Im Anschluss an die Podiumsdiskussion zum Crowdfunding für freie Journalisten, die der Deutsche Fachjournalisten-Verband e. V. vergangene Woche in Berlin abgehalten hat, hat mich Joachim Fulda für den Fachjournalist-Podcast interviewt. Hier geht es zu dem knapp 9-minütigen Gespräch.
Wissenschaftsmeldungen zum Thema Darmflora und Immunsystem
Multiple Sklerose: Autoimmunattacken nur mit gesunder Darmflora sowie Multiple Sklerose: Natürliche Darmflora als Auslöser? Nützliche Bakterien können bei erblich Vorbelasteten die Autoimmunkrankheit verursachen
Spektrumdirekt und scinexx berichten über eine Nature-Veröffentlichung (Abstract hier) von Kerstin Berer et al.: In Tiermodellen bleibt eine MS aus, wenn die Versuchstiere in keimfreier Atmosphäre gehalten werden und somit keine normale Darmflora haben. Nur wenn die Darmschleimhaut mit Bakterien in Kontakt steht, werden dort jene T-Zellen gebildet, die im Nervensystem Schaden anrichten, indem sie die Myelinschichten der Neuronen angreifen. Damit ist geklärt, dass die Entgleisung des Immunsystems bei MS keine Folge, sondern Ursache der neuronalen Schäden ist. Für die Zunahme der MS beispielsweise in Asien könnten also veränderte Essgewohnheiten verantwortlich sein. Welche Darmbakterien bei genetisch entsprechend veranlagten Menschen MS auslösen können, ist noch nicht klar, aber das Team hat Clostridien in Verdacht.
Probiotischer Joghurt wirkt anders als gedacht: Eingenommene Bakterien können sich im Darm nicht halten
Scinexx berichtet, dass Probiotika wie bestimmte Joghurts weder die Ansiedelung gesunder Bakterien im Darm fördern noch die Zusammensetzung der Darmflora langfristig beeinflussen. Vielmehr kurbeln sie die Produktion einiger für uns nützlicher Stoffwechselenzyme in den vorhandenen Bakterien an und dämpfen die Produktion anderer Enzyme – aber nur so lange, wie die Probiotika regelmäßig eingenommen werden. Das geht aus einer Publikation von Nathan P. McNulty et al. in Science Translational Medicine hervor.
Immunabwehr: Bakterielle Abstandshalter
(nur für Abonnenten zugänglich)
Laut Spektrumdirekt hat ein Forscherteam um Shipra Vaishnava herausgefunden, warum die Abermillionen von Bakterien in unserem Darm im Allgemeinen keine Abwehrreaktionen des Immunsystems auslösen: Die Darmepithelzellen schütten das Peptid RegIIIy aus, sobald ihre Toll-ähnlichen Rezeptoren (TLR) Kontakt zu grampositiven Bakterien vermelden. RegIIIy tötet diese allzu aufdringlichen Darmbewohner ab und bildet so eine etwa 50 Mikrometer dicke Schutzschicht zwischen Darminhalt und Epithel.
Immunologische Meldungen des VBIO, Juli/August 2011
Auch aus den älteren VBIO-News will ich noch ein paar Meldungen zusammenfassen und verlinken:
Zentraler Schalter für das Immunsystem
Ein Team um Joachim Schultze, Direktor Genomforschung und Immunregulation am Institut Life and Medical Sciences (LIMES) der Universität Bonn, hat herausgefunden, dass das Protein SATB1 ein zentraler Schalter des Immunsystems ist. In den T-Zellen, die im Zuge einer Immunantwort Krankheitserreger bekämpfen sollen, wird es hochgefahren; in den regulatorischen T-Zellen (Tregs), die ein Überschießen der Abwehr (und damit z. B. Autoimmunerkrankungen) verhindern sollen, ist SATB1 hingegen abgeschaltet.
Immunsystem entscheidend für Multiple Sklerose verantwortlich
Stefan Schreiber, Direktor der Klinik für Allgemeine Innere Medizin am Universitätsklinikums Schleswig-Holstein und Sprecher des Exzellenzclusters Entzündungsforschung, konnte einen Durchbruch in der Erforschung der MS vermelden. In Nature wurde die bislang größte MS-Genomstudie der Welt veröffentlicht, bei der 23 bekannte Risikogenvarianten bestätigt und 29 neue genetische Varianten entschlüsselt wurden, die zur Auslösung der MS beitragen. Ein Drittel der identifizierten Gene steht auch mit der Entstehung anderer Autoimmunkrankheiten wie Morbus Crohn oder Diabetes Typ 1 in Verbindung. Auch der bereits bekannte Zusammenhang von MS und Vitamin-D-Mangel wurde weiter aufgeklärt: Zwei der gefundenen Gene sind am Vitamin-D-Stoffwechsel beteiligt. Weiterlesen
Immunologische und virologische Meldungen des VBIO, Sept./Okt. 2011
Statt selbst viel zu schreiben, verweise und verlinke ich einfach auf einige Meldungen, die mir in letzter Zeit in den Newslettern des Biologenverbandes aufgefallen sind:
Erster Nachweis für Viren in der Erdgeschichte: Paget-Krankheit bei Dinosaurier entdeckt
Die Frage, wie alt Viren sind, wird im Autoimmunbuch angeschnitten werden: Eine lange Koevolution zwischen Viren und unseren Vorfahren, bei der endogenisierte Viren Funktionen im Immunsystem übernommen haben, setzt ja voraus, dass es Viren schon sehr lange gibt.
