Kategorie-Archiv: Something completely different

Bürgerwehr-Sturmtrupps – und Klaus Mann

Vor­weg, ers­tens: Ich behalte mir vor, die Kom­men­tar­funk­tion zu die­sem Bei­trag — not­falls auch im gan­zen Blog — zu sper­ren, und bei der Frei­schal­tung von Kom­men­ta­ren mache ich von mei­nem Haus­recht Gebrauch. „Zen­sur“? Geht woan­ders spielen.

Vor­weg, zwei­tens: Eigent­lich wollte ich an die­sem Wochen­ende viele neue Erkennt­nisse zum Immun­sys­tem blog­gen, in Zeich­nun­gen umset­zen und ins Buch­ma­nu­skript ein­ar­bei­ten. Aber es fällt mir zur Zeit schwer, mich dar­auf zu kon­zen­trie­ren. Ich wohne übri­gens in Köln.

Voll­pfos­ten grün­den Bürgerwehren

Ich weiß: Nichts wird so heiß geges­sen, wie es gekocht wird. Viele Hunde, die bel­len, bei­ßen nicht (man­che aber doch). Von einer Absichts­er­klä­rung bei Face­book oder in ande­ren sozia­len Medien bis zur nach­hal­ti­gen gesell­schaft­li­chen Pra­xis ist es ein wei­ter Weg. Den­noch beun­ru­higt es mich, dass im Lauf der letz­ten Tage Köl­ner „Bür­ger­weh­ren“ und „Sturmtrupps“ wie Pilze aus dem Boden schie­ßen. Die meis­ten haben bis­her über­schau­ba­ren Zulauf; der Poli­zei ist die Ent­wick­lung bekannt; sie behält die Grup­pen im Auge.

Wer sind, was wol­len diese Bürgerwehren?

Es sind Security-Männer des Köl­ner Groß­bor­dells „Pascha“ dar­un­ter und ein Stabs­un­ter­of­fi­zier der Bun­des­wehr. Body­buil­der, geschei­terte Exis­ten­zen, auch einige sym­pa­thi­sie­rende Frauen, Tele­fonsex­ar­bei­te­rin­nen, Ange­stellte der che­mi­schen Indus­trie, Selb­stän­dige. Anony­men Kom­men­ta­ren zufolge sym­pa­thi­sie­ren auch Poli­zis­ten mit die­sen Bestre­bun­gen, aber das kann hoh­les Geschwätz sein. Viele Per­so­nen tre­ten mit Klar­na­men und plau­si­blen, bereits lang geführ­ten Facebook-Profilen auf, aus denen sich zum Teil die Genese ihrer Frus­tra­tion ablei­ten lässt. (Der Stabs­un­ter­of­fi­zier etwa hat 2015 meh­rere Hun­dert nicht aus­zahl­bare und nicht abzu­fei­ernde Über­stun­den ange­sam­melt — einen Teil davon bei Ein­sät­zen an den nordrhein-westfälischen „Dreh­schei­ben“ für Flüchtlinge.)

Der Grün­der des „Sturm­trupps“ trägt die Täto­wie­rung „Legio Patria Nosta“ auf sei­nem brei­ten Kreuz, das Motto der Frem­den­le­gion. Man­che tre­ten mit Phan­ta­sie­na­men wie „Wäch­ter Mid­gards“ auf und nen­nen „Zukunft — Volk — Fami­lie — Hei­mat — Gemein­schaft“ als ihre Werte, was sich mit der an den Mund geführ­ten Bier­dose auf dem Pro­fil­bild offen­bar rei­bungs­los ver­trägt. Einer die­ser Kämp­fer für die Frau­en­rechte hat anstelle eines Por­träts den Spruch „Ein Foto von mir würde dich nur unnö­tig geil machen“ ein­ge­stellt. Einer hat ein Youtube-Video gepos­tet, das „Hier siehst du ein man der ein Esel sexu­ell pene­triet“ heißt. Ein ande­rer meint: „Wes­halb wurde der Mes­ser­ste­cher auf die Bür­ger­meis­te­rin über­haupt fest­ge­nom­men? Sie ist es doch sel­ber Schuld gewe­sen, denn sie hatte kei­nen Abstand gehal­ten!“ Ein wei­te­rer erklärt: „Ich hoffe, die deut­schen Medien wis­sen jetzt auch, warum in sol­chen Län­dern wie Syrien, Ägyp­ten, Iran die Poli­zei so hart ran geht. Diese Leute vom Sex­mob bekom­men da die Schwänze abge­schnit­ten. Und das ist auch rich­tig so.“ (Ortho­gra­fie korrigiert)

Sie wol­len regel­mä­ßig durch die Stra­ßen Kölns patrouil­lie­ren, um „unsere Frauen“ vor sexu­el­len Überg­rif­fen durch „Rape­fu­gees“ zu schüt­zen. Sie rekru­tie­ren gezielt in Tür­ste­her– und Kraftsportler-Kreisen. Sie ver­ab­re­den bereits erste Ter­mine für „Spa­zier­gänge“. Zum Teil möch­ten sie mit der Poli­zei koope­rie­ren (die sich dafür ganz herz­lich bedan­ken wird, ebenso wie die meis­ten Frauen). Zum Teil erklä­ren sie frei­her­aus: „Scheißt auf die Bul­len, unsere Frauen brau­chen jetzt Schutz, also lasst uns los­le­gen“ (Ortho­gra­fie kor­ri­giert). Sie machen kei­nen Hehl dar­aus, dass sie „auch mit G…“ vor­ge­hen möch­ten, was in die­sem Kon­text nur „Gewalt“ hei­ßen kann.

Hier mani­fes­tiert sich ein Miss­trauen gegen­über staat­li­chen Insti­tu­tio­nen, eine Auf­kün­di­gung der Akzep­tanz des staat­li­chen Gewalt­mo­no­pols in einem beängs­ti­gen­den Aus­maß. Was mich pha­sen­weise etwas beru­higt, ist die bei­nahe flä­chen­de­ckende Dumm­heit die­ser Gestal­ten — ange­fan­gen bei einer Recht­schrei­bung, die von funk­tio­na­lem Analpha­be­tis­mus nicht weit ent­fernt ist — was sie nicht daran hin­dert, das Inter­net voll­zu­schrei­ben. Das Ganze macht bis­lang einen zwar aktio­nis­ti­schen, aber plan­lo­sen Ein­druck: Kin­der in Män­ner­kör­pern spie­len Blockwart.

Du kommst nie zur Macht!“

Aber als ich ges­tern jeman­dem von die­sen Möchtegern-Bürgerwehren erzählte, erin­nerte er mich an Klaus Mann. Der ent­deckte 1932 in der Carlton-Teestube Hit­ler am Neben­tisch, sah ihm aus nächs­ter Nähe beim Ver­drü­cken meh­re­rer Erd­beer­tört­chen zu, stu­dierte sein Gesicht und lauschte sei­nem Geschwätz. Er nahm ihn als „bös­ar­ti­gen Spie­ßer“ bar jeder Größe oder Bega­bung wahr und kam zu dem Schluss: „Du wirst nicht sie­gen, Schick­lgru­ber, und wenn du dir die Seele aus dem Leibe brüllst. Du willst Deutsch­land beherr­schen? Dik­ta­tor willst du sein – mit der Nase? Daß ich nicht kichere! […] Laß dir nur noch ein Erd­beer­tört­chen kom­men, Schick­lgru­ber – es ist wohl das fünfte? –; in ein paar Jah­ren kannst du dir’s nicht mehr leis­ten; ein Bett­ler, ein Ver­ges­se­ner wirst du sein, in ein paar kur­zen Jähr­lein. Du kommst nie zur Macht!“ (Klaus Mann, „Der Wendepunkt“)

Er hat sei­nen Irr­tum bit­ter bereut.

