Kategorie-Archiv: Something completely different

Patientenberatung: Wie man Unabhängigkeit und Gemeinnützigkeit herstellt

Janus-GmbH_fertig_800

Janus GmbH, guten Tag.“

Inter­es­sen­kon­flikte wer­den gerne im Klein­ge­druck­ten am Ende eines Bei­trags abge­han­delt. Das soll hier anders sein: Ich arbeite auf einer hal­ben Stelle am Insti­tut für Qua­li­tät und Wirt­schaft­lich­keit im Gesund­heits­we­sen (IQWiG), das mit der Unab­hän­gi­gen Pati­en­ten­be­ra­tung Deutsch­land (UPD) koope­riert. Am IQWiG schenkt man Inter­es­sen­kon­flik­ten aus guten Grün­den beson­dere Auf­merk­sam­keit. Das heißt aber nicht, dass ich zur Neu­ver­gabe der UPD an ein Unter­neh­men, das ein Call­cen­ter für Kran­ken­kas­sen betreibt, keine per­sön­li­che Mei­nung haben oder diese nicht äußern dürfte.

Der Betrieb der UPD ist in § 65b des Sozi­al­ge­setz­buchs, Fünf­tes Buch (SGB V) gere­gelt. Dort heißt es: „Die För­de­rung einer Ein­rich­tung zur Ver­brau­cher– und Pati­en­ten­be­ra­tung setzt deren Nach­weis über ihre Neu­tra­li­tät und Unab­hän­gig­keit vor­aus.“ Ins­be­son­dere dür­fen die Kran­ken­kas­sen kei­nen Ein­fluss auf die Bera­tun­gen neh­men. Der Bie­ter, der nun dem Ver­neh­men nach den Zuschlag erhal­ten hat, arbei­tet in gro­ßem Stil für Kran­ken­kas­sen und wirbt damit, für diese Kun­den im Umgang mit den Ver­si­cher­ten Ein­spar­po­ten­ziale auszuschöpfen.

Wie will der Bie­ter die gefor­derte Unab­hän­gig­keit gewähr­leis­ten? Dem Ver­neh­men nach etwa durch den Ein­bau von Schlös­sern in Türen. Mit­ar­bei­ter, die im Besitz der pas­sen­den Schlüs­sel sind, tre­ten mor­gens durch diese Türen und wer­den durch die­sen magi­schen Akt schlag­ar­tig unab­hän­gig von den Inter­es­sen ihres Arbeit­ge­bers und sei­ner Kun­den. Unab­hän­gig­keit ent­steht also, indem man sie behaup­tet und sel­ber feste an diese Fik­tion glaubt. Das hat ja schon immer gut geklappt.

Und die Gemein­nüt­zig­keit, die die bis­he­ri­gen Trä­ger der UPD aus­zeich­net? Wird die nicht feh­len? Dem Ver­neh­men nach emp­fiehlt der Bie­ter den Kran­ken­ver­si­che­run­gen, der beste­hen­den GmbH eine noch zu grün­dende gemein­nüt­zige GmbH auf­zupf­rop­fen, die dann Auf­träge an den Bie­ter und seine Sub­un­ter­neh­men ver­gibt. So stellt man also Gemein­nüt­zig­keit her: durch Ver­schach­te­lung — ein Prin­zip, das sich in der Finanz­bran­che tau­send­fach bewährt hat.

Mag sein, dass dem Wort­laut des § 65b damit Genüge getan ist; das prüft zur Zeit das Bun­des­kar­tell­amt. Ob es dem Geist des § 65b ent­spricht, ver­mag ich nicht zu beur­tei­len. Ziem­lich sicher bin ich mir aller­dings, dass die Kalt­schnäu­zig­keit, mit der gerade eine der letz­ten in die Zivil­ge­sell­schaft ein­ge­bet­te­ten Nischen im Gesund­heits­sys­tem dem unhin­ter­frag­ten, mitt­ler­weile schier unhin­ter­fragbaren Prin­zip Wett­be­werb geop­fert wird, ihren Teil zum Poli­tik­ver­druss beiträgt.

(Was tun? Hier ent­lang bitte.)

