Archiv für den Autor: Andrea Kamphuis

Die Paleo-Revolution

Hei­drun Schal­ler hat mir vor eini­gen Wochen ein Exem­plar ihres Buchs „Die Paleo-Revolution“ zukom­men las­sen. Herz­li­chen Dank dafür — und für die nette Erwäh­nung in der Dank­sa­gung! Höchste Zeit, das Buch kurz vorzustellen.

P1260507_Paleo-Buch

Eines vorab: ich ernähre mich nicht nach Paleo oder irgend­ei­nem ande­ren Prin­zip, son­dern bin Ottonormal-Omnivore. Aber die soge­nannte Stein­zeit­kost inter­es­siert mich, weil sie sich an unse­rem gene­ti­schen Erbe ori­en­tiert und weil offen­bar etli­che Men­schen mit Auto­im­mun­er­kran­kun­gen gute Erfah­run­gen mit die­ser Ernäh­rungs­weise gemacht haben, die sich vor allem durch den Ver­zicht auf Zucker, Getreide und Hül­sen­früchte und eine rela­tiv fett– und prote­in­rei­che Kost auszeichnet.

Unge­fähr seit Aus­bruch mei­ner Auto­im­mun­er­kran­kung habe ich immer wie­der mal mit Ver­dau­ungs­pro­ble­men zu kämp­fen, die weit über das nor­male Maß hin­aus­ge­hen. Ich weiß nicht, ob da ein ursäch­li­cher Zusam­men­hang besteht. Zum Glück berap­pelt sich mein Sys­tem bis­her immer wie­der — aber wenn das noch schlim­mer wird und meine Gesund­heit und mein Sozial– und Berufs­le­ben ernst­haft beein­träch­ti­gen sollte, werde ich mich viel­leicht doch ein­mal an Paleo her­an­wa­gen. Mit Hei­druns Buch habe ich dann den idea­len Ein­stieg zur Hand.

P1260511_Paleo-Buch

Was mich als Natur­wis­sen­schaft­le­rin gleich begeis­tert hat, ist die sach­li­che, stets mit Lite­ra­tur­an­ga­ben unter­füt­terte Dar­stel­lung — etwa unse­res Ver­dau­ungs­sys­tems, der Ernäh­rung indi­ge­ner Völ­ker oder des Mikro­bi­oms. Mir ist auch kein ande­rer „Ernäh­rungs­rat­ge­ber“ bekannt, in dem gleich zu Anfang der Unter­schied zwi­schen Kor­re­la­tio­nen und Kau­sal­zu­sam­men­hän­gen, die Fall­stri­cke von epi­de­mio­lo­gi­schen Stu­dien oder der Publi­ca­tion Bias so ver­ständ­lich erklärt werden. Überhaupt liest sich das Buch sehr ange­nehm, sowohl wegen des guten Stils der Auto­rin als auch wegen des auf­ge­räum­ten Layouts.

Die Skep­sis der Auto­rin gegen­über Ernäh­rungs­dog­men macht auch vor Paleo selbst nicht halt: Stets ist von einer „Hypo­these“ die Rede — aller­dings einer beson­ders plau­si­blen, eben auf­grund der Ori­en­tie­rung an der Ernäh­rung und Lebens­weise unse­rer Urah­nen, denen wir gene­tisch noch sehr nahe ste­hen. Im Kapi­tel „Was unser Kör­per mit Essen macht und warum er Paleo mag“ wird unter ande­rem der che­mi­sche Auf­bau von Fett, Koh­len­hy­dra­ten und Pro­te­inen sehr anschau­lich erläu­tert, und es wird deut­lich, dass eine koh­len­hy­drat­arme Ernäh­rung kei­nes­wegs zu Man­gel­er­schei­nun­gen oder zur Ver­fet­tung füh­ren muss. In der „Anthro­po­lo­gi­schen Rund­um­schau“ stellt Hei­drun die tra­di­tio­nelle Ernäh­rung ver­schie­de­ner indi­ge­ner Völ­ker vor, die je nach den Umwelt­be­din­gun­gen ganz unter­schied­lich aus­fiel. Ent­spre­chend viele Spiel­ar­ten kennt auch die Paleo-Ernährung. Außer­dem wird deut­lich, dass es bei Paleo nicht darum geht, genau „wie in der Stein­zeit“ zu leben: Alle Gemü­se­sor­ten, die wir heute essen, sind kul­ti­viert, und nahezu alle Fleisch­lie­fe­ran­ten sind Zucht­tiere. Es geht um prak­ti­ka­ble Nähe­run­gen — wie etwa die Beschrän­kung auf Fleisch und But­ter von Wei­der­in­dern anstelle von soja­ge­füt­ter­ten Rin­dern aus der Massentierhaltung.

