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Die Rolle von HLA-G bei Autoimmunerkrankungen

Am Ende des letz­ten Bei­trags habe ich das Pro­tein HLA-G erwähnt, mit dem der Tro­phob­last — die Kon­takt­flä­che des Embryos zum müt­ter­li­chen Gewebe — die Immun­zel­len in der Gebär­mut­ter fried­lich stimmt und für die nöti­gen Umbau­maß­nah­men im Ader­netz rekrutiert.

Die klas­si­schen HLA-Moleküle wie HLA-A sind extrem poly­morph, d. h. es gibt zahl­rei­che leicht unter­schied­li­che Vari­an­ten, da diese Mole­küle die Auf­gabe haben, Aber­mil­lio­nen unter­schied­li­cher Antigen-Bruchstücke zu bin­den und den Immun­zel­len zu prä­sen­tie­ren. HLA-G weist einen viel gerin­ge­ren Poly­mor­phis­mus auf und hat ent­spre­chend andere Funk­tio­nen. Sein Gen liegt — wie das von HLA-A — im Haupt­his­to­kom­pa­ti­bi­li­täts­kom­plex (MHC) auf Chro­mo­som 6. Man kennt vier mem­bran­ge­bun­dene For­men (G1 bis G4) und drei lös­li­che (G5 bis G7).

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Die 7 Iso­for­men von HLA-G und ein HLA-G5-Dimer

 

Die mem­bran­ge­bun­de­nen For­men kön­nen aber durch Enzyme von der Zell­ober­flä­che abge­schnit­ten wer­den und den Zel­len dann eben­falls als lös­li­che Signal­stoffe die­nen. Einige der For­men kön­nen sich zu Dime­ren zusam­men­la­gern (s. Abb.: unten ein Dimer aus zwei HLA-G5-Molekülen).

Wei­ter­le­sen

Epstein-Barr-Viren kapern und überdauern in B-Zellen

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Etli­che Bak­te­rien und Viren ent­zie­hen sich der Abwehr, indem sie sich aus­ge­rech­net im Inne­ren von Immun­zel­len ein­nis­ten. Eines der bekann­tes­ten Bei­spiele ist das Humane Immundefizienz-Virus (HIV), das in T-Zellen über­dau­ert. Viel häu­fi­ger und zum Glück weni­ger gefähr­lich ist das Epstein-Barr-Virus (EBV), das zu den Herpes-Viren gehört und sich in unse­ren B-Zellen ver­steckt. Ein­mal infi­ziert, trägt man es so ein Leben lang mit sich herum, und meis­tens bemerkt man davon nichts.

Bis zum 35. Lebens­jahr haben sich über 95 Pro­zent aller Men­schen das Virus zuge­zo­gen. Wäh­rend sich in den Ent­wick­lungs­län­dern — wie frü­her auch bei uns — die meis­ten bereits als Klein­kin­der sym­ptom­frei anste­cken, infi­zie­ren sich etli­che Men­schen in hoch ent­wi­ckel­ten Län­dern mit guter Hygiene erst als Jugend­li­che oder junge Erwach­sene und ent­wi­ckeln dann das Pfeiffer-Drüsenfieber. Nach einer aku­ten Infek­ti­ons­phase in den Man­deln star­tet das Virus ein Latenz­pro­gramm: Es nis­tet sich in lang­le­bi­gen B-Gedächtniszellen ein, in denen es nicht wei­ter stört, aber die Funk­tion der B-Zellen sub­til beein­flus­sen kann. Die B-Gedächtniszellen wan­dern über die Blut­bahn in andere Organe.

