Archiv der Kategorie: Allgemein

Facebook-Seite „Friendly Fire – das Autoimmunbuch“ schließt

Vor 12 Tagen habe ich die Löschung angestoßen, übermorgen wird sie endgültig vollzogen: Facebook drängt Menschen, die ihre Seiten löschen wollen, nämlich eine 14-tägige Bedenkzeit auf. Das mag sinnvoll sein, um Affekt-Taten zu verhindern. Bei mir ist es aber keine Laune und auch keine Reaktion auf die Datenschutz-Grundverordnung oder gar (in paranormaler Weitsicht) auf das heutige Urteil des Europäischen Gerichtshofs zur Datenschutz-Mitverantwortung der Betreiber von Facebook-Fanseiten.

Vielmehr ist auf der Seite all die Jahre herzlich wenig passiert: Sie hat über NetworkedBlogs (einen Dienst, der gerade ebenfalls seine Pforten schließt) halbwegs zuverlässig auf die Beiträge hier im Blog hingewiesen – halbwegs, denn manchmal wurden Abbildungen nicht in die Vorschau übernommen. Originäre Facebook-Seiten-Beiträge habe ich nur selten verfasst, und Interaktion gab es auch kaum.

Ich glaube, das war für alle langweilig und für mich ein Klotz am Bein – denn irgendwie nagte es immer an mir, dass ich aus der Seite so wenig machte. Niemand wird sie vermissen. Rest in peace, „Friendly Fire“ bei Facebook!

Vortrag: Die Abwehr steht! Immunzellen als Teamplayer

Im Lauf der nächsten Monate extrahiere ich aus Band 1 einige Vortragsthemen – das ist wegen der Zeichnungen sinnvoller als reine Lesungen. Den Anfang macht eine etwa 40 Minuten lange, allgemein verständliche und angstfreie Einführung in die Arbeit unserer unterschiedlichen Immunzellen – angstfrei, weil nicht Krankheiten, sondern die normalen Tätigkeiten der Zellen im Fokus stehen.

Der Vortrag hangelt sich an 15 Karikaturen entlang, die ich in kleinerer Runde als A2-Blätter an eine Tafel hängen und in größerer Runde auf eine Leinwand projizieren kann. Vortragsanfragen (etwa von Selbsthilfegruppen) schicken Sie bitte an kontakt@immunbuch.de.

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Seminar am 13. Juni: Schilddrüsenfunktionsstörungen und Psychosomatik

Am 13. Juni findet im Haus der Brandenburgischen Ärzteschaft in Potsdam ein dreistündiges Seminar mit dem Titel „Schilddrüsenfunktionsstörungen – Brücken von der Psychosomatik zur Allgemeinmedizin“ statt. Referent ist der Facharzt Dr. Thomas Lintzen, der sich seit vielen Jahren insbesondere mit der Wechselbeziehung von Morbus Basedow und psychischen Belastungen beschäftigt. Die Kosten betragen 55 Euro, und noch sind offenbar Plätze frei. Hier geht es zur Anmeldung.

Dr. Lintzen machte mich auch auf Studien von Atsushi Fukao aufmerksam, etwa die 2011 erschienene Arbeit „The thyroid function of Graves‘ disease patients is aggravated by depressive personality during antithyroid drug treatment„. Demnach können eine begleitende Psychotherapie oder die Gabe von Antidepressiva die Remission bestimmter, nämlich depressiver und daher mehr negative Belastungen erlebender Patienten mit Morbus Basedow die Chancen auf eine Remission durch die medikamentöse Behandlung verbessern. Das ist jetzt eine stark verknappte und sehr oberflächliche Zusammenfassung meinerseits. Ich hoffe, ich finde demnächst Zeit, mich näher damit zu beschäftigen.

Ein Grund zum Feiern

Liebe Freundinnen und Bekannte, Leserinnen und Interessenten, Kolleginnen und Nachbarn,
Band 1 ist fertig. Das muss gefeiert werden!