Im Kapi­tel „Das Mikrobiom“ erhalten viele Lese­rin­nen und Leser ver­mut­lich zum ers­ten Mal einen guten Über­blick über unsere „Mit­be­woh­ner“, ohne die wir unser Essen nicht auf­schlie­ßen und Krank­heits­er­re­ger nicht rich­tig abweh­ren könn­ten. Das dicke Kapi­tel „Paleo trifft auf Ent­zün­dung“, in dem unter ande­rem Auto­im­mun­er­kran­kun­gen und Über­ge­wicht behan­delt wer­den, lese ich im Augen­blick. Bereits über­flo­gen habe ich das Kapi­tel „Wie passt Paleo in unsere Zeit?“, in dem sich Hei­drun unter ande­rem mit den Argu­men­ten von Vega­nern gegen den Ver­zehr tie­ri­scher Pro­dukte aus­ein­an­der setzt. So ver­ständ­lich das ange­sichts der hef­ti­gen und dog­ma­ti­schen Dis­kus­sio­nen in vie­len Foren ist: Mich hat das weni­ger ange­spro­chen als die übri­gen Teile des Buches; einige Pas­sa­gen klin­gen sehr nach Recht­fer­ti­gung. Rich­tig und wich­tig ist aber die Fest­stel­lung, dass jede Ernäh­rungs­weise, auch die vegane, mit Beein­träch­ti­gun­gen für andere Lebe­we­sen ein­her­geht und ethi­sche Pro­bleme auf­wer­fen kann.

In die ers­ten drei Vier­tel des Buches sind Erfah­rungs­be­richte von Men­schen ein­ge­streut, die ihre Ernäh­rung auf­grund erns­ter Gesund­heits­pro­bleme — etwa Zölia­kie, Dia­be­tes oder Asthma — auf Paleo umge­stellt haben. Das letzte Vier­tel des Buches neh­men die Koch­tipps ein, die kein Paleo-Kochbuch erset­zen wol­len, son­dern wirk­lich Basics ver­mit­teln — etwa die Her­stel­lung von Ghee, Joghurt, Leber­wurst oder Sau­er­kraut. Sogar Bezugs­quel­len sind ange­ge­ben. So, und jetzt habe ich Lust, Leber­wurst zu machen! Ob ich mich traue? :-)

P1260658_Paleo-Buch

Mikrobiom-News

Lynn_Margulis_650Bevor die Tab-Leiste des Brow­sers explo­diert und meine Book­marks wegen Nicht­be­ach­tung Hara­kiri bege­hen, notiere ich hier in aller Eile ein paar Stich­worte zu aktu­el­ler (na ja, fast aktu­el­ler) Mikrobiom-Literatur.

Und damit die Män­ner­quote bei den Wissenschaftler-Porträts im Buch nicht wei­ter bei trau­ri­gen 100 Pro­zent liegt, habe ich Lynn Mar­gu­lis in die Gale­rie auf­ge­nom­men — jene 2011 ver­stor­bene US-amerikanische Bio­lo­gin, die für sym­bio­ti­sche Orga­nis­men (also z. B. Mensch + Mikro­biom) den Begriff „Holo­bi­on­ten“ geprägt hat.

Ruth Wil­liams (2014): Repur­po­sed Retro­vi­ru­ses: Die T-Zell-unabhängige Akti­vie­rung von B-Zellen durch Polysaccharid-Antigene geht bei Mäu­sen offen­bar mit einer Tran­skrip­tion zahl­rei­cher DNA-Sequenzen aus endo­ge­nen Retro­vi­ren (ERVs) ein­her, und die dabei ent­ste­hende RNA wird zum Teil vom Enzym Reverse Tran­skrip­tase in DNA-Stränge rück­über­setzt. Das ist ver­mut­lich keine funk­ti­ons­lose oder gar schäd­li­che Neben­wir­kung, son­dern Teil des B-Zell-Aktivierungsmechanismus.

