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Die Crux mit dem Storytelling: Das Ende bleibt offen

Die letzten Wochen waren anstrengend, und ich habe mich entschieden, meine kleine Serie über die wissenschaftliche Evidenz zum Storytelling (Teil 1, Teil 2) unvollendet zu lassen. Ohne Groll, wenn auch ein bisschen verzagt nehme ich zur Kenntnis, dass eine kritische, differenzierte Auseinandersetzung damit, wie wir komplexe wissenschaftliche Botschaften in adäquate Geschichten packen können, ohne sie in ihrer Substanz zu beschädigen, nicht eben viele Hunde hinter dem Ofen hervorlockt.

Das hat die Ablehnung meiner Vortragseinreichung zu re:publica* ebenso gezeigt wie die Nichtreaktion der in Teil 1 erwähnten Forscherinnen und Forscher und weiterer Personen, die ich über den Text informiert hatte. Es deckt sich auch mit dem, was Sören Schewe alias @roterhai mir vor einigen Monaten bei Twitter** schrieb, und mit meinen Beobachtungen auf eben jener re:publica – die mir insgesamt durchaus gefallen hat, sich aber selbst in einem Jahr mit dem Motto „too long; didn’t read“ eher für oberfächliche Storytelling-Botschaften eignete.

Normalerweise lasse ich mich vom Desinteresse anderer an meinen Themen und Ideen nicht so leicht beeindrucken; sonst wäre ich beim Autoimmunbuch nicht so lange am Ball geblieben. Aber zurzeit zehren der Broterwerb, eine schwierige Nachlass-Angelegenheit und kleinere, aber umso hartnäckigere gesundheitliche Probleme zu stark an meinen Kräften. Ich möchte endlich mit Band 2 vorankommen; alles andere muss dahinter zurückstehen. Die bereits durchgearbeitete Literatur werfe ich ja nicht weg; vielleicht kann ich das Thema zu einem Abschluss bringen, sobald ich ein paar andere Baustellen geschlossen habe.

 

* Nämlich:

Evidence-based Storytelling? Forschungsnarrative mit Risiken und Nebenwirkungen

Short thesis

Storytelling aktiviert Stereotype und appelliert an das „schnelle Denken“. Das ist kein Bug, sondern Feature. Forschungsergebnisse sind oft abstrakt und sperrig. Auch das ist kein Bug, sondern Feature. Storytelling in der Wissenschaftsvermittlung: Passt das zusammen – trotzdem oder gerade drum? Eine Nutzenbewertung.

Description

Vor der Predigt muss man die Kirche voll bekommen. Um in einer veränderten Medienlandschaft Gehör zu finden für komplexe und abstrakte Forschungsergebnisse, braucht es griffige Narrative – so ein Mantra der Wissenschaftskommunikation.

Also versuchen Forschungseinrichtungen, sich locker zu machen: Sie produzieren coole Cartoons und Comics, ergreifende Patientinnengeschichten, gefühlvolle Infografiken und Interviews, bebildern ihre Websites mit menschelnden Stockfotos, dichten Pressetexte zu Heldenreisen um.

Ich unterziehe diese Versuche einer Nutzenbewertung, wie wir sie aus der evidenzbasierten Medizin kennen: Was ist der Nutzen? Vor allem aber: Kann das auch schaden?

Kommunikationswissenschaftliche Studien zeigen:

  • Narrative Formate können Interesse wecken, aber auch in die Irre führen.
  • Emotional aufgeladene Geschichten sprechen primär das schnelle Denken an, die periphere Route der Kognition, über die wir uns beeindrucken, aber nicht unbedingt überzeugen lassen. Gegennarrative machen den Effekt dann rasch zunichte.
  • Besonders eingängige Erklärstücke können die Illusion wecken, alles verstanden zu haben und keine weiteren Informationen zu benötigen, um einen komplizierten Sachverhalt zu beurteilen.
  • Heldenreise-Geschichten aktivieren Stereotype aus vordemokratischen Zeiten und eliminieren so zum Beispiel Frauen und Teamarbeit aus Forschungsschilderungen.
  • Fallgeschichten verleiten zur Identifikation und konterkarieren so das Ziel der nichtdirektiven Aufklärung als Basis informierter Entscheidungen.
  • Anekdoten können die abstrakten, nicht unmittelbar erfahrbaren Ergebnisse von Metaanalysen überstrahlen. Dann haben wir vielleicht die Kirche voll gemacht, aber die Predigt vergeigt – denn oft liefern uns nur Metaanalysen halbwegs sichere, Bias-freie Erkenntnisse.

Kurz: Manchmal ist Sperrigkeit kein Bug, sondern das Feature. Wir brauchen Geschichten, die dem gerecht werden.

Ein Vortrag voller bunter Bilder, prägnanter Anekdoten – und abstrakter Diagramme.

 

** Nämlich den hier.

Die Crux mit dem Storytelling, Teil 2: Definitionen

Viel Zeit ist seit dem ersten Teil ins Land gegangen. Kurz nach seiner Veröffentlichung brach die „Affäre Relotius“ los, und auf einmal schrieben alle über Storytelling im Journalismus. Dabei blieb oft unklar, was genau gemeint war. Das ist symptomatisch, auch für die Diskussion über den Einsatz von Geschichten oder Narrativen in der Wissensvermittlung. Im Folgenden geht es daher – knochentrocken, anekdotenfrei und unbebildert, ganz im Gegensatz zum ersten Teil – um Definitionen. Die Sichtung und Bewertung der Evidenz verschiebe ich in einen dritten Teil.

Die herangezogene Literatur zu Narrativen, Storytelling und Emotionalisierung in der Wissenschafts-, Gesundheits- und Politik-Kommunikation habe ich nicht in einer systematischen Recherche ermittelt, sondern nach und nach aus frei zugänglichen Quellen zusammengetragen. Sie ist bei weitem nicht vollständig und vermutlich auch nicht repräsentativ. Aber die Auswahl eicht, um zu zeigen, wie weit das Begriffsfeld ist.

Nicht nur Gesundheit

Dass ich neben Arbeiten zur Gesundheitskommunikation auch solche zum Einsatz von Narrativen in der Beratung von Politikern und anderen Entscheidern gelesen habe, liegt an dem Mismatch zwischen den meisten gesundheitsbezogenen Arbeiten und den Kommunikationssituationen, die ich aus der täglichen Praxis kenne.

Viele kommunikative Akte im Gesundheitssektor sind direktiv: Sie sollen die Rezipienten zu einem bestimmten Verhalten anregen, etwa zur Teilnahme an Vorsorgeprogrammen, oder sie von bestimmten Gewohnheiten abbringen, beispielsweise vom Rauchen. Institutionen der evidenzbasierten Medizin versuchen dagegen Menschen in die Lage zu versetzen, in aller Ruhe die Beleglage zu betrachten, die Vor- und Nachteile aller Optionen abzuwägen und dann eine informierte Entscheidung zu treffen. Wie diese ausfällt, kann von den Umständen, persönlichen Präferenzen und Wertvorstellungen abhängen. Das gilt für Patient*innen und Ärzt*innen ebenso wie für Gremien der Selbstverwaltung oder Gesundheitspolitiker*innen.

Ein Dilemma

Schon diese Beschreibung deutet darauf hin, dass heftige Gefühle, krasse Anekdoten oder Heldengeschichten da nicht gerade förderlich sind. Es helfen auch keine semantischen Taschenspielereien: Natürlich kann man eine nicht direktive Botschaft direktiv verpacken, indem man ein Ziel auf der Meta-Ebene formuliert, etwa: Wir halten euch dazu an, in aller Ruhe die Alternativen abzuwägen. Aber ein solches Meta-Ziel ist naturgemäß abstrakter als „Hört mit dem Rauchen auf!“ oder „Esst mehr Obst!“. Entsprechend schwierig ist es, sich dafür eine mitreißende Geschichte auszudenken – und wenn es doch gelingt, versetzet sie die Rezipienten womöglich in einen emotionalen Zustand, der ihnen das ruhige Anwägen der Evidenz besonders schwer macht.

Vom Allgemeinen zum Speziellen

Ich beginne mit Definitionen des Oberbegriffs Narrativ. Es folgen Geschichten (stories), das Geschichtenerzählen (storytelling) und schließlich die Heldenreise. Englische Textauszüge übersetze ich ins Deutsche. Die dabei entstehenden Ungenauigkeiten nehme ich in Kauf, um die Definitionsversuche besser vegleichbar zu machen. Ähnliche Definitionen müssen nicht unabhängig entstanden sein; viele der Autoren beziehen sich aufeinander oder auf gemeinsame Quellen.

Narrative

E. Bálint und H. Bilandzic (2017) verstehen Narrative als Repräsentationen von Ereignissen und Handungen, die in eine zeitliche Abfolge eingebettet und durch Kausalzusammenhänge verbunden sind. Sie repräsentieren das Innenleben von Personen und erlauben uns, an deren Gedanken, Vorstellungen, Motiven und Gefühlen teilzuhaben.

Auch H. L. Bekker et al. (2013) heben auf die Kausalität ab: Für sie ist ein Narrativ eine kohärente, kausale Schilderung einer Erfahrung, die gemacht wurde oder voraussichtlich gemacht wird. Seine Struktur oder Handlung prägt, wie wir ein Ereignis oder eine Erfahrung interpretieren. Durch ein Narrativ aus der Perspektive der Erzählerin oder des Erzählers erhält ein Ereignis eine Bedeutung, einen Zeitverlauf und einen Kontext; Wissen, Überzeugungen, Erfahrungen, Handlungen und Gefühle werden mit Werten verknüpft, die den Empfängern wichtig sind. Die Autoren verwenden Narrativ synonym zu Geschichte (story).

Nach M. F. Dahlstrom (2014) sind Narrative dramatisch, emotional, persönlich und fiktional. Ihre Struktur beschreibt Ursache-Wirkungs-Beziehungen (Kausalität) zwischen Ereignissen, die die Figuren der Geschichte beeinflussen. In der narrativen Kommunikation generalisiert man nach Dahlstrom einen Einzelfall zu einer allgemeingültigen Wahrheit, um zu verstehen, wie das Ergebnis der Geschichte zustande gekommen ist. Bei diesem induktiven Denken wird die Legitimität der Botschaft anhand der Plausibilität der Situationen beurteilt und nicht durch Überprüfung der Wahrhaftigkeit der Sachverhalte. In der logisch-wissenschaftlichen Kommunikation werden dagegen abstrakte Wahrheiten vermittelt, die auf verschiedene konkrete Fälle passen; es wird also deduktiv gedacht.

