert war.

Zumutungen

„Zumutungen. Wissenschaftskommunikation und ihre Widersprüche“ – so hieß die Rede. Griem sprach von der Tendenz, Wissenschaft fast nur noch über Narrativisierung und Eventisierung zu kommunizieren: Nicht alles, was wir zu vermitteln haben, eignet sich für ein Storytelling oder für eine Kinderuni, und wenn wir es auf Biegen und Brechen doch versuchen, geht u. U. der Kern des wissenschaftlichen Tuns verloren; die Botschaften verschieben sich; Zerrbilder entstehen und verfestigen sich. Dann hat man wissenschaftliche Laien womöglich eine Weile gut unterhalten, ihnen aber nicht zugetraut oder eben „zugemutet“, intensiver über das Thema nachzudenken und etwas dazuzulernen.

Schnappatmung im Saal, Murren bei Twitter: Offenbar erschien diese Sorge vielen völlig abwegig. Ich hatte kurz zuvor einen Freund zu Gast, der sich seit vielen Jahren im Vereinigten Königreich in der Wissenschaftskommunikation engagiert und dort genau jene Dominanz beobachtet, von der Griem sprach: Ein Festival jagt das nächste; informative wissenschaftliche Vorträge für Erwachsene sind praktisch ausgestorben. Das zu kritisieren heißt nicht, Storytelling in Bausch und Bogen zu verdammen.

Nestel … Richard III. ist es etwas peinlich, gegen Julika Griem ins Feld geführt zu werden.

Ebenso wenig hat die Keynote des zweiten Tages, in der Turi King ganz hinreißend die Geschichte von der Entdeckung und genetischen Identifizierung der sterblichen Überreste von Richard III. erzählte, Griem widerlegt, wie einige Gäste triumphierend twitterten: Bei manchen wissenschaftlichen Entdeckungen drängt sich die Story, die man der Öffentlichkeit präsentieren kann, geradezu auf – bei anderen eben nicht. King selbst hat mehrfach betont, wie unwahrscheinlich es zu Beginn war, dass ihr Team den König wirklich finden würde. Wäre auch nur ein Glied in der Kette der glücklichen Zufälle gerissen, so wären wir nie in den Genuss dieser großartigen Keynote gekommen.

Die Kirche voll machen, bevor man predigt

Zurück zu Griem: Der Wissenschaftsjournalist Christoph Koch hat sie nach ihrer Rede auf dem Podium befragt und dabei auch eine Gegenposition vertreten: Henri Nannen zitierend, wies er darauf hin, dass man nun einmal die Kirche erst voll bekommen müsse, bevor man zur Predigt schreiten könne. Griem – selbst gewagten Vergleichen keineswegs abgeneigt! – störte sich an diesem Bild, da sie Wissenschaftskommunikation nicht als Predigt verstanden haben wollte, und antwortete nach meinem Eindruck ausweichend. Das ist schade, denn hier liegt m. E. der Hund begraben.

Früher war mehr Lametta!

Nehmen wir das Bild einmal ernst: Wie bekommt man eine Kirche voll? Hierzulande kaum noch, außer zum Weihnachtsgottesdienst. Zu groß ist das Konkurrenzangebot an bunten Bildern, erhebender Musik, Wärme, Gemeinschaftserleben und Sinnstiftung.

Aber früher waren Kirchen die einzigen Orte, an denen Menschen aus dem Volk überhaupt Bilder zu Gesicht bekamen: Fresken, Buntglas, Ölgemälde, geschnitzte Halbreliefs und Statuen, oftmals sehr bunt, oftmals in dramatischen Posen, oftmals über mehrere Stationen hinweg zu längeren Heils- oder Leidensgeschichten zusammengefügt, manchmal von komischen oder erotischen Randfiguren begleitet. Dazu noch Schummerlicht, Orgelmusik, einprägsame Liedtexte und Melodien.

So. Da sitzen sie nun und staunen, die Bauersleut und Marketenderinnen. Hoffentlich ist die Predigt nicht allzu lang und dröge: Die theologische Botschaft soll ja nicht vom Altarbild überstrahlt werden. Dieser Übergang zum Hauptteil der Veranstaltung ist nicht trivial – auch nicht in der Wissenschaftskommunikation, in der wir zwar nicht predigen, aber doch etwas vermitteln, also vielleicht Einstellungen, Verhaltensweisen oder wenigstens Kenntnisstände verändern wollen. Überzeugen, nicht überwältigen. Erklären, nicht verklären.

Heldengeschichten – alles andere als modern

Storytelling, das sind in der Praxis oft Geschichten nach dem Schema der Joseph Campbell’schen Heldenreise, wie sie in unzähligen Marketing-Kursen gelehrt wird. Und das hat nicht nur Vorteile, wie uns die Erzählforscherin Griem erklärte: „Das Abenteuer und die Jagd sind bis heute männlich codiert … Die Suche und die Sorgfalt haben dagegen … eine weibliche Aura.“

Ein Narrativ zieht uns umso leichter in sich hinein (transportiert uns, wie es in der Psychologie heißt), je enger es an kulturell verankerte Stereotype anknüpft. Und schwupp, schon ist es ein männlicher Einzelkämpfer, der eine Forschungsaufgabe überrnimmt, auszieht, sie zu lösen, Hindernisse überwinden muss und schließlich bahnbrechende Ergebnisse vorlegt. Wissenschaftliche Routine, Teamwork, Forscherinnen: Fehlanzeige. Man kann eine Story natürlich gegen den Strich bürsten, aber das geschieht selten – und oft um den Preis geringerer Aufmerksamkeit: Die Abweichung vom Schema schwächt die Resonanz mit den uralten Geschichten aus unserer kulturellen Überlieferung.

(c) Fred Van Lente und Ryan Dunlavey, 2005.

In dieser Illustration der zwölf Stationen einer Heldenreise habe ich alle Figuren weiß umkringelt, die ich als weiblich erkannt habe. Erstens: das Opfer am Marterpfahl, auf die Rettung durch den Helden wartend. Zweitens: die Verführerin, die den Helden vom Weg abzubringen versucht. Und drittens: die Nörglerin, die den gewandelten Helden nach geschlagener Schlacht verständnislos in Empfang nimmt.

Das ist, zugegeben, recht unschön … aber 2018 doch sicher anders, erst recht in der Wissenschaftskommunikation? Nun ja. Ich beschränke mich hier auf zwei aktuelle Beispiele, beide eingesammelt beim Forum Wissenschaftskommunikation.

Fehlt da nicht wer?

Eine Vorbemerkung, die mir besonders wichtig ist: Ich bin den Urheberinnen und Urhebern dieser beiden Beispiele dankbar für das Anschauungsmaterial und unterstelle ihnen ganz sicher keine Rückständigkeit. Mir geht es um strukturelle Probleme beim Geschichtenerzählen, nicht um individuelle Kritik.

Wissenschaftler-Karikatur von Elke Baulig, gezeigt auf dem Forum Wissenschaftskommunikation 2018

In dem Workshop „Kommen zwei Wissenschaftler in eine Bar“ ging es um Wissenschaftsvermittlung mit Humor. Dabei zeigt die Grafikerin Elke Baulig, wie man mit wenigen Strichen einen Menschen darstellt, den alle auf den ersten Blick als Wissenschaftler erkennen: bunt blubbernde Flüssigkeiten, weißer Kittel, großer Kopf mit üppigem Schnäuzer und wilden Resthaarbüscheln, Glupschaugen-Nerdbrille. Ja, sie funktioniert, diese Karikatur – aber sie reproduziert eben auch das Klischee, dessen sie sich bedient: Wissenschaft -> alter weißer Mann.

In der Session „Making-of: Einblicke in die Entwicklung von kreativen illustrativen Formaten der Wissenschaftskommunikation“ wurde unter anderem der Wissenschaftscomic von Jan Friesen und Skander Elleuche vorgestellt, aus dem die folgenden Bilder stammen. Ich saß leider in einer Parallelveranstaltung, habe aber die Tweets verfolgt und später eines der ausliegenden Hefte mitgenommen. (Hier gibt es den ganzen Comic als PDF.)

