Archiv der Kategorie: Something completely different

Kleidung für Refugees – aber in welcher Größe?

Ich helfe zur Zeit gelegentlich in den Kleiderkammern der Kölner Johanniter und der Drehscheibe am Kölner Flughafen dabei, gespendete Kleidung zu sortieren. Blöderweise bin ich nahezu Gender-blind, wenn die Sachen nicht gerade mit rosa Glitzer verziert sind. Auch die uneinheitlichen Größenangaben verwirren mich.

Um wenigstens mit den Größen besser zurechtzukommen, habe ich Tabellen zusammengestellt, die ich ausdrucken, ggf. laminieren und zum Sortieren mitnehmen kann. Falls es auch anderen Helfern so geht: Bitte bedient euch. Die neun Seiten sind sortiert nach den Kategorien Schuhe, Damen, Herren sowie Kinder/Jugendliche.

Kleidergrößen

Obergrenzen

Art 1

(1) Die Würde der ersten 20 Menschen, die jeden Monat in einer Gemeinde zur Welt kommen, ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

(2) Teile des Deutschen Volkes bekennen sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung montags bis donnerstags zu den üblichen Bürozeiten als unmittelbar geltendes Recht. (Erster Donnerstag im Monat: langer Donnerstag.)

Art 2

(1) Jeder Zweite hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.

(2) 99 Prozent haben das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit dieser Personen ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.

Art 3

(1) Fast alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

(2) Männer und Frauen sind nahezu gleichberechtigt. Der Staat fördert nach Maßgabe seiner Möglichkeiten die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung einiger bestehender Nachteile hin.

(3) Niemand, der nachweislich stets eine Eins in Betragen hatte, darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden, es sei denn, seine gesellschaftliche Teilhabe verursacht Kosten.

Art 4

(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich, sofern es sich nicht um den jüdischen, den islamischen oder den Glauben an die Wandelbarkeit der Verhältnisse handelt.

(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet, außer freitags.

(3) Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden, sofern nicht gerade Not am Mann ist. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.

Art 5

(1) Jeden Tag haben 2000 Bürger das Recht, ihre Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Alle anderen: Einfach mal die Kresse halten. Eine Zensur dieser 2000 Äußerungen findet nicht statt.

(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend, in dem Recht der persönlichen Ehre und in Horst Seehofer.

(3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind in den ersten sieben Monaten eines jeden Jahres frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.

Art 8

(1) Alle Deutschen, deren Nachnamen mit A bis P beginnen, haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln.

(2) Für Versammlungen unter freiem Himmel kann dieses Recht durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes beschränkt werden.

(3) Kriegs- und Bürgerkriegsflüchtlinge haben sich generell unter freiem Himmel aufzuhalten.

Art 9

(1) Alle Deutschen mit akkuratem Haarschnitt haben das Recht, Vereine und Gesellschaften zu bilden.

(2) Vereinigungen, deren Zwecke oder deren Tätigkeit den Strafgesetzen zuwiderlaufen oder die sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder gegen den Gedanken der Völkerverständigung richten, sind verboten, sofern nicht wenigstens eines ihrer Mitglieder V-Mann ist.

(3) Das Recht, zur Wahrung und Förderung der Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen Vereinigungen zu bilden, ist für jedermann und für alle Berufe bis auf die Lokführer gewährleistet. Abreden, die dieses Recht einschränken oder zu behindern suchen, sind nichtig, sofern sie nicht von Andrea Nahles veranlasst wurden.

Art 10

(1) Das Briefgeheimnis sowie das Post- und Fernmeldegeheimnis sind bei Verwendung handgeschöpfter Büttenpapiere unverletzlich.

(2) Beschränkungen dürfen nur auf Grund eines Gesetzes angeordnet werden. Dient die Beschränkung dem Schutze der freiheitlichen demokratischen Grundordnung oder des Bestandes oder der Sicherung des Bundes oder eines Landes, so kann das Gesetz bestimmen, daß sie dem Betroffenen nicht mitgeteilt wird und daß an die Stelle des Rechtsweges die gelegentliche stichprobenartige Nachprüfung durch McKinsey tritt.