F. Meisel und J. Karlawish (2011) verstehen unter einem Narrativ eine zusammenhängende Geschichte mit Anfang, Mitte und Ende, die Informationen über den Schauplatz, die Figuren und einen Konflikt enthält, Fragen aufwirft und eine Lösung anbietet.

Für O. Muurlink und P. McAllister (2015) hat ein Narrativ vier Eigenschaften: 1. Es besteht aus einer Abfolge separater, einzigartiger, unwiederholbarer und somit nicht vorhersagbarer Ereignisse, die alle in der Vergangenheit stattfanden und durch ihre Bedeutung verkettet sind. 2. Seine Figuren sind Akteure oder Agenten: Sie handeln und verursachen damit Ereignisse, statt sie nur zu erfahren. 3. Es gibt einen Erzähler. 4. Es gibt eine Transformationsdynamik, die sich auch in der Struktur des Narrativs (Anfang, Mitte und Ende) niederschlägt.

D. Jones und M. K. McBeth (2010) stellen ein „Narrative Policy Framework“ (NPF) vor – mit dem ausdrücklichen Ziel, den vagen Begriff so weit einzuengen, dass er operationalisiert und die Wirkung von Narrativen experimentell falsifiziert werden kann. Unter einem Narrativ verstehen sie eine Geschichte mit einer zeitlichen Abfolge von Ereignissen, die sich in einer Handlung entfalten. Die Handlung ist von dramatischen Momenten, Symbolen und archetypischen Charakteren geprägt und kulminiert in einer Lehre, einer moralischen Botschaft. Durch Symbole, Figuren, Handlung, Kausalzusammenhänge und sprachliche Form werden bestimmte Facetten der Realität hervorgehoben, während andere unter den Tisch fallen. Diese Merkmale von Narrativen dienen als kognitive Abkürzungen, die es den Zuhörern oder Lesern ermöglichen, Kongruenz oder Inkongruenz sehr schnell zu erfassen („Stimmt/passt für mich“ – „stimmt/passt nicht für mich“).

Auch bei D. Crow und M. D. Jones (2018) geht es um das NPF. Vier Form- oder Strukturelemente seien wichtig für die Wirkung eines Narrativs auf eine Policy (und dieser Policy-Wirksamkeit gilt primär ihr Interesse): 1. das Setting, also zum Beispiel das geografische Umfeld, die örtlichen Gesetze, die wissenschaftliche Evidenz; 2. die Figuren oder Charaktere, typischerweise definiert als Opfer, Schurken oder Helden; 3. eine Handlung, die die Figuren miteinander verbindet, und zwar über deren Motive und Beziehungen, und die die Geschichte und ihre Figuren zeitlich wie räumlich verortet; sowie 4. die Moral, der Sinn der Geschichte, der sich für gewöhnlich als politische Problemlösung oder Handlungsaufforerung manifestiert. Dieselbe Definition verwenden E. Raile et al. (2018).

In der Leitlinie evidenzbasierte Gesundheitskommunikation (2017) wird der Begriff ganz anders und sehr eng ausgelegt: „Narrative sind persönliche und individuelle Erfahrungsberichte über Ursachen und Folgen einer Erkrankung im biographischen und sozialen Kontext“; sie „müssen von Texten im Erzählstil und dem tatsächlichen Geschichtenerzählen (storytelling) abgegrenzt werden“.

Im Gegensatz dazu fassen Shen et al. (2915) „Narrativ“ als Sammel- oder Oberbegriff auf, unter den persönliche Schilderungen, Fallbeispiele, Erfahrungsberichte und „entertainment education“, also unterhaltsam (etwa in Telenovelas) aufbereitete Lerninhalte fallen. In all diesen Fällen werden Geschichten mit einer Handlung und einer chronologischen Ereignisabfolge erzählt. Statt den Lesern Argumente zur Beurteilung vorzulegen, ziehen Narrative sie in die Handlung hinein: Die Leser tauchen in reale oder zumindest plausible Lebenserfahrungen anderer ein; es fällt ihnen schwer, sich dem Miterleben zu entziehen und die Story infrage zu stellen. Narrative können sowohl kognitiven als auch affektiven Einfluss auf die Empfänger der Botschaft ausüben.

Geschichten

J. ElShafie (2018) zitiert Sanford und Emmott (2012), denen zufolge ein Narrativ einfach eine chronologische Abfolge kausal verbundener Ereignisse ist. Eine Geschichte (story) müsse dagegen ein Setting (einen Ort, eine Zeit und eine Hauptfigur) enthalten, eine Handlung, in der die Hauptfigur ein Ziel verfolgt, und eine Auflösung, in die dieses Bestreben mündet. Ein Narrativ erzählt demnach eine Geschichte, wenn etwas Ungewöhnliches geschieht, das die Ereignisse der Handlung auslöst.

Nicht jedes Narrativ wäre oder enthielte demnach eine Geschichte. Viele Autoren verwenden die beiden Begriffe allerdings synonym, so Bekker et al. (2013), Bietti et al. (2018), Jones et al. (2010) sowie Z. F. Meisel und J. Karlawish (2011).

Davidson (2017) begnügt sich zunächst mit einer Minimaldefinition: „Etwas passiert infolge von etwas anderem.“ Dann wird er konkreter: Geschichten spielen sich in einem speziellen Setting oder Kontext ab und drehen sich um Charaktere, die sich einem verbreiteten Problem widmen – als Helden, die es schließlich lösen, Schurken, die es verursachen, oder Opfer, die unter ihm zu leiden haben. Sie bestehen aus drei Elementen: Handlung, Figuren und Moral. Die Handlung einer wirkungsvollen Geschichte enthält eine Aufgabe oder Herausforderung, eine Entscheidung und ein Ergebnis: Ein Charakter bewegt sich auf ein Ziel zu, begegnet Hindernissen und muss, um weiter voranzukommen, eine Entscheidung treffen, die Konsequenzen hat. Damit engt er das Spektrum der Geschichten auf die klassische Heldenreise (s. u.) ein, allerdings ohne diesen Ausdruck zu verwenden.

Andererseits zitiert er S. Iyengar (1990), der zwischen episodischen und thematischen Geschichten unterschieden hat. In episodischen Stories stehen konkrete Einzelereignisse im Mittelpunkt, und die Verantwortung für die Lösung der Probleme wird Individuen zugeschrieben. Thematische Stories beleuchten dagegen allgemeine Trends; sie sprechen von gesellschaftlicher Verantwortung und entsprechend systematischen Lösungen. Massenmedien mögen individuelle Fälle, was zu einer Dominanz episodischer Geschichten und Frames geführt habe. Iyengars Konzept der thematischen Geschichten scheint sich nicht durchgesetzt zu haben. Vielleicht hat er die Definition von „Geschichten“ einfach überdehnt, während seine Kolleginnen und Kollegen sie eher einengten.

Storytelling: der Akt des Geschichtenerzählens

Fischer und M. Storksdieck (2018) verstehen unter Storytelling das Erzählen einer kohärenten Geschichte mit einem rotem Faden bzw. die Präsentation eines Textes mit einem dramatischen Aufbau (Plot mit Spannungsbogen: Exposition, Konflikt und Auflösung usw.), in dem Akteure – nach Möglichkeit reale Personen – zu Wort kommen und dem Rezipienten eine Identifikation erlauben. Die Erzählmittel seien Dramatisierung, Individualisierung und Emotionalisierung. Charakteristisch sei die Verwendung affektiver Begriffe, mit denen Emotionen ausgelöst werden sollten.

Nach L. M. Bietti et al. (2018) sind Geschichten kulturelle Produkte, die durch den Akt des Geschichtenerzählens (storytelling) übertragen und zugleich transformiert werden. Das gilt in besonderem Maße für das mündliche Erzählen, aber auch für Literatur, Meme usw.

In seiner kanonischen, also mündlichen Form sei das Geschichtenerzählen eine kollaborative Aktivität, bei der ein narrativer Diskurs produziert werde – typischerweise, indem ein Erzähler eine Abfolge vergangener Ereignisse rekapituliere, darunter die Taten von Protagonisten, und ausführe, wie diese die Ausgangssituation verändert hätten. Die Zuhörer*innen partizipieren an der Aktivität, indem sie auf die Erzählung reagieren und sie teils auch lenken.

Nach C. K. Coleman (2016) fassen die Zuhörer*innen dramatische Zuspitzungen und Übertreibungen in Geschichten nicht als Unwahrheiten auf, sondern lassen sich darauf ein. So schaffen Erzähler*in und Zuhörerschaft gemeinsam eine neue Ebene der Aktivität. Wiederholungen verstärken diese Verbindung.

J. Stephens et al. (2010) erläutern, dass es beim erfolgreichen Geschichtenerzählen zu einer neuronalen Kopplung kommt. Meist spiegeln die Erregungsmuster im Gehirn der Zuhörer jene im Gehirn des Erzählers mit einem gewissen Zeitverzug, aber die Zuhörer können den Fortgang der Geschichte auch antizipieren. Kommunikation ist demnach eine gemeinsame Aktivität, die der Übertragung von Informationen zwischen Gehirnen dient.

Heldenreise und Spannungsbogen

In der Praxis ist Storytelling für viele allerdings primär eine Marketingmethode, bei der Varianten der sogenannten Heldenreise erzählt werden, wie Joseph Campbell sie 1949 definiert hat. Campbell hatte Märchen, Sagen und andere Geschichten aus aller Welt untersucht und ein weit verbreitetes Schema ausgemacht: Ein Protagonist macht sich daran, ein Problem zu lösen. Er muss einer Reihe von Prüfungen bestehen, scheitert zunächst, erhält eine Gabe (etwa eine Einsicht oder Unterstützung durch andere), schafft es dann und geht verändert aus dieser Erfahrung hervor.

Ein ähnliches Spannungsbogen-Konzept hatte Gustav Freytag bereits 1863 in „Die Technik des Dramas“ vertreten, nachdem er Aristoteles‘ Poetik und Shakespeares Stücke analysiert hatte.

Was heißt „Wirkung“?

Von sehr weiten Konzepten à la „Auf A folgt B“ bis hin zu Abenteuergeschichten nach Schema F reicht das Spektrum der Definitionen. Das macht die Studien, in denen die Wirkung von Narrativen oder Storytelling untersucht wird, schwer vergleichbar und erst recht schwer systematisch zusammenfassbar. Was solche systematischen Reviews oder Metaanalysen aber mindestens ebenso sehr erschwert, ist das breite Spektrum an Zielen, die mit der jeweiligen Intervention verfolgt werden.