Donnerstag, 17.05.2018, 20–22 Uhr

Buchladen Neusser Straße (Neusser Str. 197, 50733 Köln)

Quatschen und stöbern – Gelegenheit zum Bücherkauf (kein Zwang!) – kurzer Vortrag

Bitte nach Möglichkeit bis zum 13. Mai formlos anmelden unter kontakt@immunbuch.de

„Undelivered Mail Returned to Sender“ und andere Botschaften

Vor zehn Tagen habe ich alle Unterstützer meiner Crowdfunding-Kampagne von 2011 angeschrieben, um zu erfragen, ob sie in der Danksagung namentlich erwähnt werden möchten. Etliche Mail-Adressen gibt es offenbar nicht mehr – was nach sieben Jahren, einigen Pensionierungen, Berufswechseln usw. nicht verwunderlich ist. Nach meinem zweiwöchigen Urlaub versuche ich die neuen Adressen zu ermitteln. Sollte zufällig jemand diese Zeilen lesen, der zum Unterstützerkreis gehört und keine Mail erhalten hat: Ich freue mich über ein kleines Lebenszeichen per Mail, das mir die Adressrecherche erleichtert!

Auch bei allen, die mir so nett geantwortet haben, melde ich mich nach dem Urlaub. Ein Ausdruck des gesetzten PDFs begleitet mich übrigens, denn für einen Korrekturgang finde ich zwischendurch bestimmt Zeit. Und wenn ich wieder da bin, probiere ich meine Cover-Idee aus.

Carpe diem

Jetzt ist es geschehen: Eine Unterstützerin der Crowdfunding-Kampagne, die ich 2011 für mein Buch durchgeführt habe, ist ihrer Krebserkrankung erlegen. Da ich nicht weiß, ob es ihr recht wäre, nenne ich keinen Namen. Vielleicht verlinke ich später auf einen Nachruf, der andernorts erscheint.

Ich bin traurig und erschüttet, und ich bedaure sehr, dass ich ihr die Prämie – das fertige Autoimmunbuch – nun auf ewig schuldig bleibe. Niemals hätte ich gedacht, dass sich das Lesen, Konzipieren, Schreiben und Zeichnen so lange hinziehen würden. Das Einzige, was ich tun kann: weitermachen.

Und nebenbei das Leben nicht vergessen, denn wir wissen nicht, wie viel Zeit uns vergönnt ist.

Wie Lymphknoten entstehen

Mit dem Werden und Vergehen des Thymus im Lebensverlauf habe ich mich bereits ausführlich beschäftigt, etwa hier. Im letzten Beitrag habe ich die Herkunft der Lymphgefäße skizziert. (Kurz: Sie entstehen größtenteils durch Abknospung von Endothel, also Blutgefäßwänden, aus einigen Hauptadern des Embryos; in einigen Organen und Geweben tragen aber auch andere embryonale Zellen zu den Lymphgefäßen bei.) Weiter geht es mit der Entstehung den Lymphknoten.

Wer Autoimmunerkrankungen verstehen will, sollte Lymphknoten nicht ignorieren

Warum interessiert mich das überhaupt? Das Lymphsystem erfüllt im Wesentlichen drei Aufgaben: Erstens schafft es Flüssigkeit, die aufgrund des Blutdrucks aus den Kapillaren austritt und das Gewebe anschwellen lässt, in die größeren Blutgefäße zurück – jeden Tag etwa drei Liter. Zweitens transportiert es Proteine und vor allem Fette, die unser Verdauungssystem aus der Nahrung gewonnen hat, aus der Darmschleimhaut in den Blutkreislauf. Und drittens – jetzt wird es relevant für’s Buch – führt es den Lymphknoten, gewissermaßen den Kontaktbörsen des Immunsystems, Antigene und Immunzellen zu, und es schickt die dort von den Antigenen aktivierten Immunzellen in das Blut zurück, von dem sie sich an ihre Einsatzorte verfrachten lassen.