Diese Geschichte kennt gleich mehrere Helden: die Salzpflanze, die hier auf dem Cover einen Superhelden-Umhang trägt, vier Wissenschaftler namens Ahmed, Skander, Jan und Carsten, einen gütigen Sultan, der den Forschungsauftrag erteilt und finanziert, und schließlich einen niedlichen Dschinn, der uns die Forschung erklärt. Im Grunde gibt es in der Geschichte überhaupt nur Helden, und entsprechend heroisierend fällt die grafische Umsetzung bisweilen aus:

Die Story spielt teils in einem arabischen Ölstaat, teils in Deutschland. Auch die Darstellung der Locations bedient sich bei Stereotypen – um nicht zu sagen: strotzt vor Klischees. Da fehlt weder der sagenhafte Gold- und Juwelenreichtum des Scheichs, der selbstverständlich in einem Zelt in der Wüste lebt, neben dem Kamele angepflockt sind, noch die Schwarzwaldhütte, auf deren rustikalem Holztisch üppige Braten auf unsere Helden warten:

Die vier Forscherhelden mit den markigen Profilen, die in der Geschichte gemeinsam das Problem lösen, eine Salzpflanze umwelt- und sozialverträglich in Biosprit umzuwandeln, haben direkte Entsprechungen in der Wirklichkeit:

Ahmed, Jan, Carsten und Skander sind Koautoren eines Artikels, der 2017 in einem Fachjournal erschienen ist:

Augenblick. Was ist denn mit der fünften Person in der Autorenzeile? Sie wird im Comic mit keinem Wort erwähnt, geschweige denn bildlich dargestellt.

Sie ist …

… eine Frau.

Noch einmal: Ich unterstelle den Autoren keinerlei diskriminierende Absicht; es gibt bestimmt gute, ehrenwerte Gründe dafür, dass Ikram Belghith in dem Comic nicht auftaucht. Und auch sonst keine einzige Frau. (Außer der Schwiegermutter des Sultans, die unsichtbar im Hintergrund – ausgerechnet! – das Essen zubereitet.)

Aber ihr Verschwinden scheint mir, ebenso wie all die kulturellen Klischees, symptomatisch für viele Versuche, Wissenschaft als Heldenreise zu erzählen. Wir rekurrieren dabei nun einmal auf Erzählungen aus vormodernen Zeiten, in denen Gesellschaft anders organisiert war: weniger komplex, weniger kollaborativ, weniger global, weniger inklusiv, als es die Forschungslandschaft – bei allen verbleibenden Zugangsbarrieren – heute ist.

Mythen in Tüten

Bin ich einem Bias erlegen? Habe ich zwei atypische Beispiele vorgestellt? Zur Kontrolle zwei rasche Google-Bildersuchen: eine mit dem Suchterm comic scientist

Screenshot: Google-Bildersuche nach comic scientist

… und eine mit dem Suchterm hero scientist. Die Figuren, die ich als weiblich erkannt habe, sind jeweils markiert.

Screenshot: Google-Bildersuche nach hero scientist

Es gibt sie, die weiblichen, die nicht weißen, die unorthodoxen Identifikationsfiguren. Aber man muss sich bewusst für sie entscheiden. Folgt man beim Storytelling dem Schema F, so erzählt man die x. Geschichte heroischer Krieger, Jäger und Abenteurer, die mit den Protagonisten und dem Prozess heutiger Forschung nicht viel gemein hat.

Was kann schon schiefgehen? (Hint: einiges)

Nehmen wir einmal an, wir haben diese Klippe umschifft: Wir haben eine Story entwickelt, die einerseits genug Anklänge an die alten Erzählungen enthält, um in der Zuhörer- oder Leserschaft etwas zum Schwingen zu bringen, und die zum anderen die gröbsten Klischees vermeidet, um der modernen Wissenschaft halbwegs gerecht zu werden. Ist dann alles gut? Bekommen wir so die Kirche voll? Und vor allem: Bleiben die Leute bis zum Ende der Predigt?

„Schildkröten können dir mehr über den Weg erzählen als Hasen“, sagt ein chinesisches Sprichwort.

Das können wir als Kurzfassung des Elaboration Likelihood Model von Richard Petty und John T. Cacioppo lesen, dem zufolge Menschen sich auf zwei Wegen überzeugen lassen: auf der sogenannten zentralen Route durch ruhiges, langsames Durchdenken – und auf der peripheren Route durch Gefühle und einfache, schnelle Heuristiken.

Elaboration Likelihood Model, Darstellung von Philipp Guttmann, CC-by-sa 3.0/de

Narrative können im Prinzip beide Verabreitungswege ansprechen, aber da Transportation mit Gefühlen einhergeht und solche Gefühle „datensparsam“ und schnell wirken, appellieren die meisten Stories an die periphere Route. Sie entspricht in etwa Daniel Kahnemans und Amos Tverskys System 1, im Unterschied zu System 2, der zentralen Route. Die Ökonomie der peripheren Route hat ihren Preis: Wer sich nicht mühsam von etwas überzeugt hat, sondern mitgerissen wurde, lässt sich durch den nächsten emotional packenden Impuls von außen womöglich wieder umstimmen.

Die Beleglage zur Wirkung von Narrativen, Storytelling und Emotionalisierung auf die Zielgruppen von Wissenschaftskommunikation ist nicht allzu üppig und sehr heterogen. Kein Wunder, sind doch Geschichten außerordentlich komplexe Interventionen, die etwa in einem Labor-Setting auf Psychologie-Studentinnen anders wirken als draußen im Gewirr des Lebens auf Menschen, die neben 1000 anderen Einflüssen auch ab und zu eine Botschaft aus der Wissenschaft empfangen und womöglich erst Wochen später gefragt werden, woran sie sich erinnern und was die Botschaft mit ihnen gemacht hat.

Diese Evidenz stelle ich demnächst in weiteren Blogbeiträgen zusammen. Hier nur ein Teaser, der andeutet, dass Storytelling auch nach hinten losgehen kann:

Ein süßes Fuchskind – nicht dasjenige, das in der Studie verwendet wurde, sondern ein gemeinfreies (CC0)!

Danny Flemming, Ulrike Cress, Sophia Kimmig, Miriam Brandt und Joachim Kimmerle haben in ihrer 2018 publizierten Arbeit „Emotionalization in Science Communication: The Impact of Narratives and Visual Representations on Knowledge Gain and Risk Perception“ untersucht, welche der folgenden vier Interventionen das Wissen der Testpersonen über Füchse im städtischen Raum am stärksten verbessert – und welche überzogene Ängste am besten eindämmt: 1. eine Geschichte über das Leben des Fuchspärchens Freddy und Tina, ergänzt um das Foto eines niedlichen Fuchskindes, 2. dieselbe Geschichte ohne Foto, 3. eine Auflistung von Fakten über Füchse in der Stadt, illustriert mit dem Foto, und 4. die bloße Faktenliste ohne den niedlichen Jungfuchs. Wichtig dabei: Alle Varianten enthielten dieselben Informationen; diese wurden nur unterschiedlich dargeboten.

Wir können davon ausgehen, dass Variante 1 mit ihrem doppelten emotionalen Reiz am stärksten die periphere Route aktiviert und die besonders nüchterne Variante 4 am stärksten die zentrale Route. Beide nehmen sich nichts, was den Zuwachs an Wissen bei den Leserinnen und Lesern angeht. Und beide schneiden deutlich besser ab als die Varianten, die den emotionalen und den nüchternen Zugang zum Thema zu kombinieren versuchen. Vor allem eine Bulletpoint-Liste um eine süßes Tierfoto zu ergänzen, ist eine ziemlich schlechte Idee.

Befragt man die Testpersonen nicht nach ihrem Fuchswissen, sondern nach ihrer Einschätzung der Gefahren, die von Füchsen in der Stadt ausgehen, so schneidet die Faktenliste besser ab als Freddy und Tina – insbesondere mit Foto, aber auch in seiner nüchternsten Form. Die Geschichte allein, ohne Foto, steigert die Befürchtungen sogar.

Da haben wir den Salat: Wir haben eine Geschichte erzählt, um die Leute für urbane Füchse zu interessieren. Aber offenbar wäre eine karge calvinistische Mitteilung in einem zugigen Gemäuer wirksamer gewesen als alle barocken Verzierungen. Andererseits: Die Testpersonen waren gezwungen, sich die Predigten anzuhören; sie saßen bereits in der Kirche.