Ich bin ver­un­si­chert. Meine Zuver­sicht, dass sol­che Voll­pfos­ten unse­rer Gesell­schaft nicht ernst­haft gefähr­lich wer­den kön­nen, ist seit Mona­ten dahin, und die letzte Woche hat das Unbe­ha­gen ver­stärkt. Unser Staat wird vor­erst mit ihnen fer­tig, keine Frage. Aber das Miss­trauen gegen­über den staat­li­chen Insti­tu­tio­nen, der Presse und der Poli­tik, das von den „Ereig­nis­sen“ der Sil­ves­ter­nacht, der brä­si­gen Des­in­for­ma­ti­ons­stra­te­gie der Poli­zei­lei­tung und eben dem Gebrüll der tap­fe­ren Bürgerwehr-Mannen geschürt wird, hat sich nach mei­nem Ein­druck in wei­ten Tei­len der Bevöl­ke­rung fest­ge­fres­sen, die die­sen Staat trägt … solange sie über­zeugt ist, dass er seine Sache gut macht.

Was, wenn die Bürgerwehr-Klappspaten ihren Goeb­bels finden?

Das vorgeburtliche Immunsystem: nicht unreif, sondern aktiv tolerant

In der Immu­no­lo­gie ent­wi­ckeln sich die Tech­ni­ken und mit ihnen im Ide­al­fall auch die Ein­sich­ten so schnell, dass fünf oder gar zehn Jahre alte Arbei­ten meist zum alten Eisen gehö­ren. Aber es gibt Aus­nah­men. Man­ches Kon­zept taucht irgend­wann wie­der aus der Ver­sen­kung auf, in der es ver­schwun­den war, weil es zur Zeit sei­ner Ent­ste­hung nicht über­prüft und wei­ter­ent­wi­ckelt wer­den konnte. Das gilt zum Bei­spiel für die Hypo­these vom geschich­te­ten oder gestaf­fel­ten Immun­sys­tem, der laye­red immune sys­tem hypo­the­sis, die 1989 von Leo­nore und Leo­nard Her­zen­berg auf­ge­stellt wurde.

Die Schich­ten oder Pha­sen sind dabei ursprüng­lich sowohl stam­mes– als auch indi­vi­dual­ge­schicht­lich zu ver­ste­hen. Auch wenn der Name Ernst Hae­ckel nir­gends fällt, schwingt des­sen bio­ge­ne­ti­sches Grund­ge­setz mit, also die Reka­pi­tu­la­ti­ons­re­gel: „Die Onto­ge­nese reka­pi­tu­liert die Phy­lo­ge­nese.“ In sei­ner dog­ma­ti­schen Form war die­ses „Gesetz“ nicht zu hal­ten, und Hae­ckel hat der Sache mit sei­nen didak­tisch geschön­ten gra­fi­schen Dar­stel­lun­gen kei­nen Gefal­len getan.

Aber nach wie vor gilt: Je jün­ger ein Embryo, desto weni­ger spe­zi­fi­sche Züge sei­ner Art trägt er, und desto mehr Züge hat er noch mit ähnlich frü­hen Ent­wick­lungs­sta­dien ent­fernt ver­wand­ter Arten gemein­sam — Züge, die evo­lu­tio­när älter sind als die gat­tungs– und art­spe­zi­fi­schen Aus­dif­fe­ren­zie­run­gen der spä­te­ren Ent­wick­lungs­sta­dien. Auf das Immun­sys­tem bezo­gen hieße das zum Bei­spiel: Die Ele­mente der evo­lu­tio­när älte­ren ange­bo­re­nen Abwehr bil­den sich im wer­den­den Indi­vi­duum frü­her her­aus als die Bestand­teile der evo­lu­tio­när jün­ge­ren erwor­be­nen Abwehr.

Schon bei den Her­zen­bergs und erst recht in den neue­ren Arbei­ten, die sich auf die Hypo­these bezie­hen, steht aber die Onto­ge­nese, die Embryo­nal­ent­wick­lung, im Vor­der­grund. Die Ent­wick­lung des indi­vi­du­el­len Immun­sys­tems wird tra­di­tio­nell als Rei­fung ver­stan­den: Vor der Geburt ist das Sys­tem unreif — im Sinne von unter­ent­wi­ckelt oder nicht funk­ti­ons­tüch­tig; nach der Geburt reift es durch den Kon­takt mit Anti­ge­nen aus der Umwelt heran; im Alter erschöpft es sich.

In den letz­ten Jah­ren meh­ren sich aber die Anzei­chen, dass das mensch­li­che Immun­sys­tem bereits weit vor der Geburt Funk­tio­nen erfüllt — nur eben andere als nach der Geburt. Die Geburt mar­kiert also nicht den Beginn der Akti­vi­tät, son­dern eine Ände­rung des Auf­ga­ben­pro­fils, die mit einer Ände­rung der zel­lu­lä­ren Zusam­men­set­zung und der „Gestimmt­heit“ des Immun­sys­tems ein­her­geht: mit dem Rück­bau einer Ebene und dem Aus­bau einer anderen.

Die Entwicklungsphasen der tolerogenen Immunität durch fetale T-Zellen und der aggressiven Immunität durch adulte T-Zellen überlappen sich. Nach Burt 2013, Abb. 1

Die Ent­wick­lungs­pha­sen der tole­ro­ge­nen Immun­re­ak­tio­nen durch fetale T-Zellen und der aggres­si­ven Immun­re­ak­tio­nen durch adulte T-Zellen über­lap­pen sich. Nach Burt 2013, Abb. 1

Die für eine Ebene oder Phase des Immun­sys­tems typi­schen Lym­pho­zy­ten besie­deln die Lym­ph­or­gane und die Peri­phe­rie nicht kon­ti­nu­ier­lich, son­dern in Wel­len. Ein Bei­spiel sind die bei­den B-Zell-Populationen, die bei Mäu­sen zu unter­schied­li­chen Zei­ten auf­tau­chen, von unter­schied­li­chen häma­to­poe­ti­schen Stamm­zel­len im Kno­chen­mark abstam­men und unter­schied­li­che Eigen­schaf­ten haben: In neu­ge­bo­re­nen Mäu­sen domi­nie­ren die B-1-Zellen, die vor allem in der Bauch­höhle vor­kom­men; bei erwach­se­nen Mäu­sen herr­schen B-2-Zellen vor, die schlag­kräf­ti­gere Anti­kör­per produzieren.

Auch das T-Zell-Repertoire ent­wi­ckelt sich in Wel­len. Wie bereits bespro­chen, ent­ste­hen beim Men­schen wäh­rend der 9. Schwan­ger­schafts­wo­che zunächst γδ-T-Zellen, die bei Erwach­se­nen nur noch etwa fünf Pro­zent der T-Zellen aus­ma­chen. Ab der 10. Woche wer­den αβ-T-Zellen pro­du­ziert, und zwar sowohl zyto­to­xi­sche T-Zellen (CD8+) als auch CD4+–T-Zellen, die ent­we­der zu Hel­fer­zel­len oder zu regu­la­to­ri­schen T-Zellen (Tregs) wer­den. Die frü­hen CD4+–T-Zellen haben eine starke Nei­gung, sich — manch­mal schon im Thy­mus, zu einem gro­ßen Teil aber erst in der Peri­phe­rie — zu Tregs zu ent­wi­ckeln und fortan besänf­ti­gend auf das rest­li­che Immun­sys­tem einzuwirken.