Banner_Unabhängigkeit_erhalten_1500_421

 

Die Paleo-Revolution

Hei­drun Schal­ler hat mir vor eini­gen Wochen ein Exem­plar ihres Buchs „Die Paleo-Revolution“ zukom­men las­sen. Herz­li­chen Dank dafür — und für die nette Erwäh­nung in der Dank­sa­gung! Höchste Zeit, das Buch kurz vorzustellen.

P1260507_Paleo-Buch

Eines vorab: ich ernähre mich nicht nach Paleo oder irgend­ei­nem ande­ren Prin­zip, son­dern bin Ottonormal-Omnivore. Aber die soge­nannte Stein­zeit­kost inter­es­siert mich, weil sie sich an unse­rem gene­ti­schen Erbe ori­en­tiert und weil offen­bar etli­che Men­schen mit Auto­im­mun­er­kran­kun­gen gute Erfah­run­gen mit die­ser Ernäh­rungs­weise gemacht haben, die sich vor allem durch den Ver­zicht auf Zucker, Getreide und Hül­sen­früchte und eine rela­tiv fett– und prote­in­rei­che Kost auszeichnet.

Unge­fähr seit Aus­bruch mei­ner Auto­im­mun­er­kran­kung habe ich immer wie­der mal mit Ver­dau­ungs­pro­ble­men zu kämp­fen, die weit über das nor­male Maß hin­aus­ge­hen. Ich weiß nicht, ob da ein ursäch­li­cher Zusam­men­hang besteht. Zum Glück berap­pelt sich mein Sys­tem bis­her immer wie­der — aber wenn das noch schlim­mer wird und meine Gesund­heit und mein Sozial– und Berufs­le­ben ernst­haft beein­träch­ti­gen sollte, werde ich mich viel­leicht doch ein­mal an Paleo her­an­wa­gen. Mit Hei­druns Buch habe ich dann den idea­len Ein­stieg zur Hand.

P1260511_Paleo-Buch

Was mich als Natur­wis­sen­schaft­le­rin gleich begeis­tert hat, ist die sach­li­che, stets mit Lite­ra­tur­an­ga­ben unter­füt­terte Dar­stel­lung — etwa unse­res Ver­dau­ungs­sys­tems, der Ernäh­rung indi­ge­ner Völ­ker oder des Mikro­bi­oms. Mir ist auch kein ande­rer „Ernäh­rungs­rat­ge­ber“ bekannt, in dem gleich zu Anfang der Unter­schied zwi­schen Kor­re­la­tio­nen und Kau­sal­zu­sam­men­hän­gen, die Fall­stri­cke von epi­de­mio­lo­gi­schen Stu­dien oder der Publi­ca­tion Bias so ver­ständ­lich erklärt werden. Überhaupt liest sich das Buch sehr ange­nehm, sowohl wegen des guten Stils der Auto­rin als auch wegen des auf­ge­räum­ten Layouts.

Die Skep­sis der Auto­rin gegen­über Ernäh­rungs­dog­men macht auch vor Paleo selbst nicht halt: Stets ist von einer „Hypo­these“ die Rede — aller­dings einer beson­ders plau­si­blen, eben auf­grund der Ori­en­tie­rung an der Ernäh­rung und Lebens­weise unse­rer Urah­nen, denen wir gene­tisch noch sehr nahe ste­hen. Im Kapi­tel „Was unser Kör­per mit Essen macht und warum er Paleo mag“ wird unter ande­rem der che­mi­sche Auf­bau von Fett, Koh­len­hy­dra­ten und Pro­te­inen sehr anschau­lich erläu­tert, und es wird deut­lich, dass eine koh­len­hy­drat­arme Ernäh­rung kei­nes­wegs zu Man­gel­er­schei­nun­gen oder zur Ver­fet­tung füh­ren muss. In der „Anthro­po­lo­gi­schen Rund­um­schau“ stellt Hei­drun die tra­di­tio­nelle Ernäh­rung ver­schie­de­ner indi­ge­ner Völ­ker vor, die je nach den Umwelt­be­din­gun­gen ganz unter­schied­lich aus­fiel. Ent­spre­chend viele Spiel­ar­ten kennt auch die Paleo-Ernährung. Außer­dem wird deut­lich, dass es bei Paleo nicht darum geht, genau „wie in der Stein­zeit“ zu leben: Alle Gemü­se­sor­ten, die wir heute essen, sind kul­ti­viert, und nahezu alle Fleisch­lie­fe­ran­ten sind Zucht­tiere. Es geht um prak­ti­ka­ble Nähe­run­gen — wie etwa die Beschrän­kung auf Fleisch und But­ter von Wei­der­in­dern anstelle von soja­ge­füt­ter­ten Rin­dern aus der Massentierhaltung.