Die Kurve kriegen – aber wie?

Für bestimmte Zwecke mag es ausreichen, an die Unterhaltungslust zu appellieren und System 1 zu aktivieren. Wollen wir aber wissenschaftliche Evidenz vermitteln, also etwa Patientinnen und Patienten in die Lage versetzen, in Ruhe auf der Basis der Fakten zwischen mehreren Therapieoptionen zu wählen, oder Entscheidern die Essenz eine Metaanalyse an die Hand geben, so müssen wir System 2 unterstützen. Zuvor aber müssen wir unsere Adressaten in die Lage versetzen, den Fakten im Getöse der permanent auf die eindringenden Signale überhaupt Gehör zu schenken. Dabei können Geschichten helfen.

Nur: Wie kriegen wir die Kurve? Wie lenken wir sie von der peripheren Route, über die sie eingestiegen sind, auf die zentrale Route, die sie voranbringt? Braucht es einen gewissen Zeitabstand? Oder einen Weichenstellungs-Marker? Was, wenn unsere Zielgruppe aus System-1-affinen und System-2-affinen Menschen besteht, die auf unterschiedliche Interventionen am besten ansprechen?

All das heißt nicht, dass Wissenschaftskommunikatoren aufhören sollten, Geschichten zu erzählen. Sondern: dass es nicht trivial ist. Dass wir nicht einfach drauf los fabulieren sollten. Dass wir unsere Geschichten auf Klischees und blinde Flecken abtasten sollten, die ein vormodernes Bild von Wissenschaft und Gesellschaft vermitteln. Dass wir versuchen müssen, die Wirkungen unserer Geschichten auf unser Publikum zu erfassen und unsere Interventionen an die so gewonnen Erkenntnisse anzupassen.

Mit anderen Worten: Etwas mehr heiliger Ernst, bitte!

Mach Ernst!

 

(Fortsetzung folgt, sobald ich Zeit finde, Ordnung in den Evidenzwust zu bringen.)

Urlaubslektüre

Bevor sich hier wieder alles ums Immunsystem dreht, schreibe ich noch schnell auf, was ich im Urlaub gelesen habe.

Richard Fortey: Dry Store Room No. 1. The Secret Life of the Natural History Museum (2008)

Erworben habe ich das Sachbuch im März direkt vor Ort, im Shop des Natural History Museum. Eine sehr lesenswerte, kurzweilige Hommage an all die leidenschaftlich für ihr jeweiliges Forschungsgebiet brennenden, zum Teil skurrilen Figuren im „Backend“ des Museums; zugleich eine schonungslose Darstellung der Verheerungen des Thatcherismus und der neoliberalen Ideologie, der zufolge sich auch Grundlagenforschung rechnen muss, und des Niedergangs der Taxonomie. Auch die moderne Museumsdidaktik mit ihrem Faible für Klickibunti bekommt ihr Fett weg, ohne dass Fortey sich der Notwendigkeit einer Anpassung der Präsentationsformen an die heutige Zeit verschließen würde. Der Autor ist Paläontologe und hat vor allem Trilobiten erforscht; einige seiner Bücher wie „Leben. Die ersten vier Milliarden Jahre“ wurden auch auf Deutsch verlegt. Einiges wusste ich als Biologin natürlich schon, dennoch habe ich vieles gelernt. Nach meiner Einschätzung ist das Buch auch für Laien gut zu verstehen.

Georg Klein: Miakro (2018)

Ein literarischer Fantasyroman, den ich aufgrund einer positiven Besprechung gekauft habe. Fesselnd von der ersten bis zur letzten Seite, sprachlich ein Genuss, bis in die Kapitelüberschriften hinein – endlich einmal deutsche Gegenwartsliteratur, die künstlerisch, aber nicht manieriert wirkt; ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben. Der dystopische Roman löst atmosphärisch das ein, was ich mir von der kürzlich unter Qualen zu Ende gelesenen „Auslöschung“ von Jeff VanderMeer erhofft hatte; auch im Plot gibt es Parallelen. Den erzähle ich hier nicht nach, denn das könnte dem allmählichen Aufbau der Verstörung und Verwirrung bei der Lektüre Abbruch tun.

Wilkie Collins: Die Namenlosen. Neu übersetzt von Sebastian Vogel (2017)

Manche Leute haben schon verrückte Hobbies. Mein ehemaliger Übersetzerkollege, der Kölner Biologe Sebastian Vogel, übersetzt und verlegt in seiner Freizeit Romane. „Vergessene Schätze der englischen Literatur“ heißt die Reihe, die er über den Dienstleister Epubli vertreibt. Dieser Backstein hat gut 750 Seiten, und ich hatte zunächst Sorge, ob ich ihn nach den anderen beiden Büchern noch schaffe. Dank einiger Ruhetage war das aber gar kein Problem; das anfangs sehr gemächliche Erzähltempo steigert sich, und die Geschichte entwickelt einen richtigen Sog: Man will wissen, ob das alles noch irgendwie gut (oder wenigstens glimpflich) ausgeht. Soweit ich das beurteilen kann, hat Sebastian Vogel den viktorianischen Tonfall sehr gut getroffen. Nur das Vorwort von Collins kam mir ziemlich gedrechselt vor, was aber dem Original entsprechen mag.

Die positiven Besprechungen bei Lovelybooks geben einen guten Eindruck vom Buch. Wilkie Collins vertritt für seine Zeit einen durchaus progressiven, gesellschaftskritischen Standpunkt, was die Rolle der Frau in der Gesellschaft angeht. Dennoch musste ich bei einigen der Betrachtungen über das „moralische Wesen“ von Frauen und Männern, die er seinen Figuren in den Mund legt, im übertragenen Sinn in eine Tüte atmen. Bei einigen Passagen vor allem im ersten Drittel hatte ich auch den Eindruck, dass sich die Rezeptionsgewohnheiten für Unterhaltungsromane in seiner Zeit gerade erst herausbildeten, denn er nimmt seine Leserinnen und Leser regelrecht an die Hand: Er erklärt mehr und ausführlicher, als es heute üblich ist, und verstößt eklatant gegen die damals wohl noch nicht allgemein gültige Schreibregel „Show, don’t tell“. Aber solche Beobachtungen mindern das Lesevergnügen ja nicht. Ich fühlte mich jedenfalls angenehm in die Zeit zurückversetzt, als ich noch Herzschmerzromane für den Cora-Verlag übersetzt habe: Collins ist eindeutig einer der Urväter dieses Genres.

Lediglich angefangen habe ich mit Daniel Kahnemanns „Schnelles Denken, langsames Denken“, das sich ebenfalls kurzweilig liest, aber an einigen Stellen schlecht gealtert ist – etwa da, wo sich der Autor auf das kürzlich in Ungnade gefallene Stanford marshmallow experiment bezieht.

Da ich mich in den letzten Jahren intensiv mit Framing-Effekten auseinander gesetzt habe, sind mir einige der zentralen Konzepte und Erkenntnisse bereits vertraut. Gefallen hat mir, dass der Autor „System 1“ und „System 2“ ganz klar als Metaphern bezeichnet, als sprachliche Abkürzungen, und sie nicht zu echten Modellen aufzublasen versucht.

CORRECT!V deckt auf: Es gibt Menschen, deren Hobby Sex ist

Und schon wieder ein blogthemenfernes Zwischenspiel:

Liebes Correctiv-Team,

eigentlich mag ich keine Stücke, die sich als offene Briefe gerieren. Ich neige auch nicht dazu, Abonnements oder Mitgliedschaften zu kündigen, nur weil mir mal ein Artikel gegen den Strich geht. Aber als Correctiv-Mitglied muss ich jetzt deutlich werden.

Ihr habt „EXKLUSIV“ aufgedeckt, dass eine Kandidatin auf der Landesliste der NRW-AfD sich als Hobbyhure angeboten hat. Zum Beleg illustriert ihr euren Artikel mit einem Screenshot von Kaufmich.com. Und ihr behauptet, eure Enthüllung habe Nachrichtenwert, weil die Kandidatin durch ihre Vergangenheit erpressbar sei. (Man könnte fast meinen, ihr hättet der AfD einen Gefallen tun wollen, denn mit der Erpressbarkeit ist es spätestens jetzt vorbei.)