Neben den normalen Lymphknoten, die während der Embryonalentwicklung an vordefinierten Stellen entstehen, bilden sich im Körper später auch bedarfsgesteuerte Strukturen: zum einen kurz nach der Geburt die sogenannten Peyer-Plaques in der Darmschleimhaut, die dem Management unserer Beziehungen zur Darmflora dienen. Und zum anderen ein Leben lang improvisierte Lymphknötchen in der Nähe von Entzündungsherden, sogenannte tertiäre lymphatische Organe (TLO). Sie verkürzen die Transportwege für Antigene und Immunzellen und machen so die Bekämpfung der Entzündungsauslöser effizienter. Für das Buch habe ich sie als Feldlager skizziert.

Bei einer akuten Infektion ist das gut – aber bei einer chronischen Autoimmunerkrankung verstärkt es leider die Reaktion des Immunsystems auf körpereigene Antigene. Zudem unterstützen TLOs bei vielen Autoimmunerkrankungen ausgerechnet die schädlichen autoreaktiven Immunzellen, während sie andere, nützliche Immunzellen abweisen (siehe „Ärger mit dem Passwort“). Solche tertiären Lymphstrukturen entstehen im Prinzip ähnlich wie die normalen Lymphknoten, nämlich durch einen Dialog von Immunzellen und lokalen Bindegewebszellen. Daher sehen wir uns zunächst die normalen Entwicklung während der Embryogenese an.

Es beginnt im zweiten Monat

Im menschlichen Embryo schnüren sich im zweiten Monat zunächst sechs sogenannte Lymphsäcke von den Kardinalvenen im oberen Bereich des Rumpfes ab. Aus diesen Ausbuchtungen wächst dann das Lymphgefäßsystem allmählich in die Peripherie hinein, wie im letzten Beitrag beschrieben. Wo das Netzwerk besonders dicht ist, etwa in der Nachbarschaft des künftigen Verdauungstrakts, nennt man es Lymphplexus. Am Ende durchzieht das System den gesamten Körper, ähnlich wie der Amazonas das ganze Amazonasbecken drainiert.

Erste Ansätze zu Lymphknoten finden sich etwa ab Tag 36 der Embryonalentwicklung in der Nähe des Zusammenflusses zweier paarig angelegter Kardinalvenen, die dort zur Vena cardinalis communis fusionieren. Die Lymphsäcke, die noch überwiegend aus Endothel bestehen, werden jetzt mit Mesenchymzellen durchsetzt, die zur charakteristischen Zonenbildung in den Lymphknoten beitragen (H bis J in dieser Zeichnung). Weitere Mesenchymzellen bilden die Bindegewebskapsel und die Stützwände der Knoten (E bis G).

Dialoge zwischen Induktoren und Organisatoren

Doch woher wissen die Vorläuferzellen, wohin sie sich begeben sollen, mit welchen anderen Zellen sie sich wie zusammenlagern und welche genaue Funktion sie übernehmen sollen? Das wird über einen Austausch von Signalen organisiert. An einem Ort, der für einen Lymphknoten prädestiniert ist – einer sogenannten Anlage* -, wird zunächst ein Botenstoff namens TRANCE ausgeschüttet. Dieser lockt sogenannte lymphoid tissue inducer cells oder LTi-Zellen an. Das sind erste weiße Blutkörperchen, die eng mit den späteren Immunzellen verwandt sind. Über Rezeptoren auf ihrer Oberfläche nehmen sie Verbindung mit den Mesenchymzellen auf, die als lymphoid tissue organizer (LTo) bezeichnet werden. Die LTo-Zellen werden durch den Kontakt aktiviert: Sie überziehen sich mit Adhäsionsmolekülen, sozusagen Widerhaken oder Klebstoffen, und schütten sowohl entzündungstypische Botenstoffe (Zytokine) als auch Lockstoffe (Chemokine) aus. Durch diese positive Rückkopplung werden weitere Immunzellen rekrutiert, zur Ansiedlung ermuntert und aktiviert, ähnlich wie bei einer Entzündung.

