Archiv für den Monat: September 2011

Klaus Resch, Michael U. Martin, Volkhard Kaever, „Immunpharmakologie“

Die­ses 2010 im Ver­lag Eugen Ulmer, Stutt­gart, erschie­nene Lehr­buch ist die beste mir bekannte deutsch­spra­chige Ein­füh­rung nicht nur in die Immunphar­ma­ko­lo­gie, son­dern auch in die Immunolo­gie. Das didak­ti­sche Geschick der Auto­ren und die kla­ren Illus­tra­tio­nen von Sabine Sei­fert erleich­tern die Ori­en­tie­rung in die­sem schwie­ri­gen Fach­ge­biet enorm.

Wohl­ge­merkt: Leichte Lek­türe ist auch die­ses Werk nicht; allein die aus­ufernde und m. E. oft inkon­sis­tente, ja hilf­lose Begriff­lich­keit der Immu­no­lo­gie erfor­dert höchste Kon­zen­tra­tion. So wer­den Immun­zel­len teils nach ihrem Her­kunfts­or­gan, teils nach ihrer Funk­tion, nach ihrem Aus­se­hen oder ein­fach nach den auf ihrer Ober­flä­che nach­weis­ba­ren Mar­kern benannt. Und jene T-Helferzellen, die nach den Th1– und den Th2-Zellen ent­deckt wur­den, hat man nicht etwa Th3 getauft, son­dern Th17 — weil sie Inter­leu­kin 17 her­stel­len. Wer nun meint, Th1-Zellen wür­den Inter­leu­kin 1 pro­du­zie­ren, hat sich geschnit­ten: Es ist Inter­leu­kin 2. Frag nicht nach Logik … Aber das kann man nicht den Auto­ren die­ses Buches anlas­ten.   Wei­ter­le­sen

Zusammenhänge zwischen Schilddrüsen– und weiteren Autoimmunerkrankungen

Lym­pho­zyt; Quelle: Natio­nal Can­cer Institute

A. P. Weet­man, Disea­ses asso­cia­ted with thy­roid auto­im­munity: expla­na­ti­ons for the expan­ding spec­trum.
Cli­ni­cal Endo­cri­no­logy, 74, 2011, S. 411–418,
DOI: 10.1111/j.1365–2265.2010.03855.x

Noti­zen noch nicht all­ge­mein ver­ständ­lich aufbereitet

Zusam­men­fas­sung

Auto­im­mun­er­kran­kun­gen der Schild­drüse (auto­im­mune thy­roid disea­ses, AITD) sind häu­fig mit wei­te­ren Auto­im­mun­er­kran­kun­gen sowie Krank­hei­ten mit bis­lang unbe­kann­ten Ursa­chen asso­zi­iert. In die­sem Review wer­den neue Erkennt­nisse über diese Asso­zia­tio­nen vor­ge­stellt, hin­ter denen sowohl gene­ti­sche Fak­to­ren als auch Umwelt­ein­flüsse ste­cken können.

Auto­im­mun­er­kran­kun­gen, die mit AITD einhergehen

Hashimoto-Thyreoiditis (Hypo­thy­reose, Schild­drü­sen­un­ter­funk­tion) und Mor­bus Base­dow (Hyper­thy­reose, Schild­drü­sen­über­funk­tion) tre­ten oft fami­liär gehäuft auf, und etli­che sym­ptom­freie Ange­hö­rige haben die ent­spre­chen­den Auto­an­ti­kör­per im Blut. Zudem bil­den die AITD in den betrof­fe­nen Indi­vi­duen oder Fami­lien Clus­ter mit wei­te­ren Auto­im­mun­er­kran­kun­gen. Die Auf­klä­rung gemein­sa­mer Mecha­nis­men bei der Patho­ge­nese (Krank­heits­ent­ste­hung) ist wich­tig für unser grund­le­gen­des Ver­ständ­nis der Auto­im­mun­er­kran­kun­gen und für die Ver­bes­se­rung der Dia­gnose (Scree­ning). Da AITD viel häu­fi­ger sind als die meis­ten mit ihnen asso­zi­ier­ten Krank­hei­ten, ist es ein­fa­cher und auf­schluss­rei­cher, Betrof­fene mit den sel­te­ne­ren Erkran­kun­gen auf AITD zu tes­ten, als umge­kehrt.   Wei­ter­le­sen

NZZ über Ernährung und Immunsystem

Ulrike Geb­hardt gibt in der NZZ Online eine gute Über­sicht über den aktu­el­len For­schungs­stand zum Zusam­men­hang zwi­schen Nah­rung, Darm­flora und Immun­ab­wehr: Die Kör­per­ab­wehr ist, was der Mensch isst. So berich­tet sie von einer Stu­die von Ger­hard Rog­ler am Uni­ver­si­täts­spi­tal Zürich, der Pati­en­ten mit der chronisch-entzündlichen Darm­krank­heit Coli­tis ulce­rosa getrock­nete Hei­del­bee­ren zu essen gibt, die sich im Tier­ver­such als ent­zün­dungs­hem­mend erwei­sen haben.