Um es an einer Liste von Magdalena Klingler, Helena Bilandzic und Susanne Kinnebrock (2019) festzumachen: Soll die Wahrnehmung eines Themas verändert werden? Soll die Geschichte Vergnügen bereiten? Interesse wecken? Einstellungen beeinflussen? Verständnis bewirken? Oder das Wissen über das Thema verbessern?

Und um auf Teil 1 zurückzukommen: Was, wenn Geschichten, die uns amüsieren und faszinieren, den Erwerb fundierten Wissens eher behindern – oder unser Handeln langfristig gar nicht beeinflussen? Soll man es dann lassen? Dazu mehr in Teil 3.

 

Literatur:

Bálint, K. E., Bilandzic, H. (2017). Health Communication Through Media Narratives: Factors, Processes, and Effects. International Journal of Communication 11(2017), 4858–4864

Bekker, H. L., Winterbottom, A. E., Butow, P., Dillard, A. J., Feldman-Stewart, D., Fowler, F. J., … Volk, R. J. (2013). Do personal stories make patient decision aids more effective? A critical review of theory and evidence. BMC Medical Informatics and Decision Making, 13(S2). https://doi.org/10.1186/1472-6947-13-s2-s9

Bietti, L. M., Tilston, O., & Bangerter, A. (2018). Storytelling as Adaptive Collective Sensemaking. Topics in Cognitive Science. https://doi.org/10.1111/tops.12358

Klingler, M., Bilandzic, H., & Kinnebrock, S. (2019). Narrationen als emotionalisierende Kommunikationsstrategie in der Wissenschaftskommunikation: Potentiale und Herausforderungen. Vortrag bei der Jahrestagung der DGPuK-Fachgruppe Wissenschaftskommunikation: Gefühlte Wissenschaft. Wissenschaftskommunikation zwischen Evidenzbasierung und Emotionsmodus? https://www.tu-braunschweig.de/kmw/wisskomm19/programm

Coleman, C. K. (2016). Dangerous Tongues: Storytelling in Congressional Testimony and an Evidence-Based Solution. New York University Journal of Legislation and Public Policy, 19(2); Drexel University Thomas R. Kline School of Law Research Paper No. 2016-A-01. https://ssrn.com/abstract=2716269

Crow, D., & Jones, M. (2018). Narratives as tools for influencing policy change. Policy & Politics, 46(2), 217–234. https://doi.org/10.1332/030557318×15230061022899

Dahlstrom, M. F. (2014). Using narratives and storytelling to communicate science with nonexpert audiences. Proceedings of the National Academy of Sciences, 111(Supplement_4), 13614–13620. https://doi.org/10.1073/pnas.1320645111

Davidson, B. (2017). Storytelling and evidence-based policy: lessons from the grey literature. Palgrave Communications, 3, 17093. https://doi.org/10.1057/palcomms.2017.93. Darin zitiert: Iyengar S (1990) Framing responsibility for political issues: The case of poverty. Political Behavior; 12 (1): 19–40.

ElShafie, S. J. (2018). Making Science Meaningful for Broad Audiences through Stories. Integrative and Comparative Biology, 58(6), 1213–1223. https://doi.org/10.1093/icb/icy103. Darin zitiert: A. J. Sanford, C. Emmott (2012). Narrative and the rhetorical processing framework. In: Mind, brain and narrative. 1st ed. New York (NY): Cambridge University Press. p. 1–8.

Fischer, D., & Storksdieck, M. (2018). Storytelling: Ein Ansatz zum Umgang mit Komplexität in der Nachhaltigkeitskommunikation? In: Zwischen Ohnmacht und Zuversicht? Vom Umgang mit Komplexität in der Nachhaltigkeitskommunikation, 161–176. DBU-Umweltkommunikation; Band 10. München: oekom.

Jones, M. D., & McBeth, M. K. (2010). A Narrative Policy Framework: Clear Enough to Be Wrong? Policy Studies Journal, 38(2), 329–353. https://doi.org/10.1111/j.1541-0072.2010.00364.x

Jones, M. D., & Anderson Crow, D. (2017). How can we use the “science of stories” to produce persuasive scientific stories? Palgrave Communications, 3(1). https://doi.org/10.1057/s41599-017-0047-7

Leitlinie evidenzbasierte Gesundheitsinformation (2017). https://www.ebm-netzwerk.de/was-wir-tun/publikationen/LeitlinieEvidenzbasierteGesundheitsinformation.pdf

Meisel, Z. F., & Karlawish, J. (2011). Narrative vs Evidence-Based Medicine—And, Not Or. JAMA, 306(18), 2022. https://doi.org/10.1001/jama.2011.1648

Muurlink, O., & McAllister, P. (2015). Narrative risks in science writing for the lay public. Journal of Science Communication, 14(3). https://doi.org/10.22323/2.14030201

Raile, E., King, H., Shannahan, E., McEvoy, J., Izurieta, C., Bergmann, N., Ready, R., Reinhold, A.M., & Poole G. (2018). Narrative-based Risk Communication: A Lingua Franca for Natural Hazard Messages? 76th Annual Midwest Political Science Association, Chicago IL, April 5-8, 2018.

Shen, F., Sheer, V. C., & Li, R. (2015). Impact of Narratives on Persuasion in Health Communication: A Meta-Analysis. Journal of Advertising, 44(2), 105–113. https://doi.org/10.1080/00913367.2015.1018467

Stephens, G. J., Silbert, L. J., & Hasson, U. (2010). Speaker-listener neural coupling underlies successful communication. Proceedings of the National Academy of Sciences, 107(32), 14425–14430. https://doi.org/10.1073/pnas.1008662107

CME-Fortbildungsartikel über das IQWiG in der Zeitschrift „Das Gesundheitswesen“ erschienen

Mein Kollege Jörg Lauterberg und ich haben in der Zeitschrift „Das Gesundheitswesen“ ausführlich erklärt, was das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) tut, in dessen Kommunikationsabteilung ich seit nunmehr sechs Jahren arbeite.

Kurz vorm Jahreswechsel ist der Artikel nun erschienen, und laut Thieme-Lizenz darf hier das Autoren-PDF einstellen: 2018-12_Kamphuis_Lauterberg_IQWiG_Gesundheitswesen

(Link anklicken, dann auf das Vorschaubild klicken – dann öffnet sich das PDF.)

 

Die Crux mit dem Storytelling, Teil 1: Helden aus der Mottenkiste

Im November habe ich das 11. Forum Wissenschaftskommunikation in Bonn besucht. Um es vorwegzunehmen: Mir war da zu wenig Kommunikationswissenschaft im Spiel; mir fehlte die evidenzbasierte kritische Selbstreflexion. Stattdessen gingen viele Teilnehmer gleich bei der ersten Keynote in einen seltsam aufgeregten Verteidigungsmodus: Die Rednerin, so schien es, wollte ihnen ihr Spielzeug wegnehmen!

Relax! Niemand will euch eure Eimerchen wegnehmen.

Das wollte Julika Griem, Erzählforscherin und Vizepräsidentin der DFG, natürlich keineswegs. Weder war ihre Rede (PDF) argumentfrei, wie im Nachgang behauptet wurde, noch hat sie sich pauschal gegen Storytelling und Events als Formen der Wissenschaftskommunikation ausgsprochen oder für eine Rückkehr in den Elfenbeinturm plädiert. Um Argumente wahrzunehmen, muss man allerdings zuhören – möglichst unvoreingenommen und mit der wohlwollenden Absicht, auch aus den nicht ganz so gelungenen Formulierungen den eigentlich gemeinten Gedanken herauszuschälen. Schließlich war Griem sehr kurzfristig für einen anderen Keynote Speaker eingesprungen, der verhindert war.

Zumutungen

„Zumutungen. Wissenschaftskommunikation und ihre Widersprüche“ – so hieß die Rede. Griem sprach von der Tendenz, Wissenschaft fast nur noch über Narrativisierung und Eventisierung zu kommunizieren: Nicht alles, was wir zu vermitteln haben, eignet sich für ein Storytelling oder für eine Kinderuni, und wenn wir es auf Biegen und Brechen doch versuchen, geht u. U. der Kern des wissenschaftlichen Tuns verloren; die Botschaften verschieben sich; Zerrbilder entstehen und verfestigen sich. Dann hat man wissenschaftliche Laien womöglich eine Weile gut unterhalten, ihnen aber nicht zugetraut oder eben „zugemutet“, intensiver über das Thema nachzudenken und etwas dazuzulernen.

Schnappatmung im Saal, Murren bei Twitter: Offenbar erschien diese Sorge vielen völlig abwegig. Ich hatte kurz zuvor einen Freund zu Gast, der sich seit vielen Jahren im Vereinigten Königreich in der Wissenschaftskommunikation engagiert und dort genau jene Dominanz beobachtet, von der Griem sprach: Ein Festival jagt das nächste; informative wissenschaftliche Vorträge für Erwachsene sind praktisch ausgestorben. Das zu kritisieren heißt nicht, Storytelling in Bausch und Bogen zu verdammen.

Nestel … Richard III. ist es etwas peinlich, gegen Julika Griem ins Feld geführt zu werden.

Ebenso wenig hat die Keynote des zweiten Tages, in der Turi King ganz hinreißend die Geschichte von der Entdeckung und genetischen Identifizierung der sterblichen Überreste von Richard III. erzählte, Griem widerlegt, wie einige Gäste triumphierend twitterten: Bei manchen wissenschaftlichen Entdeckungen drängt sich die Story, die man der Öffentlichkeit präsentieren kann, geradezu auf – bei anderen eben nicht. King selbst hat mehrfach betont, wie unwahrscheinlich es zu Beginn war, dass ihr Team den König wirklich finden würde. Wäre auch nur ein Glied in der Kette der glücklichen Zufälle gerissen, so wären wir nie in den Genuss dieser großartigen Keynote gekommen.

Die Kirche voll machen, bevor man predigt

Zurück zu Griem: Der Wissenschaftsjournalist Christoph Koch hat sie nach ihrer Rede auf dem Podium befragt und dabei auch eine Gegenposition vertreten: Henri Nannen zitierend, wies er darauf hin, dass man nun einmal die Kirche erst voll bekommen müsse, bevor man zur Predigt schreiten könne. Griem – selbst gewagten Vergleichen keineswegs abgeneigt! – störte sich an diesem Bild, da sie Wissenschaftskommunikation nicht als Predigt verstanden haben wollte, und antwortete nach meinem Eindruck ausweichend. Das ist schade, denn hier liegt m. E. der Hund begraben.

Früher war mehr Lametta!