Vor allem im zwei­ten Schwan­ger­schafts­drit­tel wim­melt es im Kör­per des wer­den­den Kin­des von Tregs. In der 24. Schwan­ger­schafts­wo­che machen sie 15 bis 20 Pro­zent aller CD4+–T-Zellen aus, wäh­rend es bei der Geburt nur noch 5 bis 10 Pro­zent und bei Erwach­se­nen unter 5 Pro­zent sind. Feh­len sie, etwa auf­grund eines gene­ti­schen Defekts im Treg-typischen Gen FoxP3, so kommt es bereits kurz nach der Geburt zu einer mas­si­ven, viele Organe umfas­sen­den Auto­im­mun­re­ak­tion (IPEX). Erst im drit­ten Tri­mes­ter wer­den die tole­ro­ge­nen feta­len T-Zellen all­mäh­lich von aggres­si­ve­ren adul­ten T-Zellen abgelöst.

Das kam für viele For­scher über­ra­schend, denn man hatte die Ent­wick­lung der erwor­be­nen Abwehr jahr­zehn­te­lang fast nur an Labor­mäu­sen erforscht, bei denen die T-Zell-Produktion knapp vor der Geburt anläuft und nicht bereits im ers­ten Tri­mes­ter. Die ers­ten Tregs ver­las­sen den Mäuse-Thymus sogar erst am drit­ten Tag nach der Geburt. Die­ser grund­le­gende Unter­schied zwi­schen Mensch und Maus ist — wie so vie­les — mit der ebenso grund­ver­schie­de­nen life history der bei­den Arten zu erklären.

So, wie das müt­ter­li­che Immun­sys­tem wäh­rend der lan­gen Schwan­ger­schaft beim Men­schen vor der Her­aus­for­de­rung steht, den (halb)fremden Fetus nicht abzu­sto­ßen, muss auch der Fetus mit (halb)fremden Ein­dring­lin­gen zurecht­kom­men, näm­lich müt­ter­li­chen Zel­len und Anti­kör­pern. Mikro­chi­mä­ris­mus — der Ein­bau von Zel­len aus der Mut­ter in den Orga­nis­mus ihres Kin­des ebenso wie der Ein­bau von Zel­len des Kin­des in den Orga­nis­mus sei­ner Mut­ter — ist bei Men­schen und ande­ren gro­ßen, lang­le­bi­gen Säu­ge­tie­ren weit ver­brei­tet und in den aller­meis­ten Fäl­len völ­lig harm­los: Das Immun­sys­tem lernt recht­zei­tig, dass diese Zel­len von nun an dazu­ge­hö­ren, und die Ein­wan­de­rer inte­grie­ren sich anstands­los. Zu ihnen zäh­len auch müt­ter­li­che Immun­zel­len aller Art, etwa Mono­zy­ten, natür­li­che Kil­ler­zel­len, T– und B-Zellen. In den feta­len Lymph­kno­ten prä­sen­tie­ren einige von ihnen den Immun­zel­len des Kin­des müt­ter­li­che Antigene.

In der Mythologie ist die Chimäre ein Wesen, das vorne Löwe, in der Mitte Ziege und hinten Drachen ist. Wir alle sind Chimären: Unser Körper enthält Zellklone, die aus unseren Müttern stammen.

Die Chi­märe der Mytho­lo­gie ist vorne Löwe, in der Mitte Ziege und hin­ten Dra­che. Wir alle sind Chi­mä­ren: Unsere Kör­per ent­hal­ten Zell­k­lone, die aus unse­ren Müt­tern stammen.

Neben müt­ter­li­chen Zel­len drin­gen auch müt­ter­li­che Anti­kör­per in den Fetus ein, und zwar mas­sen­haft: Gegen Ende der Schwan­ger­schaft ist die Kon­zen­tra­tion von müt­ter­li­chem Immun­glo­bu­lin G (IgG) im Fetus höher als im müt­ter­li­chen Blut. Über die Mut­ter­milch nimmt das Neu­ge­bo­rene wei­ter IgG auf. Diese Anti­kör­per schüt­zen das Kind in den ers­ten Lebens­mo­na­ten vor Infek­tio­nen. Anti­kör­per sind bekannt­lich Pro­te­ine und als sol­che nicht nur Waf­fen, son­dern zugleich Ziele der Abwehr — sofern das Immun­sys­tem nicht lernt, sie zu tolerieren.

Außer müt­ter­li­chen Anti­ge­nen tau­chen wäh­ren der Ent­wick­lung des Fetus auch immer wie­der neue Gewebs­ty­pen und Organe auf und mit ihnen Auto­an­ti­gene, auf die das Immun­sys­tem nicht aggres­siv rea­gie­ren darf. Und die bak­te­ri­elle Flora, die unsere Haut und unsere Schleim­häute unmit­tel­bar nach der Geburt besie­delt, muss zwar in ihre Gren­zen ver­wie­sen, aber ansons­ten tole­riert wer­den. Ähnli­ches gilt ver­mut­lich für einige Patho­gene, etwa Viren, die die Schutz­wälle rings um den Fetus über­win­den und ihn bereits vor der Geburt chro­nisch infi­zie­ren kön­nen: Auch sie müs­sen zwar ein­ge­dämmt, dür­fen aber nicht aggres­siv bekämpft wer­den, weil das für das wer­dende Kind das Ende bedeu­ten würde.

Die zen­trale Tole­ranz durch die nega­tive T-Zell-Selektion im Thy­mus reicht für diese Her­un­ter­re­gu­lie­rung der Abwehr offen­bar nicht aus: Auch in der Peri­phe­rie muss Frie­den gestif­tet werden. Naive fetale CD4+-–T-Zellen müs­sen sich bei Bedarf schnell zu anti­gen­spe­zi­fi­schen Tregs wei­ter­ent­wi­ckeln kön­nen. Dazu brau­chen sie Signale aus der TGF-β-Familie, die tat­säch­lich in feta­len Lymph­kno­ten in viel höhe­rer Kon­zen­tra­tion vor­lie­gen als in adul­ten Lymph­kno­ten. Auch kön­nen sich fetale Tregs, wenn sie in den Lymph­kno­ten mit Inter­leu­kin 2 ange­regt wer­den, stark ver­meh­ren, selbst wenn ihre T-Zell-Rezeptoren gerade nicht durch das pas­sende prä­sen­tierte Anti­gen sti­mu­liert wer­den — was bei adul­ten Tregs eine strikte Vor­aus­set­zung für die Zell­tei­lung ist.

Auch wenn sich fetale und adulte Tregs äußer­lich zum Ver­wech­seln ähneln: Sie stam­men — wie Expe­ri­mente an „huma­ni­sier­ten“ Mäu­se­stäm­men zei­gen — von unter­schied­li­chen häma­to­poe­ti­schen Stamm­zel­len ab, haben unter­schied­li­che Gen­ex­pres­si­ons­pro­file und Akti­vie­rungs­schwel­len und gelan­gen in der Peri­phe­rie in unter­schied­li­che Signal-Landschaften, die ihr Ver­hal­ten und ihre wei­tere Ent­wick­lung in ent­spre­chende Bah­nen lenken.