Art 11

(1) Alle Deutschen genießen Freizügigkeit im ganzen Bundesgebiet mit Ausnahme Sachsens.

(2) Dieses Recht darf nur durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes und nur für die Fälle eingeschränkt werden, in denen eine ausreichende Lebensgrundlage nicht vorhanden ist oder es zur Abwehr eines innerparteilichen Führungskonflikts geboten scheint.

Art 14

(1) Das Eigentum und das Erbrecht alteingesessener Familien werden gewährleistet. Inhalt und Schranken werden durch die Gesetze bestimmt.

(2) Eigentum von Immobilien mit bis zu 80 qm Wohn- oder Arbeitsfläche und Vermögenswerten bis zu 90.000 Euro verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.

(3) Eine Enteignung ist nur zur Erschließung neuer Braunkohletagebauflächen, nicht aber zum Wohle der Allgemeinheit zulässig.

Art 16

(1) Die deutsche Staatsangehörigkeit darf nicht entzogen und sollter daher besonders sparsam zuerkannt werden.

(2) Kein Deutscher darf an das Ausland ausgeliefert werden, sofern nicht alle Beteiligten zu dauerhaftem absolutem Stillschweigen verpflichtet werden können.

Art 16a

(1) Jährlich bis zu 8.000 politisch Verfolgte genießen Asylrecht.

Usw. usf.

Flucht und Hilfe

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Urgroßvater, Großmutter, Großvater, Urgroßmütter und meine Mutter, 1939

Gestern sind wir aus Polen zurückgekommen. Dort haben wir unter anderem den Ort besucht, aus dem meine Großmutter, meine Mutter, meine Tante und mein Onkel vor gut 70 Jahren, am 20. Januar 1945, geflohen sind: Janowiec Wielkopolski. Das Haus steht noch, die Straße hat sich kaum verändert.

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Das Geburtshaus meiner Mutter in Janowiec Wielkopolski, 76 Jahre später

Fast alle deutschstämmigen Bewohner von Jannowitz sind damals gleichzeitig aufgebrochen, mit demselben Ziel: Berlin. Meine Mutter, mit neun Jahren das älteste der drei Kinder, saß auf der ersten Etappe der Flucht vorne auf dem Bock eines offenen Wagens und hat sich dort so schwer unterkühlt, dass die Familie den Treck verlassen musste, um sie in einem Militärlazarett behandeln zu lassen.

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Meine Großmutter und ihre drei Kinder auf der Flucht, vermutlich am Bahnhof Schneidemühl

Im Nachhinein erwies sich die Zwangspause als Glücksfall: Bei der Fortsetzung der Flucht kam meine Großmutter an einem Bahnhof (vermutlich in Schneidemühl, heute Piła) mit dem jungen Soldaten Martin Zareba ins Gespräch, der dringend von der Weiterreise nach Berlin abriet und anbot, die vier stattdessen in seiner kleinen Wohnung in Herzberg im Harz einzuquartieren. Meine Großmutter hat sich dort nur schwer eingelebt und – wie alle Flüchtlinge – von den Einheimischen nicht nur Freundlichkeit erfahren, aber sie blieb in Herzberg bis zu ihrem Tod.

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Nach der Flucht: Martin Zareba mit meiner Mutter (2. v. l.) und ihren Geschwistern in Herzberg

Martin Zareba hat in meiner Großmutter und ihren Kindern nicht einfach Fremde gesehen, deren Schicksal ihn nichts anging, sondern Menschen in Not, und er hat sich spontan entschlossen, ihnen zu helfen. Was aus ihm wurde, weiß ich nicht. Vermutlich starb er nach einem kurzen letzten Heimaturlaub an der Front. Vielleicht ahnte er, dass es so kommen würde:

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„Herzberg, d. 8. 2. 45. Ich bestätige hiermit Frau Gertrud Tiedtke, daß ich Ihr meine Wohnung u. Inventar auf unbestimmte Zeit zur Verfügung gestellt habe. Gren. Martin Zareba“