Nehmen wir das Bild einmal ernst: Wie bekommt man eine Kirche voll? Hierzulande kaum noch, außer zum Weihnachtsgottesdienst. Zu groß ist das Konkurrenzangebot an bunten Bildern, erhebender Musik, Wärme, Gemeinschaftserleben und Sinnstiftung.

Aber früher waren Kirchen die einzigen Orte, an denen Menschen aus dem Volk überhaupt Bilder zu Gesicht bekamen: Fresken, Buntglas, Ölgemälde, geschnitzte Halbreliefs und Statuen, oftmals sehr bunt, oftmals in dramatischen Posen, oftmals über mehrere Stationen hinweg zu längeren Heils- oder Leidensgeschichten zusammengefügt, manchmal von komischen oder erotischen Randfiguren begleitet. Dazu noch Schummerlicht, Orgelmusik, einprägsame Liedtexte und Melodien.

So. Da sitzen sie nun und staunen, die Bauersleut und Marketenderinnen. Hoffentlich ist die Predigt nicht allzu lang und dröge: Die theologische Botschaft soll ja nicht vom Altarbild überstrahlt werden. Dieser Übergang zum Hauptteil der Veranstaltung ist nicht trivial – auch nicht in der Wissenschaftskommunikation, in der wir zwar nicht predigen, aber doch etwas vermitteln, also vielleicht Einstellungen, Verhaltensweisen oder wenigstens Kenntnisstände verändern wollen. Überzeugen, nicht überwältigen. Erklären, nicht verklären.

Heldengeschichten – alles andere als modern

Storytelling, das sind in der Praxis oft Geschichten nach dem Schema der Joseph Campbell’schen Heldenreise, wie sie in unzähligen Marketing-Kursen gelehrt wird. Und das hat nicht nur Vorteile, wie uns die Erzählforscherin Griem erklärte: „Das Abenteuer und die Jagd sind bis heute männlich codiert … Die Suche und die Sorgfalt haben dagegen … eine weibliche Aura.“

Ein Narrativ zieht uns umso leichter in sich hinein (transportiert uns, wie es in der Psychologie heißt), je enger es an kulturell verankerte Stereotype anknüpft. Und schwupp, schon ist es ein männlicher Einzelkämpfer, der eine Forschungsaufgabe überrnimmt, auszieht, sie zu lösen, Hindernisse überwinden muss und schließlich bahnbrechende Ergebnisse vorlegt. Wissenschaftliche Routine, Teamwork, Forscherinnen: Fehlanzeige. Man kann eine Story natürlich gegen den Strich bürsten, aber das geschieht selten – und oft um den Preis geringerer Aufmerksamkeit: Die Abweichung vom Schema schwächt die Resonanz mit den uralten Geschichten aus unserer kulturellen Überlieferung.

(c) Fred Van Lente und Ryan Dunlavey, 2005.

In dieser Illustration der zwölf Stationen einer Heldenreise habe ich alle Figuren weiß umkringelt, die ich als weiblich erkannt habe. Erstens: das Opfer am Marterpfahl, auf die Rettung durch den Helden wartend. Zweitens: die Verführerin, die den Helden vom Weg abzubringen versucht. Und drittens: die Nörglerin, die den gewandelten Helden nach geschlagener Schlacht verständnislos in Empfang nimmt.

Das ist, zugegeben, recht unschön … aber 2018 doch sicher anders, erst recht in der Wissenschaftskommunikation? Nun ja. Ich beschränke mich hier auf zwei aktuelle Beispiele, beide eingesammelt beim Forum Wissenschaftskommunikation.

Fehlt da nicht wer?

Eine Vorbemerkung, die mir besonders wichtig ist: Ich bin den Urheberinnen und Urhebern dieser beiden Beispiele dankbar für das Anschauungsmaterial und unterstelle ihnen ganz sicher keine Rückständigkeit. Mir geht es um strukturelle Probleme beim Geschichtenerzählen, nicht um individuelle Kritik.

Wissenschaftler-Karikatur von Elke Baulig, gezeigt auf dem Forum Wissenschaftskommunikation 2018

In dem Workshop „Kommen zwei Wissenschaftler in eine Bar“ ging es um Wissenschaftsvermittlung mit Humor. Dabei zeigt die Grafikerin Elke Baulig, wie man mit wenigen Strichen einen Menschen darstellt, den alle auf den ersten Blick als Wissenschaftler erkennen: bunt blubbernde Flüssigkeiten, weißer Kittel, großer Kopf mit üppigem Schnäuzer und wilden Resthaarbüscheln, Glupschaugen-Nerdbrille. Ja, sie funktioniert, diese Karikatur – aber sie reproduziert eben auch das Klischee, dessen sie sich bedient: Wissenschaft -> alter weißer Mann.

In der Session „Making-of: Einblicke in die Entwicklung von kreativen illustrativen Formaten der Wissenschaftskommunikation“ wurde unter anderem der Wissenschaftscomic von Jan Friesen und Skander Elleuche vorgestellt, aus dem die folgenden Bilder stammen. Ich saß leider in einer Parallelveranstaltung, habe aber die Tweets verfolgt und später eines der ausliegenden Hefte mitgenommen. (Hier gibt es den ganzen Comic als PDF.)

Diese Geschichte kennt gleich mehrere Helden: die Salzpflanze, die hier auf dem Cover einen Superhelden-Umhang trägt, vier Wissenschaftler namens Ahmed, Skander, Jan und Carsten, einen gütigen Sultan, der den Forschungsauftrag erteilt und finanziert, und schließlich einen niedlichen Dschinn, der uns die Forschung erklärt. Im Grunde gibt es in der Geschichte überhaupt nur Helden, und entsprechend heroisierend fällt die grafische Umsetzung bisweilen aus:

Die Story spielt teils in einem arabischen Ölstaat, teils in Deutschland. Auch die Darstellung der Locations bedient sich bei Stereotypen – um nicht zu sagen: strotzt vor Klischees. Da fehlt weder der sagenhafte Gold- und Juwelenreichtum des Scheichs, der selbstverständlich in einem Zelt in der Wüste lebt, neben dem Kamele angepflockt sind, noch die Schwarzwaldhütte, auf deren rustikalem Holztisch üppige Braten auf unsere Helden warten:

Die vier Forscherhelden mit den markigen Profilen, die in der Geschichte gemeinsam das Problem lösen, eine Salzpflanze umwelt- und sozialverträglich in Biosprit umzuwandeln, haben direkte Entsprechungen in der Wirklichkeit:

Ahmed, Jan, Carsten und Skander sind Koautoren eines Artikels, der 2017 in einem Fachjournal erschienen ist:

Augenblick. Was ist denn mit der fünften Person in der Autorenzeile? Sie wird im Comic mit keinem Wort erwähnt, geschweige denn bildlich dargestellt.

Sie ist …

… eine Frau.

Noch einmal: Ich unterstelle den Autoren keinerlei diskriminierende Absicht; es gibt bestimmt gute, ehrenwerte Gründe dafür, dass Ikram Belghith in dem Comic nicht auftaucht. Und auch sonst keine einzige Frau. (Außer der Schwiegermutter des Sultans, die unsichtbar im Hintergrund – ausgerechnet! – das Essen zubereitet.)

Aber ihr Verschwinden scheint mir, ebenso wie all die kulturellen Klischees, symptomatisch für viele Versuche, Wissenschaft als Heldenreise zu erzählen. Wir rekurrieren dabei nun einmal auf Erzählungen aus vormodernen Zeiten, in denen Gesellschaft anders organisiert war: weniger komplex, weniger kollaborativ, weniger global, weniger inklusiv, als es die Forschungslandschaft – bei allen verbleibenden Zugangsbarrieren – heute ist.

Mythen in Tüten

Bin ich einem Bias erlegen? Habe ich zwei atypische Beispiele vorgestellt? Zur Kontrolle zwei rasche Google-Bildersuchen: eine mit dem Suchterm comic scientist

Screenshot: Google-Bildersuche nach comic scientist

… und eine mit dem Suchterm hero scientist. Die Figuren, die ich als weiblich erkannt habe, sind jeweils markiert.

Screenshot: Google-Bildersuche nach hero scientist

Es gibt sie, die weiblichen, die nicht weißen, die unorthodoxen Identifikationsfiguren. Aber man muss sich bewusst für sie entscheiden. Folgt man beim Storytelling dem Schema F, so erzählt man die x. Geschichte heroischer Krieger, Jäger und Abenteurer, die mit den Protagonisten und dem Prozess heutiger Forschung nicht viel gemein hat.

Was kann schon schiefgehen? (Hint: einiges)

Nehmen wir einmal an, wir haben diese Klippe umschifft: Wir haben eine Story entwickelt, die einerseits genug Anklänge an die alten Erzählungen enthält, um in der Zuhörer- oder Leserschaft etwas zum Schwingen zu bringen, und die zum anderen die gröbsten Klischees vermeidet, um der modernen Wissenschaft halbwegs gerecht zu werden. Ist dann alles gut? Bekommen wir so die Kirche voll? Und vor allem: Bleiben die Leute bis zum Ende der Predigt?

„Schildkröten können dir mehr über den Weg erzählen als Hasen“, sagt ein chinesisches Sprichwort.

Das können wir als Kurzfassung des Elaboration Likelihood Model von Richard Petty und John T. Cacioppo lesen, dem zufolge Menschen sich auf zwei Wegen überzeugen lassen: auf der sogenannten zentralen Route durch ruhiges, langsames Durchdenken – und auf der peripheren Route durch Gefühle und einfache, schnelle Heuristiken.

Elaboration Likelihood Model, Darstellung von Philipp Guttmann, CC-by-sa 3.0/de

Narrative können im Prinzip beide Verabreitungswege ansprechen, aber da Transportation mit Gefühlen einhergeht und solche Gefühle „datensparsam“ und schnell wirken, appellieren die meisten Stories an die periphere Route. Sie entspricht in etwa Daniel Kahnemans und Amos Tverskys System 1, im Unterschied zu System 2, der zentralen Route. Die Ökonomie der peripheren Route hat ihren Preis: Wer sich nicht mühsam von etwas überzeugt hat, sondern mitgerissen wurde, lässt sich durch den nächsten emotional packenden Impuls von außen womöglich wieder umstimmen.