Mit Verlaub: Ihr verhaltet euch wie Dreizehnjährige, die mit roten Öhrchen in der „Happy Weekend“ blättern und mit der Erkenntnis ringen, dass Sex in allerlei Spielarten seit Urzeiten ein ganz normaler Zeitvertreib für ganz normale Menschen ist. Mich erinnert das an die verkrampfte Skandalisierung der angeblichen Vergangenheit der Ehefrau eines Bundespräsidenten vor wenigen Jahren. Und? Was wäre, wenn? Wenn eine Politikerin oder Politikergattin etwa bei einem offiziellen Anlass einem ehemaligen Kunden begegnet? Dann lächelt sie freundlich und sagt: „Weißt du noch, damals?“, und er sagt: „Ja, war schön“, und dann beugen sich beide wieder über ihr Spargelschaumsüppchen.

Was? Das ist naiv? Unsere Gesellschaft ist noch nicht so weit? Nun, diese Gesellschaft, die noch nicht so weit ist, besteht aus Typen wie euch, die noch nicht so weit sind. Indem ihr „so etwas“ problematisiert, reproduziert ihr die Schwierigkeiten, die ihr zu dokumentieren behauptet. Das ist genau die unehrliche, scoop- und klickgeile Meta-Boulevard-Berichterstattung, die mich in der „Qualitätspresse“ stört – und die in unabhängigen Projekten wie Correctiv nun wirklich nichts zu suchen hat.

Die Frage, ob ein Outing, wie ihr es betrieben habt, journalistisch angezeigt sein kann, wurde schon vor Jahrzehnten an weit schwierigeren Fällen ausführlich diskutiert. Man könnte es vielleicht noch rechtfertigen, wenn die Kandidatin erstens mächtig und berühmt wäre und zweitens eine Politik zu verantworten hätte, die in offenem Widerspruch zu ihrem Tun stünde. Ich habe das NRW-Wahlprogramm der AfD durchsucht: Mit keinem Wort wendet sich die Partei darin gegen Prostitution oder gegen andere Formen von einvernehmlichem Sex zwischen Erwachsenen. Von einem solchen Widerspruch kann also nicht die Rede sein.

Ob eine von euch zur „Spitzenfrau“ stilisierte, weitgehend unbekannte Kandidatin auf Platz 10 der Landesliste in ihrer Freizeit vögelt oder Stockrosen züchtet oder alte Traktoren restauriert, kann uns egal sein. Ihr habt keinen Missstand aufgedeckt, wie es euer Motto verheißt, sondern euch wie Anfänger in euren vermeintlichen Scoop verrannt. Ich bin gespannt, wie professionell ihr diese Sache nachbereitet. Mindestens ein Lastschriftmandat hängt davon ab.

Frauenfeind Fischer? Der Sargnagel-Effekt

Es wird mal wieder Zeit für einen blogthemenfremden Einschub: Mich wundert und ärgert die Zustimmung, die ein übergriffiger, infamer und dümmlicher Text in Teilen meiner Filterblase erfährt, die ich für klüger gehalten habe.

Es geht um einen „Brief“ an Bundesrichter Thomas Fischer mit dem Titel Er packt noch eins drauf, den die Autorin Simone Schmollack am 18. März in der taz veröffentlicht hat. Zwei der drei Attribute sind schnell abgehandelt: übergriffig (Beispiel: „Ich nahm Sie mit ins Bett“) und infam (das „ergaunerte“ Haus). Kommen wir zur Dümmlichkeit. Fast muss man sich sorgen, dass die Behauptung, Herr Fischer hätte ein generelles Problem mit Frauen, allmählich Realität wird, wenn er immer wieder auf schreibende Frauen trifft, die offenkundig sehr wenig verstanden haben und auf dieser Grundlage munter Urteile fällen.

Gerade haben wir die Stefanie-Sargnagel-Empörungswelle hinter uns. Zumindest in meiner Filterblase war schnell ein Konsens erzielt: nicht nur über die widerlichen, vielfach sexuell aufgeladenen Gewaltfantasien und Aufrufe zu „Aktionen“ gegen die Autorin, nicht nur über den Irrsinn der Sperrung von Sargnagels Facebook-Seite, sondern auch über die Interpretation des Textes, der die Welle ausgelöst hatte: Wer das, was eine Schriftstellerin veröffentlicht, für bare Münze nimmt, für ungebrochene autobiografische Wahrheit, auf deren Basis man sie moralisch verurteilen kann, hat einen Knall. Das gilt auch, wenn man den Text nicht für rundum gelungen, ja selbst dann, wenn man ihn für schlechte Literatur hält.

Wenn aber Thomas Fischer, der immer wieder den experimentellen, assoziativen Charakter seines Schreibens betont hat, etwa über Beate Zschäpes „teigiges Gesicht“ schreibt oder im Gespräch mit Frau Schmollack von einer „pickligen Tante“ spricht, „die nicht reden will“ – dann muss er das wohl genau so meinen in seinem Frauenhass?

In anderen seiner Texte gelingt den meisten Leserinnen und Lesern das Verstehen mühelos: wenn Fischer etwa die Durchsuchung, bei der Volker Beck mit Drogen erwischt wurde, als „gewiss rein zufällig“ bezeichnet. Oder wenn er sinngemäß schreibt, Arbeitnehmer oder Käufer gingen mit den Rechtsabteilungen von Großkonzernen doch sicher Kontrakte auf gleicher Augenhöhe ein, die sie als souveräne Individuen in allen Weiterungen durchschauten. Dann ahnen die meisten, so hoffe ich: Er meint es anders. Er paraphrasiert, was Menschen und Medien so von sich geben. Er gibt Wahrnehmungen und Meinungen Dritter wieder und hofft, dass wir den Unsinn als solchen erkennen.

Das macht, neben den profunden juristischen und rechtssoziologischen Ausführungen, den Reiz der Kolumnen aus: Da schreibt jemand, der beispielsweise mit unserer bigotten Drogenpolitik, mit einer auf einem Auge blinden und auf dem anderen umso schärfer hinsehenden Exekutive, mit der oberflächlichen, sich in Frisurbeschreibungen ergehenden Prozessberichterstattung oder mit dem Schulterzucken der Justiz gegenüber den ganz großen Schweinereien in der Wirtschaft grundsätzlich nicht einverstanden ist. Jemand, der unter der markttotalitären Deformation von Individuen und ihren Beziehungen leidet. Wenn er etwa Lohfink als geradezu grotesk fremdbestimmt beschreibt, hat das meines Erachtens mehr mit diesem Unbehagen an der kapitalistischen Deformation selbst intimster, beispielsweise sexueller Beziehungen zu tun als mit seinem Frauenbild.

Das muss man nicht mögen, und man muss es nicht für große Kunst halten. Ich finde gewiss nicht jede Formulierung gelungen und kann mir auch nicht jede Ruppigkeit und jeden Hohn mit dem eben dargestellten literarischen Mittel erklären. Die Kolumnen wechseln oft abrupt zwischen Überspitzung, paraphrasierten Fremdurteilen, eigenen Einschätzungen, Kalauern und juristischen oder soziologischen Analysen. Bei flüchtiger Lektüre, wie online nun einmal üblich, fliegt man da schon mal aus der Kurve. (Beim Verfassen wohl auch.)

Aber man sollte zumindest imstande sein, ein wesentliches Stilmittel der Kolumnen als solches zu erkennen, und dem Autor zumindest versuchsweise zugestehen, dass er uns mit seinen Paraphrasen einen Spiegel vorhalten möchte. Dabei hilft übrigens kein mitlaufendes Band: Man kann aus unverfälschten O-Tönen ganz wunderbar einen tendenziösen Interviewtext zusammenschustern, der die vorgefasste eigene Meinung zu belegen scheint.

Natürlich ist auch meine Interpretation nur eben dies: eine Interpretation. Ich kann mich irren. Wenigstens das sollten alle, die demselben Kurzschluss erlegen sind wie Frau Schmollack, auch bezüglich ihrer eigenen Deutungen einmal in Erwägung ziehen.