Im Kapi­tel „Das Mikrobiom“ erhalten viele Lese­rin­nen und Leser ver­mut­lich zum ers­ten Mal einen guten Über­blick über unsere „Mit­be­woh­ner“, ohne die wir unser Essen nicht auf­schlie­ßen und Krank­heits­er­re­ger nicht rich­tig abweh­ren könn­ten. Das dicke Kapi­tel „Paleo trifft auf Ent­zün­dung“, in dem unter ande­rem Auto­im­mun­er­kran­kun­gen und Über­ge­wicht behan­delt wer­den, lese ich im Augen­blick. Bereits über­flo­gen habe ich das Kapi­tel „Wie passt Paleo in unsere Zeit?“, in dem sich Hei­drun unter ande­rem mit den Argu­men­ten von Vega­nern gegen den Ver­zehr tie­ri­scher Pro­dukte aus­ein­an­der setzt. So ver­ständ­lich das ange­sichts der hef­ti­gen und dog­ma­ti­schen Dis­kus­sio­nen in vie­len Foren ist: Mich hat das weni­ger ange­spro­chen als die übri­gen Teile des Buches; einige Pas­sa­gen klin­gen sehr nach Recht­fer­ti­gung. Rich­tig und wich­tig ist aber die Fest­stel­lung, dass jede Ernäh­rungs­weise, auch die vegane, mit Beein­träch­ti­gun­gen für andere Lebe­we­sen ein­her­geht und ethi­sche Pro­bleme auf­wer­fen kann.

In die ers­ten drei Vier­tel des Buches sind Erfah­rungs­be­richte von Men­schen ein­ge­streut, die ihre Ernäh­rung auf­grund erns­ter Gesund­heits­pro­bleme — etwa Zölia­kie, Dia­be­tes oder Asthma — auf Paleo umge­stellt haben. Das letzte Vier­tel des Buches neh­men die Koch­tipps ein, die kein Paleo-Kochbuch erset­zen wol­len, son­dern wirk­lich Basics ver­mit­teln — etwa die Her­stel­lung von Ghee, Joghurt, Leber­wurst oder Sau­er­kraut. Sogar Bezugs­quel­len sind ange­ge­ben. So, und jetzt habe ich Lust, Leber­wurst zu machen! Ob ich mich traue? :-)

P1260658_Paleo-Buch

Kamphuis’sche Knollennasen auf der re:publica

Zusam­men mit einer Kol­le­gin halte ich am 7. Mai einen Vor­trag auf der re:publica in Ber­lin. Da das nüch­terne Cor­po­rate Design unse­res Insti­tuts dort fehl am Platze wäre, haben wir uns bei der Gestal­tung der Folien Frei­hei­ten her­aus­ge­nom­men — was auch zum Thema des Vor­trags passt. Der Stil der Zeich­nun­gen dürfte den Lesern die­ses Blogs bekannt vorkommen:F05-06_screenonly_B

Wer auf der re:publica ist, kann sich gerne am Don­ners­tag um 16.15 Uhr auf Stage 10 die übri­gen Zeich­nun­gen anse­hen und die Geschichte dahin­ter anhören!

Aber das ist alles egal!“

Wie­der ein­mal ein Bei­trag, der mit dem Haupt­thema die­ses Blogs nichts zu tun hat — abge­se­hen davon, dass die Beschäf­ti­gung mit die­sem Kapi­tel mei­ner Fami­li­en­ge­schichte mich in den letz­ten Wochen Kraft gekos­tet hat, die nicht ins Blog oder ins Buch flie­ßen konnte. Die fol­gen­den Doku­mente und Tran­skripte habe ich in den letz­ten Tagen — jeweils exakt 70 Jahre nach dem ange­ge­be­nen Datum — bereits bei Face­book veröffentlicht.