Für Nicht­schwei­zer: Eine Rande ist eine rote Rübe. Etwas ver­wir­rend finde ich diese Passage:

Das beob­ach­tete der Arzt J. F. Men­kel schon vor gut 200 Jah­ren bei unter­er­nähr­ten Per­so­nen in Eng­land: Ihr Thy­mus, ein wich­ti­ges Immu­n­or­gan hin­ter dem Brust­bein, in dem «T-Zellen» aus­ge­bil­det wer­den, war deut­lich geschrumpft.

Tat­säch­lich ist der Thy­mus aller erwach­se­nen Men­schen „deut­lich geschrumpft“: Die­ses Organ, in dem sich unsere T-Lymphozyten ent­wi­ckeln, stellt mit dem Ein­tritt der Geschlechts­reife seine Arbeit ein und bil­det sich zurück. Ver­mut­lich hat Men­kel Kin­der untersucht.

FAZ berichtet vom Rheumatologen-Kongress

Chris­tina Huck­len­broich hat am 12. Sep­tem­ber bei FAZ.NET vom Rheumatogogen-Kongress in Mün­chen berich­tet. Den Vor­trä­gen zufolge ist mitt­ler­weile bei vie­len Pati­en­ten eine voll­stän­dige Remis­sion erreich­bar, vor allem durch Kom­bi­na­ti­ons­the­ra­pien — vor­aus­ge­setzt, sie erhal­ten recht­zei­tig die rich­tige Dia­gnose und fin­den einen Rheu­ma­to­lo­gen, der sie rich­tig behandelt.

Rheu­ma­to­lo­gen, die neben rheu­ma­to­ider Arthri­tis auch wei­tere Auto­im­mun­er­kran­kun­gen wie Mor­bus Bech­te­rew und Lupus ery­the­ma­to­des behan­deln, sind in Deutsch­land aller­dings Man­gel­ware, sodass zwi­schen dem Auf­tre­ten der ers­ten Sym­ptome und dem Beginn der The­ra­pie im Durch­schnitt 13 Monate vergehen.

miRNA aus pflanzlicher Nahrung reguliert Proteinsynthese in Säugern

In Zusam­men­hang mit der Hypo­these, dass Umwelt­ver­än­de­run­gen in der indus­tri­el­len und glo­ba­li­sier­ten Welt hin­ter der Zunahme vie­ler Auto­im­mun­er­kran­kun­gen ste­cken, stellt sich die Frage nach den Mecha­nis­men, über die Sub­stan­zen in der Umwelt auf unser Immun­sys­tem ein­wir­ken könn­ten. Epi­ge­ne­ti­sche Effekte wie His­ton­mo­di­fi­ka­tio­nen oder DNA-Methylierung dürf­ten dabei eine große Rolle spie­len. Ein wei­te­rer Weg rückt all­mäh­lich ins Ram­pen­licht: miRNA.

Diese aus höchs­tens 22 Nukleo­ti­den beste­hen­den Ribo­nu­kle­in­säu­ren regu­lie­ren die Syn­these zahl­rei­cher Pro­te­ine in Pflan­zen und Tie­ren, indem sie an deren von der DNA abge­le­sene „Bau­an­lei­tun­gen“, die Messenger-RNA, bin­den und sie damit für die pro­tein­her­stel­len­den Ribo­so­men unles­bar machen.

Wie spek­trumdi­rekt berich­tet, haben chi­ne­si­sche Wis­sen­schaft­ler um Jun­feng Zhang von der Nanjing-Universität nun nach­ge­wie­sen, dass miRNA aus Reis in Mäu­sen und ver­mut­lich auch in Men­schen den Cho­le­ste­r­in­stoff­wech­sel beein­flusst — nicht nur über eine Art­grenze, son­dern sogar über die Grenze zwi­schen Pflan­zen– und Tier­reich hinweg.

Bis­lang reine Spek­tu­la­tion (und zwar meine, nicht die der For­scher oder der spek­trumdi­rekt–Auto­ren): Könnte miRNA aus unse­rer Nah­rung auch das Immun­sys­tem beein­flus­sen und dort womög­lich — direkt oder indi­rekt — Kon­troll­me­cha­nis­men schwä­chen, die Immun­re­ak­tio­nen gegen kör­per­ei­gene oder fremde, aber harm­lose Anti­gene nor­ma­ler­weise hemmen?

Spektrum-Artikel über Xenohormone

Gut erholt aus dem Toskana-Urlaub zurück­ge­kehrt, ver­su­che ich gerade die Wissenschafts-Newsletter der letz­ten drei Wochen zu sich­ten. Dabei stieß ich auf den Hin­weis, dass ein inter­es­san­ter Arti­kel aus dem September-Heft von Spek­trum der Wis­sen­schaft der­zeit kos­ten­los als PDF zur Ver­fü­gung steht:

Marie Tohmé, Jean Pierre Cra­vedi und Vin­cent Lau­det: Stö­ren­friede im Hormonhaushalt

Die Auto­ren gehen zwar nicht auf das Immun­sys­tem oder gar auf Auto­im­mun­er­kran­kun­gen ein, aber da Xenoe­stro­gene usw. in der Fach­li­te­ra­tur gele­gent­lich als mög­li­che Ursa­chen für die Zunahme der Auto­im­mun­er­kran­kun­gen in den letz­ten Jahr­zehn­ten genannt wer­den, nehme ich den Arti­kel den­noch in meine Liste mit Hintergrund-Informationen auf.