Bürgerwehr-Sturmtrupps – und Klaus Mann

Vorweg, erstens: Ich behalte mir vor, die Kommentarfunktion zu diesem Beitrag – notfalls auch im ganzen Blog – zu sperren, und bei der Freischaltung von Kommentaren mache ich von meinem Hausrecht Gebrauch. „Zensur“? Geht woanders spielen.

Vorweg, zweitens: Eigentlich wollte ich an diesem Wochenende viele neue Erkenntnisse zum Immunsystem bloggen, in Zeichnungen umsetzen und ins Buchmanuskript einarbeiten. Aber es fällt mir zur Zeit schwer, mich darauf zu konzentrieren. Ich wohne übrigens in Köln.

Vollpfosten gründen Bürgerwehren

Ich weiß: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Viele Hunde, die bellen, beißen nicht (manche aber doch). Von einer Absichtserklärung bei Facebook oder in anderen sozialen Medien bis zur nachhaltigen gesellschaftlichen Praxis ist es ein weiter Weg. Dennoch beunruhigt es mich, dass im Lauf der letzten Tage Kölner „Bürgerwehren“ und „Sturmtrupps“ wie Pilze aus dem Boden schießen. Die meisten haben bisher überschaubaren Zulauf; der Polizei ist die Entwicklung bekannt; sie behält die Gruppen im Auge.

Wer sind, was wollen diese Bürgerwehren?

Es sind Security-Männer des Kölner Großbordells „Pascha“ darunter und ein Stabsunteroffizier der Bundeswehr. Bodybuilder, gescheiterte Existenzen, auch einige sympathisierende Frauen, Telefonsexarbeiterinnen, Angestellte der chemischen Industrie, Selbständige. Anonymen Kommentaren zufolge sympathisieren auch Polizisten mit diesen Bestrebungen, aber das kann hohles Geschwätz sein. Viele Personen treten mit Klarnamen und plausiblen, bereits lang geführten Facebook-Profilen auf, aus denen sich zum Teil die Genese ihrer Frustration ableiten lässt. (Der Stabsunteroffizier etwa hat 2015 mehrere Hundert nicht auszahlbare und nicht abzufeiernde Überstunden angesammelt – einen Teil davon bei Einsätzen an den nordrhein-westfälischen „Drehscheiben“ für Flüchtlinge.)

Der Gründer des „Sturmtrupps“ trägt die Tätowierung „Legio Patria Nosta“ auf seinem breiten Kreuz, das Motto der Fremdenlegion. Manche treten mit Phantasienamen wie „Wächter Midgards“ auf und nennen „Zukunft – Volk – Familie – Heimat – Gemeinschaft“ als ihre Werte, was sich mit der an den Mund geführten Bierdose auf dem Profilbild offenbar reibungslos verträgt. Einer dieser Kämpfer für die Frauenrechte hat anstelle eines Porträts den Spruch „Ein Foto von mir würde dich nur unnötig geil machen“ eingestellt. Einer hat ein Youtube-Video gepostet, das „Hier siehst du ein man der ein Esel sexuell penetriet“ heißt. Ein anderer meint: „Weshalb wurde der Messerstecher auf die Bürgermeisterin überhaupt festgenommen? Sie ist es doch selber Schuld gewesen, denn sie hatte keinen Abstand gehalten!“ Ein weiterer erklärt: „Ich hoffe, die deutschen Medien wissen jetzt auch, warum in solchen Ländern wie Syrien, Ägypten, Iran die Polizei so hart ran geht. Diese Leute vom Sexmob bekommen da die Schwänze abgeschnitten. Und das ist auch richtig so.“ (Orthografie korrigiert)

Sie wollen regelmäßig durch die Straßen Kölns patrouillieren, um „unsere Frauen“ vor sexuellen Übergriffen durch „Rapefugees“ zu schützen. Sie rekrutieren gezielt in Türsteher- und Kraftsportler-Kreisen. Sie verabreden bereits erste Termine für „Spaziergänge“. Zum Teil möchten sie mit der Polizei kooperieren (die sich dafür ganz herzlich bedanken wird, ebenso wie die meisten Frauen). Zum Teil erklären sie freiheraus: „Scheißt auf die Bullen, unsere Frauen brauchen jetzt Schutz, also lasst uns loslegen“ (Orthografie korrigiert). Sie machen keinen Hehl daraus, dass sie „auch mit G…“ vorgehen möchten, was in diesem Kontext nur „Gewalt“ heißen kann.

Hier manifestiert sich ein Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen, eine Aufkündigung der Akzeptanz des staatlichen Gewaltmonopols in einem beängstigenden Ausmaß. Was mich phasenweise etwas beruhigt, ist die beinahe flächendeckende Dummheit dieser Gestalten – angefangen bei einer Rechtschreibung, die von funktionalem Analphabetismus nicht weit entfernt ist – was sie nicht daran hindert, das Internet vollzuschreiben. Das Ganze macht bislang einen zwar aktionistischen, aber planlosen Eindruck: Kinder in Männerkörpern spielen Blockwart.

„Du kommst nie zur Macht!“

Aber als ich gestern jemandem von diesen Möchtegern-Bürgerwehren erzählte, erinnerte er mich an Klaus Mann. Der entdeckte 1932 in der Carlton-Teestube Hitler am Nebentisch, sah ihm aus nächster Nähe beim Verdrücken mehrerer Erdbeertörtchen zu, studierte sein Gesicht und lauschte seinem Geschwätz. Er nahm ihn als „bösartigen Spießer“ bar jeder Größe oder Begabung wahr und kam zu dem Schluss: „Du wirst nicht siegen, Schicklgruber, und wenn du dir die Seele aus dem Leibe brüllst. Du willst Deutschland beherrschen? Diktator willst du sein – mit der Nase? Daß ich nicht kichere! […] Laß dir nur noch ein Erdbeertörtchen kommen, Schicklgruber – es ist wohl das fünfte? –; in ein paar Jahren kannst du dir’s nicht mehr leisten; ein Bettler, ein Vergessener wirst du sein, in ein paar kurzen Jährlein. Du kommst nie zur Macht!“ (Klaus Mann, „Der Wendepunkt“)

Er hat seinen Irrtum bitter bereut.

Ich bin verunsichert. Meine Zuversicht, dass solche Vollpfosten unserer Gesellschaft nicht ernsthaft gefährlich werden können, ist seit Monaten dahin, und die letzte Woche hat das Unbehagen verstärkt. Unser Staat wird vorerst mit ihnen fertig, keine Frage. Aber das Misstrauen gegenüber den staatlichen Institutionen, der Presse und der Politik, das von den „Ereignissen“ der Silvesternacht, der bräsigen Desinformationsstrategie der Polizeileitung und eben dem Gebrüll der tapferen Bürgerwehr-Mannen geschürt wird, hat sich nach meinem Eindruck in weiten Teilen der Bevölkerung festgefressen, die diesen Staat trägt … solange sie überzeugt ist, dass er seine Sache gut macht.

Was, wenn die Bürgerwehr-Klappspaten ihren Goebbels finden?

Das vorgeburtliche Immunsystem: nicht unreif, sondern aktiv tolerant

In der Immunologie entwickeln sich die Techniken und mit ihnen im Idealfall auch die Einsichten so schnell, dass fünf oder gar zehn Jahre alte Arbeiten meist zum alten Eisen gehören. Aber es gibt Ausnahmen. Manches Konzept taucht irgendwann wieder aus der Versenkung auf, in der es verschwunden war, weil es zur Zeit seiner Entstehung nicht überprüft und weiterentwickelt werden konnte. Das gilt zum Beispiel für die Hypothese vom geschichteten oder gestaffelten Immunsystem, der layered immune system hypothesis, die 1989 von Leonore und Leonard Herzenberg aufgestellt wurde.

Die Schichten oder Phasen sind dabei ursprünglich sowohl stammes- als auch individualgeschichtlich zu verstehen. Auch wenn der Name Ernst Haeckel nirgends fällt, schwingt dessen biogenetisches Grundgesetz mit, also die Rekapitulationsregel: „Die Ontogenese rekapituliert die Phylogenese.“ In seiner dogmatischen Form war dieses „Gesetz“ nicht zu halten, und Haeckel hat der Sache mit seinen didaktisch geschönten grafischen Darstellungen keinen Gefallen getan.