Nach der Geburt

All dies geschieht im Embryo, also noch ohne Kontakt zu fremden Antigenen. Aber sobald nach der Geburt der Darm des Säuglings mit Mikroben besiedelt wird, erfährt die Entwicklung des Lymphgewebes noch einen Schub. Vor allem in der Darmschleimhaut bilden sich durch den Kontakt zur Darmflora tertiäre Lymphorgane, und zwar ähnlich wie eben beschrieben, also angestoßen durch LTi-Zellen und andere Immunzellen, die sich in der Darmschleimhaut niederlassen und mit ihren Nachbarzellen in Kontakt treten, um „Feldlager“ zu errichten. Mit diesen Strukturen kann das Immunsystem die Darmflora regelmäßig auf ihre Zusammensetzung prüfen und gegebenenfalls in ihre Schranken weisen.

Inwieweit auch die Bildung tertiärer Lymphorgane bei chronischen Entzündungen und Autoimmunerkrankungen der vorgeburtlichen Entstehung der Lymphknoten ähnelt und in welcher Hinsicht die beiden Prozesse voneinander abweichen, beschreibe ich im nächsten Beitrag.

 

* Auch in englischen Arbeiten heißen sie anlagen. In der Embryologie waren im 19. Jahrhundert deutsche Forscher führend, und die Fachsprache hat diesen Ausdruck übernommen.

Literatur:

Manuela Ferreira et al. (2012): Stroma cell priming in enteric lymphoid organ morphogenesis

Lucille Rankin et al. (2013): Diversity, function, and transcriptional regulation of gut innate lymphocytes

Zwillingsstudie: Chronischer Schlafmangel schwächt die Abwehr

Eine kleine Ergänzung zum Beitrag über die überraschend großen Unterschiede im Immunsystem eineiiger Zwillinge: Einer kürzlich veröffentlichten Studie zufolge sind bei Personen, die regelmäßig im Durchschnitt eine Stunde kürzer schlafen als ihre eineiigen Zwillingsgeschwister, etliche Gene des Immunsystems herunterreguliert, etwa jene für die Interleukine (Botenstoffe des Immunsystems) oder für die Aktivierung von Immunzellen. Dieser Befund unterscheidet sich deutlich von anderen Studien, in denen die Schlafdauer im Labor für kurze Zeit künstlich verringert wurde: Bei Probanden, die nicht aus freien Stücken und nicht dauerhaft besonders wenig schlafen, waren dieselben Immunsystem-Parameter erhöht.

Der Vorteil der neuen Studie ist das deutlich weniger künstliche Setting – aber um einen hohen Preis: Da es in der zugrunde liegenden Datenbank sehr wenig eineiige Zwillingspaare gab, bei denen sich die Schlafdauer deutlich unterschied und die auch sonst alle Einschlusskriterien (Nichtraucher, gesund usw.) erfüllten, konnten nur Daten von 11 Paaren, also 22 Personen ausgewertet werden. Ein weiterer Schwachpunkt: Die Immunsystem-Parameter wurden nur einmal täglich anhand einer Blutprobe analysiert. Dabei schwanken diese Parameter im Tagesverlauf deutlich. Für einen soliden Vergleich zwischen chronischem und akutem Kurzschlaf wären also erheblich aufwändigere Analysen nötig.

N. F. Watson et al. (2017): Transcriptional Signatures of Sleep Duration Discordance in
Monozygotic Twins

Krankheitsverhalten: kurzfristig heilsam – chronisch belastend

Anhedonie (Lustlosigkeit), verringerte Libido

Anhedonie: Lustlosigkeit, z. B. verringerte Libido

Wenn wir krank sind, uns ins Bett legen, fiebern und nichts essen mögen: ist das schlecht für uns? Ist es nur ein Zeichen dafür, dass es uns schlecht geht? Oder ist es vielmehr gut für uns, ein Teil unserer Genesung? Erstaunlich lange blieb diese Frage unbeantwortet. Erst 1988 veröffentlichte Benjamin L. Hart seine wegweisende Arbeit „Biological basis of the behavior of sick animals“, in der er das Krankheitsverhalten (sickness behavior) von Tieren als evolutionäre Anpassung zur effizienten Überwindung von Infektionskrankheiten darstellte.