Schon lange steht das Virus im Ver­dacht, bei Men­schen mit ent­spre­chen­der gene­ti­scher Ver­an­la­gung den Aus­bruch von Auto­im­mun­er­kran­kun­gen zu för­dern, etwa Lupus, Mul­ti­ple Skle­rose, rheu­ma­to­ide Arthri­tis, Hashimoto-Thyreoiditis, Sjögren-Syndrom, Typ-1-Diabetes, sys­te­mi­sche Skle­rose oder chronisch-entzündliche Darm­er­kran­kun­gen. Gegen wel­ches Organ oder Gewebe sich die Auto­im­mun­re­ak­tio­nen rich­ten, scheint von ererb­ten Risi­ko­al­le­len abzu­hän­gen, ins­be­son­dere von bestimm­ten MHC-Klasse-II-Genvarianten und einer Ver­an­la­gung zu einem Man­gel an regu­la­to­ri­schen T-Zellen (Tregs). Aber wie tra­gen die Viren zum Aus­bruch der Auto­im­mun­er­kran­kung bei? Alle mög­li­chen Mecha­nis­men wer­den in der Lite­ra­tur dis­ku­tiert: mole­ku­lare Mimi­kry zwi­schen EBV-Proteinen wie EBNA-1 und mensch­li­chen Pro­te­inen wie dem Lupus-Autoantigen Ro, Bystan­der Activa­tion auto­reak­ti­ver T-Zellen durch Ent­zün­dungs­si­gnale aus den infi­zier­ten B-Zellen, Epi­tope Sprea­ding über das anfangs domi­nante EBV-Antigen hin­aus oder poly­klo­nale Anti­kör­per­bil­dung im Zuge der Ver­meh­rung und Akti­vie­rung der befal­le­nen B-Zellen.

Außer­dem wurde spe­ku­liert, die Viren könn­ten naive auto­reak­tive B-Zellen so umpro­gram­mie­ren, dass sie sich auch ohne Akti­vie­rung durch Autoantigen-Kontakt in sehr lang­le­bige Gedächtnis-B-Zellen umwan­deln, die dann spä­ter Auto­im­mun­re­ak­tio­nen aus­lö­sen. Die Viren könn­ten auch endo­gene Retro­vi­ren wie HERV-K18 oder HERV-W akti­vie­ren, die nor­ma­ler­weise untä­tig in unse­rem Genom schlum­mern, nach ihrer Erwe­ckung durch EBV aber Superan­ti­gene her­stel­len, die zahl­rei­che T-Zellen poly­klo­nal akti­vie­ren könn­ten. Bewie­sen ist aber nichts.

Dass im Blut von Pati­en­ten mit Auto­im­mun­er­kran­kun­gen manch­mal deut­lich mehr Anti-EBV-Antikörper oder EBV-DNA-Moleküle nach­zu­wei­sen sind als bei Gesun­den, belegt noch keine Ver­ur­sa­chung der Erkran­kung durch EBV: Viel­leicht stört umge­kehrt die Auto­im­mun­er­kran­kung das Gleich­ge­wicht in den infi­zier­ten B-Zellen, sodass die Viren aus ihrem Latenz­zu­stand erwa­chen und sich ver­meh­ren. Da die übli­chen Tier­mo­delle für Auto­im­mun­er­kran­kun­gen, ins­be­son­dere Mäuse– und Rat­ten­stämme, sich nicht mit EBV infi­zie­ren las­sen, kön­nen auch Tier­ver­su­che keine rasche Klä­rung bringen.

Selektionsdruck durch Seuchen

Pestarzt_650_gespiegeltFür die meis­ten Betrof­fe­nen nur ein schwa­cher Trost, aber evo­lu­ti­ons­bio­lo­gisch fas­zi­nie­rend: Dass Risi­ko­gen­va­ri­an­ten für Auto­im­mun­er­kran­kun­gen nicht längst „weg­ge­men­delt“ wur­den, liegt wohl daran, dass sie mit höhe­ren Über­le­bens­chan­cen bei Infek­ti­ons­er­kran­kun­gen einhergehen.

So deu­tet eini­ges dar­auf hin, dass man­che afri­ka­ni­sche und asia­ti­sche Eth­nien eine stär­kere gene­ti­sche Nei­gung zu Lupus (SLE) haben als bei­spiels­weise Euro­päer, weil eine Vari­ante in einem Gen für einen Rezep­tor für das kon­stante Ende von Anti­kör­pern das Risiko ver­rin­gert, an Mala­ria zu ster­ben — um den Preis eines höhe­ren Lupus-Risikos (Clat­wor­thy et al. 2007).