Die Beleglage zur Wirkung von Narrativen, Storytelling und Emotionalisierung auf die Zielgruppen von Wissenschaftskommunikation ist nicht allzu üppig und sehr heterogen. Kein Wunder, sind doch Geschichten außerordentlich komplexe Interventionen, die etwa in einem Labor-Setting auf Psychologie-Studentinnen anders wirken als draußen im Gewirr des Lebens auf Menschen, die neben 1000 anderen Einflüssen auch ab und zu eine Botschaft aus der Wissenschaft empfangen und womöglich erst Wochen später gefragt werden, woran sie sich erinnern und was die Botschaft mit ihnen gemacht hat.

Diese Evidenz stelle ich demnächst in weiteren Blogbeiträgen zusammen. Hier nur ein Teaser, der andeutet, dass Storytelling auch nach hinten losgehen kann:

Ein süßes Fuchskind – nicht dasjenige, das in der Studie verwendet wurde, sondern ein gemeinfreies (CC0)!

Danny Flemming, Ulrike Cress, Sophia Kimmig, Miriam Brandt und Joachim Kimmerle haben in ihrer 2018 publizierten Arbeit „Emotionalization in Science Communication: The Impact of Narratives and Visual Representations on Knowledge Gain and Risk Perception“ untersucht, welche der folgenden vier Interventionen das Wissen der Testpersonen über Füchse im städtischen Raum am stärksten verbessert – und welche überzogene Ängste am besten eindämmt: 1. eine Geschichte über das Leben des Fuchspärchens Freddy und Tina, ergänzt um das Foto eines niedlichen Fuchskindes, 2. dieselbe Geschichte ohne Foto, 3. eine Auflistung von Fakten über Füchse in der Stadt, illustriert mit dem Foto, und 4. die bloße Faktenliste ohne den niedlichen Jungfuchs. Wichtig dabei: Alle Varianten enthielten dieselben Informationen; diese wurden nur unterschiedlich dargeboten.

Wir können davon ausgehen, dass Variante 1 mit ihrem doppelten emotionalen Reiz am stärksten die periphere Route aktiviert und die besonders nüchterne Variante 4 am stärksten die zentrale Route. Beide nehmen sich nichts, was den Zuwachs an Wissen bei den Leserinnen und Lesern angeht. Und beide schneiden deutlich besser ab als die Varianten, die den emotionalen und den nüchternen Zugang zum Thema zu kombinieren versuchen. Vor allem eine Bulletpoint-Liste um eine süßes Tierfoto zu ergänzen, ist eine ziemlich schlechte Idee.

Befragt man die Testpersonen nicht nach ihrem Fuchswissen, sondern nach ihrer Einschätzung der Gefahren, die von Füchsen in der Stadt ausgehen, so schneidet die Faktenliste besser ab als Freddy und Tina – insbesondere mit Foto, aber auch in seiner nüchternsten Form. Die Geschichte allein, ohne Foto, steigert die Befürchtungen sogar.

Da haben wir den Salat: Wir haben eine Geschichte erzählt, um die Leute für urbane Füchse zu interessieren. Aber offenbar wäre eine karge calvinistische Mitteilung in einem zugigen Gemäuer wirksamer gewesen als alle barocken Verzierungen. Andererseits: Die Testpersonen waren gezwungen, sich die Predigten anzuhören; sie saßen bereits in der Kirche.

Die Kurve kriegen – aber wie?

Für bestimmte Zwecke mag es ausreichen, an die Unterhaltungslust zu appellieren und System 1 zu aktivieren. Wollen wir aber wissenschaftliche Evidenz vermitteln, also etwa Patientinnen und Patienten in die Lage versetzen, in Ruhe auf der Basis der Fakten zwischen mehreren Therapieoptionen zu wählen, oder Entscheidern die Essenz eine Metaanalyse an die Hand geben, so müssen wir System 2 unterstützen. Zuvor aber müssen wir unsere Adressaten in die Lage versetzen, den Fakten im Getöse der permanent auf die eindringenden Signale überhaupt Gehör zu schenken. Dabei können Geschichten helfen.

Nur: Wie kriegen wir die Kurve? Wie lenken wir sie von der peripheren Route, über die sie eingestiegen sind, auf die zentrale Route, die sie voranbringt? Braucht es einen gewissen Zeitabstand? Oder einen Weichenstellungs-Marker? Was, wenn unsere Zielgruppe aus System-1-affinen und System-2-affinen Menschen besteht, die auf unterschiedliche Interventionen am besten ansprechen?

All das heißt nicht, dass Wissenschaftskommunikatoren aufhören sollten, Geschichten zu erzählen. Sondern: dass es nicht trivial ist. Dass wir nicht einfach drauf los fabulieren sollten. Dass wir unsere Geschichten auf Klischees und blinde Flecken abtasten sollten, die ein vormodernes Bild von Wissenschaft und Gesellschaft vermitteln. Dass wir versuchen müssen, die Wirkungen unserer Geschichten auf unser Publikum zu erfassen und unsere Interventionen an die so gewonnen Erkenntnisse anzupassen.

Mit anderen Worten: Etwas mehr heiliger Ernst, bitte!

Mach Ernst!

 

(Fortsetzung folgt, sobald ich Zeit finde, Ordnung in den Evidenzwust zu bringen.)

Urlaubslektüre

Bevor sich hier wieder alles ums Immunsystem dreht, schreibe ich noch schnell auf, was ich im Urlaub gelesen habe.

Richard Fortey: Dry Store Room No. 1. The Secret Life of the Natural History Museum (2008)

Erworben habe ich das Sachbuch im März direkt vor Ort, im Shop des Natural History Museum. Eine sehr lesenswerte, kurzweilige Hommage an all die leidenschaftlich für ihr jeweiliges Forschungsgebiet brennenden, zum Teil skurrilen Figuren im „Backend“ des Museums; zugleich eine schonungslose Darstellung der Verheerungen des Thatcherismus und der neoliberalen Ideologie, der zufolge sich auch Grundlagenforschung rechnen muss, und des Niedergangs der Taxonomie. Auch die moderne Museumsdidaktik mit ihrem Faible für Klickibunti bekommt ihr Fett weg, ohne dass Fortey sich der Notwendigkeit einer Anpassung der Präsentationsformen an die heutige Zeit verschließen würde. Der Autor ist Paläontologe und hat vor allem Trilobiten erforscht; einige seiner Bücher wie „Leben. Die ersten vier Milliarden Jahre“ wurden auch auf Deutsch verlegt. Einiges wusste ich als Biologin natürlich schon, dennoch habe ich vieles gelernt. Nach meiner Einschätzung ist das Buch auch für Laien gut zu verstehen.

Georg Klein: Miakro (2018)

Ein literarischer Fantasyroman, den ich aufgrund einer positiven Besprechung gekauft habe. Fesselnd von der ersten bis zur letzten Seite, sprachlich ein Genuss, bis in die Kapitelüberschriften hinein – endlich einmal deutsche Gegenwartsliteratur, die künstlerisch, aber nicht manieriert wirkt; ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben. Der dystopische Roman löst atmosphärisch das ein, was ich mir von der kürzlich unter Qualen zu Ende gelesenen „Auslöschung“ von Jeff VanderMeer erhofft hatte; auch im Plot gibt es Parallelen. Den erzähle ich hier nicht nach, denn das könnte dem allmählichen Aufbau der Verstörung und Verwirrung bei der Lektüre Abbruch tun.

Wilkie Collins: Die Namenlosen. Neu übersetzt von Sebastian Vogel (2017)

Manche Leute haben schon verrückte Hobbies. Mein ehemaliger Übersetzerkollege, der Kölner Biologe Sebastian Vogel, übersetzt und verlegt in seiner Freizeit Romane. „Vergessene Schätze der englischen Literatur“ heißt die Reihe, die er über den Dienstleister Epubli vertreibt. Dieser Backstein hat gut 750 Seiten, und ich hatte zunächst Sorge, ob ich ihn nach den anderen beiden Büchern noch schaffe. Dank einiger Ruhetage war das aber gar kein Problem; das anfangs sehr gemächliche Erzähltempo steigert sich, und die Geschichte entwickelt einen richtigen Sog: Man will wissen, ob das alles noch irgendwie gut (oder wenigstens glimpflich) ausgeht. Soweit ich das beurteilen kann, hat Sebastian Vogel den viktorianischen Tonfall sehr gut getroffen. Nur das Vorwort von Collins kam mir ziemlich gedrechselt vor, was aber dem Original entsprechen mag.

Die positiven Besprechungen bei Lovelybooks geben einen guten Eindruck vom Buch. Wilkie Collins vertritt für seine Zeit einen durchaus progressiven, gesellschaftskritischen Standpunkt, was die Rolle der Frau in der Gesellschaft angeht. Dennoch musste ich bei einigen der Betrachtungen über das „moralische Wesen“ von Frauen und Männern, die er seinen Figuren in den Mund legt, im übertragenen Sinn in eine Tüte atmen. Bei einigen Passagen vor allem im ersten Drittel hatte ich auch den Eindruck, dass sich die Rezeptionsgewohnheiten für Unterhaltungsromane in seiner Zeit gerade erst herausbildeten, denn er nimmt seine Leserinnen und Leser regelrecht an die Hand: Er erklärt mehr und ausführlicher, als es heute üblich ist, und verstößt eklatant gegen die damals wohl noch nicht allgemein gültige Schreibregel „Show, don’t tell“. Aber solche Beobachtungen mindern das Lesevergnügen ja nicht. Ich fühlte mich jedenfalls angenehm in die Zeit zurückversetzt, als ich noch Herzschmerzromane für den Cora-Verlag übersetzt habe: Collins ist eindeutig einer der Urväter dieses Genres.

Lediglich angefangen habe ich mit Daniel Kahnemanns „Schnelles Denken, langsames Denken“, das sich ebenfalls kurzweilig liest, aber an einigen Stellen schlecht gealtert ist – etwa da, wo sich der Autor auf das kürzlich in Ungnade gefallene Stanford marshmallow experiment bezieht.

Da ich mich in den letzten Jahren intensiv mit Framing-Effekten auseinander gesetzt habe, sind mir einige der zentralen Konzepte und Erkenntnisse bereits vertraut. Gefallen hat mir, dass der Autor „System 1“ und „System 2“ ganz klar als Metaphern bezeichnet, als sprachliche Abkürzungen, und sie nicht zu echten Modellen aufzublasen versucht.

CORRECT!V deckt auf: Es gibt Menschen, deren Hobby Sex ist

Und schon wieder ein blogthemenfernes Zwischenspiel:

Liebes Correctiv-Team,

eigentlich mag ich keine Stücke, die sich als offene Briefe gerieren. Ich neige auch nicht dazu, Abonnements oder Mitgliedschaften zu kündigen, nur weil mir mal ein Artikel gegen den Strich geht. Aber als Correctiv-Mitglied muss ich jetzt deutlich werden.