Einige Ver­tre­ter der Hypo­these vom mehr­schich­ti­gen oder gestaf­fel­ten Immun­sys­tem mei­nen, die indi­vi­du­ell unter­schied­li­che Nei­gung zu Auto­im­mun­er­kran­kun­gen, All­er­gien und Nah­rungs­mit­telun­ver­träg­lich­kei­ten könne mit dem Mischungs­ver­hält­nis zwi­schen feta­len und adul­ten T-Zell-Populationen zum Zeit­punkt der Geburt zusam­men­hän­gen: Neu­ge­bo­rene, die nur noch wenige fetale, tole­ro­gene T-Zellen auf­wei­sen und dafür bereits sehr viele aggres­sive T-Zellen vom adul­ten Typ, könn­ten im kri­ti­schen Zeit­fens­ter nach der Geburt eine blei­bende Nei­gung zu Über­re­ak­tio­nen auf Auto­an­ti­gene und harm­lose fremde Anti­gene ausbilden.

Die Hypo­these vom laye­red immune sys­tem ist nach wie vor umstrit­ten, wie die Dis­kus­sion zwi­schen Mold und Ander­son (s. u.) zeigt. Aber sie passt zu den Arbei­ten über die Hem­mung des bereits voll ein­satz­fä­hi­gen neo­na­ta­len Immun­sys­tems durch CD71+-Zel­len (junge rote Blut­kör­per­chen), die ich hier vor eini­gen Mona­ten in zwei Bei­trä­gen bespro­chen habe: Offen­bar kom­men wir — zumin­dest immu­no­lo­gisch — kei­nes­wegs so unreif auf die Welt, wie man frü­her annahm. Wie­der ein­mal zeigt sich, dass Men­schen keine groß gera­te­nen Mäuse sind.

Lite­ra­tur (chronologisch)

Her­zen­berg, L. A., & Her­zen­berg, L. A. (1989). Toward a Laye­red Immune Sys­tem. Cell, 59, 953–954. (PDF)

Mold, J. E., & McCune, J. M. (2011). At the cross­roads bet­ween tolerance and aggres­sion: Revi­sit­ing the “laye­red immune sys­tem” hypo­the­sis. Chi­me­rism,2(2), 35–41. http://doi.org/10.4161/chim.2.2.16329

Mold, J. E., & Ander­son, C. C. (2013). A dis­cus­sion of immune tolerance and the laye­red immune sys­tem hypo­the­sis. Chi­me­rism, 4(3), 62–70. http://doi.org/10.4161/chim.24914

Burt, T. D. (2013). Fetal Regu­latory T Cells and Peri­pheral Immune Tolerance in utero: Imp­li­ca­ti­ons for Deve­lop­ment and Disease. Ame­ri­can Jour­nal of Repro­duc­tive Immu­no­logy (New York, N.Y. : 1989), 69(4), 346–358. http://doi.org/10.1111/aji.12083

Loewen­dorf, A. I., Csete, M., & Flake, A. (2014). Immu­no­lo­gi­cal con­side­ra­ti­ons in in utero hema­to­poe­tic stem cell trans­plan­ta­tion (IUHCT). Fron­tiers in Phar­ma­co­logy, 5, 282. http://doi.org/10.3389/fphar.2014.00282

Yang, S., Fuji­kado, N., Kolo­din, D., Benoist, C., Mathis, D. (2015). Immune tolerance. Regu­latory T cells gene­ra­ted early in life play a dis­tinct role in main­tai­ning self-tolerance. Sci­ence, 2015 May 1;348(6234):589–94. http://doi.org/10.1126/science.aaa7017

 

Kamelhaardecke

Ich sitze im Arbeits­zim­mer, ein­ge­hüllt in einen selt­sa­men Geruch: nach Kel­ler und Mottenkugeln.

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Ich würde unsere Fami­lie nicht als tra­di­ti­ons­be­wusst bezeich­nen. Meine Eltern waren nicht gläu­big, die christ­li­chen Fei­er­tage wur­den halt der Kin­der wegen gefei­ert. Gelebt, gewohnt, geklei­det und gekocht wurde modern: funk­tio­nal, nüch­tern. Aber auch bei uns gab es Grün­dungs­er­zäh­lun­gen — zum Teil unbe­wusst wei­ter­ge­tra­gen und dadurch umso wirk­mäch­ti­ger, bis heute.

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Dass die Fami­lie mei­ner Mut­ter Anfang 1945 aus Posen geflo­hen ist, habe ich hier schon im Januar berich­tet — genau sieb­zig Jahre nach dem letz­ten Brief mei­nes Groß­va­ters. Durch die Flucht haben meine Groß­mut­ter und ihre drei Kin­der fast alles ver­lo­ren; meine Mut­ter hat sich auf einem offe­nen Wagen lebens­ge­fähr­lich unter­kühlt. Die Kälte im Januar 1945 und die Mit­tel, mit denen sich die Men­schen gegen sie zu wapp­nen versuchten, spielen in den Über­lie­fe­run­gen vie­ler Fami­lien eine große Rolle. Bei uns macht sich das an einer gro­ßen Kamel­haar­de­cke fest, die die Fami­lie vor dem Erfrie­ren bewahrt hat. Es gibt sie längst nicht mehr, aber seit­her gel­ten Decken im müt­ter­li­chen Fami­li­en­zweig als beson­ders wich­ti­ger Besitz und als wert­volle Geschenke.

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Seit Jahr­zehn­ten schleppe ich bei jedem Umzug Decken mit mir herum. Eine mit einem Art-Déco-Muster, von der ich nicht ein­mal weiß, von wel­chem Fami­li­en­zweig sie stammt; ich tippe auf die väter­li­che, nie­der­län­di­sche Seite. Eine „echte Peter-Hahn-Lamahaardecke“. Eine orange-weiße Kunst­fa­ser­de­cke aus den 1970er-Jahren, mit der meine Schwes­ter und ich Kuschel­höh­len gebaut haben. Und eine ganz schlicht in ein schwar­zes, ein creme­wei­ßes und zwei graue Vier­tel unter­teilte Woll­de­cke, die ver­mut­lich meine Mut­ter aus­ge­sucht hat (modern, funk­tio­nal, nüch­tern). Obwohl ich sie fast nie gebraucht habe, konnte ich mich nicht von ihnen tren­nen. Denn: Decken sind wich­tig. Fami­li­en­de­cken sind sakro­sankt. Da in mei­nen klei­nen Zim­mern oder Woh­nun­gen sel­ten Platz für sie war, waren sie fast immer in Kel­lern unter­ge­bracht, was ihnen lei­der gar nicht gut getan hat.

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Daher der selt­same Geruch in mei­nem Arbeits­zim­mer: Ich lüfte sie aus, um sie weg­zu­ge­ben. In einer Not­un­ter­kunft für Geflüch­tete im nahen Stadt­teil Bil­der­stöck­chen, der sei­nem Namen zum Trotz so gar nichts Idyl­li­sches an sich hat, wer­den drin­gend Decken benö­tigt: In der Turn­halle wird es nachts rich­tig kalt. Und so ver­su­che ich, den Kel­ler­ge­ruch aus den Decken zu ver­trei­ben, damit sie end­lich wie­der das tun, wozu sie gemacht sind: Men­schen wärmen.

Die Dia­lek­tik der Familiendecken-Tradition: Ich pflege sie, indem ich sie aufgebe.

Kleidung für Refugees — aber in welcher Größe?