Programmierter Zelltod bei Morbus Crohn
Ein Forschungsteam um Claudia Günther und Christoph Becker (Uniklinik Erlangen) veröffentlichte am 15. September 2011 in Nature einen Artikel, dem zufolge das Fehlen des Enzyms Caspase-8 bei Patienten mit CED zu einem übermäßigen „Selbstmord“ (Apoptose) von Panethzellen im Darm und damit zu einer größeren Durchlässigkeit des Darmepithels für Bakterien führt. Weiterlesen
Crowds: keine anonymen Massen, sondern dynamisch strukturierte Netzwerke
Am Dienstag war ich in Berlin beim Deutschen Fachjournalisten-Verband zu Gast, der eine Diskussion zum Thema „Crowdfunding – Finanzierungsmodell für freie Journalisten und Fotografen(-netzwerke)?“ organisiert hatte. Die gelungene Veranstaltung wurde live gestreamt; inzwischen steht auch ein Videomitschnitt zur Verfügung.
Der Moderator Dr. Leonard Novy hat seine Sache m. E. sehr gut gemacht – dennoch bleibt bei mir, wie nach allen Podiumsdiskussionen, das Gefühl zurück, dass wesentliche Aspekte nur kurz gestreift wurden oder gänzlich unter den Tisch gefallen sind. Einer dieser Aspekte ist mir so wichtig, dass ich ihn hier nachtrage. Weiterlesen
Crowdfunding: ein neuer Finanzierungsweg – auch im sozialen Bereich?
(Zweitveröffentlichung meines Crowdfunding-Kapitels im Arbeitshandbuch Finanzen im sozialen Bereich, das 2011 im Verlag Dashöfer erschienen ist. Stand: Juni 2011)
Ende 2010 erklärte die Nachrichtenagentur Reuters Crowdfunding – bis dahin fast nur in der Kulturszene bekannt – zu einem der fünf großen Finanztrends des Jahres 2011, die insbesondere Startups und jungen, wachsenden Unternehmen aller Art aus der Kreditklemme helfen könnten. Tatsächlich hat diese Finanzierungsmethode 2010 nicht nur quantitativ an Bedeutung gewonnen, sondern neben der Musik-, Film- und Modebranche auch neue Märkte erfasst, nicht zuletzt Unternehmen, Institutionen und Projekte aus dem Bereich der Sozialwirtschaft.
Was genau hat man sich unter Crowdfunding vorzustellen? Bei einem so jungen Trend, der zudem vielfältigen branchen- und landesspezifischen Rahmenbedingungen gerecht werden muss, darf es nicht wundern, dass sich noch keine allgemein anerkannte Definition durchgesetzt hat. Weiterlesen
Literaturliste zur Alte-Freunde-Hypothese, Teil 2
(Teil 1 und Erläuterung des Zwecks hier; die Listen sind alphabetisch sortiert, die Zuordnung der Artikel zu Teil 1 oder 2 ist zufällig)
Bager, Peter, et al.: Symptoms after Ingestion of Pig Whipworm Trichuris suis Eggs in a Randomized Placebo-Controlled Double-Blind Clinical Trial. PLoS ONE 6(8): e22346, 2011. doi: 10.1371/journal.pone.0022346
Trichuris suis, TSO, CED, Tregs, Zytokine, Heuschnupfen, allergische Rhinitis, Asthma, Hakenwürmer, klinische Studie, Magen-Darm-Trakt, Gastrointestinaktrakt, Magen-Darm-Beschwerden, Eosinophilie, IgE, IgG, IgA, Bauchschmerzen, Flatulenz, Diarrhoe, Fragebogen
Bilbo, Stacy D., et al.: Reconstitution of the human biome as the most reasonable solution for epidemics of allergic and autoimmune diseases. Medical Hypotheses, Volume 77, Issue 4, October 2011, Pages 494-504. doi: 10.1016/j.mehy.2011.06.019