Kate Yan­dell (2015): Com­men­sal Defense: Bac­te­ro­ide­tes in unse­rer Darm­flora ent­ge­hen der Ver­nich­tung durch anti­mi­kro­bielle Pep­tide, mit denen unser Orga­nis­mus Patho­gene im Ver­dau­ungs­trakt ver­nich­tet, durch ein Enzym, das die Lipo­po­ly­sac­cha­ride (LPS) in ihrer Mem­bran ver­än­dert. Diese im Resis­tenz­gen IpxF codierte Phos­pha­tase knipst nega­tiv gela­dene Phos­phat­grup­pen von den LPS ab, wodurch die posi­tiv gela­de­nen anti­mi­kro­biel­len Pep­tide schlech­ter an unsere Sym­bi­on­ten bin­den als an die Patho­gene.   Wei­ter­le­sen

Kamphuis’sche Knollennasen auf der re:publica

Zusam­men mit einer Kol­le­gin halte ich am 7. Mai einen Vor­trag auf der re:publica in Ber­lin. Da das nüch­terne Cor­po­rate Design unse­res Insti­tuts dort fehl am Platze wäre, haben wir uns bei der Gestal­tung der Folien Frei­hei­ten her­aus­ge­nom­men — was auch zum Thema des Vor­trags passt. Der Stil der Zeich­nun­gen dürfte den Lesern die­ses Blogs bekannt vorkommen:F05-06_screenonly_B

Wer auf der re:publica ist, kann sich gerne am Don­ners­tag um 16.15 Uhr auf Stage 10 die übri­gen Zeich­nun­gen anse­hen und die Geschichte dahin­ter anhören!

Keimblätter und zelluläre Schicksalswege

Ich komme noch ein­mal auf die Mel­dung zurück, der zufolge unsere Gewebs­ma­kro­pha­gen über­wie­gend nicht von Stamm­zel­len im Kno­chen­mark abstam­men, son­dern von Vor­läu­fern aus dem embryo­na­len Dot­ter­sack. Die meis­ten Nicht­bio­lo­gen wer­den das schul­ter­zu­ckend zur Kennt­nis neh­men. Für Bio­lo­gen ist es eine Sen­sa­tion, da man bis­her davon aus­ging, dass all unser Zel­len, Gewebe und Organe auf eines der drei Keim­blät­ter — Ectod­erm, Meso­derm und Endo­derm — zurück­ge­hen, die wäh­rend der sehr frü­hen Embryo­nal­ent­wick­lung ange­legt werden.

P1260711_Keimblätter_Pflanze_200

Pflan­zen­keim mit Keim­blät­tern und ers­tem ech­tem Blätterpaar

Die Bezeich­nung „Keim­blät­ter“ erleich­tert das Ver­ständ­nis die­ser Vor­gänge lei­der über­haupt nicht, denn man denkt bei dem Wort an die ers­ten Blätt­chen kei­men­der Pflan­zen. Aus die­sen sim­pel gebau­ten Blätt­chen ent­steht aber spä­ter gar nichts; sie schüt­zen und ver­sor­gen die junge Pflanze, bis sie die ers­ten ech­ten Blät­ter aus­ge­bil­det hat, und ver­küm­mern dann.

Das ist bei den dreik­eim­blätt­ri­gen Tie­ren (allen bila­te­ral­sym­me­tri­schen Tie­ren, also sol­chen mit einer lin­ken und einer rech­ten Kör­per­seite) ganz anders — und damit auch bei den Men­schen. Wäh­rend der soge­nann­ten Gastru­la­tion fal­tet sich der bis dahin zwei­schich­tige Keim zu einem kom­ple­xe­ren drei­schich­ti­gen Gebilde zusammen.