Eine ähnli­che posi­tive Selek­tion hat wohl der Cholera-Erreger Vibrio cho­le­rae im ben­ga­li­schen Gan­ges­delta aus­ge­übt: Viele Ben­ga­len tra­gen gene­ti­sche Vari­an­ten in sich, die einer­seits die Schlag­kraft des ange­bo­re­nen Arms ihres Immun­sys­tems gegen Cho­lera, ande­rer­seits aber auch die Nei­gung zu Coli­tis ulce­rosa erhö­hen (Karls­son et al. 2013).

Selektionsdruck_Malaria_Pest_Cholera_Roma_650

In Europa schließ­lich dürf­ten die Pest­epi­de­mien des Mit­tel­al­ters und der frü­hen Neu­zeit einen star­ken Selek­ti­ons­druck auf unser Immun­sys­tem aus­ge­übt haben. Das wird beim Ver­gleich der Immunsystem-Gene von „alt­ein­ge­ses­se­nen“ Rumä­nen, rumä­ni­schen Roma und Nord­west­in­dern deutlich.

Die Vor­fah­ren der Roma sind zwi­schen 900 und 1100 n. Chr. aus dem Nord­wes­ten Indi­ens nach Europa ein­ge­wan­dert (weiße Punkte und Pfeil in der Karte). Seit­her sind sie in Rumä­nien im Gro­ßen und Gan­zen ähnli­chen Umwelt­be­din­gun­gen und damit auch einem ähnli­chen Selek­ti­ons­druck durch Infek­tio­nen aus­ge­setzt wie die übrige Bevöl­ke­rung Rumä­ni­ens (schwar­zer Punkt in der Karte). Sie haben sich aber gene­tisch kaum vermischt.

Laay­ouni et al. (2014) haben meh­rere Gene für soge­nannte toll-like recep­tors auf­ge­spürt, die in die­sen bei­den euro­päi­schen Popu­la­tio­nen in den letz­ten Jahr­hun­der­ten eine kon­ver­gente Ent­wick­lung durch­lau­fen haben: TLR1, TLR6 und TLR10. Kleine Vari­an­ten in die­sen Genen ver­än­dern die Zytokin-Ausschüttung, die durch das Bak­te­rium Yer­si­nia pes­tis aus­ge­löst wird. Bei den Nord­west­in­dern, die den Roma gene­tisch ansons­ten noch recht nahe ste­hen, fin­den sich diese Vari­an­ten nicht — ebenso wenig wie bei den Yoruba in Afrika oder bei den Han-Chinesen.

Unter einem posi­ti­ven Selek­ti­ons­druck stand bei den Rumä­nen und den Roma offen­bar auch eine Vari­ante des Gens ADAMTS12, die das Risiko erhöht, an rheu­ma­to­ider Arthri­tis zu erkran­ken. Etli­che TLR–Vari­an­ten erhö­hen eben­falls die Nei­gung zu Auto­im­mun­stö­run­gen oder chro­ni­schen Entzündungen.

Bildergalerie

Da ich im Moment nicht zum aus­führ­li­chen Blog­gen komme, stelle ich hier ein­fach die neu­es­ten Abbil­dun­gen fürs Buch vor: unkom­men­tiert — und damit wohl auch unver­ständ­lich. Aber das eine oder andere Ele­ment spricht viel­leicht doch für sich selbst:

P1200120_IFN_und_AIE_1000

P1200095_U-Form_1_Grundtonus_nach_Casadevall_650

P1200100_U-From_2_entzündungshemmend_nach_Casadevall_650

P1200105_U-Form_3_entzündungsfördernd_nach_Casadevall_650

P1190917_Wahren-Herlenius_Autoimmunität_Risiken_650

Wahren-Herlenius_Rückkopplung_angeb_erw_Abwehr_AIE_650

  Primär_Sekundärantwort_IgM_IgG_650

Zeitverlauf_klonale_Expansion_Kontraktion_CD4_CD8_650n

Und jetzt wei­ter im Text — oder viel­mehr im Bild: Die nächste Zeich­nung dreht sich um die cir­ca­diane Rhyth­mik des Immun­sys­tems, also die Schwan­kun­gen von Zell– und Stoff­kon­zen­tra­tio­nen sowie –funk­tio­nen im Tagesverlauf.