Ich helfe zur Zeit gele­gent­lich in den Klei­der­kam­mern der Köl­ner Johan­ni­ter und der Dreh­scheibe am Köl­ner Flug­ha­fen dabei, gespen­dete Klei­dung zu sor­tie­ren. Blö­der­weise bin ich nahezu Gender-blind, wenn die Sachen nicht gerade mit rosa Glit­zer ver­ziert sind. Auch die unein­heit­li­chen Grö­ßen­an­ga­ben ver­wir­ren mich.

Um wenigs­tens mit den Grö­ßen bes­ser zurecht­zu­kom­men, habe ich Tabel­len zusam­men­ge­stellt, die ich aus­dru­cken, ggf. lami­nie­ren und zum Sor­tie­ren mit­neh­men kann. Falls es auch ande­ren Hel­fern so geht: Bitte bedient euch. Die neun Sei­ten sind sor­tiert nach den Kate­go­rien Schuhe, Damen, Her­ren sowie Kinder/Jugendliche.

Klei­der­grö­ßen

Obergrenzen

Art 1

(1) Die Würde der ers­ten 20 Men­schen, die jeden Monat in einer Gemeinde zur Welt kom­men, ist unan­tast­bar. Sie zu ach­ten und zu schüt­zen ist Ver­pflich­tung aller staat­li­chen Gewalt.

(2) Teile des Deut­schen Vol­kes beken­nen sich darum zu unver­letz­li­chen und unver­äu­ßer­li­chen Men­schen­rech­ten als Grund­lage jeder mensch­li­chen Gemein­schaft, des Frie­dens und der Gerech­tig­keit in der Welt.

(3) Die nach­fol­gen­den Grund­rechte bin­den Gesetz­ge­bung, voll­zie­hende Gewalt und Recht­spre­chung mon­tags bis don­ners­tags zu den übli­chen Büro­zei­ten als unmit­tel­bar gel­ten­des Recht. (Ers­ter Don­ners­tag im Monat: lan­ger Donnerstag.)

Art 2

(1) Jeder Zweite hat das Recht auf die freie Ent­fal­tung sei­ner Per­sön­lich­keit, soweit er nicht die Rechte ande­rer ver­letzt und nicht gegen die ver­fas­sungs­mä­ßige Ord­nung oder das Sit­ten­ge­setz verstößt.

(2) 99 Pro­zent haben das Recht auf Leben und kör­per­li­che Unver­sehrt­heit. Die Frei­heit die­ser Per­so­nen ist unver­letz­lich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Geset­zes ein­ge­grif­fen werden.

Art 3

(1) Fast alle Men­schen sind vor dem Gesetz gleich.

(2) Män­ner und Frauen sind nahezu gleich­be­rech­tigt. Der Staat för­dert nach Maß­gabe sei­ner Mög­lich­kei­ten die tat­säch­li­che Durch­set­zung der Gleich­be­rech­ti­gung von Frauen und Män­nern und wirkt auf die Besei­ti­gung eini­ger beste­hen­der Nach­teile hin.

(3) Nie­mand, der nach­weis­lich stets eine Eins in Betra­gen hatte, darf wegen sei­nes Geschlech­tes, sei­ner Abstam­mung, sei­ner Rasse, sei­ner Spra­che, sei­ner Hei­mat und Her­kunft, sei­nes Glau­bens, sei­ner reli­giö­sen oder poli­ti­schen Anschau­un­gen benach­tei­ligt oder bevor­zugt wer­den. Nie­mand darf wegen sei­ner Behin­de­rung benach­tei­ligt wer­den, es sei denn, seine gesell­schaft­li­che Teil­habe ver­ur­sacht Kosten.

Art 4

(1) Die Frei­heit des Glau­bens, des Gewis­sens und die Frei­heit des reli­giö­sen und welt­an­schau­li­chen Bekennt­nis­ses sind unver­letz­lich, sofern es sich nicht um den jüdi­schen, den isla­mi­schen oder den Glau­ben an die Wan­del­bar­keit der Ver­hält­nisse handelt.

(2) Die unge­störte Reli­gi­ons­aus­übung wird gewähr­leis­tet, außer freitags.

(3) Nie­mand darf gegen sein Gewis­sen zum Kriegs­dienst mit der Waffe gezwun­gen wer­den, sofern nicht gerade Not am Mann ist. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.

Art 5

(1) Jeden Tag haben 2000 Bür­ger das Recht, ihre Mei­nung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu ver­brei­ten und sich aus all­ge­mein zugäng­li­chen Quel­len unge­hin­dert zu unter­rich­ten. Alle ande­ren: Ein­fach mal die Kresse hal­ten. Eine Zen­sur die­ser 2000 Äuße­run­gen fin­det nicht statt.

(2) Diese Rechte fin­den ihre Schran­ken in den Vor­schrif­ten der all­ge­mei­nen Gesetze, den gesetz­li­chen Bestim­mun­gen zum Schutze der Jugend, in dem Recht der per­sön­li­chen Ehre und in Horst Seehofer.

(3) Kunst und Wis­sen­schaft, For­schung und Lehre sind in den ers­ten sie­ben Mona­ten eines jeden Jah­res frei. Die Frei­heit der Lehre ent­bin­det nicht von der Treue zur Verfassung.

Art 8

(1) Alle Deut­schen, deren Nach­na­men mit A bis P begin­nen, haben das Recht, sich ohne Anmel­dung oder Erlaub­nis fried­lich und ohne Waf­fen zu versammeln.

(2) Für Ver­samm­lun­gen unter freiem Him­mel kann die­ses Recht durch Gesetz oder auf Grund eines Geset­zes beschränkt werden.

(3) Kriegs– und Bür­ger­kriegs­flücht­linge haben sich gene­rell unter freiem Him­mel aufzuhalten.

Art 9

(1) Alle Deut­schen mit akku­ra­tem Haar­schnitt haben das Recht, Ver­eine und Gesell­schaf­ten zu bilden.

(2) Ver­ei­ni­gun­gen, deren Zwe­cke oder deren Tätig­keit den Straf­ge­set­zen zuwi­der­lau­fen oder die sich gegen die ver­fas­sungs­mä­ßige Ord­nung oder gegen den Gedan­ken der Völ­ker­ver­stän­di­gung rich­ten, sind ver­bo­ten, sofern nicht wenigs­tens eines ihrer Mit­glie­der V-Mann ist.

(3) Das Recht, zur Wah­rung und För­de­rung der Arbeits– und Wirt­schafts­be­din­gun­gen Ver­ei­ni­gun­gen zu bil­den, ist für jeder­mann und für alle Berufe bis auf die Lok­füh­rer gewähr­leis­tet. Abre­den, die die­ses Recht ein­schrän­ken oder zu behin­dern suchen, sind nich­tig, sofern sie nicht von Andrea Nah­les ver­an­lasst wurden.

Art 10

(1) Das Brief­ge­heim­nis sowie das Post– und Fern­mel­de­ge­heim­nis sind bei Ver­wen­dung hand­ge­schöpf­ter Büttenpapiere unverletzlich.

(2) Beschrän­kun­gen dür­fen nur auf Grund eines Geset­zes ange­ord­net wer­den. Dient die Beschrän­kung dem Schutze der frei­heit­li­chen demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung oder des Bestan­des oder der Siche­rung des Bun­des oder eines Lan­des, so kann das Gesetz bestim­men, daß sie dem Betrof­fe­nen nicht mit­ge­teilt wird und daß an die Stelle des Rechts­we­ges die gele­gent­li­che stich­pro­ben­ar­tige Nach­prü­fung durch McK­in­sey tritt.