Die letzten Briefe meines Großvaters, der vermutlich zwi­schen dem 18. und dem 23. Februar 1945 bei der völlig aussichts- und sinnlosen Verteidigung der Festung Posen starb, habe ich bereits im Januar veröffentlicht. Unvergesslich der Satz: „Meine Gedan­ken sind sehr oft bei Euch, nur weiß ich nicht, wen sie bei Euch antref­fen.“

Mitte August, auf dem Soldatenfriedhof von Poznan, zwischen den Gräbern all dieser 19-, 20-, 23-jährigen Russen und Polen und Briten, musste ich an einen anderen Satz denken, den er am 31. Januar 1945 schrieb: „Heute früh war es mir bei­nah schlecht gegan­gen, aber im rich­ti­gen Moment kal­tes Blut und eine ordent­li­che Por­tion Glück hilft über die unmög­lichs­ten Situa­tio­nen hinweg.“ Man muss wohl davon ausgehen, dass sein Glück das Unglück eines anderen war: dass es dann eben einer dieser jungen Russen war, dem es „schlecht erging“.

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Einer von vielen, denen es „schlecht ergangen“ ist.

Mein Großvater, der 1930/1931 im polnischen Heer gedient hatte und ab 1943 im deutschen, ist nicht geflohen, als es noch möglich war – vermutlich aus Sorge um seine Familie, vielleicht auch aus Treue zum nationalsozialistischen Regime oder aufgrund seines Ehrverständnisses. Ich wünschte, er hätte weniger „ehrenvoll“ gehandelt und rechtzeitig die Beine in die Hand genommen. Vielleicht gäbe es dann wenigstens ein Grab.

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BFF_1508_ButtonOrange2-300x300Die Initiative „Blogger für Flüchtlinge“ sammelt Spenden für Flüchtlinge und unterstützt Flüchtlingsinitiativen. Vielen Dank an Carla, Nico und die anderen Initiatoren!

Patientenberatung: Wie man Unabhängigkeit und Gemeinnützigkeit herstellt

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„Janus GmbH, guten Tag.“

Interessenkonflikte werden gerne im Kleingedruckten am Ende eines Beitrags abgehandelt. Das soll hier anders sein: Ich arbeite auf einer halben Stelle am Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), das mit der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD) kooperiert. Am IQWiG schenkt man Interessenkonflikten aus guten Gründen besondere Aufmerksamkeit. Das heißt aber nicht, dass ich zur Neuvergabe der UPD an ein Unternehmen, das ein Callcenter für Krankenkassen betreibt, keine persönliche Meinung haben oder diese nicht äußern dürfte.

Der Betrieb der UPD ist in § 65b des Sozialgesetzbuchs, Fünftes Buch (SGB V) geregelt. Dort heißt es: „Die Förderung einer Einrichtung zur Verbraucher- und Patientenberatung setzt deren Nachweis über ihre Neutralität und Unabhängigkeit voraus.“ Insbesondere dürfen die Krankenkassen keinen Einfluss auf die Beratungen nehmen. Der Bieter, der nun dem Vernehmen nach den Zuschlag erhalten hat, arbeitet in großem Stil für Krankenkassen und wirbt damit, für diese Kunden im Umgang mit den Versicherten Einsparpotenziale auszuschöpfen.

Wie will der Bieter die geforderte Unabhängigkeit gewährleisten? Dem Vernehmen nach etwa durch den Einbau von Schlössern in Türen. Mitarbeiter, die im Besitz der passenden Schlüssel sind, treten morgens durch diese Türen und werden durch diesen magischen Akt schlagartig unabhängig von den Interessen ihres Arbeitgebers und seiner Kunden. Unabhängigkeit entsteht also, indem man sie behauptet und selber feste an diese Fiktion glaubt. Das hat ja schon immer gut geklappt.