Neandertaler-Erbe in unserem Immunsystem

Sapiens-Neandertaler-Paar_650Schnelle Noti­zen zu 14 kürz­lich gele­se­nen Arti­keln — nicht all­ge­mein ver­ständ­lich auf­be­rei­tet, nicht kor­rek­tur­ge­le­sen und in die­ser Form wahr­schein­lich nur für mich selbst nütz­lich. :-) Das Ganze wird im letz­ten Teil des Buches ver­wurs­tet, in dem ich die Evo­lu­tion unse­res Immun­sy­tems chro­no­lo­gisch abhandle.

Gib­bons A. (2014): Nean­der­tals and moderns made imper­fect mates. Sci­ence 343, 31.01.2014 (News zu den Arbei­ten von San­kara­ra­man et al. 2014, s. u., sowie Ver­not & Akey 2014)

Ver­not & Akey haben nur moderne Human­ge­nome aus dem 1000 Geno­mes Pro­ject ver­gli­chen und dar­aus Rück­schlüsse auf Neandertaler-Einkreuzungen gezo­gen; San­kara­ra­man et al. haben auch Neandertaler-Genomsequenz ein­be­zo­gen. Nean­der­ta­ler haben Spu­ren in Haut, Nägeln und Haa­ren (Kera­tin) hin­ter­las­sen; Nach­fah­ren der Hybri­den waren weni­ger frucht­bar als „reine“ moderne Menschen.

In über 60% von 1004 ost­asia­ti­schen und euro­päi­schen Geno­men Neandertaler-Version des Keratinfunktion-Gens. Kera­tin macht Haut was­ser­dicht, blo­ckiert Patho­gene, macht Haut wärme– und käl­te­emp­find­lich -> Anpas­sung an käl­tere Habitate?

Neandertaler-Allele, die Risiko für Krank­hei­ten wie Lupus, Mor­bus Crohn usw. erhö­hen, haben Nean­der­ta­lern ver­mut­lich nicht gescha­det, pass­ten aber schlecht zum neuen Kon­text im moder­nen Menschen.

Wei­tere Neandertaler-Allele -> Hautfarbe.

In allen unter­such­ten moder­nen Human­ge­no­men zusam­men 20 bzw. 30% des Neandertaler-Genoms wie­der­ge­fun­den; in einem Indi­vi­duum stam­men 1–3% des Genoms vom Nean­der­ta­ler. Ein­kreu­zung vor etwa 60.000 Jahren.

Etwa 20 Regio­nen des Human­ge­noms ent­hal­ten keine Neandertaler-DNA -> nega­tive Selek­tion wegen Fort­pflan­zungs­nach­tei­len der Hybri­den. Frauen blei­ben wegen dop­pel­tem X-Chromosom eher frucht­bar -> Jetzt wird unter­sucht, ob wir mehr DNA von weib­li­chen als von männ­li­chen Nean­der­ta­lern über­nom­men haben. (Gemeint ist wahr­schein­lich das Geschlecht der gemisch­ten Kin­der, nicht des rei­nen Neandertaler-Elternteils — da macht es kei­nen Unter­schied, solange männ­li­che Hybri­den mit Neandertaler-X und moder­nem Y ebenso (un)fruchtbar sind wie männ­li­che Hybri­den mit moder­nem X und Neandertaler-Y.)

San­kara­ra­man S. et al. (2014): The geno­mic land­scape of Nean­der­thal ance­stry in present-day humans. nature, doi:10.1038/nature12961

Ver­gleich zwi­schen Neandertaler-Genomen und 1004 moder­nen Geno­men (dar­un­ter 176 Yoruba, mut­maß­lich Neandertaler-frei) -> Neandertaler-Haplotypen abge­lei­tet. Regio­nen mit vie­len Neandertaler-Allelen ent­hal­ten viele Gene, die Kera­t­in­fil­amente beein­flus­sen -> Haut und Haar -> Anpas­sung moder­ner Men­schen an außera­fri­ka­ni­sche Umwelt erleich­tert? Große Neandertaler-Allel-freie „Wüs­ten“ im Human­ge­nom, z. B. auf X-Chromosom, das viele Gene für männ­li­che Frucht­bar­keit ent­hält; nur teil­weise durch geringe Popu­la­ti­ons­größe kurz nach Ein­kreu­zung zu erklä­ren  -> nega­tive Selek­tion, evlt. weil Neandertaler-Allele im Genom-Kontext des moder­nen Men­schen Frucht­bar­keit minderten.