Art 11

(1) Alle Deut­schen genie­ßen Frei­zü­gig­keit im gan­zen Bun­des­ge­biet mit Aus­nahme Sachsens.

(2) Die­ses Recht darf nur durch Gesetz oder auf Grund eines Geset­zes und nur für die Fälle ein­ge­schränkt wer­den, in denen eine aus­rei­chende Lebens­grund­lage nicht vor­han­den ist oder es zur Abwehr eines inner­par­tei­li­chen Füh­rungs­kon­flikts gebo­ten scheint.

Art 14

(1) Das Eigen­tum und das Erbrecht alt­ein­ge­ses­se­ner Fami­lien wer­den gewähr­leis­tet. Inhalt und Schran­ken wer­den durch die Gesetze bestimmt.

(2) Eigen­tum von Immo­bi­lien mit bis zu 80 qm Wohn– oder Arbeits­flä­che und Ver­mö­gens­wer­ten bis zu 90.000 Euro ver­pflich­tet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der All­ge­mein­heit dienen.

(3) Eine Ent­eig­nung ist nur zur Erschlie­ßung neuer Braun­koh­le­ta­ge­bau­flä­chen, nicht aber zum Wohle der All­ge­mein­heit zulässig.

Art 16

(1) Die deut­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit darf nicht ent­zo­gen und soll­ter daher beson­ders spar­sam zuer­kannt werden.

(2) Kein Deut­scher darf an das Aus­land aus­ge­lie­fert wer­den, sofern nicht alle Betei­lig­ten zu dau­er­haf­tem abso­lu­tem Still­schwei­gen ver­pflich­tet wer­den können.

Art 16a

(1) Jähr­lich bis zu 8.000 poli­tisch Ver­folgte genie­ßen Asylrecht.

Usw. usf.

Flucht und Hilfe

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Urgroß­va­ter, Groß­mut­ter, Groß­va­ter, Urgroß­müt­ter und meine Mut­ter, 1939

Ges­tern sind wir aus Polen zurück­ge­kom­men. Dort haben wir unter ande­rem den Ort besucht, aus dem meine Groß­mut­ter, meine Mut­ter, meine Tante und mein Onkel vor gut 70 Jah­ren, am 20. Januar 1945, geflo­hen sind: Jano­wiec Wie­l­ko­pol­ski. Das Haus steht noch, die Straße hat sich kaum verändert.

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Das Geburts­haus mei­ner Mut­ter in Jano­wiec Wie­l­ko­pol­ski, 76 Jahre später

Fast alle deutsch­stäm­mi­gen Bewoh­ner von Jan­no­witz sind damals gleich­zei­tig auf­ge­bro­chen, mit dem­sel­ben Ziel: Ber­lin. Meine Mut­ter, mit neun Jah­ren das älteste der drei Kin­der, saß auf der ers­ten Etappe der Flucht vorne auf dem Bock eines offe­nen Wagens und hat sich dort so schwer unter­kühlt, dass die Fami­lie den Treck ver­las­sen musste, um sie in einem Mili­tär­la­za­rett behan­deln zu lassen.

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Meine Groß­mut­ter und ihre drei Kin­der auf der Flucht, ver­mut­lich am Bahn­hof Schneidemühl

Im Nach­hin­ein erwies sich die Zwangs­pause als Glücks­fall: Bei der Fort­set­zung der Flucht kam meine Groß­mut­ter an einem Bahn­hof (ver­mut­lich in Schneidemühl, heute Piła) mit dem jun­gen Sol­da­ten Mar­tin Zareba ins Gespräch, der drin­gend von der Wei­ter­reise nach Ber­lin abriet und anbot, die vier statt­des­sen in sei­ner klei­nen Woh­nung in Herz­berg im Harz ein­zu­quar­tie­ren. Meine Groß­mut­ter hat sich dort nur schwer ein­ge­lebt und — wie alle Flücht­linge — von den Ein­hei­mi­schen nicht nur Freund­lich­keit erfah­ren, aber sie blieb in Herz­berg bis zu ihrem Tod.

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Nach der Flucht: Mar­tin Zareba mit mei­ner Mut­ter (2. v. l.) und ihren Geschwis­tern in Herzberg

Mar­tin Zareba hat in mei­ner Groß­mut­ter und ihren Kin­dern nicht ein­fach Fremde gese­hen, deren Schick­sal ihn nichts anging, son­dern Men­schen in Not, und er hat sich spon­tan ent­schlos­sen, ihnen zu hel­fen. Was aus ihm wurde, weiß ich nicht. Ver­mut­lich starb er nach einem kur­zen letz­ten Hei­mat­ur­laub an der Front. Viel­leicht ahnte er, dass es so kom­men würde:

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Herz­berg, d. 8. 2. 45. Ich bestä­tige hier­mit Frau Ger­trud Tiedtke, daß ich Ihr meine Woh­nung u. Inven­tar auf unbe­stimmte Zeit zur Ver­fü­gung gestellt habe. Gren. Mar­tin Zareba“

Die letz­ten Briefe mei­nes Groß­va­ters, der ver­mut­lich zwi­schen dem 18. und dem 23. Februar 1945 bei der völ­lig aus­sichts– und sinn­lo­sen Ver­tei­di­gung der Fes­tung Posen starb, habe ich bereits im Januar ver­öf­fent­licht. Unver­gess­lich der Satz: „Meine Gedan­ken sind sehr oft bei Euch, nur weiß ich nicht, wen sie bei Euch antreffen.“

Mitte August, auf dem Sol­da­ten­fried­hof von Poznan, zwi­schen den Grä­bern all die­ser 19-, 20-, 23-jährigen Rus­sen und Polen und Bri­ten, musste ich an einen ande­ren Satz den­ken, den er am 31. Januar 1945 schrieb: „Heute früh war es mir bei­nah schlecht gegan­gen, aber im rich­ti­gen Moment kal­tes Blut und eine ordent­li­che Por­tion Glück hilft über die unmög­lichs­ten Situa­tio­nen hin­weg.“ Man muss wohl davon aus­ge­hen, dass sein Glück das Unglück eines ande­ren war: dass es dann eben einer die­ser jun­gen Rus­sen war, dem es „schlecht erging“.

Sowjet-Soldatenfriedhof

Einer von vie­len, denen es „schlecht ergan­gen“ ist.

Mein Groß­va­ter, der 1930/1931 im pol­ni­schen Heer gedient hatte und ab 1943 im deut­schen, ist nicht geflo­hen, als es noch mög­lich war — ver­mut­lich aus Sorge um seine Fami­lie, viel­leicht auch aus Treue zum natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Regime oder auf­grund sei­nes Ehr­ver­ständ­nis­ses. Ich wünschte, er hätte weni­ger „ehren­voll“ gehan­delt und recht­zei­tig die Beine in die Hand genom­men. Viel­leicht gäbe es dann wenigs­tens ein Grab.

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BFF_1508_ButtonOrange2-300x300Die Initia­tive „Blog­ger für Flücht­linge“ sam­melt Spen­den für Flücht­linge und unter­stützt Flücht­lings­in­itia­ti­ven. Vie­len Dank an Carla, Nico und die ande­ren Initiatoren!