Aber nach wie vor gilt: Je jünger ein Embryo, desto weniger spezifische Züge seiner Art trägt er, und desto mehr Züge hat er noch mit ähnlich frühen Entwicklungsstadien entfernt verwandter Arten gemeinsam – Züge, die evolutionär älter sind als die gattungs- und artspezifischen Ausdifferenzierungen der späteren Entwicklungsstadien. Auf das Immunsystem bezogen hieße das zum Beispiel: Die Elemente der evolutionär älteren angeborenen Abwehr bilden sich im werdenden Individuum früher heraus als die Bestandteile der evolutionär jüngeren erworbenen Abwehr.

Schon bei den Herzenbergs und erst recht in den neueren Arbeiten, die sich auf die Hypothese beziehen, steht aber die Ontogenese, die Embryonalentwicklung, im Vordergrund. Die Entwicklung des individuellen Immunsystems wird traditionell als Reifung verstanden: Vor der Geburt ist das System unreif – im Sinne von unterentwickelt oder nicht funktionstüchtig; nach der Geburt reift es durch den Kontakt mit Antigenen aus der Umwelt heran; im Alter erschöpft es sich.

In den letzten Jahren mehren sich aber die Anzeichen, dass das menschliche Immunsystem bereits weit vor der Geburt Funktionen erfüllt – nur eben andere als nach der Geburt. Die Geburt markiert also nicht den Beginn der Aktivität, sondern eine Änderung des Aufgabenprofils, die mit einer Änderung der zellulären Zusammensetzung und der „Gestimmtheit“ des Immunsystems einhergeht: mit dem Rückbau einer Ebene und dem Ausbau einer anderen.

Die Entwicklungsphasen der tolerogenen Immunität durch fetale T-Zellen und der aggressiven Immunität durch adulte T-Zellen überlappen sich. Nach Burt 2013, Abb. 1

Die Entwicklungsphasen der tolerogenen Immunreaktionen durch fetale T-Zellen und der aggressiven Immunreaktionen durch adulte T-Zellen überlappen sich. Nach Burt 2013, Abb. 1

Die für eine Ebene oder Phase des Immunsystems typischen Lymphozyten besiedeln die Lymphorgane und die Peripherie nicht kontinuierlich, sondern in Wellen. Ein Beispiel sind die beiden B-Zell-Populationen, die bei Mäusen zu unterschiedlichen Zeiten auftauchen, von unterschiedlichen hämatopoetischen Stammzellen im Knochenmark abstammen und unterschiedliche Eigenschaften haben: In neugeborenen Mäusen dominieren die B-1-Zellen, die vor allem in der Bauchhöhle vorkommen; bei erwachsenen Mäusen herrschen B-2-Zellen vor, die schlagkräftigere Antikörper produzieren.

Auch das T-Zell-Repertoire entwickelt sich in Wellen. Wie bereits besprochen, entstehen beim Menschen während der 9. Schwangerschaftswoche zunächst γδ-T-Zellen, die bei Erwachsenen nur noch etwa fünf Prozent der T-Zellen ausmachen. Ab der 10. Woche werden αβ-T-Zellen produziert, und zwar sowohl zyto­to­xi­sche T-Zellen (CD8+) als auch CD4+-T-Zellen, die entweder zu Helferzellen oder zu regu­la­to­ri­schen T-Zellen (Tregs) werden. Die frühen CD4+-T-Zellen haben eine starke Neigung, sich – manchmal schon im Thymus, zu einem großen Teil aber erst in der Peripherie – zu Tregs zu entwickeln und fortan besänftigend auf das restliche Immunsystem einzuwirken.

Vor allem im zweiten Schwangerschaftsdrittel wimmelt es im Körper des werdenden Kindes von Tregs. In der 24. Schwangerschaftswoche machen sie 15 bis 20 Prozent aller CD4+-T-Zellen aus, während es bei der Geburt nur noch 5 bis 10 Prozent und bei Erwachsenen unter 5 Prozent sind. Fehlen sie, etwa aufgrund eines genetischen Defekts im Treg-typischen Gen FoxP3, so kommt es bereits kurz nach der Geburt zu einer massiven, viele Organe umfassenden Autoimmunreaktion (IPEX). Erst im dritten Trimester werden die tolerogenen fetalen T-Zellen allmählich von aggressiveren adulten T-Zellen abgelöst.

Das kam für viele Forscher überraschend, denn man hatte die Entwicklung der erworbenen Abwehr jahrzehntelang fast nur an Labormäusen erforscht, bei denen die T-Zell-Produktion knapp vor der Geburt anläuft und nicht bereits im ersten Trimester. Die ersten Tregs verlassen den Mäuse-Thymus sogar erst am dritten Tag nach der Geburt. Dieser grundlegende Unterschied zwischen Mensch und Maus ist – wie so vieles – mit der ebenso grundverschiedenen life history der beiden Arten zu erklären.

So, wie das mütterliche Immunsystem während der langen Schwangerschaft beim Menschen vor der Herausforderung steht, den (halb)fremden Fetus nicht abzustoßen, muss auch der Fetus mit (halb)fremden Eindringlingen zurechtkommen, nämlich mütterlichen Zellen und Antikörpern. Mikrochimärismus – der Einbau von Zellen aus der Mutter in den Organismus ihres Kindes ebenso wie der Einbau von Zellen des Kindes in den Organismus seiner Mutter – ist bei Menschen und anderen großen, langlebigen Säugetieren weit verbreitet und in den allermeisten Fällen völlig harmlos: Das Immunsystem lernt rechtzeitig, dass diese Zellen von nun an dazugehören, und die Einwanderer integrieren sich anstandslos. Zu ihnen zählen auch mütterliche Immunzellen aller Art, etwa Monozyten, natürliche Killerzellen, T- und B-Zellen. In den fetalen Lymphknoten präsentieren einige von ihnen den Immunzellen des Kindes mütterliche Antigene.

In der Mythologie ist die Chimäre ein Wesen, das vorne Löwe, in der Mitte Ziege und hinten Drachen ist. Wir alle sind Chimären: Unser Körper enthält Zellklone, die aus unseren Müttern stammen.

Die Chimäre der Mythologie ist vorne Löwe, in der Mitte Ziege und hinten Drache. Wir alle sind Chimären: Unsere Körper enthalten Zellklone, die aus unseren Müttern stammen.

Neben mütterlichen Zellen dringen auch mütterliche Antikörper in den Fetus ein, und zwar massenhaft: Gegen Ende der Schwangerschaft ist die Konzentration von mütterlichem Immunglobulin G (IgG) im Fetus höher als im mütterlichen Blut. Über die Muttermilch nimmt das Neugeborene weiter IgG auf. Diese Antikörper schützen das Kind in den ersten Lebensmonaten vor Infektionen. Antikörper sind bekanntlich Proteine und als solche nicht nur Waffen, sondern zugleich Ziele der Abwehr – sofern das Immunsystem nicht lernt, sie zu tolerieren.

Außer mütterlichen Antigenen tauchen währen der Entwicklung des Fetus auch immer wieder neue Gewebstypen und Organe auf und mit ihnen Autoantigene, auf die das Immunsystem nicht aggressiv reagieren darf. Und die bakterielle Flora, die unsere Haut und unsere Schleimhäute unmittelbar nach der Geburt besiedelt, muss zwar in ihre Grenzen verwiesen, aber ansonsten toleriert werden. Ähnliches gilt vermutlich für einige Pathogene, etwa Viren, die die Schutzwälle rings um den Fetus überwinden und ihn bereits vor der Geburt chronisch infizieren können: Auch sie müssen zwar eingedämmt, dürfen aber nicht aggressiv bekämpft werden, weil das für das werdende Kind das Ende bedeuten würde.

Die zentrale Toleranz durch die negative T-Zell-Selektion im Thymus reicht für diese Herunterregulierung der Abwehr offenbar nicht aus: Auch in der Peripherie muss Frieden gestiftet werden. Naive fetale CD4+--T-Zellen müssen sich bei Bedarf schnell zu antigenspezifischen Tregs weiterentwickeln können. Dazu brauchen sie Signale aus der TGF-β-Familie, die tatsächlich in fetalen Lymphknoten in viel höherer Konzentration vorliegen als in adulten Lymphknoten. Auch können sich fetale Tregs, wenn sie in den Lymphknoten mit Interleukin 2 angeregt werden, stark vermehren, selbst wenn ihre T-Zell-Rezeptoren gerade nicht durch das passende präsentierte Antigen stimuliert werden – was bei adulten Tregs eine strikte Voraussetzung für die Zellteilung ist.