1945-01-23_Brief_Bruno_zu_Trudels_Geburtstag

23.1.45
Mein lie­bes Frauchen!

In Eile packe ich einige Sachen zusammen.

Zu Dei­nem Geburts­tag liegt auch etwas dabei, falls ich nicht mehr Gele­gen­heit haben sollte, Dir zu gra­tu­lie­ren, wün­sche ich Dir jetzt schon alles Gute. Grüsse mir die Kin­der schön. Hof­fent­lich sehe ich Euch noch mal wieder.

Sei innig gegrüßt
von Dei­nem Bruno.

1945-01-30_Vorletzter_Brief_1000

Posen, den 30.1.45

Ihr Lie­ben.

Auch heute bin ich heil und gesund. Unsere Lage ist nicht gerade rosig, aber wol­len wir hof­fen, daß doch noch das Wun­der geschieht und wir aus die­sem Schla­mas­sel herauskommen.

Wo mögen wohl die Brie­se­ner Eltern mit Gre­tel und den Kin­dern sein. Hof­fent­lich sind alle recht­zei­tig in Sicher­heit gekom­men. Meine Gedan­ken sind sehr oft bei Euch, nur weiß ich nicht, wen sie bei Euch antref­fen. Unser Posen wird wohl bin­nen kur­zer Zeit nur noch Schutt und Asche sein, der grösste Teil ist es schon. Aber das ist alles egal!

Wenn ich doch nur wüsste, wie es Euch allen geht.
Seid recht innig gegrüsst
von Eurem
Bruno.

1945-01-31_Letzter_Brief_1000

Posen, den 31.1.45

Meine Lie­ben!

Unsere Lage ist nach wie vor die­selbe geblie­ben, jeden­falls ist sie nicht benei­dens­wert. Man muß schon „ein biss­chen“ die Zähne zusam­men­beis­sen. Heute früh war es mir bei­nah schlecht gegan­gen, aber im rich­ti­gen Moment kal­tes Blut und eine ordent­li­che Por­tion Glück hilft über die unmög­lichs­ten Situa­tio­nen hinweg.

Soll­ten wir wirk­lich noch mal aus die­sem Hexen­kes­sel lebend her­aus­kom­men, so hatte man mehr als ein­fa­ches Glück. Aber wol­len wir auf die­ses hof­fen und unser Mög­lichs­tes dazu tun.

Herz­li­che Grüße allen allen, ganz beson­ders aber mei­nem Frau­chen und mei­nen drei Pur­zen
von Eurem
Bruno u. Papi

194#_Bruno_Tiedtke

In Erin­ne­rung an mei­nen Groß­va­ter Bruno Tiedtke, der als Ange­hö­ri­ger der Dol­met­scher­kom­pa­nie 21 ver­mut­lich zwi­schen dem 18. und dem 23. Februar 1945 in Posen starb.

Offiziell alt

Vor eini­gen Mona­ten fragte der Ver­lag „Hand­werk und Tech­nik“ bei mir an, ob er eines der hier ver­öf­fent­lich­ten Fotos mei­ner idio­pa­thi­schen peri­phe­ren Fazial­is­läh­mung in einem Hand­buch der Alten­pflege ver­wen­den dürfe. Ja, wieso nicht; schö­ner wer­den wir mit den Jah­ren schließ­lich alle nicht. Letzte Woche traf das Beleg­ex­em­plar ein — mit gut 1300 Sei­ten ein rich­ti­ger Backstein:

Lehrbuch_Altenpflege

Schnapp­schuss gegen Buch: ein guter Deal, wie ich finde.

Was hat es mit #screenonly auf sich?

And now for some­thing com­ple­tely different.

P1180996_Data_final_ohne_Logo

Lieu­ten­ant Com­man­der Cli­ni­cal Trial Data wun­dert sich: Man hat ihn ein­ge­sperrt. Dabei will er doch der Mensch­heit dienen.

Dass ich in den letz­ten Tagen nicht zum Blog­gen und Buch­wei­ter­schrei­ben gekom­men bin, liegt an einer klei­nen Social-Media-Kampagne. Genau genom­men: der aller­ers­ten Social-Media-Kampagne des Insti­tuts für Qua­li­tät und Wirt­schaft­lich­keit im Gesund­heits­we­sen (IQWiG), in des­sen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­res­sort ich auf einer hal­ben Stelle arbeite.