Aus der äuße­ren, obe­ren Schicht, dem Ektod­erm, wer­den spä­ter unter ande­rem die Haut und das Ner­ven­sys­tem. Aus der inne­ren, nach kon­ven­tio­nel­ler Dar­stel­lung unters­ten, zum Dot­ter­sack ori­en­tier­ten Schicht, dem Endoderm, gehen unter ande­rem der Ver­dau­ungs­trakt, die Leber und die Lunge her­vor. Und die zuletzt durch Ein­wan­de­rung von Zel­len zwi­schen die bei­den ande­ren Zell­la­gen ent­stan­dene mitt­lere Schicht, das Meso­derm, bringt spä­ter die Kno­chen, Mus­keln und Nie­ren, das Herz und das Blut her­vor — also auch die Stamm­zel­len im Kno­chen­mark, aus denen unsere Immun­zel­len ent­ste­hen.    Wei­ter­le­sen

Trogozytose: Kleider machen Leute

Die Funk­tion einer Immun­zelle wird wäh­rend ihrer Ent­wick­lung von der Stamm­zelle im Kno­chen­mark zur rei­fen Effek­tor­zelle immer wei­ter festgelegt. Aber es gibt Aus­nah­men. So bringt die soge­nannte Tro­go­zy­tose (vom grie­chi­schen trogo = nagen, knab­bern) Fle­xi­bi­li­tät ins Spiel: Zel­len kön­nen Ober­flä­chen­mar­ker an andere Zel­len — ins­be­son­dere Immun­zel­len — über­ge­ben. Die Emp­fän­ger­zelle über­nimmt dann trotz eines unver­än­der­ten Gen­ex­pres­si­ons­pro­fils neue Auf­ga­ben, etwa Anti­gen­prä­sen­ta­tion oder Tole­ranz­in­du­zie­rung. In der Fach­li­te­ra­tur wird die­ser Mecha­nis­mus auch als „cross-dressing“ bezeichnet.

T-Zelle, als B-Zelle verkleidet

T-Zelle, als B-Zelle verkleidet

So kön­nen etwa Mono­zy­ten oder Makro­pha­gen Immun­kom­plexe aus Anti­ge­nen und Anti­kör­pern des Typs IgG von B-Zellen über­neh­men. Spen­der und Emp­fän­ger bil­den dazu eine Syn­apse, eine innige Ver­bin­dung, bei der Fcγ-Rezeptoren an der Ober­flä­che der Emp­fän­ger an die freien kon­stan­ten Ende der Anti­kör­per bin­den, die wie­derum mit ihrer anti­gen­spe­zi­fi­schen Seite an die Anti­gene gebun­den sind, die die B-Zellen auf ihrer Ober­flä­che tra­gen. Wenn sich die Zel­len wie­der von­ein­an­der lösen, bleibt ein Teil der Mem­bran des Spen­ders mit­samt Anti­kör­pern und Anti­ge­nen an der Emp­fän­ger­zelle haf­ten. Die Spen­der­zelle schnürt die­sen Mem­bran­teil ab, ohne dabei Scha­den zu neh­men. Der Emp­fän­ger baut die geklau­ten Pro­te­ine ab oder prä­sen­tiert sie auf sei­ner Ober­flä­che, wo sie von ande­ren Zel­len erkannt wer­den können.

Nach die­sem Schema ver­läuft auch die Über­nahme von Antigen-beladenen MHC-Komplexen durch T-Zellen:   Wei­ter­le­sen

Die Rolle von HLA-G bei Autoimmunerkrankungen

Am Ende des letz­ten Bei­trags habe ich das Pro­tein HLA-G erwähnt, mit dem der Tro­phob­last — die Kon­takt­flä­che des Embryos zum müt­ter­li­chen Gewebe — die Immun­zel­len in der Gebär­mut­ter fried­lich stimmt und für die nöti­gen Umbau­maß­nah­men im Ader­netz rekrutiert.

Die klas­si­schen HLA-Moleküle wie HLA-A sind extrem poly­morph, d. h. es gibt zahl­rei­che leicht unter­schied­li­che Vari­an­ten, da diese Mole­küle die Auf­gabe haben, Aber­mil­lio­nen unter­schied­li­cher Antigen-Bruchstücke zu bin­den und den Immun­zel­len zu prä­sen­tie­ren. HLA-G weist einen viel gerin­ge­ren Poly­mor­phis­mus auf und hat ent­spre­chend andere Funk­tio­nen. Sein Gen liegt — wie das von HLA-A — im Haupt­his­to­kom­pa­ti­bi­li­täts­kom­plex (MHC) auf Chro­mo­som 6. Man kennt vier mem­bran­ge­bun­dene For­men (G1 bis G4) und drei lös­li­che (G5 bis G7).