Auch wenn sich fetale und adulte Tregs äußerlich zum Verwechseln ähneln: Sie stammen – wie Experimente an „humanisierten“ Mäusestämmen zeigen – von unterschiedlichen hämatopoetischen Stammzellen ab, haben unterschiedliche Genexpressionsprofile und Aktivierungsschwellen und gelangen in der Peripherie in unterschiedliche Signal-Landschaften, die ihr Verhalten und ihre weitere Entwicklung in entsprechende Bahnen lenken.

Einige Vertreter der Hypothese vom mehrschichtigen oder gestaffelten Immunsystem meinen, die individuell unterschiedliche Neigung zu Autoimmunerkrankungen, Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten könne mit dem Mischungsverhältnis zwischen fetalen und adulten T-Zell-Populationen zum Zeitpunkt der Geburt zusammenhängen: Neugeborene, die nur noch wenige fetale, tolerogene T-Zellen aufweisen und dafür bereits sehr viele aggressive T-Zellen vom adulten Typ, könnten im kritischen Zeitfenster nach der Geburt eine bleibende Neigung zu Überreaktionen auf Autoantigene und harmlose fremde Antigene ausbilden.

Die Hypothese vom layered immune system ist nach wie vor umstritten, wie die Diskussion zwischen Mold und Anderson (s. u.) zeigt. Aber sie passt zu den Arbeiten über die Hemmung des bereits voll einsatzfähigen neonatalen Immunsystems durch CD71+-Zellen (junge rote Blutkörperchen), die ich hier vor einigen Monaten in zwei Beiträgen besprochen habe: Offenbar kommen wir – zumindest immunologisch – keineswegs so unreif auf die Welt, wie man früher annahm. Wieder einmal zeigt sich, dass Menschen keine groß geratenen Mäuse sind.

Literatur (chronologisch)

Herzenberg, L. A., & Herzenberg, L. A. (1989). Toward a Layered Immune System. Cell, 59, 953-954. (PDF)

Mold, J. E., & McCune, J. M. (2011). At the crossroads between tolerance and aggression: Revisiting the “layered immune system” hypothesis. Chimerism,2(2), 35–41. http://doi.org/10.4161/chim.2.2.16329

Mold, J. E., & Anderson, C. C. (2013). A discussion of immune tolerance and the layered immune system hypothesis. Chimerism, 4(3), 62–70. http://doi.org/10.4161/chim.24914

Burt, T. D. (2013). Fetal Regulatory T Cells and Peripheral Immune Tolerance in utero: Implications for Development and Disease. American Journal of Reproductive Immunology (New York, N.Y. : 1989), 69(4), 346–358. http://doi.org/10.1111/aji.12083

Loewendorf, A. I., Csete, M., & Flake, A. (2014). Immunological considerations in in utero hematopoetic stem cell transplantation (IUHCT). Frontiers in Pharmacology, 5, 282. http://doi.org/10.3389/fphar.2014.00282

Yang, S., Fujikado, N., Kolodin, D., Benoist, C., Mathis, D. (2015). Immune tolerance. Regulatory T cells generated early in life play a distinct role in maintaining self-tolerance. Science, 2015 May 1;348(6234):589-94. http://doi.org/10.1126/science.aaa7017

 

Kamelhaardecke

Ich sitze im Arbeitszimmer, eingehüllt in einen seltsamen Geruch: nach Keller und Mottenkugeln.

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Ich würde unsere Familie nicht als traditionsbewusst bezeichnen. Meine Eltern waren nicht gläubig, die christlichen Feiertage wurden halt der Kinder wegen gefeiert. Gelebt, gewohnt, gekleidet und gekocht wurde modern: funktional, nüchtern. Aber auch bei uns gab es Gründungserzählungen – zum Teil unbewusst weitergetragen und dadurch umso wirkmächtiger, bis heute.

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Dass die Familie meiner Mutter Anfang 1945 aus Posen geflohen ist, habe ich hier schon im Januar berichtet – genau siebzig Jahre nach dem letzten Brief meines Großvaters. Durch die Flucht haben meine Großmutter und ihre drei Kinder fast alles verloren; meine Mutter hat sich auf einem offenen Wagen lebensgefährlich unterkühlt. Die Kälte im Januar 1945 und die Mittel, mit denen sich die Menschen gegen sie zu wappnen versuchten, spielen in den Überlieferungen vieler Familien eine große Rolle. Bei uns macht sich das an einer großen Kamelhaardecke fest, die die Familie vor dem Erfrieren bewahrt hat. Es gibt sie längst nicht mehr, aber seither gelten Decken im mütterlichen Familienzweig als besonders wichtiger Besitz und als wertvolle Geschenke.

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Seit Jahrzehnten schleppe ich bei jedem Umzug Decken mit mir herum. Eine mit einem Art-Déco-Muster, von der ich nicht einmal weiß, von welchem Familienzweig sie stammt; ich tippe auf die väterliche, niederländische Seite. Eine „echte Peter-Hahn-Lamahaardecke“. Eine orange-weiße Kunstfaserdecke aus den 1970er-Jahren, mit der meine Schwester und ich Kuschelhöhlen gebaut haben. Und eine ganz schlicht in ein schwarzes, ein cremeweißes und zwei graue Viertel unterteilte Wolldecke, die vermutlich meine Mutter ausgesucht hat (modern, funktional, nüchtern). Obwohl ich sie fast nie gebraucht habe, konnte ich mich nicht von ihnen trennen. Denn: Decken sind wichtig. Familiendecken sind sakrosankt. Da in meinen kleinen Zimmern oder Wohnungen selten Platz für sie war, waren sie fast immer in Kellern untergebracht, was ihnen leider gar nicht gut getan hat.

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Daher der seltsame Geruch in meinem Arbeitszimmer: Ich lüfte sie aus, um sie wegzugeben. In einer Notunterkunft für Geflüchtete im nahen Stadtteil Bilderstöckchen, der seinem Namen zum Trotz so gar nichts Idyllisches an sich hat, werden dringend Decken benötigt: In der Turnhalle wird es nachts richtig kalt. Und so versuche ich, den Kellergeruch aus den Decken zu vertreiben, damit sie endlich wieder das tun, wozu sie gemacht sind: Menschen wärmen.

Die Dialektik der Familiendecken-Tradition: Ich pflege sie, indem ich sie aufgebe.

Kleidung für Refugees – aber in welcher Größe?

Ich helfe zur Zeit gelegentlich in den Kleiderkammern der Kölner Johanniter und der Drehscheibe am Kölner Flughafen dabei, gespendete Kleidung zu sortieren. Blöderweise bin ich nahezu Gender-blind, wenn die Sachen nicht gerade mit rosa Glitzer verziert sind. Auch die uneinheitlichen Größenangaben verwirren mich.

Um wenigstens mit den Größen besser zurechtzukommen, habe ich Tabellen zusammengestellt, die ich ausdrucken, ggf. laminieren und zum Sortieren mitnehmen kann. Falls es auch anderen Helfern so geht: Bitte bedient euch. Die neun Seiten sind sortiert nach den Kategorien Schuhe, Damen, Herren sowie Kinder/Jugendliche.

Kleidergrößen

Obergrenzen

Art 1

(1) Die Würde der ersten 20 Menschen, die jeden Monat in einer Gemeinde zur Welt kommen, ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

(2) Teile des Deutschen Volkes bekennen sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung montags bis donnerstags zu den üblichen Bürozeiten als unmittelbar geltendes Recht. (Erster Donnerstag im Monat: langer Donnerstag.)

Art 2

(1) Jeder Zweite hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.

(2) 99 Prozent haben das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit dieser Personen ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.

Art 3

(1) Fast alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

(2) Männer und Frauen sind nahezu gleichberechtigt. Der Staat fördert nach Maßgabe seiner Möglichkeiten die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung einiger bestehender Nachteile hin.

(3) Niemand, der nachweislich stets eine Eins in Betragen hatte, darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden, es sei denn, seine gesellschaftliche Teilhabe verursacht Kosten.