Patientenberatung: Wie man Unabhängigkeit und Gemeinnützigkeit herstellt

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Janus GmbH, guten Tag.“

Inter­es­sen­kon­flikte wer­den gerne im Klein­ge­druck­ten am Ende eines Bei­trags abge­han­delt. Das soll hier anders sein: Ich arbeite auf einer hal­ben Stelle am Insti­tut für Qua­li­tät und Wirt­schaft­lich­keit im Gesund­heits­we­sen (IQWiG), das mit der Unab­hän­gi­gen Pati­en­ten­be­ra­tung Deutsch­land (UPD) koope­riert. Am IQWiG schenkt man Inter­es­sen­kon­flik­ten aus guten Grün­den beson­dere Auf­merk­sam­keit. Das heißt aber nicht, dass ich zur Neu­ver­gabe der UPD an ein Unter­neh­men, das ein Call­cen­ter für Kran­ken­kas­sen betreibt, keine per­sön­li­che Mei­nung haben oder diese nicht äußern dürfte.

Der Betrieb der UPD ist in § 65b des Sozi­al­ge­setz­buchs, Fünf­tes Buch (SGB V) gere­gelt. Dort heißt es: „Die För­de­rung einer Ein­rich­tung zur Ver­brau­cher– und Pati­en­ten­be­ra­tung setzt deren Nach­weis über ihre Neu­tra­li­tät und Unab­hän­gig­keit vor­aus.“ Ins­be­son­dere dür­fen die Kran­ken­kas­sen kei­nen Ein­fluss auf die Bera­tun­gen neh­men. Der Bie­ter, der nun dem Ver­neh­men nach den Zuschlag erhal­ten hat, arbei­tet in gro­ßem Stil für Kran­ken­kas­sen und wirbt damit, für diese Kun­den im Umgang mit den Ver­si­cher­ten Ein­spar­po­ten­ziale auszuschöpfen.

Wie will der Bie­ter die gefor­derte Unab­hän­gig­keit gewähr­leis­ten? Dem Ver­neh­men nach etwa durch den Ein­bau von Schlös­sern in Türen. Mit­ar­bei­ter, die im Besitz der pas­sen­den Schlüs­sel sind, tre­ten mor­gens durch diese Türen und wer­den durch die­sen magi­schen Akt schlag­ar­tig unab­hän­gig von den Inter­es­sen ihres Arbeit­ge­bers und sei­ner Kun­den. Unab­hän­gig­keit ent­steht also, indem man sie behaup­tet und sel­ber feste an diese Fik­tion glaubt. Das hat ja schon immer gut geklappt.

Und die Gemein­nüt­zig­keit, die die bis­he­ri­gen Trä­ger der UPD aus­zeich­net? Wird die nicht feh­len? Dem Ver­neh­men nach emp­fiehlt der Bie­ter den Kran­ken­ver­si­che­run­gen, der beste­hen­den GmbH eine noch zu grün­dende gemein­nüt­zige GmbH auf­zupf­rop­fen, die dann Auf­träge an den Bie­ter und seine Sub­un­ter­neh­men ver­gibt. So stellt man also Gemein­nüt­zig­keit her: durch Ver­schach­te­lung — ein Prin­zip, das sich in der Finanz­bran­che tau­send­fach bewährt hat.

Mag sein, dass dem Wort­laut des § 65b damit Genüge getan ist; das prüft zur Zeit das Bun­des­kar­tell­amt. Ob es dem Geist des § 65b ent­spricht, ver­mag ich nicht zu beur­tei­len. Ziem­lich sicher bin ich mir aller­dings, dass die Kalt­schnäu­zig­keit, mit der gerade eine der letz­ten in die Zivil­ge­sell­schaft ein­ge­bet­te­ten Nischen im Gesund­heits­sys­tem dem unhin­ter­frag­ten, mitt­ler­weile schier unhin­ter­fragbaren Prin­zip Wett­be­werb geop­fert wird, ihren Teil zum Poli­tik­ver­druss beiträgt.

(Was tun? Hier ent­lang bitte.)

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Die Paleo-Revolution

Hei­drun Schal­ler hat mir vor eini­gen Wochen ein Exem­plar ihres Buchs „Die Paleo-Revolution“ zukom­men las­sen. Herz­li­chen Dank dafür — und für die nette Erwäh­nung in der Dank­sa­gung! Höchste Zeit, das Buch kurz vorzustellen.

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Eines vorab: ich ernähre mich nicht nach Paleo oder irgend­ei­nem ande­ren Prin­zip, son­dern bin Ottonormal-Omnivore. Aber die soge­nannte Stein­zeit­kost inter­es­siert mich, weil sie sich an unse­rem gene­ti­schen Erbe ori­en­tiert und weil offen­bar etli­che Men­schen mit Auto­im­mun­er­kran­kun­gen gute Erfah­run­gen mit die­ser Ernäh­rungs­weise gemacht haben, die sich vor allem durch den Ver­zicht auf Zucker, Getreide und Hül­sen­früchte und eine rela­tiv fett– und prote­in­rei­che Kost auszeichnet.

Unge­fähr seit Aus­bruch mei­ner Auto­im­mun­er­kran­kung habe ich immer wie­der mal mit Ver­dau­ungs­pro­ble­men zu kämp­fen, die weit über das nor­male Maß hin­aus­ge­hen. Ich weiß nicht, ob da ein ursäch­li­cher Zusam­men­hang besteht. Zum Glück berap­pelt sich mein Sys­tem bis­her immer wie­der — aber wenn das noch schlim­mer wird und meine Gesund­heit und mein Sozial– und Berufs­le­ben ernst­haft beein­träch­ti­gen sollte, werde ich mich viel­leicht doch ein­mal an Paleo her­an­wa­gen. Mit Hei­druns Buch habe ich dann den idea­len Ein­stieg zur Hand.

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Was mich als Natur­wis­sen­schaft­le­rin gleich begeis­tert hat, ist die sach­li­che, stets mit Lite­ra­tur­an­ga­ben unter­füt­terte Dar­stel­lung — etwa unse­res Ver­dau­ungs­sys­tems, der Ernäh­rung indi­ge­ner Völ­ker oder des Mikro­bi­oms. Mir ist auch kein ande­rer „Ernäh­rungs­rat­ge­ber“ bekannt, in dem gleich zu Anfang der Unter­schied zwi­schen Kor­re­la­tio­nen und Kau­sal­zu­sam­men­hän­gen, die Fall­stri­cke von epi­de­mio­lo­gi­schen Stu­dien oder der Publi­ca­tion Bias so ver­ständ­lich erklärt werden. Überhaupt liest sich das Buch sehr ange­nehm, sowohl wegen des guten Stils der Auto­rin als auch wegen des auf­ge­räum­ten Layouts.