Haplotyp-Längen -> Kreu­zung vor etwa 2000 Gene­ra­tio­nen, also 37.000−86.000 Jah­ren. Neandertaler-Anteil in indi­vi­du­el­len Geno­men: heute durch­schnitt­lich 1,15% in Europa, 1,38% in Ost­asien; kurz nach Ein­kreu­zung über 3% (abge­lei­tet aus Anteil in „Nicht-Wüsten-Regionen“). Grö­ße­rer Anteil in Ost­asia­ten evtl. wegen über lange Zeit klei­ne­rer Popu­la­tio­nen als in Europa -> nega­tive Selek­tion weni­ger effek­tiv. Mut­maß­li­chem Neandertaler-Anteil an ein­zel­nen Gen­or­ten: bis zu 62% in ost­asia­ti­schen, bis zu 64% in euro­päi­schen Popu­la­tio­nen. In eini­gen die­ser Regio­nen Anzei­chen für posi­tive Selek­tion, an an deren nega­tive Selektion.

Aus Nean­der­ta­lern stam­mende Allele beein­flus­sen Risiko für SLE/Lupus, pri­mär biliäre Zir­rhose (bei­des: Transportin-3), Mor­bus Crohn (Chro­mo­som 10: Zinkfinger-Protein 365, Chro­mo­som 12: Gen unbe­kannt?), IL-18-Level (Regu­la­tor der ange­bo­re­nen und erwor­be­nen Immu­ni­tät) , Typ-2-Diabetes, Rau­chen und Größe des Blin­den Flecks.

Obwohl bei der Ein­kreu­zung nur etwa fünf­mal mehr Zeit seit der Auf­spal­tung zwi­schen Nean­der­ta­lern und Vor­fah­ren der moder­nen Men­schen ver­gan­gen war als heute seit der Auf­spal­tung zwi­schen Euro­pä­ern und West­afri­ka­nern, war die Frucht­bar­keit der Hybri­den wohl wegen Schneeball-Effekten (Dobzhansky-Müller-Inkompatibilitäten) stark reduziert.

Prü­fer K. et al. (2014): The com­plete genome sequence of a Nean­der­thal from the Altai Moun­tains. Nature 505, doi:10.1038/nature12886

Hoch­wer­tige Genom­se­quenz einer Neandertaler-Frau aus der Denisova-Höhle in Altai-Gebirge, Sibi­rien — gewon­nen aus einem Zehen­kno­chen aus einer etwa 50.000 Jahre alten Schicht. In der­sel­ben Höhle, aber in einer etwas jün­ge­ren Schicht wurde auch der Fin­ger­kno­chen gefun­den, aus dem die vor­läu­fige Genom­se­quenz des Denisova-Menschen ermit­telt wurde. Ver­gleich meh­re­rer Neandertaler-Genome (auch aus dem Kau­ka­sus und Kroa­tien, s. Karte Abb. 1), des Denisova-Menschen-Genoms und 25 moder­ner Human­ge­nome -> Modell der Ein­kreu­zungs­er­eig­nisse zwi­schen moder­nem Men­schen, Deni­sova, Nean­der­ta­ler und einem unbe­kann­ten Homi­ni­den (Abb. 8).  Wei­ter­le­sen

Dominante, rezessive, intermediäre und komplexe Vererbung

Die mono­ge­nen Erb­gänge, wie wir sie in der Schule gelernt haben (Men­dels Erb­sen!): Im ers­ten Bild ist „schwarz“ ein rezes­si­ves Merk­mal, das nur in soge­nann­ten homo­zy­go­ten Nach­kom­men zur Aus­prä­gung kommt, die von bei­den Eltern ein ent­spre­chen­des Allele geerbt haben.