Und die Gemeinnützigkeit, die die bisherigen Träger der UPD auszeichnet? Wird die nicht fehlen? Dem Vernehmen nach empfiehlt der Bieter den Krankenversicherungen, der bestehenden GmbH eine noch zu gründende gemeinnützige GmbH aufzupfropfen, die dann Aufträge an den Bieter und seine Subunternehmen vergibt. So stellt man also Gemeinnützigkeit her: durch Verschachtelung – ein Prinzip, das sich in der Finanzbranche tausendfach bewährt hat.

Mag sein, dass dem Wortlaut des § 65b damit Genüge getan ist; das prüft zur Zeit das Bundeskartellamt. Ob es dem Geist des § 65b entspricht, vermag ich nicht zu beurteilen. Ziemlich sicher bin ich mir allerdings, dass die Kaltschnäuzigkeit, mit der gerade eine der letzten in die Zivilgesellschaft eingebetteten Nischen im Gesundheitssystem dem unhinterfragten, mittlerweile schier unhinterfragbaren Prinzip Wettbewerb geopfert wird, ihren Teil zum Politikverdruss beiträgt.

(Was tun? Hier entlang bitte.)

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Die Paleo-Revolution

Heidrun Schaller hat mir vor einigen Wochen ein Exemplar ihres Buchs „Die Paleo-Revolution“ zukommen lassen. Herzlichen Dank dafür – und für die nette Erwähnung in der Danksagung! Höchste Zeit, das Buch kurz vorzustellen.

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Eines vorab: ich ernähre mich nicht nach Paleo oder irgendeinem anderen Prinzip, sondern bin Ottonormal-Omnivore. Aber die sogenannte Steinzeitkost interessiert mich, weil sie sich an unserem genetischen Erbe orientiert und weil offenbar etliche Menschen mit Autoimmunerkrankungen gute Erfahrungen mit dieser Ernährungsweise gemacht haben, die sich vor allem durch den Verzicht auf Zucker, Getreide und Hülsenfrüchte und eine relativ fett- und proteinreiche Kost auszeichnet.

Ungefähr seit Ausbruch meiner Autoimmunerkrankung habe ich immer wieder mal mit Verdauungsproblemen zu kämpfen, die weit über das normale Maß hinausgehen. Ich weiß nicht, ob da ein ursächlicher Zusammenhang besteht. Zum Glück berappelt sich mein System bisher immer wieder – aber wenn das noch schlimmer wird und meine Gesundheit und mein Sozial- und Berufsleben ernsthaft beeinträchtigen sollte, werde ich mich vielleicht doch einmal an Paleo heranwagen. Mit Heidruns Buch habe ich dann den idealen Einstieg zur Hand.

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Was mich als Naturwissenschaftlerin gleich begeistert hat, ist die sachliche, stets mit Literaturangaben unterfütterte Darstellung – etwa unseres Verdauungssystems, der Ernährung indigener Völker oder des Mikrobioms. Mir ist auch kein anderer „Ernährungsratgeber“ bekannt, in dem gleich zu Anfang der Unterschied zwischen Korrelationen und Kausalzusammenhängen, die Fallstricke von epidemiologischen Studien oder der Publication Bias so verständlich erklärt werden. Überhaupt liest sich das Buch sehr angenehm, sowohl wegen des guten Stils der Autorin als auch wegen des aufgeräumten Layouts.

Die Skepsis der Autorin gegenüber Ernährungsdogmen macht auch vor Paleo selbst nicht halt: Stets ist von einer „Hypothese“ die Rede – allerdings einer besonders plausiblen, eben aufgrund der Orientierung an der Ernährung und Lebensweise unserer Urahnen, denen wir genetisch noch sehr nahe stehen. Im Kapitel „Was unser Körper mit Essen macht und warum er Paleo mag“ wird unter anderem der chemische Aufbau von Fett, Kohlenhydraten und Proteinen sehr anschaulich erläutert, und es wird deutlich, dass eine kohlenhydratarme Ernährung keineswegs zu Mangelerscheinungen oder zur Verfettung führen muss. In der „Anthropologischen Rundumschau“ stellt Heidrun die traditionelle Ernährung verschiedener indigener Völker vor, die je nach den Umweltbedingungen ganz unterschiedlich ausfiel. Entsprechend viele Spielarten kennt auch die Paleo-Ernährung. Außerdem wird deutlich, dass es bei Paleo nicht darum geht, genau „wie in der Steinzeit“ zu leben: Alle Gemüsesorten, die wir heute essen, sind kultiviert, und nahezu alle Fleischlieferanten sind Zuchttiere. Es geht um praktikable Näherungen – wie etwa die Beschränkung auf Fleisch und Butter von Weiderindern anstelle von sojagefütterten Rindern aus der Massentierhaltung.