Dass das Insti­tut die­ses Expe­ri­ment wagt und mei­nen Kol­le­gIn­nen und mir dabei rela­tiv freie Hand lässt, ist groß­ar­tig und hat mich ein biss­chen über­rum­pelt: Ich hatte mit Wider­stand gerech­net. Und dann fanden’s ein­fach alle gut. Und jetzt muss ich lie­fern. Waaaah! :-)

Wir star­ten von einer denk­bar ungüns­ti­gen Ausgangslage:

  • So gut wie nie­mand weiß, was das IQWiG ist.
  • So gut wie nie­mand weiß, was die Euro­pean Medi­ci­nes Agency (EMA) ist.
  • So gut wie nie­mand hat mit­be­kom­men, dass die EMA seit 2012 mehr Trans­pa­renz und einen leich­te­ren Zugriff auf die kli­ni­schen Stu­di­en­da­ten ver­spricht, die Phar­ma­un­ter­neh­men bei ihr ein­rei­chen, um eine Zulas­sung für ihre Medi­ka­mente zu erhalten.
  • So gut wie nie­mand weiß, wie umfang­reich kli­ni­sche Stu­di­en­be­richte (cli­ni­cal study reports, CSR) sind. Wie drin­gend sie für die Ein­schät­zung des Nut­zens und Scha­dens von Arz­nei­mit­teln benö­tigt wer­den. Und wie irr­sin­nig auf­wän­dig ihre wis­sen­schaft­li­che Aus­wer­tung ist.
  • So gut wie nie­mand außer­halb der engs­ten Fach­kreise hat mit­be­kom­men, dass die EMA in der ver­gan­ge­nen Woche eine gewal­tige Rolle rück­wärts voll­führt hat:

Der finale Ent­wurf ihrer neuen Regeln zur Ver­öf­fent­li­chung von Stu­di­en­da­ten sieht vor, dass man die Daten nur am Bild­schirm anstar­ren, sie aber nicht her­un­ter­la­den, wei­ter­ver­ar­bei­ten oder auch nur aus­dru­cken darf.

P1180993_Staring_experiment

All­mäh­lich beschleicht Rupert das Gefühl, dass die Daten zurückstarren.

Außer­dem dür­fen die Phar­ma­un­ter­neh­men in Zukunft zwei Ver­sio­nen ihrer Stu­di­en­be­richte bei der EMA ein­rei­chen: eine voll­stän­dige Fas­sung für die Zulas­sung — und eine vor­zen­sierte Fas­sung für die Öffent­lich­keit. Darin dür­fen zum Bei­spiel Anga­ben dar­über feh­len, ob sich die Lebens­qua­li­tät von Stu­di­en­teil­neh­mern unter dem Ein­fluss des Medi­ka­ments ver­bes­sert oder ver­schlech­tert hat.

Durch die­sen Restrik­tio­nen wer­den die Stu­di­en­da­ten schlicht­weg unbrauch­bar für Wis­sen­schaft­ler, die den Nut­zen und Scha­den von Arz­nei­mit­teln solide bewer­ten wol­len. Das wol­len wir mit unse­rer Kam­pa­gne illus­trie­ren, bevor die EMA diese Regeln am 12. Juni beschließt.

In den ers­ten bei­den Tagen habe ich aus­schließ­lich Twit­ter und die insti­tuts­ei­gene Kam­pa­gnen­seite gefüt­tert. Die inter­na­tio­nale Fach­szene ist ges­tern bei Twit­ter schon ganz gut ein­ge­stie­gen: Man amü­siert sich über die neuen Töne, die aus dem sonst so seriö­sen IQWiG zu ver­neh­men sind, ret­wee­tet unsere Bei­träge und greift den Hash­tag #scree­n­only auf.

Polly ist enttäuscht: Die wichtigsten Stellen bleiben verborgen.

Polly ist ent­täuscht: Die wich­tigs­ten Stel­len blei­ben verborgen.

Mal sehen, ob das ein Stroh­feuer bleibt oder wir nächste Woche noch die eine oder andere Welle machen. Übers Wochen­ende möchte ich die Aktion auch in Face­book und Xing hin­ein­tra­gen. Also bitte nicht wun­dern, wenn ich selt­same Fotos und — natür­lich! — AK-typische Zeich­nun­gen poste.