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Im zwei­ten Bild ist „schwarz“ ein domi­nan­tes Merk­mal, das auch in hete­ro­zy­go­ten Nach­kom­men zum Aus­druck kommt:

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Im drit­ten Bild tra­gen beide Allele zu einer inter­me­diä­ren Aus­prä­gung bei; Schwarz und Weiß mischen sich zu Grau:

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Nur ganz wenige Auto­im­mun­er­kran­kun­gen sind mono­gen. Meis­tens tra­gen Allele meh­re­rer Gene zur Erkran­kung bei (Poly­ge­nie), und umge­kehrt kann ein bestimm­tes Allel das Risiko für meh­rere Erkran­kun­gen erhö­hen. Hier zwei typi­sche Stamm­bäume von Fami­lien, in denen sich Auto­im­mun­er­kran­kun­gen häufen:

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AITD = auto­im­mune thy­roid disease, also Auto­im­mun­er­kran­kung der Schild­drüse (Hashimoto-Thyreoiditis oder Mor­bus Base­dow)
MS = Mul­ti­ple Skle­rose
SS = Sjögren-Syndrom
SLE = sys­te­mi­scher Lupus ery­the­ma­todus
APS = Antiphospholipid-Syndrom
VIT = Vitiligo

Quelle der Fami­li­en­stamm­bäume: Cárdenas-Roldán et al. BMC Medi­cine 2013; 11:73

Neuere Literatur bis einschließlich Dezember 2013, Teil 1

Ich war noch mal im Urlaub (Tene­riffa — einige Fotos auf mei­ner Facebook-Seite) und habe jetzt die Durch­sicht der bei­den ers­ten Buch­teile wie­der auf­ge­nom­men: feh­lende Zeich­nun­gen ver­mer­ken, vor­han­dene Zeich­nun­gen an den pas­sen­den Stel­len ein­bauen, Bild­un­ter­schrif­ten schrei­ben usw.

Wäh­rend der letz­ten Monate ist aber auch wie­der eini­ges an Fach­li­te­ra­tur auf­ge­lau­fen. Ich werde die Arbei­ten hier nicht bespre­chen, son­dern nur Stich­wör­ter bzw. Kern­aus­sa­gen notie­ren — vor allem als Erin­ne­rungs­stütze für mich selbst. Längst nicht alles davon wird im Buch lan­den. Die Zita­tio­nen sind schlam­pig und die Rei­hen­folge ist will­kür­lich — so, wie mir die Arti­kel beim Durch­stö­bern der E-Mail-Newsletter usw. gerade ent­ge­gen­kom­men. Zunächst vier Arbei­ten aus mei­nen offe­nen Browser-Tabs:

Kim,  Seo­y­oung C., et al. (2013): Dipep­tidyl Peptidase-4 Inhi­bi­tors In Type 2 Dia­be­tes May Reduce The Risk Of Auto­im­mune Disea­ses (Abstract) T3
Dazu auch Medi­ca­tion used to con­trol blood sugar in people with type 2 dia­be­tes may also reduce risk of auto­im­mune disea­ses
Trans­mem­bran­pro­tein DPP4 ist unter ande­rem Kosti­mu­la­tor in T-Lymphozyten– und Makrophagen-Zellmembran; Akti­vi­tät bei vie­len Auto­im­mun­er­kran­kun­gen ver­än­dert; DPP4-Inhibitoren wie Linag­lip­tin, Saxa­g­lip­tin und Sita­g­lip­tin kön­nen offen­bar Inzi­den­zen von Auto­im­mun­er­kran­kun­gen wie RA, SLE, CED, Pso­ria­sis oder MS bei Typ-2-Diabetes-Patienten senken.

Elahi, Sho­krol­lah, et al. (2013): Immu­no­sup­p­res­sive CD71+ ery­th­roid cells com­pro­mise neo­na­tal host defence against infec­tion (Abstract) T4
Dazu auch Der wahre Grund: Warum Neu­ge­bo­rene so leicht an Infek­tio­nen erkran­ken
sowie New­born Immune Sys­tems Sup­p­res­sed
Bei Neu­ge­bo­re­nen feh­len nicht etwa schlag­kräf­tige Immun­zel­len, weil diese erst in den fol­gen­den Wochen und Mona­ten her­an­rei­fen, son­dern ihre Akti­vi­tät wird durch Neugeborenen-spezifische CD71+-Zellen — Vor­läu­fern der roten Blut­kör­per­chen — aktiv unter­drückt, um die Besied­lung des Darms mit einer nütz­li­chen Darm­flora zu ermöglichen.