Zu diesem Krankheitsverhalten zählen etwa

  • Anorexie (verringerter Appetit)
Anorexie: verringerter Appetit

Anorexie: verringerter Appetit

  • Adipsie (wenig Durst)
Adipsie: verringerter Durst

Adipsie: verringerter Durst

  • Lethargie und Schläfrigkeit
Lethargie, viel Schlaf, Schonhaltung, Wärmeverlustminimierung

Schläfrigkeit, Schonhaltung, Wärmeverlust-Minimierung

  • Anhedonie (Lustlosigkeit, Unfähigkeit zur Freude, siehe oben: keinen Bock aufs Haserl!)
  • Rückzug und Asozialität (verringerte Revierverteidigung, Brutfürsorge, wechselseitige Körperpflege, sexuelle Aktivität usw.)
reduziertes Sozialverhalten, z. B. Brutpflege

reduziertes Sozialverhalten

  • Desinteresse am Erkunden der Umgebung, am Spielen und Lernen
  • Übelkeit, Unwohlsein
  • erhöhte Schmerzempfindlichkeit
  • bei Warmblütern Zittern zur Wärmeproduktion und bei wechselwarmen Tieren das Aufsuchen einer warmer Umgebung („behavioral fever“) sowie
"Verhaltensfieber" bei wechselwarmen Tieren

„Verhaltensfieber“ bei wechselwarmen Tieren

  • eine kompakte Körperhaltung, die den Wärmeverlust minimiert.

Hinzu kommen physiologische Veränderungen, etwa eine vom Hypothalamus im Gehirn angeordnete Erhöhung der Körpertemperatur (Fieber), Entzündungsreaktionen und eine träge Verdauung.

Noch immer glauben viele Menschen, Fieber sollte gesenkt werden und Brandwunden müsse man kühlen, weil die Wärme schädlich sei. Dabei dient beides „nur“ der Schmerzbekämpfung, nicht aber der Heilung – von Ausnahmen abgesehen. Zwar ist bei weitem nicht bei jeder Erkrankung klar, auf welchen Wegen Fieber uns nützt (Beschleunigung enzymatischer Reaktionen, Hemmung der Vermehrung hitzeempfindlicher Viren oder Bakterien, Entfernung des für Pathogene wichtigen Spurenelements Eisen aus unserem Blut …). Aber dass es eine Anpassungsleistung darstellt und in vielen Situationen das Überleben fördert, ist mittlerweile klar. So hatten in Tierexperimenten gezielt infizierte Wüstenleguane oder Zebrafische, die eine wärmere Umgebung aufsuchen konnten, eine deutlich höhere Überlebenswahrscheinlichkeit als Leidensgenossen, die man daran hinderte.

Viele der oben genannten Aspekte des Krankheitsverhaltens hängen miteinander zusammen. So rufen die Entzündungsreaktionen, mit denen unser Immunsystem Infektionen bekämpft, im Wachzustand Übelkeit, Abgeschlagenheit, Schmerz usw. hervor, die unsere Aktivitäten stören und riskanter machen können. Daher der Rückzug und der viele Schlaf. Der Rückzug von sozialen Aktivitäten könnte auch die Gefahr verringern, verwandte Artgenossen anzustecken. Andererseits kennen wir von vielen Tierarten Fürsorge für erkrankte Gruppenmitglieder, was darauf hindeutet, dass das verringerte Sozialverhalten und die Lethargie nicht dem Schutz der anderen, sondern der eigenen Genesung dienen, etwa der Konzentration der Energiereserven auf die kostspieligen Aktivitäten des Immunsystems.

Ob die verfügbare Energie eher in die Heilung oder doch in die kurzfristige Maximierung des Fortpflanzungserfolgs investiert wird, hängt wesentlich von der „life history“ und der Reproduktionsstrategie der Art ab: Kurzlebige kranke Säugetiermännchen paaren sich im Zweifel lieber noch einmal und kippen dann tot um. Langlebige Organismen schonen sich lieber; zur Not vernachlässigen sie ihre Jungen und setzen darauf, dass sie nach ihrer Genesung neuen Nachwuchs großziehen können.