Ihr habt „EXKLUSIV“ aufgedeckt, dass eine Kandidatin auf der Landesliste der NRW-AfD sich als Hobbyhure angeboten hat. Zum Beleg illustriert ihr euren Artikel mit einem Screenshot von Kaufmich.com. Und ihr behauptet, eure Enthüllung habe Nachrichtenwert, weil die Kandidatin durch ihre Vergangenheit erpressbar sei. (Man könnte fast meinen, ihr hättet der AfD einen Gefallen tun wollen, denn mit der Erpressbarkeit ist es spätestens jetzt vorbei.)

Mit Verlaub: Ihr verhaltet euch wie Dreizehnjährige, die mit roten Öhrchen in der „Happy Weekend“ blättern und mit der Erkenntnis ringen, dass Sex in allerlei Spielarten seit Urzeiten ein ganz normaler Zeitvertreib für ganz normale Menschen ist. Mich erinnert das an die verkrampfte Skandalisierung der angeblichen Vergangenheit der Ehefrau eines Bundespräsidenten vor wenigen Jahren. Und? Was wäre, wenn? Wenn eine Politikerin oder Politikergattin etwa bei einem offiziellen Anlass einem ehemaligen Kunden begegnet? Dann lächelt sie freundlich und sagt: „Weißt du noch, damals?“, und er sagt: „Ja, war schön“, und dann beugen sich beide wieder über ihr Spargelschaumsüppchen.

Was? Das ist naiv? Unsere Gesellschaft ist noch nicht so weit? Nun, diese Gesellschaft, die noch nicht so weit ist, besteht aus Typen wie euch, die noch nicht so weit sind. Indem ihr „so etwas“ problematisiert, reproduziert ihr die Schwierigkeiten, die ihr zu dokumentieren behauptet. Das ist genau die unehrliche, scoop- und klickgeile Meta-Boulevard-Berichterstattung, die mich in der „Qualitätspresse“ stört – und die in unabhängigen Projekten wie Correctiv nun wirklich nichts zu suchen hat.

Die Frage, ob ein Outing, wie ihr es betrieben habt, journalistisch angezeigt sein kann, wurde schon vor Jahrzehnten an weit schwierigeren Fällen ausführlich diskutiert. Man könnte es vielleicht noch rechtfertigen, wenn die Kandidatin erstens mächtig und berühmt wäre und zweitens eine Politik zu verantworten hätte, die in offenem Widerspruch zu ihrem Tun stünde. Ich habe das NRW-Wahlprogramm der AfD durchsucht: Mit keinem Wort wendet sich die Partei darin gegen Prostitution oder gegen andere Formen von einvernehmlichem Sex zwischen Erwachsenen. Von einem solchen Widerspruch kann also nicht die Rede sein.

Ob eine von euch zur „Spitzenfrau“ stilisierte, weitgehend unbekannte Kandidatin auf Platz 10 der Landesliste in ihrer Freizeit vögelt oder Stockrosen züchtet oder alte Traktoren restauriert, kann uns egal sein. Ihr habt keinen Missstand aufgedeckt, wie es euer Motto verheißt, sondern euch wie Anfänger in euren vermeintlichen Scoop verrannt. Ich bin gespannt, wie professionell ihr diese Sache nachbereitet. Mindestens ein Lastschriftmandat hängt davon ab.

Frauenfeind Fischer? Der Sargnagel-Effekt

Es wird mal wieder Zeit für einen blogthemenfremden Einschub: Mich wundert und ärgert die Zustimmung, die ein übergriffiger, infamer und dümmlicher Text in Teilen meiner Filterblase erfährt, die ich für klüger gehalten habe.

Es geht um einen „Brief“ an Bundesrichter Thomas Fischer mit dem Titel Er packt noch eins drauf, den die Autorin Simone Schmollack am 18. März in der taz veröffentlicht hat. Zwei der drei Attribute sind schnell abgehandelt: übergriffig (Beispiel: „Ich nahm Sie mit ins Bett“) und infam (das „ergaunerte“ Haus). Kommen wir zur Dümmlichkeit. Fast muss man sich sorgen, dass die Behauptung, Herr Fischer hätte ein generelles Problem mit Frauen, allmählich Realität wird, wenn er immer wieder auf schreibende Frauen trifft, die offenkundig sehr wenig verstanden haben und auf dieser Grundlage munter Urteile fällen.

Gerade haben wir die Stefanie-Sargnagel-Empörungswelle hinter uns. Zumindest in meiner Filterblase war schnell ein Konsens erzielt: nicht nur über die widerlichen, vielfach sexuell aufgeladenen Gewaltfantasien und Aufrufe zu „Aktionen“ gegen die Autorin, nicht nur über den Irrsinn der Sperrung von Sargnagels Facebook-Seite, sondern auch über die Interpretation des Textes, der die Welle ausgelöst hatte: Wer das, was eine Schriftstellerin veröffentlicht, für bare Münze nimmt, für ungebrochene autobiografische Wahrheit, auf deren Basis man sie moralisch verurteilen kann, hat einen Knall. Das gilt auch, wenn man den Text nicht für rundum gelungen, ja selbst dann, wenn man ihn für schlechte Literatur hält.

Wenn aber Thomas Fischer, der immer wieder den experimentellen, assoziativen Charakter seines Schreibens betont hat, etwa über Beate Zschäpes „teigiges Gesicht“ schreibt oder im Gespräch mit Frau Schmollack von einer „pickligen Tante“ spricht, „die nicht reden will“ – dann muss er das wohl genau so meinen in seinem Frauenhass?

In anderen seiner Texte gelingt den meisten Leserinnen und Lesern das Verstehen mühelos: wenn Fischer etwa die Durchsuchung, bei der Volker Beck mit Drogen erwischt wurde, als „gewiss rein zufällig“ bezeichnet. Oder wenn er sinngemäß schreibt, Arbeitnehmer oder Käufer gingen mit den Rechtsabteilungen von Großkonzernen doch sicher Kontrakte auf gleicher Augenhöhe ein, die sie als souveräne Individuen in allen Weiterungen durchschauten. Dann ahnen die meisten, so hoffe ich: Er meint es anders. Er paraphrasiert, was Menschen und Medien so von sich geben. Er gibt Wahrnehmungen und Meinungen Dritter wieder und hofft, dass wir den Unsinn als solchen erkennen.

Das macht, neben den profunden juristischen und rechtssoziologischen Ausführungen, den Reiz der Kolumnen aus: Da schreibt jemand, der beispielsweise mit unserer bigotten Drogenpolitik, mit einer auf einem Auge blinden und auf dem anderen umso schärfer hinsehenden Exekutive, mit der oberflächlichen, sich in Frisurbeschreibungen ergehenden Prozessberichterstattung oder mit dem Schulterzucken der Justiz gegenüber den ganz großen Schweinereien in der Wirtschaft grundsätzlich nicht einverstanden ist. Jemand, der unter der markttotalitären Deformation von Individuen und ihren Beziehungen leidet. Wenn er etwa Lohfink als geradezu grotesk fremdbestimmt beschreibt, hat das meines Erachtens mehr mit diesem Unbehagen an der kapitalistischen Deformation selbst intimster, beispielsweise sexueller Beziehungen zu tun als mit seinem Frauenbild.

Das muss man nicht mögen, und man muss es nicht für große Kunst halten. Ich finde gewiss nicht jede Formulierung gelungen und kann mir auch nicht jede Ruppigkeit und jeden Hohn mit dem eben dargestellten literarischen Mittel erklären. Die Kolumnen wechseln oft abrupt zwischen Überspitzung, paraphrasierten Fremdurteilen, eigenen Einschätzungen, Kalauern und juristischen oder soziologischen Analysen. Bei flüchtiger Lektüre, wie online nun einmal üblich, fliegt man da schon mal aus der Kurve. (Beim Verfassen wohl auch.)

Aber man sollte zumindest imstande sein, ein wesentliches Stilmittel der Kolumnen als solches zu erkennen, und dem Autor zumindest versuchsweise zugestehen, dass er uns mit seinen Paraphrasen einen Spiegel vorhalten möchte. Dabei hilft übrigens kein mitlaufendes Band: Man kann aus unverfälschten O-Tönen ganz wunderbar einen tendenziösen Interviewtext zusammenschustern, der die vorgefasste eigene Meinung zu belegen scheint.

Natürlich ist auch meine Interpretation nur eben dies: eine Interpretation. Ich kann mich irren. Wenigstens das sollten alle, die demselben Kurzschluss erlegen sind wie Frau Schmollack, auch bezüglich ihrer eigenen Deutungen einmal in Erwägung ziehen.

Bürgerwehr-Sturmtrupps – und Klaus Mann

Vorweg, erstens: Ich behalte mir vor, die Kommentarfunktion zu diesem Beitrag – notfalls auch im ganzen Blog – zu sperren, und bei der Freischaltung von Kommentaren mache ich von meinem Hausrecht Gebrauch. „Zensur“? Geht woanders spielen.

Vorweg, zweitens: Eigentlich wollte ich an diesem Wochenende viele neue Erkenntnisse zum Immunsystem bloggen, in Zeichnungen umsetzen und ins Buchmanuskript einarbeiten. Aber es fällt mir zur Zeit schwer, mich darauf zu konzentrieren. Ich wohne übrigens in Köln.

Vollpfosten gründen Bürgerwehren

Ich weiß: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Viele Hunde, die bellen, beißen nicht (manche aber doch). Von einer Absichtserklärung bei Facebook oder in anderen sozialen Medien bis zur nachhaltigen gesellschaftlichen Praxis ist es ein weiter Weg. Dennoch beunruhigt es mich, dass im Lauf der letzten Tage Kölner „Bürgerwehren“ und „Sturmtrupps“ wie Pilze aus dem Boden schießen. Die meisten haben bisher überschaubaren Zulauf; der Polizei ist die Entwicklung bekannt; sie behält die Gruppen im Auge.

Wer sind, was wollen diese Bürgerwehren?

Es sind Security-Männer des Kölner Großbordells „Pascha“ darunter und ein Stabsunteroffizier der Bundeswehr. Bodybuilder, gescheiterte Existenzen, auch einige sympathisierende Frauen, Telefonsexarbeiterinnen, Angestellte der chemischen Industrie, Selbständige. Anonymen Kommentaren zufolge sympathisieren auch Polizisten mit diesen Bestrebungen, aber das kann hohles Geschwätz sein. Viele Personen treten mit Klarnamen und plausiblen, bereits lang geführten Facebook-Profilen auf, aus denen sich zum Teil die Genese ihrer Frustration ableiten lässt. (Der Stabsunteroffizier etwa hat 2015 mehrere Hundert nicht auszahlbare und nicht abzufeiernde Überstunden angesammelt – einen Teil davon bei Einsätzen an den nordrhein-westfälischen „Drehscheiben“ für Flüchtlinge.)