Die Skep­sis der Auto­rin gegen­über Ernäh­rungs­dog­men macht auch vor Paleo selbst nicht halt: Stets ist von einer „Hypo­these“ die Rede — aller­dings einer beson­ders plau­si­blen, eben auf­grund der Ori­en­tie­rung an der Ernäh­rung und Lebens­weise unse­rer Urah­nen, denen wir gene­tisch noch sehr nahe ste­hen. Im Kapi­tel „Was unser Kör­per mit Essen macht und warum er Paleo mag“ wird unter ande­rem der che­mi­sche Auf­bau von Fett, Koh­len­hy­dra­ten und Pro­te­inen sehr anschau­lich erläu­tert, und es wird deut­lich, dass eine koh­len­hy­drat­arme Ernäh­rung kei­nes­wegs zu Man­gel­er­schei­nun­gen oder zur Ver­fet­tung füh­ren muss. In der „Anthro­po­lo­gi­schen Rund­um­schau“ stellt Hei­drun die tra­di­tio­nelle Ernäh­rung ver­schie­de­ner indi­ge­ner Völ­ker vor, die je nach den Umwelt­be­din­gun­gen ganz unter­schied­lich aus­fiel. Ent­spre­chend viele Spiel­ar­ten kennt auch die Paleo-Ernährung. Außer­dem wird deut­lich, dass es bei Paleo nicht darum geht, genau „wie in der Stein­zeit“ zu leben: Alle Gemü­se­sor­ten, die wir heute essen, sind kul­ti­viert, und nahezu alle Fleisch­lie­fe­ran­ten sind Zucht­tiere. Es geht um prak­ti­ka­ble Nähe­run­gen — wie etwa die Beschrän­kung auf Fleisch und But­ter von Wei­der­in­dern anstelle von soja­ge­füt­ter­ten Rin­dern aus der Massentierhaltung.

Im Kapi­tel „Das Mikrobiom“ erhalten viele Lese­rin­nen und Leser ver­mut­lich zum ers­ten Mal einen guten Über­blick über unsere „Mit­be­woh­ner“, ohne die wir unser Essen nicht auf­schlie­ßen und Krank­heits­er­re­ger nicht rich­tig abweh­ren könn­ten. Das dicke Kapi­tel „Paleo trifft auf Ent­zün­dung“, in dem unter ande­rem Auto­im­mun­er­kran­kun­gen und Über­ge­wicht behan­delt wer­den, lese ich im Augen­blick. Bereits über­flo­gen habe ich das Kapi­tel „Wie passt Paleo in unsere Zeit?“, in dem sich Hei­drun unter ande­rem mit den Argu­men­ten von Vega­nern gegen den Ver­zehr tie­ri­scher Pro­dukte aus­ein­an­der setzt. So ver­ständ­lich das ange­sichts der hef­ti­gen und dog­ma­ti­schen Dis­kus­sio­nen in vie­len Foren ist: Mich hat das weni­ger ange­spro­chen als die übri­gen Teile des Buches; einige Pas­sa­gen klin­gen sehr nach Recht­fer­ti­gung. Rich­tig und wich­tig ist aber die Fest­stel­lung, dass jede Ernäh­rungs­weise, auch die vegane, mit Beein­träch­ti­gun­gen für andere Lebe­we­sen ein­her­geht und ethi­sche Pro­bleme auf­wer­fen kann.

In die ers­ten drei Vier­tel des Buches sind Erfah­rungs­be­richte von Men­schen ein­ge­streut, die ihre Ernäh­rung auf­grund erns­ter Gesund­heits­pro­bleme — etwa Zölia­kie, Dia­be­tes oder Asthma — auf Paleo umge­stellt haben. Das letzte Vier­tel des Buches neh­men die Koch­tipps ein, die kein Paleo-Kochbuch erset­zen wol­len, son­dern wirk­lich Basics ver­mit­teln — etwa die Her­stel­lung von Ghee, Joghurt, Leber­wurst oder Sau­er­kraut. Sogar Bezugs­quel­len sind ange­ge­ben. So, und jetzt habe ich Lust, Leber­wurst zu machen! Ob ich mich traue? :-)

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Kamphuis’sche Knollennasen auf der re:publica

Zusam­men mit einer Kol­le­gin halte ich am 7. Mai einen Vor­trag auf der re:publica in Ber­lin. Da das nüch­terne Cor­po­rate Design unse­res Insti­tuts dort fehl am Platze wäre, haben wir uns bei der Gestal­tung der Folien Frei­hei­ten her­aus­ge­nom­men — was auch zum Thema des Vor­trags passt. Der Stil der Zeich­nun­gen dürfte den Lesern die­ses Blogs bekannt vorkommen:F05-06_screenonly_B

Wer auf der re:publica ist, kann sich gerne am Don­ners­tag um 16.15 Uhr auf Stage 10 die übri­gen Zeich­nun­gen anse­hen und die Geschichte dahin­ter anhören!

Aber das ist alles egal!“

Wie­der ein­mal ein Bei­trag, der mit dem Haupt­thema die­ses Blogs nichts zu tun hat — abge­se­hen davon, dass die Beschäf­ti­gung mit die­sem Kapi­tel mei­ner Fami­li­en­ge­schichte mich in den letz­ten Wochen Kraft gekos­tet hat, die nicht ins Blog oder ins Buch flie­ßen konnte. Die fol­gen­den Doku­mente und Tran­skripte habe ich in den letz­ten Tagen — jeweils exakt 70 Jahre nach dem ange­ge­be­nen Datum — bereits bei Face­book veröffentlicht.

1945-01-23_Brief_Bruno_zu_Trudels_Geburtstag

23.1.45
Mein lie­bes Frauchen!

In Eile packe ich einige Sachen zusammen.

Zu Dei­nem Geburts­tag liegt auch etwas dabei, falls ich nicht mehr Gele­gen­heit haben sollte, Dir zu gra­tu­lie­ren, wün­sche ich Dir jetzt schon alles Gute. Grüsse mir die Kin­der schön. Hof­fent­lich sehe ich Euch noch mal wieder.

Sei innig gegrüßt
von Dei­nem Bruno.

1945-01-30_Vorletzter_Brief_1000

Posen, den 30.1.45

Ihr Lie­ben.

Auch heute bin ich heil und gesund. Unsere Lage ist nicht gerade rosig, aber wol­len wir hof­fen, daß doch noch das Wun­der geschieht und wir aus die­sem Schla­mas­sel herauskommen.

Wo mögen wohl die Brie­se­ner Eltern mit Gre­tel und den Kin­dern sein. Hof­fent­lich sind alle recht­zei­tig in Sicher­heit gekom­men. Meine Gedan­ken sind sehr oft bei Euch, nur weiß ich nicht, wen sie bei Euch antref­fen. Unser Posen wird wohl bin­nen kur­zer Zeit nur noch Schutt und Asche sein, der grösste Teil ist es schon. Aber das ist alles egal!

Wenn ich doch nur wüsste, wie es Euch allen geht.
Seid recht innig gegrüsst
von Eurem
Bruno.

1945-01-31_Letzter_Brief_1000

Posen, den 31.1.45

Meine Lie­ben!

Unsere Lage ist nach wie vor die­selbe geblie­ben, jeden­falls ist sie nicht benei­dens­wert. Man muß schon „ein biss­chen“ die Zähne zusam­men­beis­sen. Heute früh war es mir bei­nah schlecht gegan­gen, aber im rich­ti­gen Moment kal­tes Blut und eine ordent­li­che Por­tion Glück hilft über die unmög­lichs­ten Situa­tio­nen hinweg.

Soll­ten wir wirk­lich noch mal aus die­sem Hexen­kes­sel lebend her­aus­kom­men, so hatte man mehr als ein­fa­ches Glück. Aber wol­len wir auf die­ses hof­fen und unser Mög­lichs­tes dazu tun.

Herz­li­che Grüße allen allen, ganz beson­ders aber mei­nem Frau­chen und mei­nen drei Pur­zen
von Eurem
Bruno u. Papi

194#_Bruno_Tiedtke

In Erin­ne­rung an mei­nen Groß­va­ter Bruno Tiedtke, der als Ange­hö­ri­ger der Dol­met­scher­kom­pa­nie 21 ver­mut­lich zwi­schen dem 18. und dem 23. Februar 1945 in Posen starb.