Mari­chal, Tho­mas, et al. (2013): A Bene­fi­cial Role for Immu­no­glo­bu­lin E in Host Defense against Honey­bee Venom (Abstract) T2, T3
Mäuse, denen man so viel Bie­nen­gift inji­ziert, wie 1–2 Sti­che lie­fern, bil­den dar­auf­hin IgE, das sie vor der poten­zi­ell töd­li­chen Wir­kung einer zwei­ten Injek­tion einer erheb­lich höhe­ren Gift­do­sis schützt. Diese Resis­tenz gegen Insek­ten­gifte könnte erklä­ren, warum IgE — das heute über­wie­gend bei All­er­gien pro­du­ziert wird — evo­lu­tio­när kon­ser­viert wurde.

De la Herrán-Arita, Alberto K. ‚  et al. (2013): CD4+ T Cell Auto­im­munity to Hypocretin/Orexin and Cross-Reactivity to a 2009 H1N1 Influ­enza A Epi­tope in Nar­cole­psy (Abstract) T3
Dazu auch Nar­cole­psy con­fir­med as auto­im­mune disease
Stu­die, die die Hypo­these bestä­tigt, dass Nar­ko­lep­sie eine Auto­im­mun­er­kran­kung ist, was die Zunahme von Narkolepsie-Fällen nach den Schweinegrippe-Impfungen mit Pan­dem­rix erklä­ren kann (mole­ku­lare Mimi­kry). Bei Nar­ko­lep­sie gehen die Neu­ro­nen ver­lo­ren, die das „Wach­heits­hor­mon“ Hypo­cre­tin her­stel­len. Bestimmte CD4+-T-Zellen, die Hyp­cre­tin angrei­fen, kön­nen nur bei Nar­ko­lep­ti­kern nach­ge­wie­sen werden.

Hitliste der mit Hashimoto-Thyreoiditis assoziierten Autoimmunerkrankungen und Allergien

Dag­de­len I, Agbaht K, Soy­kan I & Gullu S: Auto­im­mune and all­er­gic disea­ses asso­cia­ted with auto­im­mune thy­roid disea­ses. Endo­crine Abstracts (2012) 29 P1710

(Ich fasse nur das Abstact zusam­men, da ich die volle Arbeit — wohl ein Kon­fe­renz­vor­trag — nicht kenne. Wei­tere Lite­ra­tur­zu­sam­men­fas­sun­gen zum sel­ben Thema hier, hier, hier und hier.)

Motiv: Etli­chen Hashimoto-Thyreoiditis– oder Morbus-Basedow-Patienten geht es trotz gut ein­ge­stel­ler Schild­drü­sen­hor­mon­werte nicht gut. Die Auto­ren woll­ten her­aus­fin­den, ob das an wei­te­ren Auto­im­mun­er­kran­kun­gen oder all­er­gi­schen Erkran­kun­gen lie­gen kann.

Methode: 274 Hashi­moto– und 53 Morbus-Basedow-Patienten in einem Uni-Krankenhaus auf wei­tere Erkran­kun­gen untersucht.

Ergeb­nisse: Knapp 24 % der Hashimoto-Patienten und gut 13 % der Basedow-Patienten hat­ten min­des­tens eine wei­tere Auto­im­mun­er­kran­kung oder All­er­gie. Am häu­figs­ten waren bei den Hashimoto-Patienten*

  • Erkran­kun­gen des Ver­dau­ungs­trakts mit gut 10 % (Typ-A-Gastritis, Zölia­kie, Autoimmun-Pankreatitis, Coli­tis ulce­rosa, primär-biliäre Zirrhose)
  • All­er­gien mit knapp 7 % (Asthma, chro­ni­sche Nes­sel­sucht, Rhinosinusitis)
  • rheu­ma­ti­sche Erkran­kun­gen mit gut 4 % (rheu­ma­to­ide Arthri­tis, SLE, Sjögren-Syndrom, Mor­bus Behçet, Mor­bus Bech­te­rew usw.).