Bei einer akuten Erkrankung fördert ein solches Krankheitsverhalten die Gesundung und damit die Chance, das Erbgut, in das dieses Verhalten eingeschrieben ist, in die nächsten Generationen weiterzutragen. So funktioniert natürliche Auslese. Bei chronischen Erkrankungen ist dasselbe Verhalten oftmals kontraproduktiv, denn ich kann nicht jahrelang hungern, die Tage verdämmern, enthaltsam leben und die sozialen Bedürfnisse meiner Mitgeschöpfe ignorieren, ohne mir selbst und meinen Verwandten zu schaden. Außerdem werden viele chronische Erkrankungen, etwa Autoimmunerkrankungen, wohl gar nicht durch Bakterien oder Viren verursacht, die sich durch ein solches Verhalten besiegen ließen.

Da aber etliche chronische Erkrankungen erst gegen Ende oder gar nach der Reproduktionsphase auftreten, hat die natürliche Auslese keinen Ansatzpunkt, um einem solchen „chronifizierten Krankheitsverhalten“ entgegenzuwirken. Das einmal entgleiste Immunsystem, das fälschlich meint, eine Infektion bekämpfen zu müssen, schüttet permanent entzündungsfördernde Botenstoffe wie Interleukin 1β (IL-1β), Interleukin 6 (IL-6) und Tumornekrosefaktor (TNF) aus, die dem Hypothalamus und anderen Schaltzentralen suggerieren, der Organismus müsse noch ein Weilchen kürzer treten und sich zurückziehen. Das könnte der Grund für ein Phänomen sein, das vielen chronisch Kranken nur allzu bekannt ist: Fatigue.

 

Müdigkeiten

Ich habe sie alle:

Die normale Müdigkeit, die sich einstellt, wenn man in der Nacht zu wenig geschlafen hat. Sie beunruhigt mich nicht; dann ist man eben mal nicht ganz so leistungsfähig; das schläft sich aus.

Die unerklärliche Müdigkeit, die mich ins Bett zwingt, wenn ich nachmittags aus dem Büro nach Hause komme, obwohl ich normal geschlafen habe. Sie ist ärgerlich, weil sie verhindert, dass ich das wenige Tageslicht nutze, das der Winter bietet.

Die körperliche Schwere, das Grippegefühl ohne Grippe, die verdoppelte Gravitation. Immer wieder mal, bei normalem Blutbild, unauffälligen Thyroxin- und TSH-Werten, nicht weiter alarmierendem Schilddrüsen-Ultraschall und -Szintigramm und harmlosem Magenspiegelungsbefund. Vitamin D kommt bisher nicht dagegen an.

Die Erschöpfung, die sich einstellt, wenn eine halbe Stelle ausufert. Belastend, weil man trotz aller Überstunden doch nie schafft, was man sich vorgenommen hat. Beschämend zudem, da die andere Hälfte meiner Zeit und Energie in dieses Projekt fließen sollte und ich den Unterstützern immer noch ein Buch schulde.

Und, let’s face it, die Depression. Die Doppelverglasung zwischen meiner Umwelt und mir. Lange als Winterblues durchaus korrekt beschrieben und mit einer Tageslichtlampe in die Schranken verwiesen. Dieses Jahr reicht das nicht mehr. Wie in der Hypothyreose vor einigen Jahren, kurz vor der Hashimoto-Diagnose, kostet bereits das Aufstehen an manchen Tagen mehr Kraft, als mir zur Verfügung steht. Kleine Widrigkeiten reichen dann, um mich bis zum späten Mittag auszuschalten. Freundschaften und Bekanntschaften leiden unter der Passivität; es fehlen belebende Begegnungen und Sinneseindrücke; man merkt das und kann gerade drum nicht aus seinem Schneckenhaus: der alte Teufelskreis.

Am Samstag beginnt, weit weg von hier, die „Zeit zwischen den Jahren“, in der ich nichts leisten muss. Im Januar sehen wir weiter: Die Tage werden länger; die halbe Stelle wird zurückgestutzt; Buch und Blog kommen zu ihrem Recht. Und vielleicht fällt meiner Ärztin noch etwas ein.