P1260522_HLA-G_Isoformen_650

Die 7 Iso­for­men von HLA-G und ein HLA-G5-Dimer

 

Die mem­bran­ge­bun­de­nen For­men kön­nen aber durch Enzyme von der Zell­ober­flä­che abge­schnit­ten wer­den und den Zel­len dann eben­falls als lös­li­che Signal­stoffe die­nen. Einige der For­men kön­nen sich zu Dime­ren zusam­men­la­gern (s. Abb.: unten ein Dimer aus zwei HLA-G5-Molekülen).

Wei­ter­le­sen

Das ambivalente Verhältnis des Embryos zum Immunsystem

Dass der Dot­ter in einem Voge­lei der Ernäh­rung des wer­den­den Kükens dient, ist all­ge­mein bekannt. Dass auch junge mensch­li­che Embryo­nen von einem Dot­ter­sack zeh­ren, bevor die Pla­zenta ihre Ver­sor­gung über­nimmt, ist vie­len Men­schen dage­gen nicht bewusst. Hier ein jun­ger Embryo eines Säu­ge­tiers — ob Mensch, Katz oder Maus, ist in die­sem Sta­dium noch kaum zu erken­nen. Links der Dottersack:

P1260500_Dottersack_Embryo_500

Aus die­sem Dot­ter­sack wan­dern Zel­len in den jun­gen Embryo ein, die spä­ter zu Gewebs­ma­kro­pha­gen wer­den — siehe vor­letz­ter Bei­trag. Der schwarze Fleck ist die embryo­nale Leber, die bereits Immun­zel­len pro­du­ziert, bevor das Kno­chen­mark diese Auf­gabe über­nimmt. Über die Nabel­schnur — hier nur ange­deu­tet — gelan­gen Nähr­stoffe aus der Pla­zenta in den Embryo hin­ein und Abfall­stoffe aus ihm heraus.

Der Embryo muss das müt­ter­li­che Immun­sys­tem einer­seits fürch­ten, denn er ent­hält zur Hälfte väter­li­ches Erb­gut und stellt daher einen Fremd­kör­per dar, der Gefahr läuft, vom Orga­nis­mus abge­sto­ßen zu wer­den. Doch mit ver­schie­de­nen lös­li­chen Sub­stan­zen und Ober­flä­chen­mar­kern auf sei­ner Kon­takt­flä­che zum müt­ter­li­chen Pla­zen­ta­ge­webe (Tro­phob­last) spannt der Embryo einen Schutz­schirm auf:

P1260503_Embryo_im_Immunsystem-Sturm_650

Ande­rer­seits ist der Embryo gerade zu Beginn der Schwan­ger­schaft auf die zahl­rei­chen Immun­zel­len ange­wie­sen, die sich in der Gebär­mut­ter­schleim­haut auf­hal­ten. Es sind näm­lich mas­sive Baumaßnahmen nötig:

P1260506_Embryo_als_Bauarbeiter_650

Der Embryo spannt die örtli­chen Immun­zel­len — vor allem natür­li­che Kil­ler­zel­len — ein, um das Ader­sys­tem der Gebär­mut­ter so um– und aus­zu­bauen, dass das müt­ter­li­che Blut genug Nähr­stoffe für den Nach­wuchs her­an­schaf­fen kann. Als Bau­an­wei­sun­gen die­nen ihm zum Teil die­sel­ben Signal­stoffe wie bei der Beschwich­ti­gung der Immun­zel­len, ins­be­son­dere das Pro­tein HLA-G.

Junge rote Blutkörperchen regulieren Immunreaktionen

Im letz­ten Bei­trag habe ich eine Stu­die vor­ge­stellt, der zufolge unreife rote Blut­kör­per­chen unser Immun­sys­tem in den Wochen nach der Geburt so stark zäu­men, dass die Erst­be­sied­lung des Darms mit gut­ar­ti­gen Bak­te­rien nicht zu einer gefähr­li­chen groß­flä­chi­gen Ent­zün­dung führt. Hier nun die pas­sen­den Skiz­zen — zunächst ein erwach­se­ner, kern­lo­ser Ery­thro­zyt, der bekannt­lich die Auf­gabe hat, Sau­er­stoff aus den Lun­gen in unser Gewebe zu trans­por­tie­ren, und ein jun­ger, unrei­fer Ery­thro­zyt, der wegen sei­nes Zell­kerns noch nicht die typi­sche Schei­ben­form der roten Blut­kör­per­chen ange­nom­men hat. Seine Auf­gabe ist es, Immun­re­ak­tio­nen aufzuhalten:

P1260500_Reifer_unreifer_Erythrozyt_650Dass die kern­hal­ti­gen rote Blut­kör­per­chen von Nicht-Säugetieren wie Fischen und Vögeln auch Auf­ga­ben im Immun­sys­tem über­neh­men, ist schon lange bekannt. Inso­fern sollte es uns nicht über­ra­schen, dass dies auch bei Men­schen der Fall ist — wenn auch nur in einem schma­len Zeit­fens­ter: Vor­läu­fer spä­te­rer roter Blutkörperchen, die den Mar­ker CD71 auf der Ober­flä­che tra­gen, hem­men durch Enzyme und womög­lich wei­tere lös­li­che Sub­stan­zen die Akti­vi­tät der T-Zellen, B-Zellen, den­dri­ti­schen Zel­len und Makro­pha­gen von Neu­ge­bo­re­nen. Even­tu­ell för­dern sie zudem durch Frei­set­zung von Zyto­ki­nen die Bil­dung von regu­la­to­ri­schen T-Zellen (Tregs) und T-Helferzellen des Typs 2 (Th2).

Sho­krol­lah Elahi ver­mu­tet, dass die mas­si­ven Ent­zün­dun­gen, unter denen viele Früh­ge­bo­rene lei­den, auf einen Man­gel an CD71+-Zellen zurück­zu­füh­ren sind. Diese Schutz­po­li­zis­ten ent­ste­hen näm­lich vor allem in den letz­ten Schwan­ger­schafts­wo­chen vor dem nor­ma­len Geburts­ter­min. Bei einer Früh­ge­burt ist ihre Zahl noch viel zu gering, um das Immun­sys­tem wäh­rend der Erst­be­sied­lung des Darms mit unse­ren Darm­bak­te­rien vom Amok­lauf abzuhalten.

Wie aber wer­den unreife Ery­thro­zy­ten „erwach­sen“? Sie ver­sam­meln sich im roten Kno­chen­mark um Makro­pha­gen, schei­den ihre Zell­kerne ab und neh­men ihre Arbeit als Sau­er­stoff­trans­por­teure auf. Die Kerne, die dabei nur stö­ren wür­den, wer­den von den Makro­pha­gen vertilgt:

P1260501_Unreife_Erythrozyten_und_Makrophage_650

Wie so oft über­neh­men die Makro­pha­gen also die Müll­ent­sor­gung — beson­ders wich­tig, wenn es um die Besei­ti­gung von Ker­nen geht, da diese jede Menge Nukle­in­säu­ren (DNA) ent­hal­ten, die andern­falls starke Immun­re­ak­tio­nen aus­lö­sen wür­den. Extra­zel­lu­läre Nukle­in­säu­ren deu­ten näm­lich nor­ma­ler­weise auf Infek­tio­nen oder ein mas­si­ves Zells­ter­ben hin.

Lit.: S. Elahi (2014): New insight into an old con­cept: role of imma­ture ery­th­roid cells in immune patho­ge­ne­sis of neo­na­tal infection

 

Das Immunsystem in der Embryonalentwicklung: zwei Überraschungen

Nach lan­ger Pause zwei schnör­kel– und skiz­zen­lose Anmer­kun­gen zur Ent­wick­lung des Immun­sys­tems wäh­rend der Embryo­ge­nese, die ich in Teil 4 des Buches behandle:

1. Ali­ens aus dem Dottersack

Bis vor weni­gen Jah­ren dachte man, all unsere Immun­zel­len seien Nach­fah­ren der Stamm­zel­len im Kno­chen­mark — und somit „Blät­ter“ am häma­to­poe­ti­schen Stamm­baum, den ich hier vor einer Weile in zwei Arti­keln vor­ge­stellt habe. Dann ent­deckte man, dass das auf die Mikroglia­zel­len (makro­pha­ge­n­ähn­li­che Zel­len in unse­rem Gehirn) nicht zutrifft: Diese gehen viel­mehr auf Vor­läu­fer­zel­len zurück, die wäh­rend der frü­hen Embryo­nal­ent­wick­lung noch vor der Schlie­ßung der Blut-Hirn-Schranke aus dem Dot­ter­sack (!) ins spä­tere Gehirn ein­wan­dern. Diese Ur-Mikrogliazellen sind also extra­em­bryo­nale Ali­ens; sie gehö­ren zu kei­nem der drei Keim­blät­ter, aus denen ansons­ten all unsere Gewebe und Organe ent­ste­hen: Endo­derm, Meso­derm und Exo­derm. Dass wir bis an unser Lebens­ende auf Zel­len ange­wie­sen sind, die nicht aus einem Keim­blatt her­vor­ge­gan­gen sind, hätte man vor weni­gen Jah­ren noch für völ­lig unmög­lich erklärt.

Inzwi­schen hat sich her­aus­ge­stellt, dass das auch auf viele andere Gewebs­ma­kro­pha­gen zutrifft — zum Bei­spiel die Makro­pha­gen, die im Herz­mus­kel­ge­webe Patrouille lau­fen und die Homöostase auf­recht erhal­ten. Diese Zel­len, die teils direkt auf Vor­läu­fer im Dot­ter­sack, teils auf Dottersackzellen-Nachfahren aus der feta­len Leber zurück­ge­hen, sind offen­bar eben­falls imstande, sich ein Leben lang durch Tei­lung selbst zu erhal­ten. Erst bei einer Ent­zün­dung wan­dern zusätz­lich aus Knochenmark-Stammzellen ent­stan­dene Mono­zy­ten in das Gewebe ein, die dort zu Makro­pha­gen heranreifen.

Diese „Notfall-Makrophagen“ sie­deln sich aber in vie­len Gewe­ben nicht dau­er­haft an, son­dern wer­den nach erfolg­rei­cher Bekämp­fung der Ent­zün­dung von den örtli­chen Gewebs­ma­kro­pha­gen abge­tö­tet und besei­tigt. In ein­jäh­ri­gen Mäu­sen etwa stam­men die meis­ten Makro­pha­gen in der Leber, im Gehirn und in der Haut (also Kupffer-, Mikroglia– und Langerhans-Zellen) größ­ten­teils noch von den Dot­ter­sack– und Leber-Vorfahren ab, wäh­rend sich das Ver­hält­nis in den Lun­gen mit zuneh­men­dem Alter zuguns­ten der Monozyten-Makrophagen verschiebt.

Lit.: A. Dey, J. Allen, P. A. Hankey-Giblin (2015): Onto­geny and pola­riza­tion of macro­pha­ges in inflam­ma­tion: blood mono­cy­tes ver­sus tis­sue macro­pha­gesE. Gomez Per­di­guero et al. (2015): Tissue-resident macro­pha­ges ori­gi­nate from yolk-sac-derived erythro-myeloid progenitors

2. Neo­na­ta­les Immun­sys­tem voll ent­wi­ckelt und aktiv unterdrückt

Lange glaubte man, Neu­ge­bo­rene seien so anfäl­lig für Infek­tio­nen, weil ihr Immun­sys­tem noch sehr unreif sei. Wie sich Ende 2013 her­aus­stellte, ist es tat­säch­lich bereits voll ent­wi­ckelt: Das Kno­chen­mark, aus dem die Zel­len der ange­bo­re­nen Abwehr und die B-Zellen her­vor­ge­hen, ist schon lange vor der Geburt aktiv, und auch der Thy­mus, in dem die posi­tive und nega­tive Selek­tion der T-Zellen statt­fin­det, hat seine Arbeit schon aufgenommen.

Das Immun­sys­tem wird aber in den ers­ten Lebens­wo­chen aktiv unter­drückt, um eine Besied­lung des Darms mit lebens­not­wen­di­gen Bak­te­rien und ande­ren Mikro­or­ga­nis­men zu ermög­li­chen. Dafür sind spe­zi­elle rote Blut­kör­per­chen oder Ery­thro­zy­ten zustän­dig, die den Ober­flä­chen­mar­ker CD71 tra­gen und vor allem in weni­gen Wochen vor und nach der Geburt her­ge­stellt wer­den. Sie pro­du­zie­ren das Enzym Arginase-2, das zu einem Man­gel an der Ami­no­säure Argi­nin führt. Die­ser Man­gel wie­derum hemmt die Her­stel­lung von Zyto­ki­nen in den Zel­len der ange­bo­re­nen Abwehr.