Im Kapitel „Das Mikrobiom“ erhalten viele Leserinnen und Leser vermutlich zum ersten Mal einen guten Überblick über unsere „Mitbewohner“, ohne die wir unser Essen nicht aufschließen und Krankheitserreger nicht richtig abwehren könnten. Das dicke Kapitel „Paleo trifft auf Entzündung“, in dem unter anderem Autoimmunerkrankungen und Übergewicht behandelt werden, lese ich im Augenblick. Bereits überflogen habe ich das Kapitel „Wie passt Paleo in unsere Zeit?“, in dem sich Heidrun unter anderem mit den Argumenten von Veganern gegen den Verzehr tierischer Produkte auseinander setzt. So verständlich das angesichts der heftigen und dogmatischen Diskussionen in vielen Foren ist: Mich hat das weniger angesprochen als die übrigen Teile des Buches; einige Passagen klingen sehr nach Rechtfertigung. Richtig und wichtig ist aber die Feststellung, dass jede Ernährungsweise, auch die vegane, mit Beeinträchtigungen für andere Lebewesen einhergeht und ethische Probleme aufwerfen kann.

In die ersten drei Viertel des Buches sind Erfahrungsberichte von Menschen eingestreut, die ihre Ernährung aufgrund ernster Gesundheitsprobleme – etwa Zöliakie, Diabetes oder Asthma – auf Paleo umgestellt haben. Das letzte Viertel des Buches nehmen die Kochtipps ein, die kein Paleo-Kochbuch ersetzen wollen, sondern wirklich Basics vermitteln – etwa die Herstellung von Ghee, Joghurt, Leberwurst oder Sauerkraut. Sogar Bezugsquellen sind angegeben. So, und jetzt habe ich Lust, Leberwurst zu machen! Ob ich mich traue? 🙂

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Kamphuis’sche Knollennasen auf der re:publica

Zusammen mit einer Kollegin halte ich am 7. Mai einen Vortrag auf der re:publica in Berlin. Da das nüchterne Corporate Design unseres Instituts dort fehl am Platze wäre, haben wir uns bei der Gestaltung der Folien Freiheiten herausgenommen – was auch zum Thema des Vortrags passt. Der Stil der Zeichnungen dürfte den Lesern dieses Blogs bekannt vorkommen:F05-06_screenonly_B

Wer auf der re:publica ist, kann sich gerne am Donnerstag um 16.15 Uhr auf Stage 10 die übrigen Zeichnungen ansehen und die Geschichte dahinter anhören!

„Aber das ist alles egal!“

Wieder einmal ein Beitrag, der mit dem Hauptthema dieses Blogs nichts zu tun hat – abgesehen davon, dass die Beschäftigung mit diesem Kapitel meiner Familiengeschichte mich in den letzten Wochen Kraft gekostet hat, die nicht ins Blog oder ins Buch fließen konnte. Die folgenden Dokumente und Transkripte habe ich in den letzten Tagen – jeweils exakt 70 Jahre nach dem angegebenen Datum – bereits bei Facebook veröffentlicht.

1945-01-23_Brief_Bruno_zu_Trudels_Geburtstag

23.1.45
Mein liebes Frauchen!

In Eile packe ich einige Sachen zusammen.

Zu Deinem Geburtstag liegt auch etwas dabei, falls ich nicht mehr Gelegenheit haben sollte, Dir zu gratulieren, wünsche ich Dir jetzt schon alles Gute. Grüsse mir die Kinder schön. Hoffentlich sehe ich Euch noch mal wieder.