Würmer, Humanbiom, Immunsuppression,Entzündungen, Selbst, Nicht-Selbst, Multiple Sklerose, MS, Typ-1-Diabetes, Allergien, Immunsystem als Schnittstelle zur Umwelt, Bakterienflora, Pathogene, Mutualismus, Parasitismus, Kiefermäuler, Evolution, Wirbeltiere, Koevolution, Klima, sozioökonomischer Status, >340 Würmerarten befallen Menschen, präindustrielle Kulturen, Primaten, Depleted Biome Theory, Heuschnupfen, Hygiene-Hypothese, sanitäre Anlagen, Toiletten, Epigenetik, Trichuris suis, Colitis, Zytokine, CED, Stress, Autismus, Schizophrenie, Epidemiologie, MHC II, Altern, Neuronen, Tiermodelle, postindustrielle Gesellschaft, Fetus, Muttermilch, Laborratten, wilde Ratten, Biomrekonstitution, transgene Würmer, Therapie, Domestikation von Würmern Weiterlesen
Literaturliste zur Alte-Freunde-Hypothese, Teil 1
Für meinen Spektrumdirekt-Artikel über die Selbstinfektion mit Darmparasiten (jetzt auch hier nachzulesen) und für das entsprechende Kapitel im Autoimmunbuch habe ich in den letzten Monaten etliche Fachartikel über die sog. Old-friends-Hypothese gelesen, der zufolge Würmer und andere Parasiten im Laufe ihrer Koevolution mit uns wichtige Funktionen in der Immunabwehr übernommen haben und dem Immunsystem jetzt fehlen. (Diese Hypothese ist die Nachfolgerin der Hygiene-Hypothese, der zufolge die Zunahme der Autoimmunerkrankungen und vor allem Allergien in den letzten Jahrzehnten auf die fehlende Konfrontation mit Krankheitserregern im Kindesalter zurückzuführen sei.)
Mir fehlt die Zeit, all diese Artikel hier ausführlich vorzustellen; andererseits muss ich mir das Material so erschließen, dass ich beim Schreiben des Kapitels schnell die richtigen Zitate und Informationen finde. Daher liste ich die Arbeiten einfach alphabetisch auf und versehe sie mit Schlagwörtern: nicht schön, aber hoffentlich praktisch. Wenn der entsprechende Artikel frei zugänglich ist, hinterlege ich den Titel mit einem Link. (Teil 2: hier) Weiterlesen
Da ist der Wurm drin: Können Darmparasiten Autoimmunerkrankungen eindämmen?
A. ist 14 Monate alt, als bei ihr eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung (CED) diagnostiziert wird. Das Kind kränkelt ständig, die Medikamente haben starke Nebenwirkungen. Nach eingehenden Recherchen entschließen sich die Eltern zu einer umstrittenen, in ihrem Land nicht zugelassenen Therapie: Im Ausland lassen sie ihrer Tochter eine Dosis Peitschenwurm-Eier verabreichen, die aus dem Stuhl eines Spenders gewonnen wurden. Diese Darmparasiten entwickeln sich im Verdauungstrakt und lösen eine Abwehrreaktion aus, die die Würmer nicht abtötet, aber das Immunsystem des Kindes so umstimmt, dass die Läsionen im Darm abheilen und die Blutwerte sich normalisieren.
Eine Wundergeschichte, wie sie zu Tausenden im Internet kursieren – von Anbietern unorthodoxer Therapien und missionarisch beseelten Betroffenen lanciert? Überprüfen lassen sich die Anekdoten kaum. Aber die Fachliteratur zeigt, dass solche Verzweiflungstaten ein solideres evolutionsbiologisches Fundament haben als viele etablierte Therapien. Weiterlesen
„Balzgesang“ von Taufliegenmännchen beeinflusst Immunsystem der Weibchen
Diese Studie liefert ein Beispiel für die enge Verzahnung von Sinnes- bzw. Nerven- und Immunsystem, die auch bei der Untersuchung psychischer Störungen immer stärker in den Fokus rückt. (Bei vielen dieser Störungen hat man mittlerweile Autoimmunreaktionen nachgewiesen.)
Die Autoren haben „Balzgesänge“ von Männchen zweier Drosophila-Arten (D. melanogaster und D. simulans) aufgenommen und untersucht, wie diese Aufnahmen die Genexpression in Weibchen der Art D. melanogaster beeinflussen. Die „Balzgesänge“ — rhythmische Tonfolgen, die die Männchen mit ihren Flügeln erzeugen— sind neben olfaktorischen, haptischen und optischen Reizen ein wesentliches Element der Paarungsanbahnung bei Taufliegen. Weiterlesen