Zwar kön­nen sich Neu­ge­bo­rene wegen die­ses Man­gels an Abwehr­stof­fen leicht mit Erre­gern wie Esche­ri­chia coli oder Lis­te­ria mono­cy­to­ge­nes anste­cken. Aber dafür rea­gie­ren sie auf die Besied­lung mit unse­rem Mikrobiom-Starterkit nicht mit einer hef­ti­gen Immun­re­ak­tion, die noch weit­aus gefähr­li­cher wäre.

Lit.: S. Elahi et al. (2013): Immu­no­sup­p­res­sive CD71+ ery­th­roid cells com­pro­mise neo­na­tal host defence against infection

Aber das ist alles egal!“

Wie­der ein­mal ein Bei­trag, der mit dem Haupt­thema die­ses Blogs nichts zu tun hat — abge­se­hen davon, dass die Beschäf­ti­gung mit die­sem Kapi­tel mei­ner Fami­li­en­ge­schichte mich in den letz­ten Wochen Kraft gekos­tet hat, die nicht ins Blog oder ins Buch flie­ßen konnte. Die fol­gen­den Doku­mente und Tran­skripte habe ich in den letz­ten Tagen — jeweils exakt 70 Jahre nach dem ange­ge­be­nen Datum — bereits bei Face­book veröffentlicht.

1945-01-23_Brief_Bruno_zu_Trudels_Geburtstag

23.1.45
Mein lie­bes Frauchen!

In Eile packe ich einige Sachen zusammen.

Zu Dei­nem Geburts­tag liegt auch etwas dabei, falls ich nicht mehr Gele­gen­heit haben sollte, Dir zu gra­tu­lie­ren, wün­sche ich Dir jetzt schon alles Gute. Grüsse mir die Kin­der schön. Hof­fent­lich sehe ich Euch noch mal wieder.

Sei innig gegrüßt
von Dei­nem Bruno.

1945-01-30_Vorletzter_Brief_1000

Posen, den 30.1.45

Ihr Lie­ben.

Auch heute bin ich heil und gesund. Unsere Lage ist nicht gerade rosig, aber wol­len wir hof­fen, daß doch noch das Wun­der geschieht und wir aus die­sem Schla­mas­sel herauskommen.

Wo mögen wohl die Brie­se­ner Eltern mit Gre­tel und den Kin­dern sein. Hof­fent­lich sind alle recht­zei­tig in Sicher­heit gekom­men. Meine Gedan­ken sind sehr oft bei Euch, nur weiß ich nicht, wen sie bei Euch antref­fen. Unser Posen wird wohl bin­nen kur­zer Zeit nur noch Schutt und Asche sein, der grösste Teil ist es schon. Aber das ist alles egal!

Wenn ich doch nur wüsste, wie es Euch allen geht.
Seid recht innig gegrüsst
von Eurem
Bruno.

1945-01-31_Letzter_Brief_1000

Posen, den 31.1.45

Meine Lie­ben!

Unsere Lage ist nach wie vor die­selbe geblie­ben, jeden­falls ist sie nicht benei­dens­wert. Man muß schon „ein biss­chen“ die Zähne zusam­men­beis­sen. Heute früh war es mir bei­nah schlecht gegan­gen, aber im rich­ti­gen Moment kal­tes Blut und eine ordent­li­che Por­tion Glück hilft über die unmög­lichs­ten Situa­tio­nen hinweg.

Soll­ten wir wirk­lich noch mal aus die­sem Hexen­kes­sel lebend her­aus­kom­men, so hatte man mehr als ein­fa­ches Glück. Aber wol­len wir auf die­ses hof­fen und unser Mög­lichs­tes dazu tun.

Herz­li­che Grüße allen allen, ganz beson­ders aber mei­nem Frau­chen und mei­nen drei Pur­zen
von Eurem
Bruno u. Papi

194#_Bruno_Tiedtke

In Erin­ne­rung an mei­nen Groß­va­ter Bruno Tiedtke, der als Ange­hö­ri­ger der Dol­met­scher­kom­pa­nie 21 ver­mut­lich zwi­schen dem 18. und dem 23. Februar 1945 in Posen starb.