Der Gründer des „Sturmtrupps“ trägt die Tätowierung „Legio Patria Nosta“ auf seinem breiten Kreuz, das Motto der Fremdenlegion. Manche treten mit Phantasienamen wie „Wächter Midgards“ auf und nennen „Zukunft – Volk – Familie – Heimat – Gemeinschaft“ als ihre Werte, was sich mit der an den Mund geführten Bierdose auf dem Profilbild offenbar reibungslos verträgt. Einer dieser Kämpfer für die Frauenrechte hat anstelle eines Porträts den Spruch „Ein Foto von mir würde dich nur unnötig geil machen“ eingestellt. Einer hat ein Youtube-Video gepostet, das „Hier siehst du ein man der ein Esel sexuell penetriet“ heißt. Ein anderer meint: „Weshalb wurde der Messerstecher auf die Bürgermeisterin überhaupt festgenommen? Sie ist es doch selber Schuld gewesen, denn sie hatte keinen Abstand gehalten!“ Ein weiterer erklärt: „Ich hoffe, die deutschen Medien wissen jetzt auch, warum in solchen Ländern wie Syrien, Ägypten, Iran die Polizei so hart ran geht. Diese Leute vom Sexmob bekommen da die Schwänze abgeschnitten. Und das ist auch richtig so.“ (Orthografie korrigiert)

Sie wollen regelmäßig durch die Straßen Kölns patrouillieren, um „unsere Frauen“ vor sexuellen Übergriffen durch „Rapefugees“ zu schützen. Sie rekrutieren gezielt in Türsteher- und Kraftsportler-Kreisen. Sie verabreden bereits erste Termine für „Spaziergänge“. Zum Teil möchten sie mit der Polizei kooperieren (die sich dafür ganz herzlich bedanken wird, ebenso wie die meisten Frauen). Zum Teil erklären sie freiheraus: „Scheißt auf die Bullen, unsere Frauen brauchen jetzt Schutz, also lasst uns loslegen“ (Orthografie korrigiert). Sie machen keinen Hehl daraus, dass sie „auch mit G…“ vorgehen möchten, was in diesem Kontext nur „Gewalt“ heißen kann.

Hier manifestiert sich ein Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen, eine Aufkündigung der Akzeptanz des staatlichen Gewaltmonopols in einem beängstigenden Ausmaß. Was mich phasenweise etwas beruhigt, ist die beinahe flächendeckende Dummheit dieser Gestalten – angefangen bei einer Rechtschreibung, die von funktionalem Analphabetismus nicht weit entfernt ist – was sie nicht daran hindert, das Internet vollzuschreiben. Das Ganze macht bislang einen zwar aktionistischen, aber planlosen Eindruck: Kinder in Männerkörpern spielen Blockwart.

„Du kommst nie zur Macht!“

Aber als ich gestern jemandem von diesen Möchtegern-Bürgerwehren erzählte, erinnerte er mich an Klaus Mann. Der entdeckte 1932 in der Carlton-Teestube Hitler am Nebentisch, sah ihm aus nächster Nähe beim Verdrücken mehrerer Erdbeertörtchen zu, studierte sein Gesicht und lauschte seinem Geschwätz. Er nahm ihn als „bösartigen Spießer“ bar jeder Größe oder Begabung wahr und kam zu dem Schluss: „Du wirst nicht siegen, Schicklgruber, und wenn du dir die Seele aus dem Leibe brüllst. Du willst Deutschland beherrschen? Diktator willst du sein – mit der Nase? Daß ich nicht kichere! […] Laß dir nur noch ein Erdbeertörtchen kommen, Schicklgruber – es ist wohl das fünfte? –; in ein paar Jahren kannst du dir’s nicht mehr leisten; ein Bettler, ein Vergessener wirst du sein, in ein paar kurzen Jährlein. Du kommst nie zur Macht!“ (Klaus Mann, „Der Wendepunkt“)

Er hat seinen Irrtum bitter bereut.

Ich bin verunsichert. Meine Zuversicht, dass solche Vollpfosten unserer Gesellschaft nicht ernsthaft gefährlich werden können, ist seit Monaten dahin, und die letzte Woche hat das Unbehagen verstärkt. Unser Staat wird vorerst mit ihnen fertig, keine Frage. Aber das Misstrauen gegenüber den staatlichen Institutionen, der Presse und der Politik, das von den „Ereignissen“ der Silvesternacht, der bräsigen Desinformationsstrategie der Polizeileitung und eben dem Gebrüll der tapferen Bürgerwehr-Mannen geschürt wird, hat sich nach meinem Eindruck in weiten Teilen der Bevölkerung festgefressen, die diesen Staat trägt … solange sie überzeugt ist, dass er seine Sache gut macht.

Was, wenn die Bürgerwehr-Klappspaten ihren Goebbels finden?

Das vorgeburtliche Immunsystem: nicht unreif, sondern aktiv tolerant

In der Immunologie entwickeln sich die Techniken und mit ihnen im Idealfall auch die Einsichten so schnell, dass fünf oder gar zehn Jahre alte Arbeiten meist zum alten Eisen gehören. Aber es gibt Ausnahmen. Manches Konzept taucht irgendwann wieder aus der Versenkung auf, in der es verschwunden war, weil es zur Zeit seiner Entstehung nicht überprüft und weiterentwickelt werden konnte. Das gilt zum Beispiel für die Hypothese vom geschichteten oder gestaffelten Immunsystem, der layered immune system hypothesis, die 1989 von Leonore und Leonard Herzenberg aufgestellt wurde.

Die Schichten oder Phasen sind dabei ursprünglich sowohl stammes- als auch individualgeschichtlich zu verstehen. Auch wenn der Name Ernst Haeckel nirgends fällt, schwingt dessen biogenetisches Grundgesetz mit, also die Rekapitulationsregel: „Die Ontogenese rekapituliert die Phylogenese.“ In seiner dogmatischen Form war dieses „Gesetz“ nicht zu halten, und Haeckel hat der Sache mit seinen didaktisch geschönten grafischen Darstellungen keinen Gefallen getan.

Aber nach wie vor gilt: Je jünger ein Embryo, desto weniger spezifische Züge seiner Art trägt er, und desto mehr Züge hat er noch mit ähnlich frühen Entwicklungsstadien entfernt verwandter Arten gemeinsam – Züge, die evolutionär älter sind als die gattungs- und artspezifischen Ausdifferenzierungen der späteren Entwicklungsstadien. Auf das Immunsystem bezogen hieße das zum Beispiel: Die Elemente der evolutionär älteren angeborenen Abwehr bilden sich im werdenden Individuum früher heraus als die Bestandteile der evolutionär jüngeren erworbenen Abwehr.

Schon bei den Herzenbergs und erst recht in den neueren Arbeiten, die sich auf die Hypothese beziehen, steht aber die Ontogenese, die Embryonalentwicklung, im Vordergrund. Die Entwicklung des individuellen Immunsystems wird traditionell als Reifung verstanden: Vor der Geburt ist das System unreif – im Sinne von unterentwickelt oder nicht funktionstüchtig; nach der Geburt reift es durch den Kontakt mit Antigenen aus der Umwelt heran; im Alter erschöpft es sich.

In den letzten Jahren mehren sich aber die Anzeichen, dass das menschliche Immunsystem bereits weit vor der Geburt Funktionen erfüllt – nur eben andere als nach der Geburt. Die Geburt markiert also nicht den Beginn der Aktivität, sondern eine Änderung des Aufgabenprofils, die mit einer Änderung der zellulären Zusammensetzung und der „Gestimmtheit“ des Immunsystems einhergeht: mit dem Rückbau einer Ebene und dem Ausbau einer anderen.

Die Entwicklungsphasen der tolerogenen Immunität durch fetale T-Zellen und der aggressiven Immunität durch adulte T-Zellen überlappen sich. Nach Burt 2013, Abb. 1

Die Entwicklungsphasen der tolerogenen Immunreaktionen durch fetale T-Zellen und der aggressiven Immunreaktionen durch adulte T-Zellen überlappen sich. Nach Burt 2013, Abb. 1

Die für eine Ebene oder Phase des Immunsystems typischen Lymphozyten besiedeln die Lymphorgane und die Peripherie nicht kontinuierlich, sondern in Wellen. Ein Beispiel sind die beiden B-Zell-Populationen, die bei Mäusen zu unterschiedlichen Zeiten auftauchen, von unterschiedlichen hämatopoetischen Stammzellen im Knochenmark abstammen und unterschiedliche Eigenschaften haben: In neugeborenen Mäusen dominieren die B-1-Zellen, die vor allem in der Bauchhöhle vorkommen; bei erwachsenen Mäusen herrschen B-2-Zellen vor, die schlagkräftigere Antikörper produzieren.

Auch das T-Zell-Repertoire entwickelt sich in Wellen. Wie bereits besprochen, entstehen beim Menschen während der 9. Schwangerschaftswoche zunächst γδ-T-Zellen, die bei Erwachsenen nur noch etwa fünf Prozent der T-Zellen ausmachen. Ab der 10. Woche werden αβ-T-Zellen produziert, und zwar sowohl zyto­to­xi­sche T-Zellen (CD8+) als auch CD4+-T-Zellen, die entweder zu Helferzellen oder zu regu­la­to­ri­schen T-Zellen (Tregs) werden. Die frühen CD4+-T-Zellen haben eine starke Neigung, sich – manchmal schon im Thymus, zu einem großen Teil aber erst in der Peripherie – zu Tregs zu entwickeln und fortan besänftigend auf das restliche Immunsystem einzuwirken.

Vor allem im zweiten Schwangerschaftsdrittel wimmelt es im Körper des werdenden Kindes von Tregs. In der 24. Schwangerschaftswoche machen sie 15 bis 20 Prozent aller CD4+-T-Zellen aus, während es bei der Geburt nur noch 5 bis 10 Prozent und bei Erwachsenen unter 5 Prozent sind. Fehlen sie, etwa aufgrund eines genetischen Defekts im Treg-typischen Gen FoxP3, so kommt es bereits kurz nach der Geburt zu einer massiven, viele Organe umfassenden Autoimmunreaktion (IPEX). Erst im dritten Trimester werden die tolerogenen fetalen T-Zellen allmählich von aggressiveren adulten T-Zellen abgelöst.