Art 4

(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich, sofern es sich nicht um den jüdischen, den islamischen oder den Glauben an die Wandelbarkeit der Verhältnisse handelt.

(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet, außer freitags.

(3) Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden, sofern nicht gerade Not am Mann ist. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.

Art 5

(1) Jeden Tag haben 2000 Bürger das Recht, ihre Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Alle anderen: Einfach mal die Kresse halten. Eine Zensur dieser 2000 Äußerungen findet nicht statt.

(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend, in dem Recht der persönlichen Ehre und in Horst Seehofer.

(3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind in den ersten sieben Monaten eines jeden Jahres frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.

Art 8

(1) Alle Deutschen, deren Nachnamen mit A bis P beginnen, haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln.

(2) Für Versammlungen unter freiem Himmel kann dieses Recht durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes beschränkt werden.

(3) Kriegs- und Bürgerkriegsflüchtlinge haben sich generell unter freiem Himmel aufzuhalten.

Art 9

(1) Alle Deutschen mit akkuratem Haarschnitt haben das Recht, Vereine und Gesellschaften zu bilden.

(2) Vereinigungen, deren Zwecke oder deren Tätigkeit den Strafgesetzen zuwiderlaufen oder die sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder gegen den Gedanken der Völkerverständigung richten, sind verboten, sofern nicht wenigstens eines ihrer Mitglieder V-Mann ist.

(3) Das Recht, zur Wahrung und Förderung der Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen Vereinigungen zu bilden, ist für jedermann und für alle Berufe bis auf die Lokführer gewährleistet. Abreden, die dieses Recht einschränken oder zu behindern suchen, sind nichtig, sofern sie nicht von Andrea Nahles veranlasst wurden.

Art 10

(1) Das Briefgeheimnis sowie das Post- und Fernmeldegeheimnis sind bei Verwendung handgeschöpfter Büttenpapiere unverletzlich.

(2) Beschränkungen dürfen nur auf Grund eines Gesetzes angeordnet werden. Dient die Beschränkung dem Schutze der freiheitlichen demokratischen Grundordnung oder des Bestandes oder der Sicherung des Bundes oder eines Landes, so kann das Gesetz bestimmen, daß sie dem Betroffenen nicht mitgeteilt wird und daß an die Stelle des Rechtsweges die gelegentliche stichprobenartige Nachprüfung durch McKinsey tritt.

Art 11

(1) Alle Deutschen genießen Freizügigkeit im ganzen Bundesgebiet mit Ausnahme Sachsens.

(2) Dieses Recht darf nur durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes und nur für die Fälle eingeschränkt werden, in denen eine ausreichende Lebensgrundlage nicht vorhanden ist oder es zur Abwehr eines innerparteilichen Führungskonflikts geboten scheint.

Art 14

(1) Das Eigentum und das Erbrecht alteingesessener Familien werden gewährleistet. Inhalt und Schranken werden durch die Gesetze bestimmt.

(2) Eigentum von Immobilien mit bis zu 80 qm Wohn- oder Arbeitsfläche und Vermögenswerten bis zu 90.000 Euro verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.

(3) Eine Enteignung ist nur zur Erschließung neuer Braunkohletagebauflächen, nicht aber zum Wohle der Allgemeinheit zulässig.

Art 16

(1) Die deutsche Staatsangehörigkeit darf nicht entzogen und sollter daher besonders sparsam zuerkannt werden.

(2) Kein Deutscher darf an das Ausland ausgeliefert werden, sofern nicht alle Beteiligten zu dauerhaftem absolutem Stillschweigen verpflichtet werden können.

Art 16a

(1) Jährlich bis zu 8.000 politisch Verfolgte genießen Asylrecht.

Usw. usf.

Flucht und Hilfe

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Urgroßvater, Großmutter, Großvater, Urgroßmütter und meine Mutter, 1939

Gestern sind wir aus Polen zurückgekommen. Dort haben wir unter anderem den Ort besucht, aus dem meine Großmutter, meine Mutter, meine Tante und mein Onkel vor gut 70 Jahren, am 20. Januar 1945, geflohen sind: Janowiec Wielkopolski. Das Haus steht noch, die Straße hat sich kaum verändert.

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Das Geburtshaus meiner Mutter in Janowiec Wielkopolski, 76 Jahre später

Fast alle deutschstämmigen Bewohner von Jannowitz sind damals gleichzeitig aufgebrochen, mit demselben Ziel: Berlin. Meine Mutter, mit neun Jahren das älteste der drei Kinder, saß auf der ersten Etappe der Flucht vorne auf dem Bock eines offenen Wagens und hat sich dort so schwer unterkühlt, dass die Familie den Treck verlassen musste, um sie in einem Militärlazarett behandeln zu lassen.

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Meine Großmutter und ihre drei Kinder auf der Flucht, vermutlich am Bahnhof Schneidemühl

Im Nachhinein erwies sich die Zwangspause als Glücksfall: Bei der Fortsetzung der Flucht kam meine Großmutter an einem Bahnhof (vermutlich in Schneidemühl, heute Piła) mit dem jungen Soldaten Martin Zareba ins Gespräch, der dringend von der Weiterreise nach Berlin abriet und anbot, die vier stattdessen in seiner kleinen Wohnung in Herzberg im Harz einzuquartieren. Meine Großmutter hat sich dort nur schwer eingelebt und – wie alle Flüchtlinge – von den Einheimischen nicht nur Freundlichkeit erfahren, aber sie blieb in Herzberg bis zu ihrem Tod.

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Nach der Flucht: Martin Zareba mit meiner Mutter (2. v. l.) und ihren Geschwistern in Herzberg

Martin Zareba hat in meiner Großmutter und ihren Kindern nicht einfach Fremde gesehen, deren Schicksal ihn nichts anging, sondern Menschen in Not, und er hat sich spontan entschlossen, ihnen zu helfen. Was aus ihm wurde, weiß ich nicht. Vermutlich starb er nach einem kurzen letzten Heimaturlaub an der Front. Vielleicht ahnte er, dass es so kommen würde:

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„Herzberg, d. 8. 2. 45. Ich bestätige hiermit Frau Gertrud Tiedtke, daß ich Ihr meine Wohnung u. Inventar auf unbestimmte Zeit zur Verfügung gestellt habe. Gren. Martin Zareba“

Die letzten Briefe meines Großvaters, der vermutlich zwi­schen dem 18. und dem 23. Februar 1945 bei der völlig aussichts- und sinnlosen Verteidigung der Festung Posen starb, habe ich bereits im Januar veröffentlicht. Unvergesslich der Satz: „Meine Gedan­ken sind sehr oft bei Euch, nur weiß ich nicht, wen sie bei Euch antref­fen.“

Mitte August, auf dem Soldatenfriedhof von Poznan, zwischen den Gräbern all dieser 19-, 20-, 23-jährigen Russen und Polen und Briten, musste ich an einen anderen Satz denken, den er am 31. Januar 1945 schrieb: „Heute früh war es mir bei­nah schlecht gegan­gen, aber im rich­ti­gen Moment kal­tes Blut und eine ordent­li­che Por­tion Glück hilft über die unmög­lichs­ten Situa­tio­nen hinweg.“ Man muss wohl davon ausgehen, dass sein Glück das Unglück eines anderen war: dass es dann eben einer dieser jungen Russen war, dem es „schlecht erging“.

Sowjet-Soldatenfriedhof

Einer von vielen, denen es „schlecht ergangen“ ist.

Mein Großvater, der 1930/1931 im polnischen Heer gedient hatte und ab 1943 im deutschen, ist nicht geflohen, als es noch möglich war – vermutlich aus Sorge um seine Familie, vielleicht auch aus Treue zum nationalsozialistischen Regime oder aufgrund seines Ehrverständnisses. Ich wünschte, er hätte weniger „ehrenvoll“ gehandelt und rechtzeitig die Beine in die Hand genommen. Vielleicht gäbe es dann wenigstens ein Grab.

Deutscher_Soldatenfriedhof

BFF_1508_ButtonOrange2-300x300Die Initiative „Blogger für Flüchtlinge“ sammelt Spenden für Flüchtlinge und unterstützt Flüchtlingsinitiativen. Vielen Dank an Carla, Nico und die anderen Initiatoren!