Sei innig gegrüßt
von Deinem Bruno.

1945-01-30_Vorletzter_Brief_1000

Posen, den 30.1.45

Ihr Lieben.

Auch heute bin ich heil und gesund. Unsere Lage ist nicht gerade rosig, aber wollen wir hoffen, daß doch noch das Wunder geschieht und wir aus diesem Schlamassel herauskommen.

Wo mögen wohl die Briesener Eltern mit Gretel und den Kindern sein. Hoffentlich sind alle rechtzeitig in Sicherheit gekommen. Meine Gedanken sind sehr oft bei Euch, nur weiß ich nicht, wen sie bei Euch antreffen. Unser Posen wird wohl binnen kurzer Zeit nur noch Schutt und Asche sein, der grösste Teil ist es schon. Aber das ist alles egal!

Wenn ich doch nur wüsste, wie es Euch allen geht.
Seid recht innig gegrüsst
von Eurem
Bruno.

1945-01-31_Letzter_Brief_1000

Posen, den 31.1.45

Meine Lieben!

Unsere Lage ist nach wie vor dieselbe geblieben, jedenfalls ist sie nicht beneidenswert. Man muß schon „ein bisschen“ die Zähne zusammenbeissen. Heute früh war es mir beinah schlecht gegangen, aber im richtigen Moment kaltes Blut und eine ordentliche Portion Glück hilft über die unmöglichsten Situationen hinweg.

Sollten wir wirklich noch mal aus diesem Hexenkessel lebend herauskommen, so hatte man mehr als einfaches Glück. Aber wollen wir auf dieses hoffen und unser Möglichstes dazu tun.

Herzliche Grüße allen allen, ganz besonders aber meinem Frauchen und meinen drei Purzen
von Eurem
Bruno u. Papi

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In Erinnerung an meinen Großvater Bruno Tiedtke, der als Angehöriger der Dolmetscherkompanie 21 vermutlich zwischen dem 18. und dem 23. Februar 1945 in Posen starb.

Offiziell alt

Vor einigen Monaten fragte der Verlag „Handwerk und Technik“ bei mir an, ob er eines der hier veröffentlichten Fotos meiner idiopathischen peripheren Fazialislähmung in einem Handbuch der Altenpflege verwenden dürfe. Ja, wieso nicht; schöner werden wir mit den Jahren schließlich alle nicht. Letzte Woche traf das Belegexemplar ein – mit gut 1300 Seiten ein richtiger Backstein:

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Schnappschuss gegen Buch: ein guter Deal, wie ich finde.

Was hat es mit #screenonly auf sich?

And now for something completely different.

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Lieutenant Commander Clinical Trial Data wundert sich: Man hat ihn eingesperrt. Dabei will er doch der Menschheit dienen.

Dass ich in den letzten Tagen nicht zum Bloggen und Buchweiterschreiben gekommen bin, liegt an einer kleinen Social-Media-Kampagne. Genau genommen: der allerersten Social-Media-Kampagne des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), in dessen Kommunikationsressort ich auf einer halben Stelle arbeite.

Dass das Institut dieses Experiment wagt und meinen KollegInnen und mir dabei relativ freie Hand lässt, ist großartig und hat mich ein bisschen überrumpelt: Ich hatte mit Widerstand gerechnet. Und dann fanden’s einfach alle gut. Und jetzt muss ich liefern. Waaaah! 🙂

Wir starten von einer denkbar ungünstigen Ausgangslage:

  • So gut wie niemand weiß, was das IQWiG ist.
  • So gut wie niemand weiß, was die European Medicines Agency (EMA) ist.
  • So gut wie niemand hat mitbekommen, dass die EMA seit 2012 mehr Transparenz und einen leichteren Zugriff auf die klinischen Studiendaten verspricht, die Pharmaunternehmen bei ihr einreichen, um eine Zulassung für ihre Medikamente zu erhalten.
  • So gut wie niemand weiß, wie umfangreich klinische Studienberichte (clinical study reports, CSR) sind. Wie dringend sie für die Einschätzung des Nutzens und Schadens von Arzneimitteln benötigt werden. Und wie irrsinnig aufwändig ihre wissenschaftliche Auswertung ist.
  • So gut wie niemand außerhalb der engsten Fachkreise hat mitbekommen, dass die EMA in der vergangenen Woche eine gewaltige Rolle rückwärts vollführt hat:

Der finale Entwurf ihrer neuen Regeln zur Veröffentlichung von Studiendaten sieht vor, dass man die Daten nur am Bildschirm anstarren, sie aber nicht herunterladen, weiterverarbeiten oder auch nur ausdrucken darf.

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Allmählich beschleicht Rupert das Gefühl, dass die Daten zurückstarren.

Außerdem dürfen die Pharmaunternehmen in Zukunft zwei Versionen ihrer Studienberichte bei der EMA einreichen: eine vollständige Fassung für die Zulassung – und eine vorzensierte Fassung für die Öffentlichkeit. Darin dürfen zum Beispiel Angaben darüber fehlen, ob sich die Lebensqualität von Studienteilnehmern unter dem Einfluss des Medikaments verbessert oder verschlechtert hat.

Durch diesen Restriktionen werden die Studiendaten schlichtweg unbrauchbar für Wissenschaftler, die den Nutzen und Schaden von Arzneimitteln solide bewerten wollen. Das wollen wir mit unserer Kampagne illustrieren, bevor die EMA diese Regeln am 12. Juni beschließt.

In den ersten beiden Tagen habe ich ausschließlich Twitter und die institutseigene Kampagnenseite gefüttert. Die internationale Fachszene ist gestern bei Twitter schon ganz gut eingestiegen: Man amüsiert sich über die neuen Töne, die aus dem sonst so seriösen IQWiG zu vernehmen sind, retweetet unsere Beiträge und greift den Hashtag #screenonly auf.

Polly ist enttäuscht: Die wichtigsten Stellen bleiben verborgen.

Polly ist enttäuscht: Die wichtigsten Stellen bleiben verborgen.

Mal sehen, ob das ein Strohfeuer bleibt oder wir nächste Woche noch die eine oder andere Welle machen. Übers Wochenende möchte ich die Aktion auch in Facebook und Xing hineintragen. Also bitte nicht wundern, wenn ich seltsame Fotos und – natürlich! – AK-typische Zeichnungen poste.

So abstrakt und fern das Thema auch scheint: Es geht uns alle an. Wirklich alle: jeden, der auf Medikamente angewiesen ist – oder in Zukunft angewiesen sein wird – oder Angehörige hat, die Arzneimittel nehmen müssen. Eben: jeden.

Der Vorschuss aus dem Netz: Crowdfunding für Bücher

[Zweitveröffentlichung eines Artikels, den ich für das diesjährige Bücherfrauen-Magazin geschrieben habe]

Ende Mai lief die Finanzierungsphase für die „Freienbibel“ aus: ein voller Erfolg. Auf der Plattform Krautreporter, die sich auf die Crowd-Finanzierung journalistischer Projekte spezialisiert hat, hatten 428 Menschen eine der ausgelobten Prämien vorbestellt und so fast 13.700 Euro zusammengetragen, mit denen der Verein Freischreiber nun sein Handbuch für freie Journalistinnen und Journalisten verwirklichen kann.

Von Crowdfunding dürften mittlerweile die meisten gehört haben. Bei dieser überwiegend über das Internet abgewickelten Form der Projektvorfinanzierung steuern zahlreiche locker vernetzte Personen zumeist kleine Beträge bei und erhalten im Gegenzug Prämien. Das unterscheidet Crowdfunding einerseits vom Spendensammeln, bei dem die Geber nur ein „gutes Gefühl“ und eine Spendenquittung erhalten, und andererseits vom Crowdinvesting, bei dem sie Unternehmensanteile oder Gewinnbeteiligungen erwerben.  Weiterlesen