So abs­trakt und fern das Thema auch scheint: Es geht uns alle an. Wirk­lich alle: jeden, der auf Medi­ka­mente ange­wie­sen ist — oder in Zukunft ange­wie­sen sein wird — oder Ange­hö­rige hat, die Arz­nei­mit­tel neh­men müs­sen. Eben: jeden.

Der Vorschuss aus dem Netz: Crowdfunding für Bücher

[Zweit­ver­öf­fent­li­chung eines Arti­kels, den ich für das dies­jäh­rige Bücherfrauen-Magazin geschrie­ben habe]

Ende Mai lief die Finan­zie­rungs­phase für die „Frei­en­bi­bel“ aus: ein vol­ler Erfolg. Auf der Platt­form Kraut­re­por­ter, die sich auf die Crowd-Finanzierung jour­na­lis­ti­scher Pro­jekte spe­zia­li­siert hat, hat­ten 428 Men­schen eine der aus­ge­lob­ten Prä­mien vor­be­stellt und so fast 13.700 Euro zusam­men­ge­tra­gen, mit denen der Ver­ein Frei­sch­rei­ber nun sein Hand­buch für freie Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten ver­wirk­li­chen kann.

Von Crowd­fun­ding dürf­ten mitt­ler­weile die meis­ten gehört haben. Bei die­ser über­wie­gend über das Inter­net abge­wi­ckel­ten Form der Pro­jekt­vor­fi­nan­zie­rung steu­ern zahl­rei­che locker ver­netzte Per­so­nen zumeist kleine Beträge bei und erhal­ten im Gegen­zug Prä­mien. Das unter­schei­det Crowd­fun­ding einer­seits vom Spen­den­sam­meln, bei dem die Geber nur ein „gutes Gefühl“ und eine Spen­den­quit­tung erhal­ten, und ande­rer­seits vom Crow­din­ves­ting, bei dem sie Unter­neh­mens­an­teile oder Gewinn­be­tei­li­gun­gen erwer­ben.  Wei­ter­le­sen

Mind the gap: Der lange Weg des Gesundheitswesens ins Netz (re:publica-Rückblick, Teil 1 von 2)

Von Mon­tag bis Mitt­woch war ich in Ber­lin auf der re:publica — mei­ner drit­ten. Dies­mal habe ich mich auf die The­men Opendata/OpenGov, neue Wege in der Wis­sen­schafts­be­richt­er­stat­tung und Gesund­heit kon­zen­triert. Die Gesund­heits­the­men, von denen im Fol­gen­den aus­schließ­lich die Rede sein wird, wer­den auf der re:publica von Tobias Nei­secke kura­tiert, der die Ses­si­ons am Diens­tag und Mitt­woch auch moderierte.

Tobias habe ich im März in Frei­burg ken­nen gelernt, und zwar gegen Ende des Work­shops zu sys­te­ma­ti­schen Über­sichts­ar­bei­ten, den die Coch­rane Col­la­bo­ra­tion zwei­mal im Jahr anbie­tet: Gerd Antes, der Direk­tor des Deut­schen Coch­rane Zen­trums, machte im Rah­men sei­ner Vor­le­sung einige unvor­sich­tige Behaup­tun­gen über den Ein­fluss von Social Media auf die Ver­brei­tung von evi­denz­ba­sier­tem Medi­zin­wis­sen, und Tobias, der zufäl­lig neben mir saß, warf ganz zu Recht ein, das sei jetzt aber nicht gerade evi­denz­ba­siert gewesen. :-)

Die Situa­tion war typisch, und zwar bran­chen­über­grei­fend: Kory­phäen, die sich mit Social Media nicht aus­ken­nen (was keine Schande ist), mei­nen den­noch dar­über urtei­len zu kön­nen (was zum Pro­blem wer­den kann). Das ver­zö­gert das letzt­lich zwangs­läu­fige Zusam­men­wach­sen der Wel­ten und schränkt Gestal­tungs­spiel­räume ein. Um einen Stoß­seuf­zer zu zitie­ren, den Frank Krings vom dies­jäh­ri­gen Buch­camp absetzte:

Wei­ter­le­sen

Freiheit aushalten!“ — ein Beitrag zum #aufschrei

Ich habe einige Tage mit mir gerun­gen: Soll ich mich auf drei Tweets zum Sexismus-Mem #auf­schrei beschrän­ken oder noch etwas Län­ge­res dazu schrei­ben? Wenn ja: wo? Dabei liegt die Ant­wort auf der Hand: in mei­nem Blog natür­lich. Das ist zwar eigent­lich einem ganz ande­ren Thema gewid­met, aber hey, es ist mein Blog. Das Thema hängt vie­len sicher zum Halse her­aus, aber hey, genau das ist der Punkt: uns auch! Ich kann nichts bei­tra­gen, was nicht Hun­derte von Frauen und Dut­zende von Män­nern schon vor mir geschil­dert haben, aber hey: genau darum heißt das All­tagssexis­mus.

In den Medien wird #auf­schrei als Aktion jun­ger Frauen bezeich­net, und tat­säch­lich lie­gen die Erleb­nisse, die mir dazu ein­fal­len, über­wie­gend zwei bis zwei­ein­halb Jahr­zehnte zurück. Sind sie mitt­ler­weile unty­pisch? Dann wäre ich ebenso „aus der Zeit gefal­len“ wie jener Poli­ti­ker, des­sen Ver­hal­ten Aus­lö­ser, kei­nes­wegs aber Thema die­ser Debatte, Erre­gungs­welle, Bewe­gung, wha­te­ver war. Die vie­len Wort­mel­dun­gen bei Twit­ter und auf der Seite alltagssexismus.de spre­chen lei­der dagegen.

Und auch wenn unan­ge­nehme Anma­che und sexu­elle Überg­riffe umso sel­te­ner wur­den, je älter ich wurde, waren es doch die Jahre zwi­schen dem 15. und dem 22. Lebens­jahr, die meine Ver­hält­nis zu („den“) Män­nern und meine Ein­stel­lung zu Sexua­li­tät, Sexis­mus, sexua­li­sier­ter Gewalt usw. grund­le­gend geprägt haben.   Wei­ter­le­sen

Gesichtslähmung

Ich dachte eigent­lich, ich hätte mein dies­jäh­ri­ges Kon­tin­gent an „inter­es­san­ten“ Erkran­kun­gen bereits aus­ge­schöpft, aber nein. Seit ges­tern habe ich eine rechts­sei­tige Gesichts­läh­mung, genauer: eine idio­pa­thi­sche peri­phere Fazia­lis­pa­rese. Die vor­an­ge­gan­ge­nen star­ken Nacken­schmer­zen las­sen zwar nach, aber da mein rech­tes Auge wegen des stark redu­zier­ten Lid­schlags leicht aus­trock­net, kann ich längst nicht mehr so lange am Bild­schirm arbei­ten oder lesen wie gewohnt. Eine sol­che Läh­mung kann einige Wochen oder einige Monate oder (mit einer Wahr­schein­lich­keit von etwa zehn Pro­zent) ein Leben lang anhalten.

Ver­such, die Stirn zu run­zeln (das harm­lo­seste mei­ner heu­ti­gen Gruselbilder)

Es wurmt mich, dass sich dadurch die Arbeit am Auto­im­mun­buch schon wie­der erheb­lich ver­zö­gert. Das tut mir so leid für meine Unter­stüt­zer, die nun noch län­ger auf das Buch war­ten müs­sen. Ich tue alles, was in mei­ner Macht steht, um die Rege­ne­ra­tion zu unter­stüt­zen. Dazu gehört momen­tan eine mas­sive Medi­ka­tion mit Pred­ni­son, einem Glu­co­cor­ti­coid, das stark immun­suppri­mie­rend wirkt und daher auch — in viel nied­ri­ge­ren Dosen — bei eini­gen Auto­im­mun­er­kran­kun­gen ver­schrie­ben wird. Dazu gehört aber auch, dass ich mein rech­tes Auge wirk­lich schone, denn das linke ist ja schon seit der Netz­haut­ab­lö­sung am Anfang die­ses Jah­res nicht mehr so doll. :-/ Ich kann nur an eure Geduld appel­lie­ren — und an meine eigene.