Das kam für viele Forscher überraschend, denn man hatte die Entwicklung der erworbenen Abwehr jahrzehntelang fast nur an Labormäusen erforscht, bei denen die T-Zell-Produktion knapp vor der Geburt anläuft und nicht bereits im ersten Trimester. Die ersten Tregs verlassen den Mäuse-Thymus sogar erst am dritten Tag nach der Geburt. Dieser grundlegende Unterschied zwischen Mensch und Maus ist – wie so vieles – mit der ebenso grundverschiedenen life history der beiden Arten zu erklären.

So, wie das mütterliche Immunsystem während der langen Schwangerschaft beim Menschen vor der Herausforderung steht, den (halb)fremden Fetus nicht abzustoßen, muss auch der Fetus mit (halb)fremden Eindringlingen zurechtkommen, nämlich mütterlichen Zellen und Antikörpern. Mikrochimärismus – der Einbau von Zellen aus der Mutter in den Organismus ihres Kindes ebenso wie der Einbau von Zellen des Kindes in den Organismus seiner Mutter – ist bei Menschen und anderen großen, langlebigen Säugetieren weit verbreitet und in den allermeisten Fällen völlig harmlos: Das Immunsystem lernt rechtzeitig, dass diese Zellen von nun an dazugehören, und die Einwanderer integrieren sich anstandslos. Zu ihnen zählen auch mütterliche Immunzellen aller Art, etwa Monozyten, natürliche Killerzellen, T- und B-Zellen. In den fetalen Lymphknoten präsentieren einige von ihnen den Immunzellen des Kindes mütterliche Antigene.

In der Mythologie ist die Chimäre ein Wesen, das vorne Löwe, in der Mitte Ziege und hinten Drachen ist. Wir alle sind Chimären: Unser Körper enthält Zellklone, die aus unseren Müttern stammen.

Die Chimäre der Mythologie ist vorne Löwe, in der Mitte Ziege und hinten Drache. Wir alle sind Chimären: Unsere Körper enthalten Zellklone, die aus unseren Müttern stammen.

Neben mütterlichen Zellen dringen auch mütterliche Antikörper in den Fetus ein, und zwar massenhaft: Gegen Ende der Schwangerschaft ist die Konzentration von mütterlichem Immunglobulin G (IgG) im Fetus höher als im mütterlichen Blut. Über die Muttermilch nimmt das Neugeborene weiter IgG auf. Diese Antikörper schützen das Kind in den ersten Lebensmonaten vor Infektionen. Antikörper sind bekanntlich Proteine und als solche nicht nur Waffen, sondern zugleich Ziele der Abwehr – sofern das Immunsystem nicht lernt, sie zu tolerieren.

Außer mütterlichen Antigenen tauchen währen der Entwicklung des Fetus auch immer wieder neue Gewebstypen und Organe auf und mit ihnen Autoantigene, auf die das Immunsystem nicht aggressiv reagieren darf. Und die bakterielle Flora, die unsere Haut und unsere Schleimhäute unmittelbar nach der Geburt besiedelt, muss zwar in ihre Grenzen verwiesen, aber ansonsten toleriert werden. Ähnliches gilt vermutlich für einige Pathogene, etwa Viren, die die Schutzwälle rings um den Fetus überwinden und ihn bereits vor der Geburt chronisch infizieren können: Auch sie müssen zwar eingedämmt, dürfen aber nicht aggressiv bekämpft werden, weil das für das werdende Kind das Ende bedeuten würde.

Die zentrale Toleranz durch die negative T-Zell-Selektion im Thymus reicht für diese Herunterregulierung der Abwehr offenbar nicht aus: Auch in der Peripherie muss Frieden gestiftet werden. Naive fetale CD4+--T-Zellen müssen sich bei Bedarf schnell zu antigenspezifischen Tregs weiterentwickeln können. Dazu brauchen sie Signale aus der TGF-β-Familie, die tatsächlich in fetalen Lymphknoten in viel höherer Konzentration vorliegen als in adulten Lymphknoten. Auch können sich fetale Tregs, wenn sie in den Lymphknoten mit Interleukin 2 angeregt werden, stark vermehren, selbst wenn ihre T-Zell-Rezeptoren gerade nicht durch das passende präsentierte Antigen stimuliert werden – was bei adulten Tregs eine strikte Voraussetzung für die Zellteilung ist.

Auch wenn sich fetale und adulte Tregs äußerlich zum Verwechseln ähneln: Sie stammen – wie Experimente an „humanisierten“ Mäusestämmen zeigen – von unterschiedlichen hämatopoetischen Stammzellen ab, haben unterschiedliche Genexpressionsprofile und Aktivierungsschwellen und gelangen in der Peripherie in unterschiedliche Signal-Landschaften, die ihr Verhalten und ihre weitere Entwicklung in entsprechende Bahnen lenken.

Einige Vertreter der Hypothese vom mehrschichtigen oder gestaffelten Immunsystem meinen, die individuell unterschiedliche Neigung zu Autoimmunerkrankungen, Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten könne mit dem Mischungsverhältnis zwischen fetalen und adulten T-Zell-Populationen zum Zeitpunkt der Geburt zusammenhängen: Neugeborene, die nur noch wenige fetale, tolerogene T-Zellen aufweisen und dafür bereits sehr viele aggressive T-Zellen vom adulten Typ, könnten im kritischen Zeitfenster nach der Geburt eine bleibende Neigung zu Überreaktionen auf Autoantigene und harmlose fremde Antigene ausbilden.

Die Hypothese vom layered immune system ist nach wie vor umstritten, wie die Diskussion zwischen Mold und Anderson (s. u.) zeigt. Aber sie passt zu den Arbeiten über die Hemmung des bereits voll einsatzfähigen neonatalen Immunsystems durch CD71+-Zellen (junge rote Blutkörperchen), die ich hier vor einigen Monaten in zwei Beiträgen besprochen habe: Offenbar kommen wir – zumindest immunologisch – keineswegs so unreif auf die Welt, wie man früher annahm. Wieder einmal zeigt sich, dass Menschen keine groß geratenen Mäuse sind.

Literatur (chronologisch)

Herzenberg, L. A., & Herzenberg, L. A. (1989). Toward a Layered Immune System. Cell, 59, 953-954. (PDF)

Mold, J. E., & McCune, J. M. (2011). At the crossroads between tolerance and aggression: Revisiting the “layered immune system” hypothesis. Chimerism,2(2), 35–41. http://doi.org/10.4161/chim.2.2.16329

Mold, J. E., & Anderson, C. C. (2013). A discussion of immune tolerance and the layered immune system hypothesis. Chimerism, 4(3), 62–70. http://doi.org/10.4161/chim.24914

Burt, T. D. (2013). Fetal Regulatory T Cells and Peripheral Immune Tolerance in utero: Implications for Development and Disease. American Journal of Reproductive Immunology (New York, N.Y. : 1989), 69(4), 346–358. http://doi.org/10.1111/aji.12083

Loewendorf, A. I., Csete, M., & Flake, A. (2014). Immunological considerations in in utero hematopoetic stem cell transplantation (IUHCT). Frontiers in Pharmacology, 5, 282. http://doi.org/10.3389/fphar.2014.00282

Yang, S., Fujikado, N., Kolodin, D., Benoist, C., Mathis, D. (2015). Immune tolerance. Regulatory T cells generated early in life play a distinct role in maintaining self-tolerance. Science, 2015 May 1;348(6234):589-94. http://doi.org/10.1126/science.aaa7017

 

Kamelhaardecke

Ich sitze im Arbeitszimmer, eingehüllt in einen seltsamen Geruch: nach Keller und Mottenkugeln.

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Ich würde unsere Familie nicht als traditionsbewusst bezeichnen. Meine Eltern waren nicht gläubig, die christlichen Feiertage wurden halt der Kinder wegen gefeiert. Gelebt, gewohnt, gekleidet und gekocht wurde modern: funktional, nüchtern. Aber auch bei uns gab es Gründungserzählungen – zum Teil unbewusst weitergetragen und dadurch umso wirkmächtiger, bis heute.

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Dass die Familie meiner Mutter Anfang 1945 aus Posen geflohen ist, habe ich hier schon im Januar berichtet – genau siebzig Jahre nach dem letzten Brief meines Großvaters. Durch die Flucht haben meine Großmutter und ihre drei Kinder fast alles verloren; meine Mutter hat sich auf einem offenen Wagen lebensgefährlich unterkühlt. Die Kälte im Januar 1945 und die Mittel, mit denen sich die Menschen gegen sie zu wappnen versuchten, spielen in den Überlieferungen vieler Familien eine große Rolle. Bei uns macht sich das an einer großen Kamelhaardecke fest, die die Familie vor dem Erfrieren bewahrt hat. Es gibt sie längst nicht mehr, aber seither gelten Decken im mütterlichen Familienzweig als besonders wichtiger Besitz und als wertvolle Geschenke.

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Seit Jahrzehnten schleppe ich bei jedem Umzug Decken mit mir herum. Eine mit einem Art-Déco-Muster, von der ich nicht einmal weiß, von welchem Familienzweig sie stammt; ich tippe auf die väterliche, niederländische Seite. Eine „echte Peter-Hahn-Lamahaardecke“. Eine orange-weiße Kunstfaserdecke aus den 1970er-Jahren, mit der meine Schwester und ich Kuschelhöhlen gebaut haben. Und eine ganz schlicht in ein schwarzes, ein cremeweißes und zwei graue Viertel unterteilte Wolldecke, die vermutlich meine Mutter ausgesucht hat (modern, funktional, nüchtern). Obwohl ich sie fast nie gebraucht habe, konnte ich mich nicht von ihnen trennen. Denn: Decken sind wichtig. Familiendecken sind sakrosankt. Da in meinen kleinen Zimmern oder Wohnungen selten Platz für sie war, waren sie fast immer in Kellern untergebracht, was ihnen leider gar nicht gut getan hat.

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Daher der seltsame Geruch in meinem Arbeitszimmer: Ich lüfte sie aus, um sie wegzugeben. In einer Notunterkunft für Geflüchtete im nahen Stadtteil Bilderstöckchen, der seinem Namen zum Trotz so gar nichts Idyllisches an sich hat, werden dringend Decken benötigt: In der Turnhalle wird es nachts richtig kalt. Und so versuche ich, den Kellergeruch aus den Decken zu vertreiben, damit sie endlich wieder das tun, wozu sie gemacht sind: Menschen wärmen.

Die Dialektik der Familiendecken-Tradition: Ich pflege sie, indem ich sie aufgebe.