(Die Auf­lis­tung geht noch wei­ter, aber Werte um oder unter 1 % finde ich — solange die Prä­va­len­zen in der Nor­mal­be­völ­ke­rung nicht dazu genannt wer­den — nicht gerade aussagekräftig.)

Außer­dem wurde bei gut 18 % der Hashimoto-Patienten eine Vitamin-B12-Mangel-Anämie und bei gut 10 % eine kom­bi­nierte Vitamin-B12– und Eisenmangel-Anämie festgestellt.

Schluss­fol­ge­rung: Die häu­fi­gen Zusatz­er­kran­kun­gen des Ver­dau­ungs­trakts könn­ten einige Hashimoto-Symptome durch eine Anämie verstärken.

Mein Ein­druck: Da es offen­bar keine Kon­troll­gruppe gab und zumin­dest im Abstract Anga­ben zu den Prä­va­len­zen in der Nor­mal­be­völ­ke­rung feh­len, lässt sich aus den Daten nicht viel schlie­ßen. Außer­dem hätte ich gern gewusst, ob die Dia­gnose min­des­tens einer wei­te­ren Erkran­kung mit dem vorab erfrag­ten Befin­den kor­re­liert und ob Vitamin-B12– und/oder Eisen-Gaben die­ses Befin­den verbessern.

* Diese Angabe (Hashi­moto) fehlt im Abstract; aus dem Kon­text geschlos­sen, da anschlie­ßend die — ins­ge­samt nied­ri­ge­ren — Zah­len für M. Base­dow genannt werden.

Skizzen zur Definition von Autoimmunerkrankungen

Genug der lurch­ar­ti­gen T-Zellen, eiför­mi­gen B-Zellen und mons­trö­sen Makro­pha­gen: Es müs­sen auch ein paar dröge Abbil­dun­gen ins Buch!

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(Obere Abb. nach Sho­en­feld 1994, untere nach McGonagall/McDermott 2006; Erläu­te­run­gen fol­gen im Buch.)

Linkshändigkeit, Migräne, Dyslexie und Immunstörungen

Chro­no­lo­gi­sche Sam­mel­be­spre­chung von fünf Arbei­ten aus den letz­ten 30 Jah­ren; noch nicht all­ge­mein­ver­ständ­lich auf­be­rei­tet; Anlass der Recher­che war mein ers­ter (und hof­fent­lich letz­ter), harm­lo­ser und kur­zer Migräne-Anflug mit Aura vor­letzte Woche:

Nor­man Geschwind, Peter Behan: Left-handedness: Asso­cia­tion with immune disease, migraine, and deve­lop­men­tal learning dis­or­der. Proc. Natl. Acad. Sci. USA 79, 1982, 5097–5100

Leo­nardo da Vinci, ein berühm­ter Links­hän­der (mut­maß­li­ches Selbstporträt)

Eine damals auf­se­hen­er­re­gende Arbeit, in der die aus kli­ni­schen Beob­ach­tun­gen gewon­nene Hypo­these getes­tet wer­den sollte, dass bei Links­hän­dern und ihren Ange­hö­ri­gen Auto­im­mun­er­kran­kun­gen, Migräne und Lern­schwie­rig­kei­ten wie Dys­le­xie gehäuft auf­tre­ten. In zwei von­ein­an­der unab­hän­gi­gen Stu­dien wur­den Immun­stö­run­gen und Lern­schwie­rig­kei­ten bei Links­hän­dern deut­lich häu­fi­ger fest­ge­stellt als bei Rechts­hän­dern. In einer drit­ten Stu­die wurde der Links­hän­der­an­teil bei Men­schen mit Migräne bzw. der Auto­im­mun­er­kran­kung Myas­the­nia gra­vis mit dem Links­hän­der­an­teil in einer Kon­troll­gruppe aus der All­ge­mein­be­völ­ke­rung ver­gli­chen; er war höher.   Wei­ter­le­sen